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"Welch ein Geschwätz". Robert Walsers "Jakob von Gunten"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 26 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tagebuch, Zeit und Wissen
1.1. Tagebuch
1.2. Zeit
1.3. Wissen und Lernen, Gesetz und Kommentar

2. Das Kleine
2.1. Jakobs Idee vom Dienen

3. Wer herrscht wirklich?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

6. Anlage

7. Versicherung über die selbstständige Erstellung der Arbeit

Einleitung

Robert Walsers Werk umfasst insgesamt nur drei Romane, die allesamt in Berlin entstanden sind.1 Diese Ausarbeitung beschäftigt sich mit dem letzten Roman Jakob von Gunten, welchen Walser 1908 veröffentlichte.

Aufgrund von zahlreichen Lesarten, die der Roman bietet, wird zunächst der Aspekt der Gen- rezugehörigkeit und der Romanart näher betrachtet. Daraus folgt die nähere Untersuchung des Genres Tagebuch und seine formale Übereinstimmung mit bzw. Anwendbarkeit auf Jakob von Gunten. In Kapitel 1.2 geht es um den Aspekt der Zeit, welcher primär eine direkte Ver- bindung mit dem Tagebuch als zeitabhängige Gattung aufweist. mit dem Tagebuch als zeitab- hängige Gattung zu tun hat. In wie weit ‚Zeit‘ in diesem Roman überhaupt existiert, wird auch hinterfragt.

Ein weiterer thematischer Aspekt, den Walser behandelt, ist die Bildung, deren Verständnis und Ausprägung untersucht wird. Auch gibt es im Institut Benjamenta nur ein einziges Lehrbuch, dessen Inhalt förmlich das Gesetz bildet und in einem Bestimmten Verhältnis (Gesetz und Kommentar) zum Protagonisten Jakob steht. Damit beschäftigt sich das Kapitel 1.3 Wis sen und Lernen, Gesetz und Kommentar.

Kapitel 2 widmet sich dem Begriff des ‚Kleinen‘ in Jakob von Gunten und Jakobs Idee vom Dienen. Es wird in diesem Kapitel zu klären sein, ob Jakobs Dieneridee für ihn ein reales und somit erreichbares Ziel bildet, oder ob es ein Ideal bleibt.

Vor der abschließenden Zusammenfassung wird in aller Kürze auf die Frage ,Wer herrscht wirklich? ‘ eingegangen. Ob Jakob sich unterordnet und von Herrn und Fräulein Benjamenta beherrscht wird, oder ob die beiden nicht eher von Jakob abhängig sind bzw. werden, wird dort angeschnitten.

Zur vereinfachten Nachvollziehbarkeit von Primärtextzitaten wurden alle Seitenangaben, die sich in zitierter Sekundärliteratur auf eine andere als die hier verwendete Ausgabe von Jakob von Gunten beziehen, auf die hier verwendete Ausgabe angepasst. Verwendet wurde für diese Ausarbeitung die im Literaturverzeichnis ausgewiesene Ausgabe, die 2013 im Verlag Suhrkamp in der 17. Auflage erschienen ist.

1. Tagebuch, Zeit und Wissen

1.1. Tagebuch

Der Roman Jakob von Gunten erzählt „die ganze Geschichte seines Dienerschülerdaseins, vom Tag seines Eintritts in das Institut bis zum unvermeidlichen Weggang […].“2 Robert Walser selbst äußert sich kaum zum Roman bzw. zur Romantheorie, was durchaus daran liegen mag, dass der Roman nicht zu seinem Genre-Schwerpunkt gehört.3 Vielleicht aber, doch dies bleibt spekulativ, war sich Walser bewusst, welchen Grenzbereich er mit seinem Roman Ja kob von Gunten beschritt und äußerte sich deshalb nicht zu der Diskussion, zu welchem Genre, zu welcher Romanart Jakob von Gunten gehöre. Die Forschungsliteratur diskutiert diesen Roman mit äußerst gespaltenen Positionen.

