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Narrative Identität. Gouvernementale Selbsttechnologie oder queere Widerstandsmöglichkeit?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 35 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Zur Relevanz des Identitätsbegriffs für eine moderne Gesellschaftskritik

2 Hauptteil: Narrative Identität zwischen gouvernementaler Selbsttechnologie und queerer Widerstandsmöglichkeit
2.1 Theorien & Konzepte
2.1.1 (Post)moderne Identität & Entfremdung
2.1.2 Narrative Identität
2.1.3 Gouvernementalität & Selbsttechnologien
2.2 Narrative Identität als gouvernementale Selbsttechnologie
2.3 Queere Identitäten: Ein Widerstandsprojekt?
2.3.1 Queere Identitäts-/Subjektkritik
2.3.2 Identity Politics: Andere Identitäten erzählbar machen
2.3.3 „Deconstructing Identity“: Anti-identitäre Ansätze und Liquid Identities
2.3.4 Kritik am „Projekt Queer“

3 Schluss: Für eine integrative queere Strategie
3.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.2 Ausblick: Die Notwendigkeit einer integrativen Formulierung von Queer..

4 Quellenverzeichnis

1 Einleitung: Zur Relevanz des Identitätsbegriffs für eine moderne Gesellschaftskritik

„[E]in Subjekt erkennt sich wieder in der Geschichte, die es sich selbst über sich selbst erzählt. […] Die narrative Identität ist mithin mindestens ebensosehr der Name eines Problems wie der einer Lösung.“ (Ricœur und Knop op. 1991, S. 397- 399)

Diese Arbeit entsteht aus einem Seminars zum Begriff der Entfremdung heraus, in der für mich immer wieder deutlich wurde, wie eng dieser Begriff mit dem der Identität und insbesondere der Frage nach ihrem Wert und ihrer freien Wählbarkeit verknüpft ist. Entfremdung wird, wie sich in der Seminardiskussion gezeigt hat, in der aktuellen Gesellschaftskritik häufig als ein genuin modernes Problem definiert, was vermutlich daran liegt, dass der Komplex ‚Entfremdung‘ gekoppelt ist an das konstitutive Problem der Moderne: Sie formuliert Freiheit als höchstes Gut und bindet ihr Glücks- und Sinnversprechen an das individuelle Erreichen größtmöglicher Freiheit und Autonomie. Ein Teil des modernen Freiheitsparadigmas ist die Vorstellung, jede*r könne seine*ihre eigene Identität autonom und aus einer eigenen inneren Notwendigkeit heraus ausbilden.1 Anstatt zu einem Zustand des Glücks scheint dieses Freiheitsversprechen, das über die Maximierung von Wahlmöglichkeiten und den Abbau traditioneller Rollenmuster (wie z.B. heteronormativer Männlichkeits-/Weiblichkeitsbilder) funktioniert, vielen Autor*innen zufolge aber direkt in ein Gefühl der Entfremdung zu führen (Jaeggi 2005, Schmid 2006, Seel 1999). Aus der (scheinbar) totalen Freiheit resultiert in diesen Analysen eine Situation der Orientierungs- und Hilflosigkeit, die sich in ihren extremsten Fällen in Handlungsunfähigkeit artikuliert. Identitätsbildung scheint unter dem postmodernen Paradigma des anything goes problematisch bis unmöglich geworden zu sein - zumindest im hergebrachten Verständnis einer klar definierten und fixierten Identität des Subjekts mit sich selbst. Konservativ-populistische Stimmen postulieren daher als ‚Lösung‘ die Rückkehr zu stabilen und exklusiven Identitätsentwürfen, die angeblich einmal existiert haben.2 Komplexere und theoretisch fundiertere Vorschläge, die in eine ähnliche Richtung weisen, finden sich z.B. bei Wilhelm Schmid, der als Kernproblem der Moderne diagnostiziert, dass sie Freiheit stets nur als Freiheit von, nicht aber als Freiheit zu etwas definiere. Schmid schlägt daher eine Rekonzeptualisierung der Moderne als ‚andere Moderne‘ vor, in der individuelle Freiheit gerade durch Selbstregelung und Selbstbeschränkung (Autonomie in ihrem Wortsinne als Selbstgesetzgebung) erreicht wird (Schmid 2006, S. 190, 250).

