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Liebe im Mittelalter - Liebe in `Paris un Wiene`

Seminararbeit 2000 12 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. `Paris un Wiene` - eine mittelalterliche Erzählung

II. Liebe im Mittelalter – Liebe in `Paris un Wiene`
1. Die Sprache der Liebe/ Liebesfetischismus
2. Heimliche Ehe statt heimlicher Liebe
3. Die Ausblendung von Sexualität
4. Die Aufopferung für den Geliebten

III. Resümee

IV. Literaturverzeichnis

I. `Paris un Wiene` - eine mittelalterliche Erzählung

>Paris un Wiene< ist eine jüdische Erzählung, die, wie man vermutet, zwischen 1532 und 1553 entstanden ist.[1] Allerdings spielt die Handlung im 13.Jahrhundert. Diese Erzählung ist eine Art Liebesroman, die von den Protagonisten Paris und Wiene handelt, die gegen die Gesellschaft für ihre Liebe kämpfen. Typisch für diese Zeit ist, daß sich Paris, ein adliger und tugendreicher Ritter in die schöne Königstochter Wiene verliebt. Er wirbt um sie, indem er ihr vor ihrem Fenster in der Nacht Ständchen vorbringt und für sie in einem Turnier alle anderen Ritter niederkämpft, um „ihren Ruf als schönste Jungfrau der Welt zu bestätigen“[2]. Allerdings weiß Wiene nicht, wer dieser Unbekannte ist, obwohl sie sich schon längst in ihn verliebt hat. Erst als Wiene zufällig seinen Vater im Schloß besucht, findet sie in Paris` Kammer die von ihr für das Turnier gestifteten Trophäen. Daraufhin verlangt Wiene Paris zu sich und gesteht ihm ebenso ihre Liebe. Paris bittet nun seinen Vater bei König Dolphin, dem Vater von Wiene, um ihre Hand anzuhalten. Dieser Versuch schlägt allerdings fehl, da Dolphin sehr wütend auf dieses Heiratsgesuch reagiert. Die einzige Möglichkeit, ihre Liebe zu leben, sehen Paris und Wiene einzig und allein in der Flucht, die sie aber bald aufgeben müssen, da die Verfolger ihnen zu dicht auf den Fersen sind. Nur Paris hat die Chance ihnen zu entkommen, Wiene aber wird zu ihrem Vater zurückgebracht. Zwar kann sie ihren Vater von ihrer gewahrten Unschuld überzeugen, aber trotz allem wird sie mit ihrer Freundin Isabele im Kerker eingeschlossen. Dolphin versucht nun, sie endgültig mit jemandem, der für ihn von Vorteil ist, zu verheiraten, doch Wiene gelingt es mit einem Trick, die Anwärter abzuweisen. Paris hingegen reist über viele Jahre hinweg in die verschiedensten Länder, bis er zuletzt im Orient landet und die Gunst des dortigen Sultans erwirbt. Als eines Tages Dolphin als Spion im Heiligen Land festgenommen wird, kann ihn Paris aufgrund seiner Sprachfertigkeiten und seiner Beziehungen zum Sultan befreien. Als Belohnung wünscht er sich vorab aber die Hand seiner Tochter Wiene. Da Dolphin nicht weiß, wer vor ihm steht, weil Paris nicht wiederzuerkennen ist, willigt er sofort ein. Nun steht der glücklichen Wiedervereinigung zwischen Paris und Wiene nichts mehr im Wege. Als Paris nach vielen Jahren wieder in seine Heimat zurückkehrt, kann Wiene ihre Treue und ihre Unschuld, die sie über Jahre bewahrt hat, nochmals unter Beweis stellen, da selbst sie ihren Geliebten nicht wiedererkennt. Erst durch einen Hinweis seitens Paris durchschaut sie, wer er wirklich ist, und sie fallen sich überglücklich in die Arme.

In der folgenden Seminararbeit soll vor allem die Liebe in >Paris un Wiene<, die einen sehr hohen Stellenwert in der zeitgenössischen Literatur einnimmt, behandelt werden. Wie hat Wiene es geschafft, sich für Paris aufzusparen und wie geht in der Geschichte dieser Liebesdiskurs überhaupt vonstatten – das sind Themen, die unter anderem geklärt werden sollen. Auch soll in manchen Kapiteln darauf hingewiesen werden, wie die Realität im Mittelalter im Gegensatz zur Darstellung in der Literatur aussah.