Nach Borchmeyer ist Jakob von Gunten ein Anti-Bildungsroman, denn im klassischen Bil- dungsroman findet der Held durch die Begegnung mit der Welt zu sich selbst, während er bei Walser „durch die Ausschaltung der Welt zur Unterdrückung des Selbst“ gelangt.4 Die absolu- te Unterdrückung von Persönlichkeit, wie wir sie in Jakob von Gunten vorfinden, ist nur durch den Ausschluss der Welt möglich.5 Kirsch wiederum argumentiert für den Begriff des Bildungsromans:

In der Forschung wird Jakob von Gunten häufig als Anti-Bildungsroman beschrieben. Doch das Dargestellte macht deutlich: Zwar ist das Institut Benjamenta seiner Struktur nach gegen Entwicklung gerichtet, die Erzählung dagegen berichtet sehr wohl von einer Entwicklung: der Menschwerdung, dem klassischen Thema des Bildungsromans.6

Nach Hong sollten die Romane Walsers als Anti-Bildungsromane betrachtet werden, da diese seiner Ausführung nach an der Destruktion der Moderne7 arbeiten. Hong kommt, mithilfe der Theorie des Romans von George Lukács8 und vor allem mithilfe des Aspektes der Geschichte Ereignis aus dem anderen entwickelt und die einzelnen Handlungselemente in einen inneren, kausalen Zu- sammenhang bringt. Insbesondere gilt für den Bildungsroman als geschichtsphilosophische Konstruktion, daß er die Zeit des Werdens als ein Kontinuum des persönlichen Lebens des Helden darstellt, das aus einer Menge von Ereignissen besteht. Diese Ereignisse gewinnen durch die kontinuierliche, auf dem genetischen Prinzip beruhende Verflechtung zu einem Ganzen ihre Bedeutung. Robert Walser kehrt sich jedoch von die - als notwendige Zeit, zu der Schlussfolgerung, dass sich Walser von der Vorstellung des klassi- schen Bildungsroman abkehrt. Auf den Aspekt der Zeit wird in Kapitel 1.2 noch genauer ein- gegangen werden. Für Gallus ist Jakob von Gunten keine Parodie auf den Bildungsroman, da sich diese Darstellungsintention nicht konstant durch den Roman zieht.9 Der Ausgangspunkt ist die Revision als Umkehr und Destruktion vorhandener Kontexte.10 Zuletzt sei noch Wagner genannt, der den Roman als potentiellen Bildungs- oder Entwicklungsroman betrachtet.

Das ,von unten‘ auf, das Walsers Roman mit im Titel führt, ist eine soziale Schimäre, mit der der Roman sein grausames Spiel treibt. Wenn am Ende Herr und Knecht in die Wüste und in die Ge - dankenlosigkeit aufbrechen, so ist mit der Absage an eine erzählbare Bildung in einer gesellschaft- lichen Bildungseinrichtung auch ein Wort über die literarische Institution des Bildungsromans ge- fallen […]. Der Schatten, der auf das Romanende von Jakob von Gunten fällt, ist nicht zufällig der des Don Quijote von Cervantes.11

An dieser Stelle soll keine Entscheidung getroffen werden, zu welchem Genre Jakob von Gunten zu zählen ist. Die Forschungsdiskussion zeigt jedoch, dass es alles andere als leicht ist, den Roman einem bestimmten Typ zuzuordnen. Anna Fattori und Kerstin Gräfin von Schwerin haben im Untertitel Ihres Sammelbandes über die Gattungsproblematik bei Walser eine treffende Beschreibung für dieses Phänomen gefunden; sie bezeichnen Robert Walser dort als Grenzgänger der Gattungen.12

„Das ,Tagebuch‘ ist eine offene Form regelmäßiger (meist täglicher) oder gelegentlicher Aufzeichnungen über die eigene Person, ihren Lebenslauf, ihre Wahrnehmungen und die Bereiche ihres Interesses.“13 Diese Definition, wie sie im Handbuch der literarischen Gattungen zu finden ist, trifft auf den strukturellen Aufbau des Romans zunächst zu. Gallus beschäftigt sich in seiner Abhandlung Labyrinthe der Prosa auch mit dem Tagebuch-Begriff und zitiert dort Peter Boerner, der eine differenziere Definition des Tagebuch gibt.

