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"Nie wieder Krieg". Eine empirische Studie über den Umgang mit Kriegserlebnissen

Diplomarbeit 2003 120 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Untersuchung
2.2 Definitionen
2.2.1 Definition Kriegserlebnis
2.2.2 Unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Erlebten
2.3 Kriegserlebnis als Problem
2.3.1 Überblick
2.3.2 Kriegserlebnis als Tabuthema
2.3.3 Physische Folgen von Kriegserlebnissen
2.3.4 Kriegserlebnis als mehrdimensionale soziale Problematik
2.3.5 Traumatisierung
2.4 Umgang mit Kriegserlebnissen
2.4.1 Bewältigung
2.4.2 Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen
2.5 Historischer und kultureller Kontext
2.5.1 Nationalsozialistischer Erziehungsstaat
2.5.2 Holocaust und Nürnberger Prozesse
2.5.3 Eckpunkte des Zweiten Weltkriegs
2.5.4 Minderjährige und alte Soldaten
2.5.5 Kriegsgefangene in der Sowjetunion

3 Methodisches Vorgehen
3.1 Grundsätze qualitativer Sozialforschung
3.2 Datenerhebung mit dem problemzentrierten Interview
3.2.1 Grundlagen
3.2.2 Anforderungen an die Gesprächsführung
3.3 Auswertung mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring

4 Die Datenerhebung
4.1 Der Interviewleitfaden
4.1.1 Grundlagen des Interviewleitfadens
4.1.2 Beschreibung der Kategorien
4.1.3 Gliederung des Interviewleitfadens
4.2 Die Interviewpartner
4.2.1 Auswahlkriterien für die Interviewpartner
4.2.2 Die Gewinnung der Interviewpartner
4.2.3 Der erste Kontakt mit potenziellen Interviewpartnern
4.2.4 Beschreibung der Interviewpartner
4.3 Durchführung der Interviews
4.3.1 Datenerhebung und Datenerfassung
4.3.2 Ablauf des Interviews
4.3.3 Persönliche Reflexion

5 Auswertung mit der qualitativen Inhaltsanalyse
5.1 Beschreibung des Kategoriensystems zur Auswertung
5.1.1 Sozialdaten
5.1.2 Beschreibung des Erlebnisses
5.1.3 Umgang mit der Ausstattung
5.1.4 Umgang mit dem Austausch
5.1.5 Umgang mit Macht
5.1.6 Umgang mit Werten und Kriterien
5.1.7 Vorauslaufende Bedingungen
5.1.8 Subjektive Bedeutung für Betroffene
5.2.9 Besonderheiten im Nachgespräch
5.2 Auswertung der Kategorieninhalte
5.2.1 Sozialdaten
5.2.2 Beschreibung des Erlebnisses
5.2.3 Umgang mit der Ausstattung
5.2.4 Umgang mit dem Austausch
5.2.5 Umgang mit Macht
5.2.6 Umgang mit Werten und Kriterien
5.2.7 Vorrauslaufende Bedingungen
5.2.8 Subjektive Bedeutung
5.2.9 Besonderheiten im Nachgespräch

6 Interpretation
6.1 Sozialdaten
6.2 Beschreibung der Erlebnisse
6.2.1 Erzählstil
6.2.2 Schwerpunkte
6.2.3 Heimkehr nach Deutschland
6.3 Umgang mit der Ausstattung
6.3.1 Umgang mit der Versorgungssituation
6.3.2 Umgang mit körperlichen Reaktionen
6.3.3 Kognitiver Umgang mit dem Gegebenen
6.3.4 Umgang mit Gefühlen und Empfindungen
6.3.5 Sinngebung des eigenen Handelns
6.3.6 Rolle der Religion
6.3.7 Soziale Beziehungen
6.3 Umgang mit dem Austausch
6.3.1 Rolle von Gesprächen
6.3.2 Rolle von Feldpost und Tagebuch
6.3.3 Gegenseitige Hilfe und Behinderung
6.3.4 Zusammenarbeit in der Wehrmacht
6.4 Umgang mit Macht oder Überlegenheit
6.4.1 Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Geschehen
6.4.2 Macht oder Überlegenheit
6.4.3 Regeln, wie über Erlebtes gesprochen oder berichtet wird
6.4.4 Informationen
6.5 Umgang mit Werten und Kriterien
6.5.1 Orientierungsmaßstäbe
6.5.2 Missachtung von Werten
6.6 Vorrauslaufende Bedingungen
6.6.1 Informationen und Vorerfahrungen
6.6.2 Wirkung der Vorerfahrung
6.7 Subjektive Bedeutung
6.7.1 Folgen des Erlebnisses
6.7.2 Veränderungen im Laufe der Zeit
6.7.3 Erhaltene Unterstützung
6.7.4 Heutige Gedanken über das Erlebte
6.7.5 Heutige Gedanken und Bewertungen über Krieg
6.7.6 Aus dem Erlebnis heraus wichtig geworden
6.7.7 Bedeutung des Gesprächs
6.8 Besonderheiten im Nachgespräch

7 Kritische Reflexion

8 Schluß

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Kontakt mit Senioren aus meinem privaten Umfeld, die „vom Krieg“ erzählten fiel mir auf, dass die Weitergabe des Erlebten in Form von ausholenden, sich wiederholenden aber auch unvollständigen Erzählungen erfolgte. Die Geschichten enthielten Erfahrungen wie Angst, Tod und Mangel, die in einem historischen Kontext eingebettet waren, der außerhalb meines Vorstellungsvermögens lag.