II. Liebe im Mittelalter – Liebe in `Paris un Wiene`

1. Die Sprache der Liebe/Liebesfetischismus

Die Liebe hat immer eine ganz besondere, eine eigene Sprache, so auch in `Paris un Wiene`. Die Sprache der Liebe tritt somit in Form von codierten Verhaltensweisen und Worten auf, wie beispielsweise Gesten, Handlungen oder Sprachfiguren. Der oben bereits erwähnte nächtliche Gesang von Paris unter dem Fenster Wienes kann hierfür als Beispiel herangezogen werden. Der Gesang gilt als typisches Mittel, seine Liebe der Angebeteten zu zeigen. Bei Wiene sieht man ganz deutlich, wie schnell sie sich nur durch die Worte und den Gesang von Paris verzaubern läßt, da sie ihm sofort verfällt und sich in ihn verliebt. Dabei ist unwichtig, was Paris singt, also welche Inhalte er in seiner Minnetat wiedergibt, sondern vielmehr ist es von Bedeutung, daß er singt. Obwohl Wiene bisher keinen Wert auf eine Liebschaft gelegt hat, kann sie nicht leugnen, daß sie von diesem Gesang tief berührt ist, nicht zuletzt deswegen, weil man dadurch um sie wirbt: „... denocht gevil ir das dosig wol, un` ale tag un` tegliche tegen gedocht si dran ...“ (59.3-5.). Egal was sie tut, ob sie reitet oder Fische fischt, sie muß ständig an den schönen Gesang denken: „nischt war, das ihr das herz kunt men geringen, as di` zu hören schlagen oder singen.“ (58.7-8.). Wiene hat noch nie denjenigen gesehen, der für sie die nächtlichen Ständchen unter ihrem Fenster darbringt, doch ihr genügt allein die Stimme, obwohl sie schon „gar gern gekent ir nemen.“ (59.8.) Das Sichverlieben geht somit nicht zuerst über die Augen, sondern allein über das Wahrnehmen der Stimme, also über die Ohren, vonstatten.

Da Berührungen in der Zeit des Mittelalters nicht immer so möglich waren wie dies heute der Fall ist, hat sich der sogenannte Liebesfetischismus entwickelt. Der Liebesfetischismus beinhaltet eine indirekte Kommunikation, bei der sich das Begehren auf Gegenstände oder Dinge verlagert, die mit dem Geliebten oder der Geliebten in Verbindung gebracht werden. So kämpft Paris in verschiedenen Turnieren für Wiene, um ihren Ruf als schönste Frau zu wahren. Dabei erscheinen die Frauen, für die diese Wettkämpfe ausgetragen werden, nicht persönlich, sondern sie schicken einen Gegenstand, der so mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Wiene beispielsweise hat ein „schilt [, di`] ous kristal“(217.1.) und einen „hüpschen kranzen“(217.2.) überbracht, die Paris dann in seiner Kammer auf einem kleinen Altar aufstellt. Dadurch kann man erkennen, welch große Bedeutung diese Dinge für Paris hatten beziehungsweise haben, denn er betrachtet diese Geschenke von Wiene als etwas Göttliches. Diese Gegenstände kann er berühren und ihr dadurch nah sein, auch wenn für ihn der Körper Wienes vorerst fern bleibt. Für ihn sind diese Dinge Liebesdevotionalien. Erst bei einem Besuch beim Vater von Paris entdeckt Wiene ihre gestifteten Gegenstände. Nun ist ihr endlich klar, wer ihr Angebeteter ist. Sie hat zwar bereits von dem `weißen` Ritter gewußt, der ihr die Ehre als schönste Frau der Welt eingebracht hat, doch seine Identität ist ihr bis zu diesem Zeitpunkt verborgen geblieben. Aus diesem Grunde haben diese Objekte auch eine große Bedeutung für Wiene erlangt, da ihr nun das Verborgene offenbart wurde und sie sich der Liebe Paris` sicher sein kann.

[...]


[1] Timm, Paris un Wiene, Seite 137

[2] Bachorski, Posen der Liebe, Seite 109

Details

Seiten
12
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638295024
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27453
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für deutsche Philologie
Note
2
Schlagworte
Liebe Mittelalter Wiene` Paris Wiene

Autor

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Titel: Liebe im Mittelalter - Liebe in `Paris un Wiene`