Ein Tagebuch ist ein fortlaufender, meist von Tag zu Tag geschriebener Bericht über Dinge, die im Lauf jedes einzelnen Tages vorfielen. Seine formalen Kennzeichen liegen in einer gewissen Re- gelmäßigkeit des Berichtens und einer deutlich erkennbaren Trennung der einzelnen Niederschrif- ten voneinander. Die zeitliche Distanz zwischen dem beschriebenen Ereignis und dem Vorgang des Beschreibens umfaßt oft nur eine Reihe von Stunden, gewöhnlich nicht mehr als einen Tag. Aber auch weniger streng eingehaltene Zäsuren, ja sogar gelegentliche Unterbrechungen der Tagebuch - führung, sind möglich. Zur formalen Ordnung der einzelnen Vermerke dienen im allgemeinen die laufenden Kalenderdaten. In jedem Fall bleibt das Tagebuch durch sein schubweises Wachsen ständig zur nächstfolgenden Eintragung hin geöffnet. Soweit es nicht von vornherein auf eine be- stimmte Zeitspanne, etwa eine Reise, begrenzt wurde, ist es in der Sicht des Verfassers eigentlich niemals abgeschlossen.14

Dies angewendet auf den Roman Jakob von Gunten führt zu einer Unstimmigkeit: die Datie- rung.15 Die übrigen Anforderungen erfüllt der Roman. Er enthält über 70 Eintragungen.16 Die- se manifestieren sich in kleine Abschnitte (2-10 Seiten), die Ähnlichkeiten zu Tagebucheintra- gungen aufweisen. Der Anspruch des Textes ein Tagebuch darzustellen, wird eingelöst.17 Da die einzelnen Eintragungen keinen spezifischen Regeln unterworfen sind18 - für die einzelnen Einträge gibt es keine Gattungsanforderungen, die erfüllt werden müssen - ist auch dieser Aspekt gattungskonform. Die Tagebucheintragungen stehen, wie in Tagebüchern üblich, größ- tenteils ohne Verbindung nebeneinander. Doch es gibt Fälle, in denen der Folgeeintag sich ab- strakt-inhaltlich auf den vorherigen bezieht. Auf Seite 79 beginnt eine Serie von drei Ab- schnitten, in denen Jakob Kraus lobt und förmlich anhimmelt, während er diese im vierten Abschnitt auf Seite 86f. konterkariert. Hier spricht er davon, „[w]ie schlecht das ist, Kraus im - mer äffen und ärgern zu wollen“ (87).19

Der Titel Jakob von Gunten. Ein Tagebuch offenbart weitere Bedeutungsschichten, die zunächst auffallen. So suggeriert der Name Jakob von Gunten, dass es sich um das Tagebuch eines Adligen handelt.20 Damit erzeugt das Tagebuch als intimes Medium ein sensationelles Moment und die Erwartung auf intime Aufzeichnungen eines Adligen, mit einem Bedürfnis nach Enthüllung.21 Dies ist jedoch eine Irreführung des Autors, denn der Protagonist ist zwar aus „gutem Hause“ (19), doch ist er im Roman ein Diener.

Der unbestimmte Artikel ‚ein‘ beeinflusst die Bedeutung bzw. Erwartung des Untertitels erheblich. Damit präsentiert sich das Tagebuch als Teil einer Gattung und stellt den Anspruch an Literarizität her:

Die Eigentümlichkeit der Verknüpfungen eines Tagebuchs mit dem Anspruch auf eine derartige Li - terarizität wird an folgenden Ersatzproben des Titels erkennbar: Es heißt ,Jakob von Gunten. Ein Tagebuch‘, und nicht etwa ,Jakob von Gunten. Tagebuch‘, ,Jakob von Gunten. Tagebücher von X bis Y‘ oder ,Das Tagebuch des Jakob von Gunten‘, ,Jakob von Guntens Tagebuch‘ o.ä. Der schließlich gewählte Titel betont bereits die im Text deutlich ausgestellte ,Geste der Konstruktion‘. Der Autor Walser schreibt also nicht einen Tagebuchroman einer bestimmten Figur, wie es die anderen Titel viel eher nahegelegt hätten. ,Jakob von Gunten. Ein Tagebuch‘ zeigt an, daß ,Jakob von Gunten‘ als literarische Figur ausgestellt ist, die durch ihn erst konstituiert wird. Nur mit diesem Titel scheint ein dokumentarischer Gestus wirklich vermieden.22

Dass der Text dennoch dokumentarischen Charakter hat, zeigt die Anmerkung Gallus’, dass der Inhalt der Einträge etwas „Inventarisierendes und Protokollhaftes“ hat, da alles von Jakob festgehalten wird (Verhalten der Zöglinge, Unterricht, Lehrer, freie Zeit, Umgebung, Tagesablauf, u.a.) - ebenso die Charakterisierung der Zöglinge im ersten Drittel.23 Viele der Zöglinge bekommen einen eigenen Eintrag, was stark an eine systematische Personenbeschreibung erinnert.24 Dennoch kann folgendes festgehalten werden: Das Tagebuch ist eine Reihe von Prosa in „chronologischer Abfolge“ die sich durch „segmentierte Entstehung“ (zumindest innerhalb der Fiktion) auszeichnet und die „potentielle Unabgeschlossenheit und Offenheit der verwendeten Formen“ beinhaltet.25 Dies führt bei Walser zur Literarisierung des Tagebuchs als fiktionales Genre.26 Gerade die locker verbundenen Tagebucheinträge sind es, die dazu beitragen, dass die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmt.27

Und: „[...] Fände sich nicht die Angabe ,Ein Tagebuch‘ im Titel, könnten diese Zitate [- ge - meint sind die reflektierenden Kommentare in den Tagebucheintragungen -] ebenso den Ro- man-Autor meinen.“28 Auch wenn der Text ein fiktionaler ist, so verweist der Untertitel Ein Tagebuch zunächst auf die Nähe „zum biographiegestützten Romantyp“29 und wird damit zum „Instrument des Ausdrucks einer (fiktiven) Subjektivität, die sich nachträglich im Tagebuch ausdrückt, postuliert, darstellt oder erzählt.“30 Daraus folgt nach Gallus, dass „[e]ine vom Text abstrahierte Beschreibung“ der literarischen Person des Jakob von Gunten nicht mehr möglich ist.31 Man kann daher keinerlei Aussagen „über die ,psychologische‘ Seite der Person oder der Zeit, in der sie gelebt hat“ machen.32 Die Subjektivität offenbart sich hier als „,eine literarisch konstituierte‘“.33

Das Wesentliche ist, dass alle Tagebuchnotizen […] auf persönliche, zu einem genau bestimmbaren Zeitpunkt gemachte Erfahrungen zurückgehen. Unmittelbarkeit und Subjektivität gehören damit zu den wichtigsten Charakteristika des Tagebuchs. […] Seine Funktion besteht darin, zwischen Innen- und Außenwelt zu vermitteln.34

Damit wird das Tagebuch zur autobiografischen Prosa, auch wenn es sich dabei um Fiktion handelt.35 Mit dem Tagebuchschreiben vollzieht das schreibende „Ich“ auch den Akt der „Selbsterforschung und Selbstvergewisserung des Ichs in der Zeit, aber auch [die] reflektiert[e] Wahrnehmung des Anderen“36 Oder mit anderen Worten: „Das Tagebuch ist eine Textform, in der immer schon Subjektivität versucht, sich zu finden und sich ihrer selbst zu versichern.“37 Dies ist genau der Vorgang, den Jakob von Gunten vollzieht; ob dieser Versuch erfolgreich ist, bleibt dahingestellt.