Dabei stellte ich mir die Frage, was diese Kriegsveteranen trotz fundamentaler gesellschaftlicher Entwicklungen in Europa innerhalb der letzten Jahrzehnte noch derart an ihren Erzählungen festhalten lässt. Das Erlebte schien die Betroffenen nicht loslassen zu wollen. Die unermüdliche Ausstrahlung von Berichten und Dokumentationen der Fernsehanstalten an zahlreichen Jahrestagen des Zweiten Weltkriegs schien diesen Erzähldrang einerseits zu spiegeln und ihm andererseits ständig neue Nahrung zu geben.

Diese Beobachtungen führten mich auch zu der Frage, welchen Einfluss die Erlebnisse der heutigen Eltern- und Großelterngeneration auf ihr späteres Leben in der Bundesrepublik Deutschland hatten und heute noch haben.

Aus der Sicht der sozialen Arbeit betrachte ich im Rahmen dieser Arbeit, welche Wege die Betroffenen damals finden konnten, um mit ihren Erlebnissen umzugehen. Außerdem möchte ich erfahren welche subjektive Bedeutung sie dem Erlebten heute geben.

Zusätzlich zu meinem Forschungsinteresse liegt ein Ziel dieser Arbeit darin, den Betroffenen eine Möglichkeit zu geben vertieft aus Ihrem Erfahrungsschatz zu berichten und darzulegen, welchen Stellenwert das Erlebte heute für sie hat. Damit leistet diese Arbeit auch einen Beitrag zur Erhaltung eines bedeutenden und zugleich schauerlichen Teils deutscher Zeitgeschichte.

2 Grundlagen

2.1 Gegenstand und Erkenntnisinteresse der Untersuchung

Die Forschungsfragen dieser Arbeit lauten:

- Wie haben sich Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit dem Erlebten unmittelbar auseinandergesetzt?
- Welche Bedeutung geben Betroffene heute dem Erlebten?

Mein Interesse im Rahmen dieser Arbeit gilt den Möglichkeiten und Wegen, die Betroffene damals finden konnten, um mit ihren Erlebnissen umzugehen. Weiterhin interessiert mich die Stellung, die Kriegserlebnisse von Senioren in ihrem heutigen Leben haben.

Gegenstand dieser Arbeit ist es, Informationen über Kriegserlebnisse von Soldaten unter Berücksichtigung des historischen und kulturellen Kontextes zu erhalten. Ein Fokus bei der Datenerhebung liegt dabei auf den Problemen und Ressourcen der damaligen sozialen Lebenswelt der Befragten. Um zu ermitteln, wie sich Betroffene damals mit dem Erlebten auseinandersetzen konnten, wird die Art und Weise des unmittelbaren Umgangs der Person anhand der geschilderten Erlebnisse vertieft.

In einem weiteren Teil wird dargestellt, inwieweit die Erlebnisse für die Interviewpartner von nachhaltiger subjektiver Bedeutung sind und wie sich Betroffene heute damit auseinandersetzen.

2.2 Definitionen

2.2.1 Definition Kriegserlebnis

Krieg ist laut Wörterbuch als „bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Staaten“ definiert (Mackensen 1955, 458).

Unter Kriegserlebnis verstehe ich zum einen eine Begebenheit oder eine länger andauernde Situation, die ein Soldat oder Kombattant im Kampf erlebt. Der Zeitraum der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs bestimmt den zeitlichen Rahmen, in dem diese Erlebnisse eingebettet sind.

Im Rahmen dieser Arbeit habe ich festgestellt, dass einige der Veteranen von ihren Erlebnissen in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft berichten wollten. Daher verstehe ich unter Kriegserlebnissen auch Erlebnisse und alltägliche Situationen, die sich in Kriegsgefangenschaft abspielten. Dadurch erweitert sich der historische Kontext bis in die sogenannte „Nachkriegszeit“ hinein.

2.2.2 Unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Erlebten

Die Definition des Begriffs der unmittelbaren Auseinandersetzung von Soldaten mit dem Erlebten entnehme ich aus dem Modell von Filipp (Filipp 1990, 10ff) zur Analyse kritischer Lebensereignisse (siehe auch Punkt 2.4.2).

Unter die Merkmale der unmittelbaren Auseinandersetzung fallen insbesondere das Verhalten der Person auf der instrumentellen und kognitiven Ebene. Darunter sind sichtbare Handlungen, die nach außen auf das Ereignis gerichtet sind sowie kognitive Vorgänge, welche die Befindlichkeit der eigenen Person verändern, zu verstehen (siehe auch 2.4.2).

2.3 Kriegserlebnis als Problem

2.3.1 Überblick

Bei der Betrachtung von Kriegserlebnissen als Problem ergeben sich mehrere Zugänge. Zunächst ist nach erfahrenen Belastungen zu fragen. Unter diesem Aspekt können eindrückliche Erlebnisse und problematische Lebensbedingungen erfragt werden. Im Rahmen dieser Arbeit bildet die Erfassung sozialer Probleme einen Schwerpunkt in der Datenerhebung. Die theoretische Grundlage dafür bildet die Kategorisierung sozialer Probleme nach Staub-Bernasconi (1998). Diese ist unter Punkt 2.3.4 näher ausgeführt.

