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Titos Nationalpolitik. Jugoslawien in den 1960er – 1970er Jahren

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Allgemeine Charakteristik der Völker der SFRJ
I.1. Gemeinsamkeiten
I.2. Unterschiede

II. Tito-Jugoslawien als föderativer Staat
II.1. Das Konzept „Brüderlichkeit und Einigkeit“
II. 2. Gemeinschaft „Jugoslawen“

III. Krisentendenzen in der Nationalpolitik der SFRJ in den 60ern-70ern Jahren
III.1. Wirtschaftliche Gründe der Krise
III.2. Titos Schwankungspolitik: Kombination von Repressionen und Konzessionen

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Balkan galt seit langem als Pulverfass Europas. Eine komplizierte Geschichte der siedelnden Völker, Interessenkonflikte der Großmächte in dieser Region, die hauptsächlich strategische Bedeutungen hatten, Nachbarschaften von zahlreichen, meist komplett unterschiedlichen, Kulturen auf einem relativ kleinen Stück Erde und ein nicht immer friedliches Zusammenleben, nebelhafte Zukunft eines manch neugeborenen Staaten der Region (Mazedonien, Kosovo, Montenegro), die ihnen offensichtlich keine schnelle Prosperität verheisst – das sind die Probleme, die größtenteils ihre Wurzeln in der Vergangenheit haben und ihre Aktualität allerdings für manche ex-jugoslawischen Staaten heutzutage noch bewahrt.

Die Gegenwart auf dem Balkan ist eng mit der Vergangenheit verbunden und die Folgen der Ereignisse der Vergangenheit und die mit ihnen verbundenen Schwierigkeiten sind heute noch deutlich spürbar und prägen gewissermaßen die gegenwärtige Politik der Balkanstaaten. Das Interesse am Thema ist also auf die Aktualität der heute herrschenden Probleme zurückzuführen. Zu einigen solchen Problemen gehören z.B.: Feindschaft und gegenseitiges Misstrauen zwischen den bestimmten Volksgruppen (Serben und Kroaten, Albaner und Serben, orthodoxen Serben und Muslimen), religiöse Intoleranz zwischen Orthodoxen und Katholiken oder Orthodoxen und Muslimen, gegenseitige Beleidigungen der jugoslawischen Völker als Folge der brutalen Balkankriege in den 1990-er Jahren.

Um die Wurzeln der Balkankriege und die modernen nationalen Probleme im postjugoslawischen Raum zu verstehen, ist es sehr wichtig sich an die nahe Geschichte der Tito Jugoslawien zu wenden, da in diesem Zeitabschnitt, der von vielen Ex-Jugoslawen heute als „goldene Zeit“ bezeichnet wird, viele Antworten auf die nachfolgende jugoslawische Katastrophe liegen.

Die Aktualität des von mir ausgewählten Themas beschränkt sich nicht nur auf die Geschichte der Balkanstaaten. Es ist in der letzten Zeit sehr modisch und verbreitet geworden einige Parallele zwischen der nationalen Ordnung der Jugoslawischen sozialistischen Föderation und der heutigen EU zu ziehen. Die zahlreiche Publikationen deutscher Autoren wie Christian Voß[1], unzählige Aussagen von Politikern und Vertreter der Öffentlichkeit[2] und Ex-Jugoslawischen Bürgern[3] sind Beispiele dafür. Die positiven Erfahrungen des Zusammenlebens der Völker in Tito-Jugoslawien, die einerseits so große Unterschiede im kulturellen, religiösen und mentalen Sphäre haben und gleichzeitig verwandte südslawische Völker sind und die Erfahrungen, die die nichtslawische Minderheiten im Rahmen des zweiten jugoslawischen Staates unter Tito erhalten haben, sind sehr wertvoll und können in der Zukunft bei ähnlichen Bedingungen von anderen Völkern angewandte Verwendung finden. Die Berücksichtigung den negativen Erfahrungen zwischen den Balkanvölker im Nachkriegsjugoslawien, von denen manche zu den Lokalkriegen in den 1990-er Jahren führten, kann ihrerseits einen wesentlichen Beitrag in Sachen der Ausarbeitung der notwendigen Mechanismen zur Verhütung ähnlicher Probleme in der Zukunft leisten.

In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die zwei Jahrzehnte der 60-er und 70-er Jahre, des zweiten Jugoslawischen Staates unter dem Gesichtswinkel der damals in der SFRJ herrschenden Nationalpolitik zu betrachten und zu analysieren. Das Ziel dieser Arbeit besteht nicht in der vollständig detaillierten Analyse Titos Nationalpolitik, sondern darin, um allgemeine Tendenzen der Nationalpolitik eines reiferen und späteren Tito (den Zeitraum der 1960 -1970-er Jahren umfassend) zu beobachten, die allgemeine Evolutionsveränderungen in diesem Bereich im Laufe der zwei Jahrzehnte zu berücksichtigen und die damals geschehenen Prozesse im Nationalsphäre aus dem Gesichtspunkt der nachfolgenden Ereignissen im postjugoslawischen Raum zu betrachten und zu bewerten.