Bei Tagebüchern gibt es noch die Möglichkeit der geplanten Publikation und der inhaltlichen Geschlossenheit über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Dass Jakob nicht auf eine Publika- tion abzielt, wird in seiner Formulierung deutlich: „Fräulein Benjamenta würde mich ganz ge- hörig zurechtweisen, wenn sie lesen würde, was ich hier schreibe. Von Kraus nicht zu reden“

(47).38 Als solches bietet das Tagebuch im Zeitraum der Veröffentlichung von Walsers Jakob von Gunten eine positive Möglichkeit der Persönlichkeitsbildung bzw. -findung, aber auch der misslungenen Persönlichkeitsbildung39. Das Misslingen wird hierbei nach Gallus auf gesellschaftliche Zustände bezogen und steht somit für Kritik an der Gesellschaft.40

Anfang und Ende des Tagebuchs sind scharf durch Aufenthalt in der Institution gekennzeich- net.41 Das Erzähl-,Ich‘ spricht nur „vom Ort der Institution aus“.42 Als das Erzähl-,Ich‘ Jakob beginnt, das Tagebuch zu schreiben, ist es bereits eine gewisse Zeit dort, was ausschließt, dass Jakob bereits vor seiner Ankunft geplant hat, ein Tagebuch über die Dauer seines Aufenthalts zu schreiben. Der Leser weiß nur, was auch Jakob weiß. Der Schreiber steht im Tagebuch in Mitten des Geschehens und hat daher keinen Überblick über das Ganze. Das Schreiben wird hier zum Prozess des Klarwerdens über Ereignisse und das Verhältnis des Schreibers zu letz- teren. Somit ist das Schreiben nicht als Abschließen, sondern als Vorantreiben des Klärungs- prozesses zu betrachten. Folglich vergewissert sich der Schreiber seiner Selbst und begibt sich auf die Suche nach Wahrheit.43 Jakob fehlt für den Überblick die zeitliche Distanz zwischen Erzählen und Erleben.44 Das Tagebuch ist ein Medium zur Selbstreflexion, Selbsterforschung, Selbsterkenntnis, Selbstdarstellung.45

Jakob hat das Tagebuch erst später, nach seinem Eintritt, begonnen, denn er erinnert sich häu- fig an die ersten Tage im Institut, jedoch beginnt das Tagebuch nicht damit, auch wenn dies in der Forschung mehrfach behauptet wird.46 Er berichtet von seinem Eintritt in das Institut mit Entsetzen, doch erst im vierten, sechsten, siebten, vierzehnten Eintrag. Dies legt nahe, dass sein Entsetzen über den Eintritt zum Zeitpunkt des Schreibens „schon relativ unwichtig für ihn geworden“ ist.47

Ein gängiges Verfahren in Jakob von Gunten ist, eine Möglichkeit aufzuzeigen, die sogleich negiert bzw. aufgehoben wird:

Dieser gegen jede Endgültigkeit sich sträubende Konjunktivismus, das ständige Durchspielen des zuvor Geschriebenen, läßt es kaum zu, aus dem im Augenblick Gesagten konsistente Aussagen abzuleiten. Der Interpret Walserscher Texte fühlt sich immer wieder in der Lage dessen, der eine Schneeflocke zerdrückt, indem er sie zu ,fassen‘ sucht.48

Immer wieder werden die einzelnen Tagebucheinträge „ironisch relativiert“ oder genauer ge- sagt aufgehoben. „Wiederholt steht am Ende einer ganzen Aufzeichnung ohne wirkliche oder scheinbare Annihilation: ,Welch ein Geschwätz.‘ (90) [...]“49 Jakob beginnt und schließt oft mit Maximen oder Phrasen und verfügt über ein großes „Reservoir an ,Redensarten‘“, auf das er gerne zurückgreift.50 „,Tagebuch‘- und ,Instituts‘-Fiktion werden überdies ironisiert durch den narrativen Gestus eines fiktiven Autors, der sich, mit der selbstbezüglichen Tagebuch- form schwerlich vereinbar, unverholen an eine implizite Leserschaft wendet.“51 Für Gößling - für den Jakob von Gunten in erster Linie eine Wilhelm Meister Adaption darstellt - bedeutet die Darstellung des Tagebuchs und des Instituts als Fiktion, die von einem fiktiven Autor ge- schrieben wird, letztlich die Ironisation von Darstellungsform und -gegenstand als „fingierte Fiktion“.52