Ein weiterer Zugang zur Problembetrachtung ergibt sich darin, inwieweit die Auswirkungen der erfahrenen Belastungen möglicherweise noch heute das soziale, psychische und körperliche Wohlbefinden der Betroffenen beeinträchtigen. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, lege ich unter Punkt 2.3.5 einen Schwerpunkt auf mögliche langfristige psychische Effekte.

Weiterhin kann es ein Problem sein, wie Menschen heute mit den früheren Erlebnissen umgehen können. Neben Eigenschaften der Persönlichkeit spielt hier das Problem der Tabuisierung eine Rolle (siehe 2.3.2).

Dabei ist nicht zu vergessen, dass ein Problem nur dann existiert, wenn der betroffene Mensch Schwierigkeiten hat, mit gemachten Erfahrungen zurechtzukommen. Daraus folgt, dass eine Teilnahme an einem Krieg nicht automatisch ein Problem für den Betroffenen darstellt.

2.3.2 Kriegserlebnis als Tabuthema

Der Zweiten Weltkrieg kann nur in seiner Einbettung in den historischen Kontext gesehen werden. Dadurch geraten auch seine Akteure in die Nähe nationalsozialistischer Ideologie, des Holocaust und der Beteiligung von Soldaten der deutschen Wehrmacht an Kriegsverbrechen. Hinzu kommt der Beginn des Krieges als Angriffskrieg, beteiligte ehemalige Soldaten geraten pauschal in den Verdacht den Zweiten Weltkrieg gewollt und verursacht zu haben. So schreibt Jensen als vorläufiges Teilergebnis einer Studie zur Tradierung von Geschichtsbewusstsein: „Die Nachfolgegenerationen hegen in erster Linie Misstrauen den Darstellungen der Zeitzeugen[1] gegenüber und vermuten zumeist eine Wahrheit jenseits der Erzählungen“ (Jensen 2000, 10). Dieses Misstrauen führe zu einem „... zu massivem Vorgehen gegen die Eltern- bzw. Zeitzeugengeneration...“ und habe „... vermutlich Gespräche – und damit Erkenntnisse - über das Leben und Handeln der Zeitzeugengeneration ... erschwert bzw. verhindert.“ (Jensen 2000, 10). Offene Gespräche darüber, was Eltern und Großeltern im Krieg erlebt haben können somit durch Misstrauen auf der einen und Rechtfertigung auf der anderen Seite bestimmt und behindert werden.

Ein weiterer Aspekt, der das Sprechen erschwert, bildet die Anwendung von Gewalt. Durch den Krieg wird der Schutz des Menschen aufgehoben. Zur Aufgabe eines Soldaten gehört maßgeblich der Kampf, der das Töten des Gegners geradezu einfordert. Betroffene nahmen eine Täterrolle ein, die im Widersprich zu moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen in Friedenszeiten steht.

2.3.3 Physische Folgen von Kriegserlebnissen

Im Zweiten Weltkrieg wurden etwa zwei Millionen deutsche Soldaten und Zivilpersonen zu Kriegsversehrten. Sie wurden mit Verwundetentransporten von den Fronten zurückgebracht und oftmals in schlecht ausgerüsteten Lazaretten, Krankenhäusern und Sanatorien behandelt. „Mit teilweisen schweren körperliche Schäden hatten sie sich nicht nur in extrem schwieriger Zeit zu behaupten, sondern mussten auch mit dem Bewusstsein leben, dass ihre gesamte Zukunft von dieser Verwundung beeinträchtigt sein würde und dass sie diese in einem Krieg erhalten hatten, der mehr und mehr nicht nur von den Siegern als verbrecherisch beurteilt wurde“ (Plato; Leh 1997, 17).

Unter denjenigen Soldaten, die oftmals jahrelang in Kriegsgefangenlagern verbrachten, wurde oftmals Hungerdystrophie beobachtet. Diese wird laut klinischem Wörterbuch (Pschyrembel 1990, 398) durch langandauernde Unterernähung verursacht. Die Unterernährung kann dabei durch die unzureichende Menge, aber auch durch unzureichende Qualität der Nahrung eintreten. Neben Mangel an Fett, Vitaminen und Mineralien spielt dabei auch immer eine Eiweißunterernährung eine Rolle.

Als Symptome von Hungerdystrophie werden u.a. genannt:

- Hunger beherrscht Denken und Handeln des Betroffenen
- Gewichtsabnahme
- Haarausfall
- gealtertes Aussehen
- oft hochgradig entstellende Ödeme

2.3.4 Kriegserlebnis als mehrdimensionale soziale Problematik

2.3.4.1 Überblick

Menschen sind „... für ihr Überleben, ihre Existenzsicherung und ihr Wohlbefinden nicht nur auf eine natur- und menschengerechte ökologische Umwelt, sondern auch auf eine menschengerechte Gesellschaft angewiesen ...“ (Staub-Bernasconi 1998, 14). Vor dem Hintergrund des historischen und kulturellen Kontext des Zweiten Weltkriegs und des Herrschaftssystems des Nationalsozialismus kann das Vorhandensein dieser Vorraussetzungen an Umwelt und Gesellschaft für jene Zeit in Frage gestellt werden. Dazu sind die individuellen Lebensbedingungen der Menschen zu betrachten, die in der damals gegebenen Umwelt und Gesellschaft lebten.

