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Licht, Wetter und Farben in Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Allgemeines
1.1 Begriffsbestimmung

2 Die Verwendung von Licht, Wetter und Farben
2.1 Ausgewählte Charaktere
2.2 Ausgewählte Textstellen
2.2.1 Kindheit und frühe Jugend (S. 7-15)
2.2.2 Das Wirtshaus (S. 22-23)
2.2.3 Handgreiflichkeit der Väter / Gewitter (S. 27-30)
2.2.4 Vorbereitung auf den Hochzeitstag (S. 52f.)
2.2.5 Trauung durch den schwarzen Geiger (S. 74)
2.2.6 Letzte Szene (S. 76-80)
2.2.6.1 Tod der Protagonisten
2.2.6.2 Exkurs: Tageszeitung

3 Fazit / Zusammenfassung

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur
4.3 Anlage

5 Versicherung über die selbstständige Erstellung der Arbeit

Einleitung

Diese Arbeit untersucht die Rolle des Lichtes in Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Um die Wirkung des Lichtes an ausgewählten Stellen aufzeigen zu können werden noch weitere Motive, wie beispielsweise das Wetter oder die verschiedenen Farben, unter- sucht. Dies ist notwendig, da sich in dieser Novelle ein Zusammenspiel der verschiedenen Motive ergibt, welche eine isolierte Analyse nicht gerade sinnvoll erscheinen lassen.

Für diese kurze Ausarbeitung wurde der Text lediglich auf sechs Szenen reduziert und behan- delt im wesentlichen nur die Charaktere Salomon (Sali), Vrenchen (Vreni) und den Schwarzen Geiger.

1 Allgemeines

Die Ausgabe, nach der im Folgenden zitiert wird, ist im Reclam Verlag erschienen und folgt der historisch-kritischen Gesamtausgabe von Jonas Fränkel (Hg.), Zürich 1927. Zur Zitation ist weiter anzumerken, dass sich die in klammern stehende Zahl auf die Seitenzahl der Re - clam-Ausgabe bezieht.

1.1 Begriffsbestimmung

Licht, Wetter, Farben. Diese drei Begriffe haben eine grundlegende Gemeinsamkeit; sie be- gegnen dem Leser bei der Lektüre von Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ ständig und in verschiedenen Kombinationen. Aufgrund der häufigen Präsenz von Lichtspielen bzw. -ef- fekten, welche die Handlung untermalen oder auch motivieren, untersucht diese Arbeit deren Bedeutung. Primär soll die Rolle des Lichtes betrachtet werden, da dieses jedoch in Kombina- tion mit Farben und/oder Wettererscheinungen auftritt, werden die beiden anderen Aspekte miteinbezogen.

Licht ist eine Erscheinung, die in zwei Hauptformen, in Anwesenheit und Abwesenheit, auftreten kann. Ersteres manifestiert sich durch Helligkeit und letzteres durch Dunkelheit. Selbstverständlich gibt es bei diesen beiden Extrema zahlreiche Mischformen, wie beispielsweise die partielle Beleuchtung einer Szene in der Dunkelheit um diese Hervorzuheben, oder andererseits eine dunkle Stelle in einem lichtdurchfluteten Raum.

In seiner Symbolik steht Licht für „Erkenntnis und Wahrheit“1, tritt aber auch in täuschender Funktion auf: ab Chretièn de Troyes steht Licht auch als Symbol für die weibliche Schönheit, die den männlichen Liebhaber blendet.2 Letztere Symbolik findet in der behandelten Novelle jedoch keine Anwendung.

„Ab dem 19. Jh. wird das L.symbol in seiner Bedeutung zwar kaum noch verändert, aber Dunkelheit und Finsternisse verschiedenster Art bis hin zur Apokalypse, […] nehmen einen immer größeren Stellenwert ein. Es steht nicht mehr für die Natur oder die Herrlichkeit Gottes, sondern für das imaginative Potential des Künstlers, der sich seinen eigenen Kosmos formt.“3

Das Wetter, eine Erscheinung die oft im Zusammenhang mit Veränderungen in den Lichtver- hältnissen einhergeht, ist in der Novelle von Keller an einer ganz bestimmten Stelle bedeut- sam. „So kam es, dass, als er [Marti] eines Abends einen ziemlich tiefen und reißenden Bach entlangging, in welchem die Forellen fleißig sprangen, da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unverhofft auf seinen Feind Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam.“ (27) An dieser Stelle, kurz bevor sich die beiden Jungendlichen ineinander verlieben, tritt das einzige Unwetter, der gesamten Erzählung, auf und markiert den Wendepunkt der Handlung. Das Un- wetter bringt Sali und Vreni zusammen und bezeichnet gleichzeitig deren späteren Untergang. Hierzu später mehr.

