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Die Ehe in Zeiten der Individualisierung

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definitionen
1.1 Definition des Ehebegriffs
1.2 Definition von Individualisierung

2. Individualisierung und Ehe
2.1 Individualisierungsthese nach Ulrich Beck
2.2 Folgen der Individualisierung für die Ehe

3. Die Ehe als Institution
3.1 Temporärer Wandel der Institution Ehe
3.2 Beweggründe für oder gegen die Ehe (früher-heute Vergleich)

4. Resümee

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Graphik 1: Eheschließungen und Ehescheidungen in Deutschland von 1960 bis 2008

Graphik 2: Durchschnittliche Anzahl an Eheschließungen, die auf eine Scheidung kommt

Graphik 3: Durchschnittliches Heiratsalter lediger Frauen in Deutschland von 1991-2011

Einleitung

In den letzten Jahrzehnten hat in der (deutschen) Gesellschaft ein beachtender/bedeutender Wandel der Lebensformen stattgefunden. Familien- und Rollenbilder haben sich geändert, Frauen haben sich emanzipiert. Die Eheschließungszahlen sowie Ehescheidungszahlen seit 1960 bis heute zeigen deutliche Veränderungen hinsichtlich der Heiratsneigungen. Eine sehr wichtige Rolle spielt bei diesen strukturellen Veränderungen der Gesellschaft die Individualisierung. Ist diese also auch als ein Auslöser des rasanten Wandels an Lebensentwürfen und Lebensformen der letzten Jahrzehnte? Und bedeutet dies auch, dass gewisse Werte und Normen an Bedeutung verloren und sich somit traditionelle Muster und Strukturen sowie den damit verbundenen gesellschaftlichen und individuellen Sicherheiten aufgelöst haben? Haben sich dementsprechend auch die Beweggründe zur Entscheidung für die Ehe durch die Individualisierung in der Bundesrepublik Deutschland verändert?

In den folgenden Kapiteln wird exakt dieser Fragestellung nachgegangen. Dazu gilt es, zunächst erst einmal zu definieren, was im Allgemeinen unter dem Ehebegriff und dem der Individualisierung zu verstehen ist. Anschließend daran wird spezifischer auf das Thema der Individualisierung im Bezug zur Ehe eingegangen. So wird zunächst herausgestellt, was unter der Individualisierungsthese des Soziologen Ulrich Beck zu verstehen ist, um dann die aus der Individualisierung resultierenden Folgen für die Ehe genauer zu erläutern. Daran anknüpfend, gibt es einen kurzen Einblick in die historische Entwicklung der Ehe sowie Erläuterungen ausgewählter Statistiken unter Anderem zu Eheschließungs- und Ehescheidungszahlen im Zeitraum von 1960 bis 2010. Zudem werden auch die Gründe genauer beleuchtet, warum man heutzutage überhaupt noch eine Ehe eingeht, welche es im Vergleich dazu in früheren Zeiten gegeben hat, um dann anschließend ein Resümee, auf Basis der bis hierher gewonnenen Hintergrundinformationen, darüber bilden zu können, ob ein Wandel der Motivation zu heiraten durch die Individualisierung in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat.

1. Definitionen

1.1 Definition des Ehebegriffs

Im allgemeinen Sinne versteht man unter dem Begriff der Ehe eine Lebensgemeinschaft von Mann und Frau, die nicht nur das gemeinsame Leben und Haushalten umfasst, sondern vor allem die grundlegenden Funktionen, den Geschlechtsverkehr zu legalisieren sowie mögliche Konsequenzen dessen, sprich daraus entstandene Kinder, mit gewissen Verantwortungsmomenten und Verpflichtungen auszustatten.

Aus der juristischen Perspektive betrachtet, schließt man im Falle einer Eheschließung auch einen Partnerschaftsvertrag ab, der zugleich auch immer mit bestimmten Rechten und Pflichten verbunden ist. Diese eheliche Lebensgemeinschaft ist im Bundesgesetzbuch (BGB - §§1353ff) als Zivil Ehe vermerkt. Dort werden alle ihrer Voraussetzungen um eine solche Lebensgemeinschaft ausüben zu können, alle aus ihrer Gemeinschaft resultierenden Konsequenzen sowie die Richtlinien, Rechte und Pflichten im Falle einer Scheidung zweier Akteure einer Ehe festgelegt und geregelt.1

Im Folgenden der Hausarbeit werden beide Teilbereiche der Definition des Ehebegriffs Verwendung finden. Ein besonderes Augenmerk der Ehedefinition im Allgemeinen wird aber vor allem auf den Bereich der Legalisierung des Geschlechtsverkehrs und den Kindern, bei der im juristischen Sinne vor allem auf den Aspekt der Scheidung gelegt.