Im Gegensatz dazu werde ich im folgenden zu zeigen versuchen, dass das moderne Autonomieversprechen aus einem ganz anderen Grund zu Entfremdung bzw. einem Zustand subjektiven Unglücks führt: Es erhebt persönliche Freiheit und Authentizität des Individuums zum Ideal und gleichzeitig zu einem quasi naturgegebenen Absolutum, wodurch daraus wiederum eine Forderung wird, welche der*die Einzelne zu erfüllen hat, um anerkannter Teil der Gemeinschaft sein zu können (Ehrenberg 2004, S. 299f) - tatsächlich existiert diese konstitutive Freiheit aber überhaupt nicht. Ich werde das exemplarisch am Konzept der narrativen Identität zeigen, das ursprünglich aus der Philosophie stammt3 und über den Umweg der psychologischen Forschung in unterschiedlichen Ausformulierungen auch in soziologischen Untersuchungen angekommen ist. Dabei wird narrative Identität in der Regel als ein coping mechanism für das Problem der erschwerten Identitätsbildung in einer (scheinbar) normfreien, postmodernen Welt verstanden, der es den Subjekten ermöglicht, dem Zustand der Entfremdung zu entkommen und ‚sinnvolle‘ Identitätsbildung und persönliche Kohärenz wieder möglich macht. Kulturkritker*innen wie Wilhelm Schmid oder Martin Seel sehen in der Selbstnarration eine Möglichkeit für das Individuum, zu einem glücklichen bzw. gelingenden Leben zu gelangen - auch und gerade in Unabhängigkeit von konkreten materiellen Gegebenheiten: „Ob [...] jemand ein gutes Leben hat, entscheidet sich an der Geschichte seines Lebens. [...] Hier, von innen heraus, in der erzählenden und erinnernden Vergegenwärtigung, entscheidet sich die übergreifende Qualität eines individuellen Lebens. [...] Zu einem im ganzen guten Leben gehört [...], daß wir es [...] als ein soweit gelingendes erfahren und erzählen können“ (Seel 1999, S. 71f). Indem ich narrative Identität kritisch als Technologie einer neoliberalen Gouvernementalität analysiere, möchte ich den Fokus darauf richten, wem diese ‚Überwindung‘ des Entfremdungsproblems und die wiederherstellende Erzählung einer kohärenten Identität nützt. Ist sie möglicherweise nicht (nur) als subjektive Umgangsmöglichkeit des Individuums mit seiner postmodernen Umwelt zu verstehen, sondern vielmehr als Wieder-Nutzbarmachung des entfremdeten Subjekts für einen neoliberalen Staat, der mit ihr nur die Symptome der Problematik (eben das Gefühl von Entfremdung) und nicht ihre tatsächlichen Ursachen (sein eigenes Gründungsparadigma der individuellen Freiheit und Verantwortlichkeit) bekämpft? Ausgehend davon werde ich im dritten Teil dieser Arbeit am Beispiel queerer4 Identitätsentwürfe untersuchen, ob und wie diese Technologie auch von anderen Positionen angewendet werden kann. Dabei werde ich Ansätze aus den identity politics ebenso betrachten wie anti-identitäre Strategien dekonstruktivistischer Autor*innen und jeweils Chancen und Risiken der narrativen Identitätstechnologie aufzeigen.

Bevor ich mit dem Überprüfen meiner Hypothesen beginne, möchte ich meine Verwendung von drei für diese Arbeit wesentlichen Begriffen klären: Macht, Identität und Subjekt. Wenn im folgenden von Macht die Rede sein wird, so nicht im liberalen Sinne einer repressiven Entität, die einschränkend auf die individuelle Freiheit der*des Einzelnen einwirkt und einer Person oder einer Institution ‚gehört‘, sondern im Sinne Michel Foucaults als „der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt“ (Foucault und Raulff 2012, S. 94). Macht geht also nicht nur vom Staat oder von der staatlichen Regierung aus; Machtbeziehungen sind stattdessen Teil aller Arten von (ökonomischen, wissenschaftlichen, zwischenmenschlichen, ...) Verhältnissen; sie stehen nicht außerhalb und regulierend ‚über‘ diesen, sondern sind ihnen immanent und bringen sie gleichzeitig hervor (Foucault und Raulff 2012, S. 94). Die Begriffe Identität und Subjekt dagegen verwende ich weitgehend deckungsgleich. Innerhalb der Quellen, die ich in diese Arbeit mit einbeziehe, scheinen psychologische Untersuchungen eher von ‚Identität‘, soziologische und philosophische Untersuchungen dagegen eher von ‚Subjekt‘ zu sprechen, wobei darunter in den meisten Fällen dasselbe verstanden wird (so erinnert beispielsweise Wilhelm Schmids ‚Subjekt der Kohärenz‘ sehr stark an Wolfgang Kraus‘ Konzept der ‚narrativen Identität‘): Das mehr oder weniger kohärente, mehr oder weniger originelle Selbstverständnis eines Individuums, das je nach Auslegung entweder von ihm selbst oder von konstitutiven Machtbedingungen aktiv hergestellt wird und auf einer bestimmten, kulturell und strukturell unterschiedlich gut verfügbaren Auswahl an vorhandenen Identitätsmustern basiert.5 Eine synonyme Verwendung der beiden Begriffe erscheint mir deshalb für die Zwecke dieser Arbeit unbedenklich.