Fehlen die genannten Vorraussetzungen, so können nach Staub-Bernasconi daraus soziale Probleme entstehen. Diese lassen sich in vier Bereiche kategorisieren, auf die nachfolgend eingegangen wird.

2.3.4.2 Probleme der individuellen Bedürfnis- und Wunscherfüllung - Ausstattungsprobleme

Jede Gesellschaft verfügt über eine bestimmte Ausstattung mit gesundheitsbezogenen, medizinischen, psychischen, sozialen und kulturellen Ressourcen. Die unterschiedliche Teilhabe der einzelnen Menschen an diesen Ressourcen oder Errungenschaften kann nach Staub-Bernasconi zu Problemen führen (Staub-Bernasconi 1998, 15ff). Sie bezeichnet diese Art sozialer Probleme als Ausstattungsprobleme, die in mehreren Dimensionen auftreten können.

Eine zentrale Ausstattungsdimension bildet die körperliche Ausstattung des Menschen. Diese umfasst die körperlichen Eigenschaften des Individuums.

Die Dimension der sozioökonomische Ausstattung umfasst Bildung, Arbeit, Einkommen und Vermögen. Daraus ableitbar ist zum Beispiel die gesellschaftliche Position auf der Bildungs-, Beschäftigungs- und Einkommensdimension oder eine bestimmte Wohnsituation.

Unter der sozialökologischen Ausstattung versteht Staub-Bernasconi die Wohn-, Arbeits- und Bildungsumwelt, in der das Individuum lebt. Zur Ausstattung der jeweiligen Wohnumwelt gehören z.B. Einrichtungen für Gesundheit, Mobilität, Erholung und soziale Kontaktaufnahme.

Als eine weitere Dimension nennt Staub-Bernasconi die Ausstattung des Individuums mit Erkenntniskompetenzen. Erkenntniskompetenzen sind Grundorientierungen und Erlebnisweisen, die über Sozialisationsprozesse weiterentwickelt worden sind. Individuelle Werte, Normen und Theorien entstehen aus der Ausstattung des Menschen mit Erkenntniskompetenzen.

Grundlage für die Ausstattung mit Erkenntniskompetenzen ist das Gehirn. Es steuert Prozesse wie z.B. Empfindungen, Denken, die Bewertung von Sachverhalten und die Art und Weise, wie mit Informationen umgegangen wird.

Unter die Dimension der Ausstattung mit Bedeutungssystemen fällt die Verfügung über Begriffe, Aussagen und Aussagesysteme. Beispiele hierfür sind Selbstbilder (Identität), Fremdbilder und Theorien über andere Menschen.

Eine weitere Ausstattungsdimension ist die Ausstattung mit Handlungskompetenzen. Handlungskompetenzen entstehen, wenn Handlungsweisen über Sozialisationsprozesse weiterentwickelt und gefördert wurden. Handeln definiert Staub-Bernasconi als kognitiven Prozess, der zu motorischen Operationen führt. Handeln kann routiniert, rollenbezogen oder kognitiv gesteuert sein.

Die Ausstattung mit sozialen Beziehungen und Mitgliedschaften umfasst zugeschriebene und frei gewählte soziale Beziehungen und Mitgliedschaften.

2.3.4.3 Probleme des asymmetrischen Austauschs: Austauschprobleme/soziale Beziehungsprobleme von Individuen

Zur Befriedigung von Grundbedürfnissen wie z.B. Nahrung, Sexualität und Medizinischer Versorgung gehen Menschen Austauschbeziehungen miteinander ein. Die Ausstattung des Individuums entspricht dem Angebot an Austauschmedien über die es verfügen kann. Austauschmedien sind z.B. biologische Ressourcen oder sozioökonomische Güter.

Austauschprobleme entstehen durch asymmetrischen Austausch. Ob ein asymmetrischer Austausch stattfindet, wird an der Gegenseitigkeits- und Gleichwertigkeitsnorm gemessen. Ein problematischer Austausch findet durch ungenügende Gegenseitigkeit beim Prozess des Tauschens oder fehlende Gleichwertigkeit des Tauschergebnisses statt.

Austauschprobleme zeigen sich z.B. in folgenden Bereichen:

- Es existieren ungleiche Beziehungen zur Befriedigung sozioökonomischer Bedürfnisse. Eine Seite wird immer reicher, die andere Seite immer ärmer
- Der Austausch von Wissen, Plänen und Wünschen ist asymmetrisch. Zum Beispiel setzt sich eine Seite öfter mit ihren Vorstellungen durch als die andere
- Es sind Ungleichheiten im Abstimmen von Handlungsweisen gegeben. Dies führt zu Problemen der Zusammenarbeit.