1.2 Definition von Individualisierung

Der Begriff der Individualisierung beschreibt im Allgemeinen die langfristig betrachtete Abnahme der Bedeutung an traditionellen Organisationen, Institutionen sowie Gruppieren und lässt sich als Teil des Modernisierungsprozesses der Gesellschaft kennzeichnen. So beispielsweise sinkt die Bedeutung von Kirchen, Gewerkschaften, Parteien, aber auch die der Familie.2 Durch das Herauslösen auch traditionellen Mustern und Bindungen sowie dem damit verbundenen erhöhtem Maße an gewonnener neuer Freiheit, nehmen die seit langem vorherrschenden gesellschaftlichen und familialen Sicherheiten ab und Unsicherheiten zu. Die Gesellschaftsmitglieder wurden aus traditionellen Klassenbindungen und Versorgungsbezügen der Familie herausgelöst und sind immer mehr auf sich selbst gestellt, indem sie ihre eigenen, individuellen Lebensentwürfe mit allen Risiken, Chancen und Hindernissen meistern müssen.3

2. Individualisierung und Ehe

2.1 Individualisierungsthese nach Ulrich Beck

Die Erklärungen für den Wandel der Lebensformen und damit auch dem, einer ehelichen Partnerschaft, sind von einer Vielzahl an Theorien und Thesen geprägt. Ein Vertreter der Individualisierungsthese ist der Soziologe Ulrich Beck, „dessen Publikation „Risikogesellschaft“ (1986) seit Mitte der 1980er Jahre für eine weite Rezeption der Individualisierungsthese in der Soziologie geführt hat.“.4 In dieser nennt er drei Dimensionen der Individualisierung: Die Freisetzungs-, Entzauberungs- und Kontrolldimension.

Die Freisetzungsdimension: Unter der Freisetzungsdimension versteht man die Tatsache, dass dem Menschen dank der Individualisierung wesentlich mehr Handlungsspielräume zur Verfügung stehen und er zwischen verschiedenen Optionen wählen kann. Daher sind im Gesamten auch die Wahlmöglichkeiten jedes Individuums gestiegen, was diesem in seiner Entscheidungsfindung ein größeres Freiheitsmoment als bisher ermöglicht. Diese neu gewonnene Freiheit spiegelt sich einerseits darin wider, dass sich die Anzahl der Abhängigkeiten für jeden Einzelnen verringert, dementsprechend die individuelle Unabhängigkeit gesellschaftlicher Normen zugenommen hat und sich dies ebenfalls in den nicht mehr so stark ausgeprägten Zwängen des Einhaltens von Vorgaben der Gesellschaft abzeichnen lässt. Es löst sich also von den historisch geprägten Sozialformen sowie den traditionellen Bindungen, welche unter Anderem mit den zuvor bekannten gesellschaftlichen Sicherheiten einhergehen.5

Die Entzauberungsdimension: Die gewonnene Freiheit und Abnahme von Verbindlichkeiten bringt jedoch nicht nur positive Konsequenzen mit sich. Mehr Freiheit bedeutet im Gegenzug auch immer zugleich einen Verlust an Sicherheiten sowie einer Veränderung sozialer Normen. Das Individuum ist seit der Individualisierung in der Organisation seiner selbst in hohem Maße auf sich alleine gestellt. Es muss, unter unverbindlichen Lebensmuster und - konstruktionen lebend, Entscheidungen unter Unsicherheiten treffen, da es sich immer seltener an „einer um das traditionale Familien- und Berufsmodell zentrierten Normalbiographie“6 orientieren kann. Die Folge der erhöhten Entscheidungsmobilität ist somit auch an ein hohes Maß an Entscheidungsfindungen und -selektionen sowie auch die Herausforderung der eigenen Identitätsfindung jeden Individuums gebunden, da die Möglichkeit der Orientierung an zuvor vorhandenen kollektiven Leitbildern und Handlungsmustern immer seltener vorhanden ist. Sicherheiten wie leitende gesellschaftliche Werte und Normen unterliegen somit einem Verlust.7

Die Kontrolldimension: Durch das Mehr an Freiheit und den damit einhergehenden neuen Handlungsspielräumen, die viele Entscheidungsfindungsprozesse mit sich führen, entstehen im Bilde eines Kreislaufs wiederum neue Zwänge und zugleich - paradoxerweise - Einschränkungen dieses Freiheitsmoments. Der Mensch unterliegt auf Grund der Freiheits- und Entzauberungsdimension den (An-)Forderungen von gesellschaftlichen und sozialen Institutionen, welche mit Kontrolle und Zwängen verbunden sind. Statt den gewohnten, traditionellen Bindungen, in denen der Mensch zuvor „sicher“ eingebettet war, herrschen jetzt neue, ungewohnte soziale Einbindungen und Einbettungen in Form von Institutionen vor. Er muss sich nun also mit Bereichen auseinandersetzen, die zuvor keine bzw. nur eine sehr geringe Rolle in seinem Leben gespielt haben, wie beispielsweise Märkte, Konjunkturen etc..8

Es lässt sich somit festhalten, dass jeder Mensch für die Gestaltung seiner Biographie selbst zuständig ist, also auch wesentlich mehr Freiheit besitzt, was sich im Allgemeinen auch als ein Übergang von der Fremd- zur Selbstbestimmung kennzeichnen lässt. Diese Selbstbestimmung bringt aber nicht nur Vorteile mit sich, da Entscheidungen gefordert werden und der Mensch diesen Forderungen gerecht werden muss.