2 Hauptteil: Narrative Identität zwischen gouvernementaler Selbsttechnologie und queerer Widerstandsmöglichkeit

2.1 Theorien & Konzepte

2.1.1 (Post)moderne Identität & Entfremdung

„In modernity we are fated to be free.“ (Lash und Friedman 1992, S. 4f)

Das moderne Konzept von Identität beruht auf zwei sich gegenseitig verstärkenden Grundannahmen: Zunächst auf der auch empirisch zu beobachtenden Tatsache, dass traditionelle gesellschaftliche Normen und Rollenbilder an Bedeutung verlieren und sich die Zahl der Wahlmöglichkeiten und individuellen Ausdifferenzierungen damit deutlich erhöht.6 Darauf baut die weitergehende Annahme auf, dass jeder Mensch einen genuinen, quasi natürlichen ‚Kern‘ habe, der in seiner jeweiligen Identität zum Ausdruck komme. Ob nur bestimmte - und wenn ja, welche - Identitätsentwürfe möglich sind bzw. ob diese Annahme eines essentiellen Persönlichkeitskerns nicht bereits ein bestimmtes Menschenbild impliziert und damit gewisse Identitätsentwürfe ausschließt, kurz also: die Voraussetzungen, die für die postulierte Freiheit notwendig sind, lassen sich in diesem naturalisierten Freiheitsparadigma nicht thematisieren. Die Möglichkeit, keine Identität zu haben oder zu wollen, ist in der modernen Epistemologie also gar nicht denkbar: Es gibt kein Individuum ohne Identität.7 Damit ist aber, wie zahlreiche Analysen der Moderne gezeigt haben, noch nicht unbedingt größeres individuelles Glück, eine bessere Gesellschaft oder auch nur tatsächlich weitergehende Autonomie gewonnen. Stattdessen wurde ein spezifischer Zwang gegen einen anderen eingetauscht: „Man ließ die Menschen [zu Beginn der Moderne] aus ihren alten Käfigen, um sie sofort zu ermahnen und zu tadeln, wenn sie es sich nicht zur Lebensaufgabe machten, ihren Platz in den vorbereiteten Nischen der neuen Ordnung zu finden: [...] Die Individuen waren aufgerufen, ihre neue Freiheit dafür zu verwenden, den richtigen Platz zu finden und sich dort ordentlich und konformistisch einzurichten“ (Bauman 2003, S. 13f) .

Diese Norm von Freiheit und Individualität, über welche scheinbar jedes moderne Subjekt verfügt und die jedes moderne Subjekt auch zu erfüllen hat, um nicht von sozialen Sanktionen getroffen zu werden8, führt, wenn sie nicht erfüllt werden kann, zu einem Zustand individuellen Leidens, der in gesellschaftskritischen Analysen mal als ‚Entfremdung‘ (Jaeggi 2005), mal als ‚Depression‘ (Ehrenberg 2004), mal als Gegenteil eines ‚gelingenden/guten Lebens‘ (Schmid 2006, Seel 1999, Rosa 2012) bezeichnet wird. Die Entfremdungsproblematik entsteht an dem Punkt, an dem es zu einer Differenz zwischen postulierten Handlungsmöglichkeiten und tatsächlich zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten kommt. Jaeggi (2005, S. 19) versteht darunter die „Störung von Aneignungsverhältnissen“; also die Erfahrung, dass ich mir meine eigenen Handlungen nicht als g ewollt aneignen kann, weil ich sie gar nicht als von mir selbst entschieden, sondern als quasi-natürlichen ‚Lauf der Dinge‘ erfahre: Mein Leben geschieht einfach mit mir, ohne dass ich mich tatsächlich dazu entschieden hätte - aber auch ohne einen direkten heteronomen Zwang, gegen den ich aufbegehren könnte (Jaeggi 2005, S. 73). Diese Erfahrung ist vor allem deswegen bedrückend, weil wir - im Gegensatz zu tatsächlich unvermeidlichen biologischen Vorgängen wie Atmen, Essen etc. - gleichzeitig davon ausgehen, dass wir eigentlich über die erwähnten Handlungen entscheiden könnten: Ausschlaggebend ist „die Diskrepanz zwischen der eigenen, vielleicht nur scheinbaren, Ohnmacht und dem Charakter eines Geschehens, von dem man zumindest unterstellt, dass es ein Handlungsgeschehen ist bzw. sein kann“ (Jaeggi 2005, S. 76). Monika Schaper- Rinkel zeigt in Folge der Analysen von Ehrenberg dieses Paradoxon exemplarisch an der aus der Empirie bekannten Tatsache auf, dass der Konsum von Anti-Depressiva bei Frauen deutlich höher liegt als bei Männern9: Strukturell bedingte Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt werden hier als individueller Fehler verstanden und eine Situation somit als ‚Handlungsgeschehen‘ aufgefasst, in der eine Handlung de facto nicht möglich ist. Das führt dann in einen Zustand der Depression, der pharmakologisch behandelt wird.