2.3.4.4 Machtprobleme

Knappe und daher begehrte Austauschmedien können zu Machtquellen werden. Diese Machtquellen können Menschen einsetzen, um Einfluss auszuüben und Machtstrukturen aufzubauen. „Das führt zu vertikalen Differenzierungen, was heißt, dass die einen mehr, die anderen weniger haben, die einen Ziele und Befehle durchsetzen können, die anderen Befehle ausführen müssen usw. Dies kann mit, aber auch gegen den Willen anderer erfolgen“(Staub-Bernasconi 1998, 24). Menschen oder Gruppen verbessern somit ihre eigene Ausstattung auf Kosten anderer. Es findet Benachteiligung beziehungsweise Privilegierung statt.

Eine Problematische Machtstruktur bezeichnet Staub-Bernasconi als Behinderugsmacht. Es existieren Behinderungsregeln, die den Zugang zu zentralen Ausstattungsdimensionen, wie z.B. materiellen Gütern, Informationen oder sozialen Beziehungen regeln.

Auch die „... Legitimation von Schichtung und Hierarchisierung ... bis hin zu dem Verfahren, wie die Zustimmung zu diesen Ideen erwirkt und wie mit Dissidenten, Abweichlern umgegangen werden soll ...“ wird über diese Prinzipien geregelt. (Staub-Bernasconi 1998, 25)

Beispielhaft für eine problematische Herrschaftsstruktur sind folgende Kennzeichen:

- Die Funktion des Herrschaftssystems beruht auf garantierter Loyalität und Pflichterfüllung der Mitglieder dieses Systems. Auf menschliche Bedürfnisse wird keine Rücksicht genommen
- Die Verteilung von Aufgaben und sozialen Positionen erfolgt immer innerhalb des gleichen Personenkreises
- Interaktionen auf dem gleichen sozialen Niveau werden verhindert
- Es herrscht ein autokratisches Führungsprinzip
- Die Mitglieder der unteren sozialen Ebenen haben keinen Zugang zum Entscheidungszentrum.

2.3.4.5 Werte- und Kriterienprobleme

Werte definiert Staub-Bernasconi als wünschbare Zustände und Prozesse. Beispiele dafür sind Gesundheit und Unversehrtheit, moralische Richtigkeit, Wahrheit, Freiheit, Solidarität und Demokratie.

Kriterien sind vergesellschaftete Werte, die zum Beispiel durch Recht und Gesetze garantiert sind. Weiterhin umfassen Kriterien auch die Würde des Menschen und Konventionen wie z.B. die Genfer Kriegskonvention oder die Haager Landkriegsordnung zur Behandlung von Kriegsgefangenen.

Werte und Kriterien können sich auf die oben genannten Ausstattungsdimensionen, Austauschformen und Vorstellungen von Macht beziehen.

Wert- und Kriterienprobleme entstehen für das Individuum, wenn es unter dem Unterschied zwischen gegebenen Werten und Kriterien und seinen Vorstellungen über Werte und Kriterien leidet.

Beispielhaft können Wert- und Kriterienprobleme folgende Erscheinungsformen annehmen:

- Es treten Schwierigkeiten auf, wenn Werte, die sich gegenseitig ausschließen, zu Kriterien vergesellschaftet werden sollen
- Durch fehlende Werte und Kriterien fehlt der Maßstab, um unerfüllte Grundbedürfnisse und Kritik formulieren zu können
- Bestehende Kriterien werden nicht erfüllt oder missachtet
- Kriterien werden willkürlich angewendet und/oder dahinter liegende Werte werden anders definiert
- Bestehende Werte und damit verbundene Kriterien werden ausgehöhlt und verletzt. Dies kann beispielsweise geschehen, indem Werte lächerlich gemacht werden, Tatsachen ignoriert werden oder Werte nur solange gelten wie sie der Machtstruktur nutzen.

2.3.5 Traumatisierung

2.3.5.1 Überblick

Die Kriegsneurosen von Soldaten des Ersten Weltkriegs führten zu einem ersten Interesse britischer und amerikanischer Psychiater an der Psychopathologie des Krieges. Während die Betroffenen des Ersten Weltkriegs oftmals noch als schwache Persönlichkeiten betrachtet wurden, waren die Militärpsychiater des Zweiten Weltkriegs daran interessiert effektive Behandlungsmethoden zu entwickeln, um die Geheilten wieder in den Kampf schicken zu können. „Erstmals wurde anerkannt, dass jeder Soldat zusammenbrechen konnte, psychiatrische Erkrankungen waren vorhersagbar in Relation zur Heftigkeit der Kämpfe, die ein Soldat mitgemacht hatte.“ (Herman 2003, 40). Ein Jahr nach dem Ende des Kriegs wurde durch zwei amerikanische Militärpsychiater (Appel und Beebe) die Dauer bis zu einem psychischen Zusammenbruch von Soldaten, die direkt in Kämpfe verwickelt sind, auf 200 bis 240 Tage bestimmt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden 300.000 von 800.000 amerikanische Soldaten, die direkt in Kämpfe verwickelt waren, aufgrund ernster psychischer Symptome als kampfunfähig aus der Armee entlassen. Insgesamt wurden 596.000 Soldaten wegen psychischen Problemen behandelt (Muacvic; Judic 1992, 16ff)[2]. Im nazionalsozialistischen Deutschland bestand diese Möglichkeit nicht. Wie unter Punkt 2.5.4 ausgeführt, wurden aufgrund des Mangels an Soldaten ab 1943 sogar Jugendliche zu Waffenhilfsdiensten herangezogen.