2.2 Folgen der Individualisierung für die Ehe

Wie sich an den Charakterisierungsdimensionen der Individualisierung nach Beck erkennen lässt, hat durch diese ein gesellschaftlicher Wandlungsprozess stattgefunden. Doch betrifft dies auch die traditionellen Lebensformen und somit ebenso die einer Ehe? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Veränderungen der letzten Jahrzehnte vor allem für das lebenslange Bündnis zweier Menschen?

Im Gegensatz zur heutigen „freien“ Entwicklung, gab es diese Art der Entfaltung in früheren Jahren nicht. Betrachtet man die Zeit des Mittelalters, so wird deutlich, dass die Menschen in diesem temporären Abschnitt keine Wahlmöglichkeiten ihrer eigenen Lebensgestaltung hatten, sondern durch die vorherrschende Ständegesellschaft in ein Leben hineingeboren und in eine Rolle gezwungen worden sind. Wurde man beispielsweise als Sohn eines Bauern geboren, so hatte man nahezu keine Chance, aus diesem niedrigen Stand auszubrechen. Die (vertikale) soziale Mobilität, das Auf- und Absteigen innerhalb gesellschaftlicher Ordnungen, war zu dieser Zeit also keineswegs gegeben.

Der Prozess der Individualisierung führt dazu, dass sich der Mensch heute immer mehr als eigenständiges Individuum sieht, welches selbst über Lebensentwürfe, -wege und -formen entscheidet. Letzteres, also die selbst gewählte Lebensform, umfasst unter Anderem auch die, einer ehelichen Partnerschaft. Ob man eine solche eingeht, wie man sie gestaltet, welche Wer- te man ihr beimisst etc. liegt zum Großteil in der Entscheidung des Individuums.9 Hört man das Wort „Individualisierung“ im Zusammenhang mit dem Begriff der Ehe, so könnte man meinen, dass die Akteure gänzlich frei in ihren Entscheidungen sind und sich individuell hin- sichtlich dieses Lebensbereiches entfalten und gestalten kann. Doch darf man hierbei nicht vergessen, dass der Mensch sich zwar von äußerer Bevormundung hat lösen können, dass allerdings nicht im Umkehrschluss bedeutet, dass er ohne Rücksicht auf Verluste vollkommen frei entscheiden kann, was auch Beck mit seiner dritten Dimension, der Kontrolldimension, deutlich macht.10

Gab es Mitte des 20. Jahrhunderts noch eine Art Standardmodell mit bestimmten Etappen - man machte seinen Schulabschluss, beendete seine Ausbildung, zog dann aus dem Elternhaus aus, ging einer Erwerbstätigkeit nach, heiratete im Durchschnitt mit Mitte Zwanzig, um an- schließend Kinder zu bekommen, zu warten, bis diese erwachsen werden, diese wiederum ausziehen und man selbst das Rentenalter erreichte, um aus dem Erwerbsleben auszuscheiden und sich zur Ruhe setzen zu können - so erreichte die Art der Lebensführung ab den 1960er Jahren allmählich eine Wendung. Die Individualisierung trieb mehr denn je voran und ließ dem Individuum mehr Spielraum der Lebensgestaltung als es zuvor der Fall gewesen ist. Mittlerweile hat sich die Entwicklung dessen dahingehend bewegt, dass der Mensch heute nicht nur selbst wählen darf, sondern sogar selbstständig wählen muss.11

[...]


1 Vgl.: Schäfers (1998), S. 129

2 Vgl.: Erlinghagen, Hank (2013), S. 55

3 Beck-Gernsheim, Beck (2008), S. 44

4 Schmidt, Moritz (2009), S. 42

5 Vgl.: Peuckert (2002), S. 316

6 ebd., S. 316

7 Vgl.: ebd., S. 316

8 Vgl.: ebd., S. 317

9 Vgl.: Burkart, Kohli (1992), S. 18

10 Vgl.: ebd., S. 20

11 Vgl.: ebd., S.20

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656968368
ISBN (Buch)
9783656968375
Dateigröße
953 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274771
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Schlagworte
zeiten individualisierung

Autor

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