Momente der Entfremdung und des individuellen Leids scheinen sich also strukturell aus der modernen Vorstellung einer frei wählbaren, authentischen Identität zu ergeben.

In der postmodernen Weiterentwicklung des modernen Freiheitsparadigmas zeigt sich dann weiterhin, dass das Fehlen von Normen und Vorschriften auch in einen Zustand der Beliebigkeit und die damit verbundenen Probleme für die jeweilige Identitätsbildung führen kann:

„Zumindest ist für viele Menschen heute alles andere als klar, wie sie auf die Frage ‚Wer bist du?‘ antworten sollen. Vielen fällt es schwer, dazu eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, oder sie können dazu sehr unterschiedliche und untereinander durchaus widersprüchliche Geschichten erzählen.

Es gibt gute Gründe, diese Probleme nicht zu psychologisieren, also als Probleme des einzelnen Subjekts zu deuten, sondern sie als Indikatoren für soziokulturell veränderte Bedingungen der Identitätsbildung zu lesen und die Identitätsforschung so weiterzuentwickeln, daß sie auch in einem solchen Rahmen verstanden werden können. [...] Der offensichtlich inflationäre Gebrauch des Identitätsbegriffs verweist [...] darauf, daß Identitätsbildung unter den gegenwärtigen gesellschaftlich-kulturellen Bedingungen prekär geworden ist.“ (Keupp und Höfer 1997, S. 7)

Postmoderne Theoretiker*innen haben deshalb vom ‚Tod des Subjekts‘ (vgl. z.B. Benhabib und König 1995) gesprochen und ein potenzielles anything goes (auch für das Zusammenbasteln einer komplett individualisierten Identität aus kulturellen ready-mades) ausgerufen. Eine Möglichkeit, diese ‚Bastel-Identität‘ (Hitzler und Honer 1994) theoretisch zu fassen, stellt das hauptsächlich in der Psychologie, aber auch in angrenzenden Disziplinen wie Philosophie und Soziologie verbreitete Konzept der ‚narrativen Identität‘ dar, das ich im nächsten Kapitel vorstellen werde. Die große Gefahr dieses Konzeptes scheint mir allerdings darin zu liegen, dass sie eine Gesellschaft der kompletten (Wahl-) Freiheit postuliert, wo diese real gar nicht existiert: Zwar mögen die ‚traditionellen‘ materiellen, kulturellen und sozialen Zwänge (zumindest in westlichen Gesellschaften) in den letzten Jahrzehnten geringer geworden sein, tatsächlich sind sie aber für die Mehrheit der Menschen nach wie vor bestimmender Teil ihres (alltäglichen) Lebens. Selbst in der kleinen privilegierten Gruppe, für die eine größtmögliche Wahlfreiheit erreicht sein mag, ist kein Zustand tatsächlicher Autonomie eingetreten; stattdessen hat sich bloß die Art, wie die ihr angehörigen Individuen subjektiviert werden (vgl. Kapitel 2.1.3), verändert: Die Grenzen, innerhalb derer sie ihre Identität definieren können und innerhalb derer sie ‚lesbar‘ sind, haben sich verändert oder verschoben - verschwunden sind sie nicht. Mit der oben zitierten Analyse von Zygmunt Baumann lässt sich also sagen: Nur, weil Freiheit als kulturelle Aufgabe und Desiderat festgelegt wurde, sind die Menschen nicht autonom geworden. Stattdessen hat sich paradoxerweise ‚Freiheit‘ selbst als neue, heteronome Norm in die Identitätsbildung eingeschrieben und hat diese zwar komplizierter, aber nicht tatsächlich freier gemacht.

