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Goethes Leben in Leipzig und die damit verbundenen Werke

Einordnung in die Epochen und Traditionen der deutschen Literatur

von Lisa Gebauer

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Goethe in Leipzig
2.1 Christian Fürchtegott Gellert
2.2 Anna Katharina Schönkopf

3. Epochen und Traditionen
3.1 Rokoko und Anakreontik
3.2 Empfindsamkeit

4. Leipziger Einfluss auf spätere Werke

5. Fazit

6. Literatur
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Die Weite und Breite von Goethes Leipzig-Erlebnis und dessen Verarbeitung fand Ausdruck in vielen Briefen, Gedichten und Liedern, in dramatischen Werken. [...] So war denn Leipzig für Goethe eine Zeit unablässigen Strebens und eine wesentliche Station in seinem Leben. Der Student fand sich in demjenigen begründet, worin er die größte Zufriedenheit seines Lebens finden sollte.“[1]

Johann Wolfgang von Goethe, einer der wohl bekanntesten deutschen Dichter, hat seine Studienzeit in Leipzig zu einem bedeutenden Lebensabschnitt gemacht. Er traf dort nicht nur prägende Persönlichkeiten oder seine erste große Liebe, auch Erfahrungen und Erlebnisse die ihn sein ganzes Leben lang begleiteten, machte er in jener Stadt, die schon im Ankunftsjahr des jungen Goethes 1765 von Kunst und Kultur geformt war. Auch der langsame Aufbruch vom spielerischen und nicht selten erotischen Rokoko ist in dieser Zeit zu verzeichnen. Die Briefe Goethes an seine Freunde, in welchen er seinen Gefühlsströmungen freien Lauf lässt, scheinen fast zu bedeutungsschwer für ein Rokokospiel.[2] Somit könnte Goethes Zeit in Leipzig als die Endphase des Rokoko oder als die Anfangsphase des Sturm und Drang gelten.

Der Leipziger Zeit kann man das Buch Annette oder die kleine Gedichtsammlung Neue Lieder zuordnen. Auch die Idee zu dem Stück Die Mitschuldigen stammt aus dieser Zeit. Es scheint, als hätte der junge Goethe seine Gefühle notiert, um sie später in anderen Werken wieder einfließen zu lassen. Somit findet man auch in den Wahlverwandtschaften und in dem Briefroman Die Leiden des jungen Werther Spuren aus der Studentenzeit. Prägend war diese Zeit auch für Faust, in welchem er beispielweise einen Leipziger Schauplatz, den Auerbachs Keller, verwendet.

Auf Grund dieser Vernetzungen möchte ich in der folgenden Arbeit ausgewählte Texte aus Goethes Studienzeit in Leipzig näher analysieren und den Versuch unternehmen, diese in eine literarische Epoche einzuordnen. Des Weiteren erscheint es mir sinnvoll, auch spätere Werke auf mögliche Einflüsse zu durchleuchten und sie an Hand dieser Charakteristika den Traditionen der deutschen Literatur zuzuordnen. Ich werde mich zum einen auf die Autobiographie Dichtung und Wahrheit von Goethe konzentrieren, um den Hintergrund der Texte besser verstehen zu können, und zum anderen die Texte und Werke kritisch betrachten. Was hat der junge Goethe in Leipzig erlebt? Welche der Begegnungen und Erfahrungen haben seine Arbeit, das Schreiben, in den darauffolgenden Jahren geprägt und wie können die ausgewählten Texte zugeordnet werden? Mit dieser Arbeit starte ich den Versuch, diese Fragen zu beantworten.

2. Goethe in Leipzig

Im Herbst 1765 beginnt für den erst 16-jährigen Goethe ein neuer Lebensabschnitt. Er soll der Laufbahn des Vaters folgen und in Leipzig das Jurastudium beginnen. Leipzig war damals so groß wie Frankfurt, die Geburtsstadt Goethes, etwa dreißigtausend Einwohner lebten dort. Breite Straßen, einheitliche Fassaden, Wohnquartire mit umbauten Höfen, auf welchem sich das geschäftliche und gesellige Leben abspielte – dies alles war der große Unterschied zu Frankfurt.[3] Doch der junge Goethe stand der Idee des Vaters eher skeptisch gegenüber. In vielen Biographien ist zu lesen, dass ihm die Poesie zu diesem Zeitpunkt viel wichtiger war. Er inskribierte für das Jurastudium mit dem Hintergedanke, dass er sich trotzdem der Dichtung widmen könne. Außerdem versorgte ihn sein Vater mit einem Monatswechsel von hundert Gulden, der damalige Gehalt eines tüchtigen Handwerkers. Die maßgeschneiderten Anzüge, welche er von seinem Vater mitbekommen hatte, tauschte er in der Studentenstadt gegen den neusten Schick ein. Sein Jugendfreund, Johann Adam Horn, erkannte ihn fast nicht wieder, als er wenig später auch nach Leipzig kam. Trotzdem fehlte ihm noch die Eleganz und der notwendige gesellschaftliche Schliff, das er deutlich zu spüren bekam.[4]

