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Personale Identität und metaphysischer Realismus

Für eine Veränderung des Blickwinkels

Bachelorarbeit 2013 24 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gedankenexperimente, Möglichkeiten und Intuitionen
2.1. Gedankenexperimente und mögliche Welten
2.2. Metaphysische vs. Linguistische Intuitionen

3. Psychologische Kriterien
3.1. John Locke und die Gedächtnistheorie
3.2. Kritik an Lockes Theorie
3.3. Sydney Shoemaker und psychologische Kontinuität
3.4. Kritik an Shoemakers Theorie

4. Körperliche Kriterien
4.1. Das physikalische Kriterium
4.2. Kritik des physikalischen Kriteriums

5. Verzicht auf Kriterien der personalen Identität

6. Es kommt auf den Blickwinkel an!
6.1. Metaphysischer Realismus
6.2. Metaphysische vs. empirische Kriterien
6.3. Kontextabhängigkeit von Begriffen
6.4. Realismus vs. Anti-Realismus

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der Person ist tief in unseren Gewohnheiten und unserer Sprache verwurzelt. Im Alltag reden wir ständig von Personen, ohne uns darüber groß den Kopf zu zerbrechen. Jeder scheint intuitiv zu wissen, was eine Person ist und doch ist die Diskussion über personale Identität, in der Philosophie eine der umstrittensten und rätselhaftesten. Kein Ansatz scheint wirklich zu überzeugen und so kommt es zu einer Situation, die einer Sackgasse ähnelt.

Diese Arbeit will keine Lösung in Form einer endgültigen Antwort bieten. Vielmehr wird sie dafür Argumentieren, dass es so etwas wie endgültige Antworten nicht gibt.

Die Texte über personale Identität, sind gespickt mit Gedankenexperimenten und Science Fiction und doch macht sich kaum einer die Mühe, genau zu beschreiben, was diese Gedankenexperimente überhaupt leisten. Genau das soll im ersten Teil dieser Arbeit geschehen.

Mit diesem Rüstzeug, soll es dann an einigen bekannten Lösungsansatz des Problems der personalen Identität gehen. Angefangen wird traditionell mit John Locke und seiner Theorie des Gedächtnisses, als Kriterium der personalen Identität. Außerdem wird Sydney Shoemakers Ansatz der psychologischen Kontinuität und der physikalische Ansatz vorgestellt. Diese Arbeit erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Weder ein Autor, noch ein Ansatz kann im Rahmen dieser Arbeit so ausführlich behandelt werden, wie er es eigentlich verdient hätte. Über das Thema personale Identität kann man Bände füllen und das wurde auch zu Genüge getan. Vielmehr soll sie ein Problembewusstsein vermitteln. Es soll gezeigt werden, warum es eigentlich so schwer ist, ein Kriterium für personale Identität bestimmen.

Auch die Möglichkeit, die Rede von der personalen Identität fallen zu lassen, wie es Derek Parfit vorschlägt, wird in Betracht gezogen, allerdings verworfen. Die Lösung des Problems wird vielmehr in einer Veränderung des Blickwinkels gesehen. Dazu muss einiges über die Philosophie an sich und ihre Ziele gesagt werden. Es wird ein Bild angeboten, dass vom späten Wittgenstein, Hilary Putnams internen Realismus und anderen inspiriert ist.

Die These lautet: Die Schwierigkeiten entstehen durch eine Ansicht, die ich metaphysischen Realismus nennen möchte. Man geht davon aus, dass die Sprache in einer einzigartigen Beziehung zur Welt steht. Es gibt Tatsachen, die unsere Sprache nur noch beschreiben muss und wenn sie das tut, dann kommen wir zu absoluten Wahrheiten. Dieses Programm findet man in unterschiedlichsten Varianten: Naturalismus, wissenschaftlicher Realismus usw. Es wird davon ausgegangen, dass es eine Tatsache geben muss, die für die Identität einer Person sorgt und das die Philosophie sie nur noch herausfinden und beschreiben muss. Es wird also Metaphysik im klassischen Sinne betrieben. Man möchte bestimmen, was das wesentliche ist, das eine Person zu einer Person macht. 2

Dem soll ein wesentlich bescheideneres philosophisches Programm entgegen gehalten werden, das nichts mit Metaphysik zu tun hat und das davon ausgeht, dass die Realität uns keine Begriffe auf diktiert. Vielmehr dienen unsere Begriffe bestimmten Zwecken und sind eng mit unseren Handlungsweisen und Institutionen verbunden. Es gibt nicht die Beziehung zwischen Realität und Sprache. Sprache ist vielfältig und so können unsere Begriffe, in verschiedensten Kontexten, verschieden verwendet werden. Der Begriff der Person kommt unter verschiedensten Umständen zum Einsatz und meistens aus reiner Gewohnheit, ohne dass wir weiter darüber nachdenken müssten. Daher gibt es auch nicht das Kriterium der personalen Identität. Unsere Begriffe enthalten sowohl subjektive, als auch objektive Aspekte und jegliches Wissen, ist vorerst vorübergehendes Wissen und kann sich stets ändern.