2.1.2 Narrative Identität

Mit dem Konzept der narrativen Identität, das ursprünglich aus der Hermeneutik stammt und dort von Paul Ricœur erarbeitet wurde, wird in der Psychologie eine mögliche Antwort auf den Komplex problematisch gewordener Identitätsbildung in der Postmoderne bezeichnet. Die wichtigsten Merkmale des psychologischen Paradigmas finden sich bereits bei Ricœur ausformuliert. Er versteht Identität „als eine Kategorie der Praxis“ (Ricœur und Knop op. 1991, S. 395) und macht diese Praxis im Erzählen der eigenen Lebensgeschichte aus; ein Vorgang, durch den die erzählende Identität dann gleichzeitig erst konstituiert wird: „Die erzählte Geschichte gibt das wer der Handlung an. Die Identität des wer ist also selber bloß eine narrative Identität “ (Ricœur und Knop op. 1991, S. 396). Eine Identität, die in einem narrativen Prozess entsteht, kann logischerweise auch rekonfiguriert und verändert werden, solange dieser Prozess möglich ist - also in der Regel das ganze Leben lang. Damit ist narrative Identität immer auch eine brüchige, instabile Form von Identität; das eigene Leben kann je nach Situation und Zuhörer*in ganz unterschiedlich erzählt und damit auch ganz unterschiedlich bewertet werden (Ricœur und Knop op. 1991, S. 398). Diese Erzählung findet - auch bei Ricœur schon - nicht einfach in einem leeren Raum statt, sondern greift zurück auf bereits bestehende Erzählungen, Stilmittel und Archetypen, die jeweils kulturspezifisch und unterschiedlich gut verfügbar bzw. naheliegend sind. Das bedeutet auch, dass nicht jede Identitätsnarration in jedem kulturellen Kontext intelligibel ist - ein Punkt, der in psychologischen und philosophischen Untersuchungen nicht immer, aber häufig ausgeblendet und an dem später die queere Identitätskritik ansetzen wird (vgl. hierzu Kapitel 2.3). Nicht nur Individuen können auf diese Art und Weise ihre Identität aus bestehenden Versatzstücken und ready-mades collagieren10, auch Gruppenidentitäten lassen sich so konstruieren: „Individuum und Gemeinschaft konstituieren sich in ihrer Identität dadurch, daß sie bestimmte Erzählungen rezipieren, die dann für beide zu ihrer tatsächlichen Geschichte werden“ (Ricœur und Knop op. 1991, S. 396). Charakteristisch für diese Erzählungen ist ein Ausmaß an Kohärenz und Sinnhaftigkeit, das deutlich über dem der real erlebten Ereignisse liegt: „[E]ine Lebensgeschichte [wird] durch eine Reihe von Rektifikationen konstituiert, die an früheren Erzählungen vorgenommen werden“ (Ricœur und Knop op. 1991, S. 397).

Bei der Anwendung dieses Konzeptes in der Psychologie wird Identität dementsprechend nicht mehr - wie lange Zeit üblich und wirkmächtig durch den Begründer der modernen Identitätsdebatte in der Psychologie, Erik H. Erikson beschrieben (Kraus 2000, S. 13-21) - als Ziel formuliert, das am Ende der jugendlichen Entwicklung zum Erwachsenen erreicht sei und dann stabil bleibe, sondern als prozessuales und unabschließbares, lebenslanges Projekt (Kraus 2000, S. 4f). Dessen Ziele wiederum sind „Kohärenz und Kontinuität in der Identitätsbildung“ (Kraus 2000, S. 159); Merkmale, die in der Psychologie eine geglückte Subjektivierung und ein ‚gesundes‘ Ich-Verständnis auszeichnen. Erreicht werden können sie - da Identitätsnarration ja als nie abgeschlossener Prozess verstanden wird - nur durch Wiederholung. Da das Subjekt in diesem Verständnis niemals fertig konstituiert ist, ist es auch niemals völlig determiniert.11 An dieser Stelle setzen, wie oben erwähnt, queere Entwürfe an, die das Ziel verfolgen, ‚andere‘ Identitäten erzählbar zu machen bzw. den ‚Identitätsterror‘ dadurch zu überwinden, dass ihre Konstruiertheit bloßgelegt wird. Als ‚Narration‘ wird dabei nicht nur der konkrete Vorgang einer sprachlichen oder schriftlichen Erzählung gefasst, sondern jede Form von (Alltags-) Handlung wird als narrativ verstanden (Kraus 2000, S. 170).12 Ein zentraler Punkt der Konzeption von Identität als Projekt-Erzählung ist die damit einhergehende Futurität, mit der schwer erträgliche Widersprüche in der aktuellen Lebenssituation aushaltbar gemacht werden:

„Die Widersprüche der Gegenwart werden durch die Verheißung einer kohärenten Zukunft lebbar. Dies zeigt sich etwa am Beispiel der ‚Success Stories‘ (vom Tellerwäscher zum Millionär), in denen als Ideologiediskurs die Möglichkeit von Projekten trotz einer möglichkeitsarmen Gegenwart betont wird“ (Kraus 2000, S. 166). Die narrative Identität ist demnach eine Bewältigungsstrategie, die nicht darauf abzielt, die Ursachen der jeweiligen Widersprüche auszuräumen, sondern sie durch ein ‚Anders-Erzählen‘ bzw. durch den Verweis auf eine bessere Zukunft - durch ein Glücksversprechen im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung also - erträglich zu machen. Überspitzt ließe sich dieses Konzept so formulieren: Es kommt nur darauf an, dass du dir dein Leben als ein gelingendes erzählst - dann wird es auch gelingen. Diese Schlussfolgerung ist natürlich kritisch zu sehen: Nicht nur wird hier ausgeblendet, dass neben der subjektiven Lebenserzählung übersubjektive gesellschaftliche und materielle Strukturen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die persönlichen Glücksoptionen des Individuums haben und diese im Zweifelsfall grundlegend sein können, um überhaupt erst in die Lage versetzt zu werden, die eigene Geschichte zu erzählen13 - selbst wenn man davon ausgeht, dass die jeweilige Selbstnarration das entscheidende Kriterium für ein gelingendes Leben ist, so unterliegt diese doch gewissen Einschränkungen, die auch im psychologischen Diskurs formuliert werden: „[K]ulturelle Texte versorgen ihre 'Bewohner' mit den Ressourcen für die Ausbildung von Selbsten. Sie breiten eine Palette von Befähigungspotenzialen aus und parallel dazu einen Satz von Begrenzungen, über die hinaus Selbste nicht leicht entwickelt werden können“ (Kraus 2000, S. 169). Hier taucht wieder das zu Beginn dieser Arbeit erwähnte konstitutiv moderne Problem der Freiheit und des autonom handelnden Subjekts auf und es zeigt sich wiederum, dass diese Vorstellung nicht problemlos aufrecht erhalten werden kann: Selbst wenn ein Subjekt seine Identität als Erzählung ‚autonom‘ selbst zusammenstellt, so ist es dabei dennoch insofern nicht frei, als es auf bestehende kulturelle Muster zurückgreifen und bestimmte Anforderungen an die Intelligibilität seiner Erzählung erfüllen muss, um mit ihr soziale Anerkennung zu finden:

„Wie eine Selbst-Narration sozial bewertet wird (z.B. als wahr, plausibel, unwahrscheinlich, ehrlich usw.), hängt wesentlich von ihrer Konstruktion ab, d.h. davon, ob sie die sozialen Konventionen über die Konstruktion ‚plausibler Geschichten‘ berücksichtigt. Wenn wir nicht unverständlich sein wollen, können wir die Regeln für ‚richtige Geschichten‘ nicht brechen. Wie wahr oder plausibel eine Narration wirkt, ist keine Frage der Objektivität. Wahrheit wird vielmehr ebenfalls narrativ konstruiert durch die Verwendung von Erzählkonventionen einer spezifischen Kultur oder Subkultur.“ (Kraus 2000, S. 171) Hier liegt eines der Hauptprobleme der narrativen Identitätskonzepts: Es suggeriert, ich hätte Kontrolle über etwas, über das ich de facto gar keine habe (vgl. Butler 2006, S. 93). Denn ob meine Geschichte überhaupt erzählbar ist, hängt von der Anerkennung durch Andere ab, und dies wiederum wird maßgeblich dadurch beeinflusst, ob ich die kulturellen Erwartungen an eine funktionierende Erzählung erfülle. Die ‚Angemessenheit’ und Intelligibilität einer Lebensgeschichte ist also “primarily a social matter” (Linde 1993, S. 7), wobei als Merkmal für Angemessenheit in westlichen Erzählkulturen hauptsächlich Kohärenz gilt.14 Dieses Merkmal ist so weit naturalisiert, dass es als unanfechtbare Norm für die ‚Güte‘ und Verständlichkeit jeder Narration gelten kann und Menschen, die nicht in der Lage sind, ihre Lebensgeschichte kohärent zu erzählen, als psychisch krank eingeordnet werden (Keupp 1997, S. 18). Im Gegensatz zu diesem Verständnis von Kohärenz als etwas Natürlichem bzw. zumindest als ein natürliches Bedürfnis von Individuen werde ich in Kapitel 2.2 zu zeigen versuchen, dass Kohärenz als Desiderat und Norm (diskursiv) konstruiert ist und zu einer spezifischen Selbstkonstitution und Selbstregierung der Subjekte führt, die wiederum für ganz bestimmte Akteure nützlich sein kann. Zuvor allerdings möchte ich noch zwei weitere für diese Arbeit entscheidende Begriffe erläutern, die in der oben dargestellten These bereits anklingen: (Neoliberale) Gouvernementalität und Selbsttechnologien.