„Wo immer Realismus das Konzept der Nachahmung berührt, gerät er in den Bann der malenden und plastischen Künste. Was er auf literarischem Feld meint und will, wird und wurde auf dem künstlerischen vorentschieden.“4

Keller, der ein nicht unbegabter Maler und Zeichner war, kannte sich mit der Materie Farbe aus. Auch waren ihm zeitgenössische Diskurse in der Kunst nicht fremd.5 Daraus ist zu schließen, das die Komposition von Farben, auch in Zusammenhang mit anderen Motiven, durchaus eine tiefere Bedeutung hat, als bloße Ausschmückung.

Farben und Farbsymbolik ist ein Bereich, zu dem es einer eigenen Ausarbeitung bedarf; daher sollen hier nur Teilaspekte der Farbsymbolforschung mit einfließen. Die für diesen Aspekt zu Grunde gelegte Arbeit über Farben und Farbsymbolik wurde von Heinz Rölleke6 verfasst. Eine umfassende Analyse und Deutung der Farben kann diese Arbeit nicht leisten, doch ist das Zusammenspiel von Licht und Farben so häufig gegeben, dass es mir wichtig erschien, diesen Aspekt mit aufzunehmen.

2 Die Verwendung von Licht, Wetter und Farben

„Da er in der eigens betonten Verbindung mit dem Shakespearschen Dramenstoff und erst recht im Blick auf zeitgenössische Zeitungsberichte erkennbar nicht auf das ‚Unerhörte‘ als das noch nie Gehörte, schlechthin Neue rekurriert, sondern im modernen Wortsinn auf die Bedeutung von ab- surdus […], stellt Keller die ‚Begebenheit‘ auch ins Licht des Ungewöhnlichen, des Poetischen und Symbolischen.7

2.1 Ausgewählte Charaktere

Die beiden Protagonisten sind diejenigen, bei denen die Motive des Lichtes am meisten zu tragen kommen und sind deshalb die Grundlage für diese Analyse. Salis Leben und seine Beziehung zu Vreni wird durch Licht dargestellt bzw. mit diesem untermalt. Bei Vrenchen sind es eher die Farben welche Beziehungen zu andern Charakteren und Umständen herstellen. So hat Vrenchen oft mit der Farbe rot zu tun. Der schwarze Geiger ist ein Fall für sich. Er hat ei - nige Attribute, die ihn mit dem Tod (schwarz, die Geige) und dem Teufel (rot, Versuchung, Unordnung/Verwilderung) in Verbindung bringen.

An dieser Stelle noch anzumerken, da es später keinen Platz mehr finden wird ist die Herren- losigkeit. Der Acker zwischen den Feldern der Väter ist ‚herrenlos‘, da der eigentliche Herr keinerlei Zeugnis für sein Eigentum hat. In der sozialen Welt hat der schwarze Geiger keinen Platz, da er rechtlich gesehen, aufgrund fehlender Papiere, nicht einmal existiert. Somit ist er nicht an irgendeinen Ort oder die Menschen gebunden und lebt in absoluter Freiheit. Auch Vrenchen entwickelt sich ein Stück weit in diese Richtung, da sie schließlich heimatlos wird und mit Sali zusammen, ähnlich dem Geiger, zu einer ‚herrenlosen‘ oder „fahrbaren Habe“8 wird. Diese Existenzaufgabe reicht soweit, dass die Jugendlichen am Ende auch ihr Leben aufgeben.

2.2 Ausgewählte Textstellen

2.2.1 Kindheit und frühe Jugend (S. 7-15)

Die Eingangsszene spiegelt eine idyllische Welt wieder, welche zunächst als das „Idealbild menschlichen Lebens“9 präsentiert wird. Ebenso wird der ‚herrenlose‘ Acker als Spielparadies für die beiden Kinder aufgezeigt. Schon hier zeichnet sich die einsetzende und am Ende der Erzählung kritisierte Verwilderung ab. Seit vielen Jahren brach liegend, ist der Acker, im Ge- gensatz zu den Äckern der Väter, die exakt und geordnet daneben liegen, förmlich der Inbegriff von verwilderter Natur.10 Auch ist das verhängnisvolle Rot, auf das noch genauer einzugehen ist, bereits in dieser ungeordneten Natur-Szenerie anzutreffen; dies geschieht in Form von Mohnblumen oder als Beeren. Ebenso wie die „blendendweiße[n] Zähnchen“ (10) Vrenchens ist die Szene, die zwischen Mittag und Abend zeitlich verortet ist, von Licht, beispielsweise der „hellen Mittagssonne“ (10), durchdrungen. Hierbei lässt sich eine aktuell herrschende Beziehung von ‚heiler Welt‘ und Licht herstellen.