Die gegebene Arbeit besteht aus einer Einführung, drei Kapiteln, Fazit und Literaturverzeichnis. Die Kapitel bestehen aus Unterkapiteln. Im ersten Teil wird die allgemeine Charakteristik der jugoslawischen Völkern gegeben, es werden kulturelle sowie mentale Ähnlichkeiten als auch hauptsächlich Unterschiede unter den lange Zeit in der Föderation bestandenen Völker, die lange Zeit der Föderation unterstanden, betrachtet. Das zweite Kapitel handelt von den Besonderheiten der Nationalpolitik des zweiten jugoslawischen Staates, der auf den föderativen Prinzipien gegründet wurde. Dabei wird große Aufmerksamkeit dem ethnischen Phänomen „Jugoslawen“ und der offiziell herrschenden Ideologie „Brüderlichkeit und Einigkeit“ gewidmet. Im letzten dritten Kapitel der Arbeit werden die Ursachen der Krise der von Tito geführten Nationalpolitik genannt und solche Erscheinungen wie kroatischer Separatismus, serbischer Nationalismus analysiert.

Die unten angeführten Thesen, sollen in der vorliegenden Arbeit ihre Bestätigung finden:

1. Zwischen den in der SFRJ eingetretenen Völkern gab es mehr Differenzen als Verknüpfungsfaktoren, was die Chancen auf ein langfristiges Zusammenleben im Rahmen eines einheitlichen Staates minimisierte
2. Die von Josip Broz Tito geführte Nationalpolitik könnte nicht langfristig funktionieren und nach Titos Tod war sein Staat zum Untergang verurteilt. Die SFRJ war vielfach ein Tito-Staat
3. Neben den historischen, religiösen, kulturellen und mentalen Unterschieden zwischen den jugoslawischen Völkern, die ihr gemeinsames Leben im zweiten Jugoslawien erschwerten, gehörten die wirtschaftlichen Probleme zu einer der wichtigsten Ursachen der Krise der Titos Nationalpolitik
4. Dank der Doppelstrategie (Kombination von Repressionen und Konzessionen) gelang es Tito zentrifugale Kräfte innerhalb Jugoslawiens jahrzehntelang zurückzuhalten.

Zu den Hauptmethoden der Forschung beim Schreiben dieser Arbeit gehören: die historiographische Analyse der wissenschaftlichen Publikationen über Titos Nationalpolitik in Jugoslawien, der Vergleich und die Interpretation der deutschsprachigen, serbischen, kroatischen und russischen bibliographischen Materialien und Videodokumenten zum gegebenen Thema.

Folgende Literatur wurde für die vorliegende Arbeit verwendet: „Tito“ von Carl Gustaf Ströhm[4], Gavro Altman „Jugoslawien – eine vielnationale Gemeinschaft“[5], Catherine Samary „Die Zerstörung Jugoslawiens. Ein europäischer Krieg“[6], Johann Georg Reißmüller „Der Krieg vor unserer Haustür. Hintergründe der kroatischen Tragödie“[7], Meier Viktor „Der Titostaat in der Krise: Jugoslawien nach 1966“[8], Christian Voß „Einheit in der Vielfalt? Eine Gegenüberstellung der Kulturpolitik in Tito-Jugoslawien und der Europäischen Union“[9], Calic Marie-Janine „Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert“[10]. Es wurden Artikeln in der Zeitschrift „Geschichte mit Pfiff“ vom November 2000, die vollständig der Geschichte Jugoslawiens gewidmet wurde, benutzt[11]. Die Publikationen von den berühmten russischen Experten des gegebenen Themas wie Guskova Elena[12] und Romanenko Sergej[13] wurden aktiv verwendet. Ausserdem wurden zahlreiche Internetquellen und Videodokumente benutzt, die im Literaturverzeichnis der vorliegenden Arbeit aufgelistet werden.

Die russischen Namen sowie Fachtermini erscheinen in der Regel in der wissenschaftlichen Transliteration.

I. Allgemeine Charakteristik der Völker der SFRJ

Nach der Verfassung 1974 bestand die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien aus sechs gleichberechtigten Republiken: Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und Montenegro. Innerhalb Serbiens gab es zwei autonomen Provinzen: Kosovo und Vojvodina. In diesem Zusammenhang scheint es notwendig die Völker, die in der einheitlichen jugoslawischen Föderation jahrzehntelang bestanden, aus der historischen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und mentalen Sicht kurz zu charakterisieren und dementsprechend gemeinsame Züge, die das Zusammenleben im zweiten jugoslawischen Staat erleichterten und Unterschiede, die als direkte oder potenzielle Faktoren der desintegrativen Tendenzen betrachtet werden können, zwischen ihnen zu bestimmen.