[...]


1 „Der grundlegende Gedanke der Moderne der letzten 200 Jahre ist die Idee der Konstruierbarkeit der eigenen Identität“, Kraus 2000, S. 23.

2 Diese Vorstellung ist kritisch zu bewerten, denn der angeblich typisch postmoderne Zustand der Verunsicherung und allgegenwärtigen Kontingenz lässt sich durchaus auch schon in früheren Epochen finden: „Wenn von der Erosion der gesamten Lebenswelten gesprochen wird, davon, daß das Leben sich in den letzten zwanzig Jahren radikaler verändert habe als in den hundert Jahren zuvor (vgl. Heitmeyer 1989), dann meine ich, daß sich hier eine Krisenrhetorik aufbläht, die die Erfahrungen früherer Zeiten - erinnert sei hier in Deutschland nur an die Zeit des Nationalsozialismus, an die Weimarer Republik, an die Weltkriege - zur statischen Idylle umdeutet“, Rommelspacher 1997, S. 251.

3 Erstmals erwähnt wird das Konzept meines Wissens nach bei Ricœur und Knop op. 1991.

4 Mein Verständnis des sehr unterschiedlich auslegbaren Begriffs queer werde ich zu Beginn des dritten Kapitels dieser Arbeit darlegen.

5 vgl. z.B. Keupp 1997, S. 34f: „Identität ist ein Projekt, das zum Ziel hat, ein individuell gewünschtes oder notwendiges ‚Gefühl der Identität‘ (sense of identity) zu erzeugen. Basale Voraussetzungen für dieses Gefühl sind soziale Anerkennung und Zugehörigkeit. [...] Alltägliche Identitätsarbeit hat die Aufgabe, die Passungen (das matching) und die Verknüpfungen unterschiedlicher Teilidentitäten vorzunehmen. Qualität und Ergebnis dieser Arbeit findet in einem machtbestimmten Raum statt, der schon immer aus dem Potenzial möglicher Identitätsentwürfe bestimmte behindert beziehungsweise andere favorisiert, nahelegt oder gar aufzwingt. Qualität und Ergebnis der Identitätsarbeit hängen von den Ressourcen [...] einer Person ab, von individuell- biographisch fundierten Kompetenzen über die kommunikativ vermittelten Netzwerkressourcen bis hin zu gesellschaftlich-institutionell vermittelten Ideologien und Strukturvorgaben. [...] Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revidierbarer Weise [...]. Beim Herstellen dieser Identitätskonstruktionen werden zumindest ‚Normalformtypisierungen‘ benötigt (Identifikationen), Normalitätshülsen oder Symbolisierungen von alternativen Optionen, Möglichkeitsräumen und Utopien.“

6 „Zunehmende Differenzierung wird [...] zur Zentralaussage der soziologischen Theorie, zu ihrer Charakterisierung der modernen Gesellschaft; und daraus erklärt sich, daß diese Gesellschaft mehr Individualität verspricht und erzeugt als jede Gesellschaft vor ihr“, Luhmann 1989, S. 151.

7 vgl. Bauman 2003, S. 45: „Individualisierung ist ein Schicksal, sie ist nicht frei gewählt - weder zu Zeiten der soliden, noch heute der flüchtigen Moderne. Im Reich der individuellen Wahlfreiheit steht die Alternative, sich an diesem Spiel nicht zu beteiligen, ausdrücklich nicht auf der Tagesordnung.“

8 „Kohärenz ist eine (die) zentrale Dimension [von Kompetenzdemonstration]. [...] Gesellschaftlich wirkende Identitätsvorstellungen fördern eine entwicklungsbewußte, ganzheitlich orientierte Identitätsdarstellung. Demonstration von Nicht-Identität führt zu gesellschaftlichen Sanktionen“, Höfer und Straus 1997, S. 297- 298.