Heute werden zahlreiche psychische Erkrankungen auf die Erfahrung von Kriegserlebnissen zurückgeführt. Dabei treten Überschneidungen in den Symptomen auf. Klain nennt unter anderem folgende psychische Krankheitsbilder: „Combat Stress Reaction”, “Posttraumatic Stress Disorder”, “Psychosomatic Reactions”, “Induced Psychoses”, “Drinking and Alkoholism”, “Drug Addiction”, “Mental Disorders of War Prisoners” (Klain 1992, 5).

Die ersten und heute noch bedeutenden Studien, die speziell psychiatrische Effekte bei amerikanischen Kriegsgefangenen behandelten, wurden von Greenson (bezogen auf den Zweiten Weltkrieg) sowie von Strassmann, Thaler und Schein (bezogen auf den Korea Krieg 1956) veröffentlicht. Beide Studien beschrieben ein „apathy syndrome”, welches den Kriegsgefangenen half, sich an die Umgebung anzupassen. Dies erhöhte die Chancen zu überleben: „Withdrawal and detachment increased the chances of survival. In this way, energy was conservated and the POW [prisoner of war] was less likely to stand out, challenge the captors, and elicit threats and torture.” (Ursano; Rundell abrufbar im Oktober 2003 über http://www.vnh.org/WarPsychiatry/, 432ff)[3].

Nach Mandic (Mandic 1992; 148) werden besonders durch die Gefangennahme wichtige Bereiche der menschlichen Existenz beeinflusst[4]. Dies macht diesen Moment zu einem extrem belastenden Ereignis. Ursano und Rundell beschreiben mehrere Phasen der Erfahrung von Kriegsgefangenschaft, die jeweils ihre eigenen Belastungen mit sich bringen: Gefangennahme, Gefangenschaft, Haft, Rückführung in die Heimat und Wiedereingliederung.[5] (Ursano; Rundell abrufbar im Oktober 2003 über http://www.vnh.org/WarPsychiatry/, 434). Die letzte Phase („reintegration“) bezeichnen sie als lebenslangen Prozess.

Mandic (Mandic 1992; 149ff) unterscheidet zahlreiche Syndrome, die bei Kriegsgefangenen beobachtet wurden. Davon möchte ich nur auf eines näher eingehen. Unter dem Syndrom „Nostalgia“[6] (Mandic 1992, 151) sind mehrere Symptome wie Niedergeschlagenheit, Sehnsucht nach der Heimat sowie Gefühle von Leid, Kummer und Heimweh zusammengefasst. Nach der Heimkehr leiden die Betroffenen unter Schlafstörungen, Anorexie und einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionserkrankungen. Mandic sieht in diesen Symptomen eine mögliche Grundlage für weitere psychische Folgen, wie Depressionen und Angststörungen. Psychische Spätfolgen von Gefangenschaft werden nach Mandic bei 90-100% aller ehemaligen Kriegsgefangenen in Form einer „Post-traumatic reaction to stress“ beobachtet (Mandic 1992, 152). Darunter fasst Mandic mehrere Klassifizierungen psychischer Erkrankungen, wie posttraumatische Belastungsstörung, generalisierte Angststörung, Alkoholmissbrauch und Depression zusammen.

Trotz dieser Vielfalt möglicher psychischer Folgen werden Kriegserlebnisse in der öffentlichen Diskussion oftmals mit Traumatisierung verbunden (siehe zum Beispiel den Artikel von Anita Blasberg 2003: Unsichtbare Wunden in der taz vom 22./23. März 2003). Eine mögliche Ursache dafür sehe ich darin, dass sich die Folgen eines Traumas oftmals noch Jahrzehnte nach einer traumatischen Erfahrung zeigen und sie im Gegensatz zu den anderen hier erwähnten Krankheitsbildern direkt auf bestimmte Erlebnisse zurückführbar sind[7]. Nachfolgend wird näher auf den Aspekt der Traumatisierung eingegangen.

2.3.5.2 Posttraumatische Belastungsstörung

Als man nach dem Vietnamkrieg in den USA die Erfahrung machte, dass viele Veteranen unter erheblichen psychischen Störungen zu leiden hatten, wurde das Konzept der posttraumatischen Belastungsreaktion entwickelt. Dieses Konzept bringt psychische Störungen und das Erleben des Krieges sowie die eigene Täterrolle in einen Zusammenhang (Dörner 2002, 305).

Die Posttraumatische Belastungsstörung entsteht nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation „.. als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Hierzu gehören ... eine Kampfhandlung ... oder Zeuge des gewaltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von ... Verbrechen zu sein.“ (Dilling u.a. 1993, 169f)

Nach Herman (Herman 2003, 53) liegt eine Gemeinsamkeit traumatischer Erfahrungen darin, dass die betroffenen Menschen in extremer Weise intensiven Gefühlen von Hilflosigkeit und Angst ausgesetzt sind. Sie erleben die Bedrohung als überwältigend und sehen sich einer „drohenden Vernichtung“ ausgesetzt. Für den einzelnen Menschen bestehen keine Handlungsmöglichkeiten mehr. Traumatische Erfahrungen überfordern die Anpassungsstrategien des Menschen. Die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung steigt, wenn das Opfer überraschend angegriffen oder verwundet wird oder den Tod anderer Menschen miterlebt. Herman beschreibt drei Charakteristika posttraumatischer Störungen: „Übererregung spiegelt die ständige Erwartung einer Gefahr wieder, Intrusion die unauslöschliche Prägung durch den traumatischen Augenblick, Konstriktion die Erstarrung als Reaktion auf die Niederlage.“ (Herman 2003, 56)

Unter Übererregung versteht Herman einen Zustand chronischer pysiologischer Erregung. „Ihr Körper ist immer in Alarmbereitschaft und auf eine Gefahr vorbereitet.“ (Herman 2003, 56).