Goethe wohnte nun im Hause des Professors Böhme, er kannte schon den alten Goethe aus dessen Studienzeit. Böhme versuchte dem jungen Studenten den Plan alte Sprachen und schöne Wissenschaften zu studieren auszureden, nicht zuletzt weil er den allgemein gefeierten Gellert, Professor für Philosophie, nicht leiden konnte. Doch Goethe lies sich nicht aufhalten, die Vorlesungen über Literaturgeschichte anzuhören.[5]

2.1 Christian Fürchtegott Gellert

Als Gellert zu Goethes Professor wurde, unterrichtete dieser schon seit 20 Jahren an der Universität Leipzig. Besonders bekannt war er für die schönen Wissenschaften, welche von den höheren Wissenschaften (Medizin, Theologie und Jurisprudenz) zu trennen sind. Die schönen Wissenschaften sind also der etwas unseriösere Rest, der im weitesten Sinne alle Künste von der Poesie bis zum Gartenbau und von der Lyrik bis zum Ausdruckstanz, Rhetorik, Grammatik, Historie und Geographie umfassen kann.[6] Gellert war dem jungen Goethe bereits vor seiner Ankunft ein Begriff, zählte dieser doch neben Johann Christoph Gottsched zu den damals bekanntesten akademischen Lehrern. Es ist wahrscheinlich, dass Goethe Gellerts Werke bereits während der frühen Frankfurter Jahre gelesen hat, denn sie befanden sich in der Bibliothek des Vaters.[7] Dies legt Goethe auch im Zweiten Buch des ersten Teils seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit nahe:

„Canitz, Hagedorn, Drollinger, Gellert, Kreutz, Haller standen in schönen Franzbänden in einer Reihe. Ich hatte diese sämtlichen Bände von Kindheit auf fleißig durchgelesen und teilweise memoriert, weshalb ich zur Unterhaltung der Gesellschaft öfters aufgerufen wurde.“[8]

Gellert bot den Studenten an, ihm ihre schriftstellerischen Versuche vorzulegen. Auch Goethe bat um eine Korrektur seines Hochzeitsgedichtes, welches Gellert aber sogleich an seinen Stellvertreter Clodius weitergab.[9] In Dichtung und Wahrheit erzählt Goethe von dieser Enttäuschung. An diesem Beispiel kann man aufzeigen, dass die Autobiographie, welche Goethe 1809 anfing zu schreiben, literarische Überformungen der lebensgeschichtlichen Ereignisse enthält. Gegenüber seiner Schwester hatte Goethe nämlich behauptet, dass er das nicht überlieferte Gedicht vor Gellert zurückgehalten habe.[10] Somit ist Goethes Autobiographie zwar eine wertvolle Quelle für uns, jedoch in gewisser Hinsicht mit Vorsicht zu genießen. Wie man an dieser Stelle erkennen kann, weist sie eine verzerrte oder konstruierte Wirklichkeit auf.

[...]


[1] Alexander Radistschew: Russischer Aufklärer und Revolutionär, in: Berühmte Leipziger Studenten, hg v. Hennig Horst, Leipzig (Urania-Verlag) 1990, S. 64-70, hier: S.69.

[2] Vgl. Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens, 1. Auflage, München (Carl Hanser Verlag), 2013, S54.

[3] Vgl. Ebd., S.39.

[4] Vgl. Ebd., S.41.

[5] Vgl. Heinrich Döring: Goethes Leben, 8. Auflage, Jena (CreateSpace Independent Publishing Platform), 2012, S. 39f.

[6] Vgl. Jutta Heinz: Empfindsame Wissenschaft. Zur Vermittlerfunktion der „schönen Wissenschaften“ bei Gellert, in: Gellert und die empfindsame Aufklärung, hg. v. Sibylle Schönborn, Vera Viehöver, Berlin (Erich Schmidt Verlag) 2009, S. 23 – 39, hier: S. 24.

[7] Vgl. Sikander Singh: Goethes Antike. Die Geburt der Klassik aus dem Geiste Gellerts, in: Gellert und die empfindsame Aufklärung, hv. v. Sibylle Schönborn, Vera Viehöver, Berlin (Erich Schmidt Verlag) 2009, S. 221 – 235, hier: S. 221.

[8] Johann Wolfgang von Goethe: Goethe sämtliche Werke. Dichtung und Wahrheit, hg. v. Klaus-Detlef Müller, Vierzig Bände, Frankfurt (Deutsche Klassiker) 1986. Vierzehnter Band, S. 89f.

[9] Vgl. Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens, 1. Auflage, München (Carl Hanser Verlag) 2013, S. 44.

[10] Vgl. Singh: Goethes Antike, S.223.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656672425
ISBN (Buch)
9783656693796
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274545
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Germanistik
Note
1
Schlagworte
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Autor

  • Lisa Gebauer

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