1.2. Zeit

Für Jakob bedeutet der Eintritt in das Institut Benjamenta einen Bruch mit der Geschichte bzw. mit seinen Vorfahren.53 Er, ein junger Mann, der aus „gutem Hause“ (19) stammt, tritt in eine Dienerschule ein, die von Zeitlosigkeit beherrscht wird. Diese Zeitlosigkeit, die bereits angesprochen wurde, gilt es nun genauer zu untersuchen.

[...]


1 Vgl. Karl Wagner: „[D]ank meiner Schwäche und belehrt durch mein Epigonentum“. Robert Walser und der Roman. In: „Ich beendige dieses Gedicht lieber in Prosa“. Robert Walser als Grenzgänger der Gattungen, Hg. v. Anna Fattori/Kerstin Gräfin von Schwerin, Heidelberg 2011, S. 131-142. Hier S. 132. Im folgenden zitiert als Wagner: Schwäche und Epigonentum.

2 Jörg Gallus: Labyrinthe der Prosa. Interpretationen zu Robert Walsers „Jakob von Gunten“, Franz Kafkas „Der Bau“ und zu Texten aus Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“, Frankfurt 2006. Hier S. 51 [Auslassung: Dennis Ried]. Im Folgenden zitiert als Gallus: Labyrinthe der Prosa.

3 Vgl. Wagner: Schwäche und Epigonentum, S. 135.

4 Dieter Borchmeyer: Dienst und Herrschaft. Ein Versuch über Robert Walser, Tübingen 1980. Hier S. 27f. Im Folgenden zitiert als Borchmeyer: Dienst und Herrschaft.

5 Vgl. Dagmar Grenz: Die Romane Robert Walsers. Weltbezug und Wirklichkeitsdarstellung, München 1974. Hier S. 94. Im Folgenden zitiert als Grenz: Die Romane Robert Walsers.

6 Konrad Kirsch: „Auf der Himmelsleiter. Robert Walsers Jakob von Gunten“, Sulzbach 2004. Hier S. 22. Im Folgenden zitiert als Kirsch: Auf der Himmelsleiter.

7 Kil-Pyo Hong: Selbstreflexion von Modernität. In Robert Walsers Romanen „Geschwister Tanner“, „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“, Würzburg 2002. Hier Seite 13. Im folgenden zitiert als Hong: Selbstre - flexion von Modernität.

8 „Der Roman gestaltet den Prozeßcharakter anhand der in der Zeit vorwärtsstrebenden Handlungen, die ein

ser Vorstellung des Romans ab [...].“ Hong: Selbstreflexion von Modernität, S. 75f.

9 Vgl. Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 51.

10 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 51.

11 Wagner: Schwäche und Epigonentum, S. 137.

12 „Ich beendige dieses Gedicht lieber in Prosa“. Robert Walser als Grenzgänger der Gattungen, Hg. v. Anna Fattori/Kerstin Gräfin von Schwerin, Heidelberg 2011.

13 Rüdiger Görner: Tagebuch. In: Handbuch der literarischen Gattungen, hg. v. Dieter Lamping, Stuttgart 2009, S. 703-710. Hier S. 703. Im Folgenden zitiert als Görner: Tagebuch.

14 Peter Boerner nach Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 39.

15 Dies führt zusätzlich zu Stilisierung und Literarisierung. Vgl. Monika Lemmel: Robert Walsers Poetik der Intertextualität. In: Robert Walser und die moderne Poetik, hg. v. Dieter Borchmeyer, Frankfurt 1999, S. 83- 101. Hier S. 88. Im Folgenden zitiert als Lemmel: Poetik der Intertextualität.