9 „Wenn wir Alain Ehrenbergs These folgen, dass Depression das Gefühl ist, das entsteht, wenn der Graben zwischen dem, was der oder die Einzelne formal erreichen kann, und dem was er sie tatsächlich erreichen kann, zu groß wird, dann ist es plausibel, warum Frauen die HauptkonsumentInnen von Antidepressiva sind. Obwohl Frauen in vielen Teilen der westlichen Welt statistisch gesehen in den letzten Jahrzehnten ‚Gewinnerinnen‘ im Hinblick auf den Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt und Ämtern sind, lässt sich empirisch zugleich ein hohes Maß an Ungleichheit feststellen. [...] Je mehr Frauen jedoch theoretisch tun können, um den Anforderungen gerecht zu werden, desto mehr erscheinen sie für das, was als Versagen gilt, individuell selbst verantwortlich“, Schaper-Rinkel 2012, S. 92.

10 Zeitgenössische Identitätstheoretiker*innen wie Heinrich Keupp sprechen analog zur Metapher der Collage häufig von ‚Patchwork-Identität‘ (Keupp 1997, S. 12) oder ‚Bastel-Identität‘ (Keupp 1997, S. 17). Vgl. hierzu auch Hitzler und Honer 1994, S. 310: „Das individuelle Sinnbasteln des individualisierten Menschen hat - gelingenderweise - folglich stets etwas von einem Patchwork bzw. von einer Collage, von jedem ästhetisch-technischen Verfahren also, diverse Sujets zu einem neuen Assoziationsraum zusammenzuschließen. Es ist die mehr oder weniger - meist weniger - originelle Verarbeitung von vorgefertigten Sinn-Elementen zu einem Sinn-Ganzen, das unter anderem und vor allem das eigene Dasein ‚erklärt‘.“

11 „Die Regeln, die die intelligible Identität anleiten, d.h. die intelligible Behauptung eines 'Ich' ermöglichen und einschränken und ihrerseits teilweise gemäß den Matrizes der Geschlechtsidentität und der Zwangsheterosexualität strukturiert sind, operieren durch Wiederholung. Sagt man, daß das Subjekt konstituiert ist, so bedeutet dies einfach, daß das Subjekt eine Folgeerscheinung bestimmter regelgeleiteter Diskurse ist, die die intelligible Anrufung der Identität anleiten. Das Subjekt wird von den Regeln, durch die es erzeugt wird, nicht determiniert, weil die Bezeichnung kein fundierender Akt, sondern eher ein regulierter Wiederholungsprozeß ist, der sich gerade durch die Produktion substantialisierter Effekte verschleiert und zugleich seine Regeln aufzwingt. In bestimmter Hinsicht steht jede Bezeichnung im Horizont des Wiederholungszwangs; daher ist die 'Handlungsmöglichkeit' in der Möglichkeit anzusiedeln, diese Wiederholung zu variieren“, Butler 1991, S. 212-213.

12 Umgekehrt versteht Butler (2006, S. 92) jedes Erzählen auch als Handeln: „Schon wenn man die Geschichte seiner selbst erzählt, handelt man, denn Erzählen ist eine Art des Handelns, und diese Handlung wird mit einem allgemeinen oder spezifischen Adressaten vollzogen, der bereits in dieser Handlung impliziert ist. Die Handlung ist also an einen Anderen gerichtet, sie erfordert aber auch einen Anderen oder setzt ihn voraus.“

13 „Die Fähigkeit zu und die Erprobung von Projekten der Selbstorganisation sind ohne ausreichende materielle Absicherung nicht möglich. Ohne Teilhabe am gesellschaftlichen Lebensprozeß in Form von sinnvoller Tätigkeit und angemessener Bezahlung wird Identitätsbildung zu einem zynischen Schwebezustand, den auch ein ‚postmodernes Credo‘ nicht zu einem Reich der Freiheit aufwerten kann. [...] Unser ‚soziales Kapital‘, die sozialen Ressourcen, sind ganz offensichtlich wesentlich mitbestimmt von unserem Zugang zu ‚ökonomischem Kapital‘“, Keupp 1997, S. 19f.

14 Eine detaillierte Untersuchung der Faktoren, die für eine intelligible (und anerkennungswerte) Lebenserzählung in westlichen, aber auch in einigen anderen Kulturen erforderlich sind, findet sich bei Linde 1993.

Details

Seiten
35
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656672555
ISBN (Buch)
9783656694021
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274562
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Subjekt Subjekttheorie Entfremdung Moderne Spätmoderne Postmoderne Identität Foucault Jaeggi Queer Dekonstruktion Ehrenberg anti-identitär Identitätspolitik identity politics narrative Identität Narration liquid identity Gouvernementalität Widerstand Neoliberalismus Selbsttechnologie

Autor

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