I.1. Gemeinsamkeiten.

Alles, was die südslawischen Völker miteinander verband, wurde in der Tito-Zeit aktiv instrumentalisiert, popularisiert und besungen. Man kann, meines Erachtens, zwei grosse Bindeglieder zwischen der, die Föderation besiedelten, Völkern nennen, die die Existenz eines gemeinsamen Staates der Südslawen nach dem zweiten Weltkrieg weniger schmerzhaft machten und in gewissem Masse das Zusammenleben für einige Jahrzehnte ermöglichten. Erstens waren die in die Föderation eingehenden Völker grösstenteils Slawen, die einigermassen fast gleiche Sprachen hatten. Unter Josip Broz Tito wurde die Sprache den beiden grössten jugoslawischen Volksgruppen Serben und Kroaten als eine Sprache (entweder serbokroatisch oder kroatoserbisch benannt) erklärt. Diese Angehörigkeit zu einer ethno-linguistischen Gemeinschaft wurde benutzt, um den gemeinsamen Ursprung der in der jugoslawischen Föderation bestehenden Völker zu unterstreichen. Es wurde z.B. in der Nationalhymne Jugoslawiens „Hei Ihr Slawen“, in der der „slawische Geist“ als „Geist unserer Ahnen“ besungen wurde, deutlich ausgedrückt. Das Land hiess nicht zufällig Jugoslawien, was „das Land der Südslawen“ bedeutet. Die Komponente jugo-, wie Christian Voß gemerkt, wurde immer programmatisch und politisch verwendet. Diese Komponente wurde in die moderne Alltagswelt vorgedrungen: Jugoton, Jugoplastika, Jugošik[14].

[...]


[1] Voß, Christian (2008): Einheit in der Vielfalt? Eine Gegenüberstellung der Kulturpolitik in Tito-Jugoslawien und der Europäischen Union. Antrittsvorlesung am 1.02.2008, Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät II Institut für Slawistik.

[2] Pavičevic, Borka. Zentrum für „Kulturelle Entgiftung“. http://www.youtube.com/watch?v=sD4BGnRvcVQ (letzter Zugriff 02.02.2012).

[3] Jugoslawien-beinahe wie vor dem Krieg. http://www.youtube.com/watch?v=rzk0qrGAh1M&feature=related (letzter Zugriff 02.02.2012).

[4] Ströhm, Carl Gustav (1980):Tito.

[5] Altman, Gavro (1978): Jugoslawien - eine vielnationale Gemeinschaft, Belgrad.

[6] Samary, Catherine (1995): Die Zerstörung Jugoslawiens. Ein europäischer Krieg, Köln.

[7] Reißmüller, Georg Johann (1992): Der Krieg vor unserer Haustür. Hintergründe der kroatischen Tragödie, Stuttgart.

[8] [8] Meier, Viktor (2007): Der Titostaat in der Krise: Jugoslawien nach 1966. In: Dunja Melčič (Hrsg.):Der Jugoslawienkrieg, Wiesbaden. S. 201-209.

[9] Voß, Christian (2008): Einheit in der Vielfalt? Eine Gegenüberstellung der Kulturpolitik in Tito-Jugoslawien und der Europäischen Union. Antrittsvorlesung am 1.02.2008, Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät II Institut für Slawistik.

[10] Calic, Marie-Janine (2010): Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. http://books.google.de/books?id=cTjtGDNaViMC&pg=PA117&dq=nationalpolitik+jugoslawien&hl=de&ei=oZzPTqqMGYvDtAaEh7j5DA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=3&ved=0CEEQ6AEwAg#v=onepage&q=nationalpolitik%20jugoslawien&f=false (letzter Zugriff 02.02.2012).

[11] Zwischen zwei Blöcken (2000). In: Franz Metzger (Hrsg.): Geschichte mit Pfiff. November 2000. S. 26-29.

[12] Guskova, Elena (2006): Albanskij faktor krizisa v byvšej Jugoslavii, in: Analitičeskie zapiski № 18. S.67-90.

[13] Romanenko, Sergej (2007): Jugoslavskij rubikon, in: Novoe literaturnoe obozrenie № 1. S.138-163.

[14] Voß, Christian. S.7.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656668824
ISBN (Buch)
9783656668787
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274402
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
titos nationalpolitik jugoslavien jahren

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Titel: Titos Nationalpolitik. Jugoslawien in den 1960er – 1970er Jahren