16 Vgl. Lemmel: Poetik der Intertextualität, S. 86. [Es sind fast 80 Einträge]

17 Vgl. Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 48.

18 Vgl. Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 39.

19 Seitenangaben in Klammern zitiert nach: Robert Walser: Jakob von Gunten. Ein Tagebuch. In: ders.: Sämtli - che Werke in Einzelausgaben, Bd. 11, hg. v. Jochen Greven, Zürich/Frankfurt am Main 2013. [Anpassung: Dennis Ried]. Vgl. auch Grenz: Die Romane Robert Walsers, S. 107.

20 Vgl. Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 46.

21 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 46.

22 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 46f.

23 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 76.

24 Zöglinge: Heinrich (10), Schacht (15), Schilinski (24), Kraus (32), Peter (112f.). Vgl. Ebd., S. 77.

25 Sibylle Schönborn: Tagebuch. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. III P-Z, hg. v. Jan- Dirk Müller, Berlin 2007, S. 574-577. Hier S. 574. Im Folgenden zitiert als Schönborn: Tagebuch.

26 Vgl. Schönborn: Tagebuch, S. 574.

27 Vgl. Kirsch: Auf der Himmelsleiter, S. 6.

28 Lemmel: Poetik der Intertextualität, S. 86f.

29 Rüdiger Campe: Robert Walsers Institutionenroman - Jakob von Gunten. In: Die Macht und das Imaginäre. Eine kulturelle Verwandtschaft in der Literatur zwischen Früher Neuzeit und Moderne, hg. v. Rudolf Beh - rens/Jörn Steigerwald, Würzburg 2005, S. 235-250. Hier S. 239. Im Folgenden zitiert als Campe: Institutio - nenroman - JvG.

30 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 47.

31 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 47. [Anpassung: Dennis Ried].

32 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 47.

33 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 47.

34 Görner: Tagebuch. S. 703. [Auslassung: Dennis Ried].

35 Vgl. Görner: Tagebuch. S. 703.

36 Görner: Tagebuch. S. 703. [Anpassung und Ergänzung: Dennis Ried].

37 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 37.

38 Vgl. Lemmel: Poetik der Intertextualität, S. 87.

39 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 44.

40 Gallus: Labyrinthe der Prosa, S. 44.

41 Vgl. Campe: Institutionenroman - JvG, S. 239f.

42 Campe: Institutionenroman - JvG, S. 240.

43 Vgl. Grenz: Die Romane Robert Walsers, S. 96f.

44 Vgl. Grenz: Die Romane Robert Walsers, S. 87.

45 Vgl. Hong: Selbstreflexion von Modernität, S. 190f.

46 Vgl. Lemmel: Poetik der Intertextualität, S. 89.

47 Grenz: Die Romane Robert Walsers, S. 87.

48 Borchmeyer: Dienst und Herrschaft, S. 9.

49 Borchmeyer: Dienst und Herrschaft, S. 10. [Auslassung: Dennis Ried].

50 Andreas Gößling: Abendstern und Zauberstab. Studien und Interpretationen zu Robert Walsers Romanen Der Gehülfe und Jakob von Gunten, Würzburg 1992. Hier S. 172. Im Folgenden zitiert als Gößling: Abendstern und Zauberstab.

51 Gößling: Abendstern und Zauberstab, S. 171.

52 Gößling: Abendstern und Zauberstab, S. 170.

53 Vgl. Hong: Selbstreflexion von Modernität, S. 190.

Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656668053
ISBN (Buch)
9783656668046
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274726
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Institut für Germanistik: Literatur, Sprache, Medien (früher: Institut für Literaturwissenschaft)
Note
1,0
Schlagworte
Robert Walser Walser Jakob von Gunten Gerneproblematik Dienen Herrschein Null Klein und Groß moderner Roman Moderne literarische Moderne

Autor

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Titel: "Welch ein Geschwätz". Robert Walsers "Jakob von Gunten"