Auch die Weltgesundheitsorganisation (Dilling u.a. 1993, 169f) benennt solche Merkmale, um eine posttraumatische Belastungsstörung zu klassifizieren:

- „Zustand von vegetativer Übererregtheit mit Vigilanzsteigerung“
- „übermäßige Schreckhaftigkeit und Schlafstörung““

Intrusion entspricht einem ständigem Wiedererleben des traumatisierenden Augenblicks in Gedanken, Träumen und Handlungen (Herman 2003, 58ff). Dieses Wiedererleben geschieht in Form von Bildern, die mit Sprache nicht zu beschreiben sind und besonders realitätsnah erscheinen. Manche Betroffene suchen das Wiedererleben geradezu auf, andere vermeiden dies. Vermeidung führt nach Herman (2003) zu einer Verschlimmerung des posttraumatischen Syndroms. Von der Weltgesundheitsorganisation (Dilling u.a. 1993, 169f) wird Intrusion nachfolgend beschrieben:

- „wiederholtes Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), Träumen oder Alpträumen“

In einer Phase der Konstriktion verändert sich nach Herman das Bewusstsein des Betroffenen. „Die Wahrnehmungsveränderungen gehen mit Gleichgültigkeit, emotionaler Distanz und völliger Passivität einher, das Opfer gibt jede Initiative und Kampfbereitschaft auf.“ (Herman 2003, 66). Dadurch versucht sich das Opfer zu schützen, es erlebt oder wiedererlebt das Geschehen so, als ob es nicht in der Realität stattfinden würde. Auf den Bereich des Handelns bezogen, vermeiden betroffene Menschen Situationen und Initiativen, die sie an das Ereignis erinnern und beschneiden somit ihre Entwicklungsmöglichkeiten.

Die Weltgesundheitsorganisation fasst die Symptome der Konstriktion so zusammen:

- Das Wiederholte Erleben des Traumas wird von einem „... andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit ..“ begleitet
- Der Betroffene zeigt „Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber, Freudlosigkeit“
- „Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten“ (Dilling u.a. 1993, 169f)

Nach Rahn und Mahnkopf verstärken bestimmte Bedingungen die Vulnerabilität des Menschen. Dazu gehören geringes Lebensalter und frühe Erfahrungen mit Trennung innerhalb der Familie (Rahn, Mahnkopf 2000, 530).

2.3.5.3 Langfristige Traumatisierung

Nach Herman (Herman 2003, 72ff) können sich die unter Intrusion und Konstiktion beschriebenen Zustände des menschlichen Bewusstseins noch jahrelang nach dem traumatisierenden Erlebnis abwechseln. Bezogen auf langfristige Entwicklungen berichtet Herman auch von einer Studie über Opfer von Geiselnahmen, bei denen im Verlauf mehrerer Jahre eine Abnahme von Angst und eine Zunahme psychosomatischer Symptome beobachtet wurde.

Herman sieht eine Gefahr darin, dass posttraumatischen Symptome, die sehr vielfältig sein können, von Außenstehenden als Merkmale der Persönlichkeit des Betroffenen angesehen werden können. Die Traumatisierung würde so unerkannt bleiben. Der Betroffene bleibt an seine Symptome gefesselt und schränkt dadurch sein Leben ein.

Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert langanhaltende Traumatisierung unter dem Begriff der „andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“. Die unten angeführten Merkmale für eine Extrembelastung unterscheiden sich wenig von den bereits unter der „posttraumatischen Belastungsstörung“ genannten (Dilling u.a. 1993, 234ff).

- „Die Belastung muß extrem sein, daß die Vulnerabilität der betreffenden Person als Erklärung für die tiefgreifende Auswirkung auf die Persönlichkeit nicht in Erwägung gezogen werden muß.“
- Die Belastung muß von „katastrophalen“ Ausmaße sein.

Als Beispielhafte Belastungen werden unter anderem Konzentrationslagererfahrungen, Folter, langandauernde Gefangenschaft mit drohender Todesgefahr oder andauerndes „Ausgesetztsein lebensbedrohlicher Situationen“ genannt.

Weiterhin werden von der Weltgesundheitsorganisation (Dilling u.a. 1993, 234ff) Merkmale für eine Persönlichkeitsveränderung klassifiziert:

- Der Betroffene zeigt eine „feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt“
- sozialer Rückzug
- Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit
- ein chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein
- Entfremdungsgefühl

Wenn diese Kennzeichen andauernd und über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren bestehen, so kann von einer andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung“ gesprochen werden. Eine posttraumatische Belastungsstörung kann dieser Form der Persönlichkeitsänderung vorausgegangen sein.