Eine Arbeit über personale Identität, könnte natürlich noch viel mehr enthalten: Animalismus, das narrative Selbst oder die Frage danach, in welchen Fällen Identität überhaupt wichtig ist. Doch im Rahmen solch einer Arbeit, muss natürlich selektiert werden. Sie soll eigentlich drei Aufgaben erfüllen: Sie soll ein Problembewusstsein wecken. Zeigen, dass die Philosophie und der menschliche Verstand sich überschätzen, wenn er davon ausgeht, er könne so etwas wie Metaphysik betreiben und eine neue Perspektive vorschlagen, die zeigt, dass die Fragen die wir stellen, anders gestellt werden müssen und die der Philosophie auch ihre Relevanz für unser Leben zurückgibt.

2. Gedankenexperimente, Möglichkeiten und Intuitionen

2.1.Gedankenexperimente und mögliche Welten

Texte über das Thema personale Identität sind seit jeher mit Gedankenexperimenten gespickt. Nicht nur, dass sich die verrücktesten Situationen ausgedacht werden, sondern meistens werden sich keine Gedanken darüber gemacht, was diese Beispiele überhaupt zeigen sollen und welchen Zwecken sie dienen. Deshalb sollten wir einen kurzen Exkurs in die Welt der Gedankenexperimente und möglichen Welten machen.

Was sich zunächst nach Science-Fiction anhört (und oftmals auch ist), wurde durch einen Klassiker der modernen Philosophie berühmt. Saul Kripke hat eine Semantik der möglichen Welten entwickelt, die sich bei verschiedensten modallogischen Problemen bewährt hat.1 In „Name und Notwendigkeit“ (Kripke 1993), hat er schließlich unsere Begriffe der Notwendigkeit und Apriorizität untersucht und den Essentialismus bzw. wissenschaftlichen Realismus zu neuem Leben erweckt.

Durch die Kritik von Quine und anderen, an der analytisch vs. synthetisch Unterscheidung, hatte man den Essentialismus, also die Theorie, dass Gegenstände wesentliche Eigenschaften haben, ad acta gelegt. Doch mit der Semantik möglicher Welten, war es möglich bestimmte Eigenschaften von Gegenständen, als notwendige Eigenschaften dieser Gegenstände zu bestimmen. Zumindest schien es so.

Etwa zeitgleich wie Saul Kripke, entwickelte Hilary Putnam eine ähnliche Theorie. (Putnam 1975) Beide beschäftigten sich eigentlich mit der Bedeutung von Namen. Sie erkannten, dass wir Namen so verwenden, dass wir starr auf einen Gegenstand referieren und nicht indem wir Eigenschaften dieses Gegenstandes „im Kopf“ hatten. Es war dadurch möglich, zu spekulieren, welche Eigenschaften ein Gegenstand (auf den wir per Namen ja starr referieren), in einer bestimmten kontrafaktischen Situation (einer möglichen Welt), die wir einfach stipulieren, notwendigerweise hat oder nicht hat.

Man merkt schon in welche Richtung es geht. Eigentlich sind diese möglichen Welten auch nur Gedankenexperimente. Wir beschreiben kontrafaktische Situationen und was wir dabei erhalten sind kontrafaktische Konditionale der Form „Wenn x der Fall wäre, dann wäre y der Fall“. Die Semantik der möglichen Welten hilft uns, den Wahrheitswert solch eines kontrafaktischen Konditionals zu bestimmen.

2.2.Metaphysische vs. Linguistische Intuitionen

Während Saul Kripke bis heute an seiner Theorie des Essentialismus festhält, hat sich Hilary Putnam vom wissenschaftlichen Realismus abgewendet, also der Theorie, dass die Wissenschaft essentielle Eigenschaften unserer Welt entdecken kann. Doch trotzdem hält er an der Semantik möglicher Welten in bestimmten Fällen fest. Der Unterschied zwischen ihm und Kripke liegt in dem Zweck, den ihre Beispiele erfüllen sollen.