Die Mauer, die nun fortwährend aufgebaut wird, verdunkelt die Szene nicht, ebenso wenig finden sich Veränderungen im Wetter oder in der Farbgebung. Obwohl nun das Spielen auf dem ‚herrenlosen‘ Acker nahezu zum erliegen kommt, halten die Kinder an einer „jährliche[n] Zeremonie“ (11) fest, sodass dieses Ereignis in einem stark erweiterten Zyklus, aber dennoch stattfinden kann, was wiederum die fehlenden Motive erklärt.

Diese Besitzaneignung der Väter - zu Kellers Zeit das vermehrt anklang findende Kapitalisti- sche Denken - und die Unordnung, durch die Formzerstörung auf dem gradlinig gelegenen Acker manifestiert, bricht die anfangs geordnete Handlung aus der idyllischen Umgebung heraus und zeigt die zerstörerische Seite jener Einflüsse auf. „Der Versuch zur Vergrößerung von Besitz endet in der Selbstzerstörung und Verelendung.“11 Dieses Motiv lässt sich auch auf Sali und Vreni projizieren, denn dadurch, dass sie sich gegenseitig ‚besitzen‘ wollen, treiben sie sich gegenseitig in den Tod.12

2.2.2 Das Wirtshaus (S. 22-23)

„Sie verkauften ihm auch ein paar Fässchen angemachten Weines und das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weißen geringen Flaschen, ebenso vielen Gläsern und einigen tannen Tischen und Bänken bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen und jetzt vielfältig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand Rotwein aus einem Schöppchen in ein Glas. Überdies hing ein verdorrter Busch von Stechpalme über der Haustüre […]. […] Die Wände waren schlecht geweißtes, feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen, unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen waren nur noch ein paar schlechte Kämmerchen da […].“ (22f.)

Diese Szene ist Beispiel für die zu beginn genannten Extrema (Helligkeit und Dunkelheit). Ich habe diese Szene ausgewählt, da sie nur die häusliche Situation Salis beschreibt und die Beziehung zu Vrenchen nur indirekt abstrahiert.

[...]


1 Thorsten Voß: Licht. In: Metzler Lexikon literarischer Symbole, hrsg. von Günter Butzer/Joachim Jacob, Stuttgart 2006, S. 205.

2 Ebd., S. 205.

3 Ebd., S. 206.

4 Hugo Aust: Realismus, Stuttgart 2006, S. 55.

5 Vgl. Heinz Rölleke: Farben und Farbsymbolik in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dor- fe“. In: Figuren der Ordnung. Beiträge zur Theorie und Geschichte literarischer Dispositionsmuster, Fest - schrift für Ulrich Ernst, Hg. von Susanne Gramatzki/Rüdiger Zymner , Köln 2009, S. 129.

6 Heinz Rölleke: Farben und Farbsymbolik in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. In: Figuren der Ordnung. Beiträge zur Theorie und Geschichte literarischer Dispositionsmuster, Festschrift für Ulrich Ernst, Hg. von Susanne Gramatzki/Rüdiger Zymner , Köln 2009, S. 127-139.

7 Zitiert nach: Ebd. S. 128.

8 Eva Geulen: Habe und Bleibe in Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. In: Zeitschrift für deutsche Phi - lologie, 129 (Sonderheft), Berlin 2010, S. 260.

9 Annarosa Zweifel Azzone: Familie und Außenseiter in Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Familienbilder als Zeitbilder. Erzählte Zeitgeschichte(n) bei Schweizer Autoren vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, hrsg. von Beatrice Sandberg, [Ort] 2010, S. 71.

10 Vgl. „wild[e] Natur und regelhaft[e] Kultur“, Eva Geulen: Habe und Bleibe, S. 259.

11 Jörg Schönert: Die Tageszeitung als Muse für „Poetischen Realismus“. Zu Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Die schönen und die Nützlichen Künste. Literatur, Technik und Medien seit der Aufklä - rung, hrsg. von Knut Hickethier/Katja Schumann, München 2007, S. 113-122.

12 Vgl. Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe, S. 78. Die Kinder rennen um die Wette auf den Fluss zu.

Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656668152
ISBN (Buch)
9783656668145
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274732
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
licht wetter farben gottfried kellers romeo julia dorfe

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Titel: Licht, Wetter und Farben in Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“