Wie verschieden die beiden Betrachtungsweisen von Kripke und Putnam sind, erkennt man, wenn man sich genauer ansieht, worin sie den Nutzen ihrer Betrachtungen sehen. Kripke möchte einen wissenschaftlichen Essentialismus stark machen, der notwendige Eigenschaften von Gegenständen entdecken kann. Wie es Putnam ausdrückt: „[...] he is engaged in (what he views as) metaphysical discovery.“ (Putnam 1992: S. 67)

Putnam hingegen sieht seine Beispiele als eine Rekonstruktion von sprachlichen Intuitionen, nicht von metaphysischen. Er schreibt:

„What I was trying to do with my „minimalist“ (re)interpretation of Kripke was to assimilate the metaphysical intuitions to the linguistic intuitions that other analytic philosophers talk about. This is what I now think cannot be done.“ (Ebd. S. 64)

Putnam möchte linguistische Intuitionen, was zum Beispiel Substanz-Identität betrifft, rational rekonstruieren, um zu Kriterien zu kommen, die akzeptiert werden können, wenn wir Substanzbegriffe in kontrafaktischen Konditionalen verwenden. Kriterien wann wir zum Beispiel sagen, dass eine Substanz unseren Paradigmen von Wasser ähnlich ist. Kripke hingegen verwirft die Frage nach Identitätskriterien komplett. Für ihn ist die Identität eine primitive logische Beziehung, weshalb er auch keine Probleme mit der Identität über Welten hinweg sieht. Um noch einmal Putnam zu zitieren:

„For example, instead of saying that the assignment of truth-values to counterfactual statements about „this table“ requires the adoption of explicit or implicit criteria of table-identity, Kripke would say that it requires an intuitive knowledge of what is „essential“ to the table - an intuitive grasp of the limits of the possibilities in which the hypothetical object would bear the primitive logical relation „=“ to the table I am pointing to. Criteria of table-identity are conceived of (by me, anyway) as to some extent up to us. Facts about „=“ are not (in Kripke's view, anyway) at all up to us. Kripke is not doing rational reconstruction...“ (Ebd. S. 67)

Es wird deutlich, dass es hier also nicht nur eine faktische, sondern auch eine normative Komponente gibt. Letztendlich ist es bis zu einem bestimmten Grad uns überlassen, wie wir Identitätskriterien festlegen. Am Beispiel von Wasser sehen wir, dass die Zusammensetzung als 5 Kriterium wahrscheinlich nicht genügt, da mit der Zusammensetzung immer auch ein bestimmtes Verhalten unter Naturgesetzen zusammenhängt. Doch das geht nicht über physikalische Notwendigkeit hinaus. Daher können wir nicht von metaphysischer Notwendigkeit sprechen, da man sich Situationen vorstellen kann, in denen Wasser nicht H2O ist. (Vgl. Putnam 1992: S. 54ff.) Ähnliches gilt für andere Begriffe, von denen wir nicht behaupten können, wir würden metaphysische Wahrheiten über Dinge erfassen, sondern wir legen bestimmte Kriterien fest, die wir im weiteren wissenschaftlichen Betrieb verwenden können.

Das heißt natürlich nicht „anything goes“.Es handelt sich immer noch um eine Form des Realismus, denn immerhin gibt uns die Wissenschaft vor, dass Wasser H2O ist, jedoch sollten wir daraus nicht zwingend schließen, dass Wasser notwendigerweise H2O ist, sondern dass unsere Paradigmen aus H2O bestehen und bestimmten Naturgesetzen folgen. Alles was wie Wasser aussieht, aber nicht aus H2O besteht und diesen Naturgesetzen nicht folgt, würden wir nicht Wasser nennen. Es macht also einen erheblichen Unterschied, ob wir unsere Beispiele dafür anführen, um metaphysische Wahrheiten zu entdecken (was immer das sein mag), oder ob wir Kriterien für bestimmte Begriffe rekonstruieren wollen. Der Begriff der personalen Identität, wie wir ihn verwenden, weißt ebenfalls auf bestimmte Kriterien der Verwendung hin. Können wir durch Gedankenexperimente herausfinden, was Personen im metaphysischen Sinne konstituiert? Mein Argument wird sein, dass die Diskussion über personale Identität aus dem Ruder läuft, da sie von einem falschen metaphysischen Bild ausgeht. Wir werden uns daher bei der Kritik der üblichen Ansichten, auch ihre Methode ansehen, die immer davon ausgeht, wir könnten notwendige und hinreichende Bedingungen für personale Identität entdecken.

3. Psychologische Kriterien

3.1.John Locke und die Gedächtnistheorie

Die moderne Diskussion über personale Identität beginnt mit John Locke und dem 27. Kapitel seines „Essay Converning Human Understanding“ (Locke 1975). Alles was danach geschrieben wurde, knüpft irgendwie an diesem Punkt an. Wenn man das Kapitel liest, dann sollte man sich im Klaren sein, welche Absichten Locke zum schreiben dieses Kapitels geführt haben. Die moderne Wissenschaft wurde gerade begründet und es musste eine Erklärung her, wie die Ergebnisse, die sie lieferte, mit den christlichen Doktrinen, wie Wiedergeburt oder Seele verbunden werden konnten. 6

Locke beginnt seine Betrachtung damit, dass er bestimmt worin Identität im Allgemeinen besteht.

Die Bedingung für Existenz ist, dass etwas identisch mit sich selbst ist, wenn es nur einen Beginn der Existenz gibt. Locke schreibt:

„From whence it follows, that one thing cannot have two beginnings of existence, nor two things one beginning; it being impossible for two things of the same kind to be or exist in the same instant, in the very same place, or one and the same thing in different places.“ (Ebd. S. 33f)

Wenn Identität im Allgemeinen so bestimmt ist, dann muss personale Identität darauf aufbauen.

Im nächsten Schritt erläutert Locke, dass wir von drei Substanzen ausgehen können: Gott, endlichen Intelligenzen und Körpern. (vgl. Ebd. S. 34) Gott ist natürlich unendlich, unveränderlich, ohne Anfang und überall. Die anderen zwei Substanzen unterscheiden sich davon, dass sie an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Raum gebunden sind. Alles andere was wir kennen sind nur Modi und Relationen von diesen Substanzen.

Nun arbeitet sich Locke in Stufen bis zu dem Punkt vor, der uns interessiert, nämlich der Identität von Personen.

Die Identität von Pflanzen liegt in der Organisation ihrer Teile. Die von Tieren und Menschen

(Locke unterscheidet zwischen Menschen und Personen!) im Leben, also darin, dass ihre Bewegung „von Innen“ kommt. Und schließlich kommt Locke zu der Definition von Person, die man durchaus als Arbeitsgrundlage beibehalten kann, da wir den Begriff der Person im Alltag so verwenden. Eine Person „... is a thinking intelligent thing, that has reason and reflection, and can consider itself as itself,.. the same thinking thing, in different times and places;...“ (Ebd. S. 39) Doch worin besteht nun das Identitätskriterium für Personen? Personale Identität liegt nach Locke einfach und allein im Bewusstsein. „...and as far as this consciousness can be extended backwards to any past action or thought, so far reaches the identity of that person.“ (Ebd.) Wir habe also unser erstes Kriterium für personale Identität: Eine Person x ist zum Zeitpunkt t2, die gleiche Person wie y zu Zeitpunkt t1, wenn x sich der Taten von y bewusst ist. Es wird leicht verständlich, warum Lockes Theorie auch die Gedächtnistheorie genannt wird. Ich bin heute derselbe wie gestern, weil ich mich an meine Taten und Erfahrungen von gestern erinnern kann. Das berühmte Beispiel des Prinzen und des Schusters soll verdeutlichen welche Folgen diese Theorie hat.

„For should the soul of a prince, carrying with it the consciousness of the prince's past life, enter and inform the body of a cobbler, as soon as deserted by his own soul, everyone sees he would be the same person with the prince, accountable only for the prince's actions.“ (Ebd. S. 44)

Sollte ich also morgen mit den Erinnerungen von Sokrates aufwachen, dann bin ich die Person Sokrates. Locke hat somit natürlich sein Ziel erreicht, christliche Auffassungen, wie Wiedergeburt oder den Begriff der Seele plausibel zu machen.

[...]


1 Aus Gründen des Umfangs, wird hier natürlich auf die formale Darstellung verzichtet, die für unsere Zwecke auch unerheblich ist.

Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656667063
ISBN (Buch)
9783656667056
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274712
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
personale identität realismus veränderung blickwinkels

Autor

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Titel: Personale Identität und metaphysischer Realismus