Dörner (Dörner 2002, 305) weist darauf hin, dass nicht jedes Unglück, Leid und jeder Verlust als Trauma bezeichnet werden kann. Traumata können von den Betroffenen nie vergessen werden. Eben dies macht sie für die betroffenen Menschen so besonders quälend. Dörner betont im Umgang mit traumatischen Erfahrungen die Entscheidungsfreiheit des Betroffenen: „Es gehört zur Würde des Menschen, eigene Wege zum Umgang mit Erlebtem zu finden, frei zu bleiben von gesellschaftlichen Eingriffen und seien sie so wohlmeinend wie Psychotherapie und Trauma-Therapie, auch wenn es mühsam, schmerzhaft und langwierig ist ... Es ist aber unzulässig aus dem Erleben möglicherweise traumatisch wirksamer Ereignisse schon zu schließen, dass die betroffenen Menschen ohne professionelle Hilfe nicht auskämen, weil die meisten Menschen stark genug sind, ihr Schicksal zu tragen“ (Dörner 2002, 305).

2.4 Umgang mit Kriegserlebnissen

2.4.1 Bewältigung

Kritische Lebensereignisse werden hier als Erlebnisse verstanden, die einen Einschnitt in das Leben des betroffenen Menschen mit sich bringen (Filipp 1990, 9). Werden in der Auseinandersetzung mit den Belastungen dieser Erlebnisse die Ressourcen der betroffenen Person überstiegen, so beginnt ein Bewältigungsprozess. Nach Lazarus und Folkman bedeutet dies, dass das Individuum sich kognitiv und durch sichtbares Verhalten bemüht, die belastenden Umstände zu entschärfen. Diese Bemühungen sind prozeßhaft und unterliegen somit einer ständigen Veränderung (nach Lazarus und Folkman, in: Trautmann-Sponsel 1998, 15).

Die unmittelbare Auseinandersetzung von Menschen mit kritischen Lebensereignissen veranschaulicht Filipp in ihrem Modell zur Analyse kritischer Lebensereignisse (Filipp 1990, 10ff). Sie berücksichtigt besonders die aktive Rolle der Person „... nicht nur in der spezifischen Art ihrer Wahrnehmung und Bewertung von Lebensereignissen und der spezifischen Art ihrer aktionalen Auseinandersetzung mit diesem Ereignis ... Ihre aktive Rolle muss auch darin gesehen werden, dass sie selbst (mit)bestimmen kann, mit welchen kritischen Lebensereignissen, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Ereignisabfolge sie konfrontiert sein wird.“ (Filipp 1990, 11). Dies ermöglicht der Person eine Vorbereitung auf das bevorstehendes Ereignis sowie eine „antizipatorische Ereignisbewältigung“ (Filipp 1990).

Im nächsten Abschnitt wird anhand der Analyseeinheiten des Modells von Filipp auf verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit Lebensereignissen eingegangen.

2.4.2 Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen

2.4.2.1 Prozessmerkmale

Unter die Merkmale der unmittelbaren Auseinandersetzung fallen insbesondere das Verhalten der Person auf der instrumentellen und kognitiven Ebene.

Dieses Verhalten kann ereignisorientiert oder auf die Befindlichkeit der eigenen Person gerichtet sein. Im ersten Fall versucht das Individuum die belastenden Bedingungen der Situation zu entschärfen. Ist das Verhalten auf die Befindlichkeit der eigenen Person gerichtet, so wird versucht die belastenden Emotionen zu bewältigen. Neben diesen aktiven Verhaltensweisen werden auch Aktivitätshemmung und Aktivitätsverweigerung unter dem Begriff der Prozessmerkmale zusammengefasst.

Beispiele für konkretes Bewältigungsverhalten sind:

- Angriff
- Sinngebung
- Informationssuche
- Kummerreaktion

Im Krieg richtet sich das menschliche Verhalten nach Klain in erster Linie danach, das eigene Überleben zu sichern. Klain führt dies weiter und schreibt dem Selbsterhaltungstrieb im Krieg eine Hauptaufgabe zu: „The main task in war is to stimulate the self-preservation instinct, because war directly threatens human life and bodily integrity“ (Klain 1992, 11).

Auf die Rolle der Informationssuche soll hier näher eingegangen werden. In in der Literatur finden sich mehrere Bedeutungen. Nach Filipp kann die Suche nach Informationen dann vom Individuum angewendet werden, wenn „... eine eindeutige Interpretation der Situation nicht möglich ist und die Situation deshalb als belastend oder bedrohlich erlebt wird“ (Filipp 1990, 240). Die Informationssuche ermöglicht dann eine eindeutige Interpretation mehrdeutiger oder widersprüchlich erscheinender Situationen.

Nach Lazarus hat die Informationssuche auch dadurch eine lindernde Funktion, indem sich „... eine Person durch Prozesse der Rationalisierung oder Rechtfertigung einer bereits getroffenen Entscheidung besser fühlt ...“ (Lazarus 1978, 218).

Eine bedeutende Form des Umgangs mit belastenden Emotionen stellt im Rahmen des Glaubens das Gebet dar. Grom (Grom 1992, 164ff) schreibt dem Gebet aus Religionspsychologischer Sicht eine angstverringernde Funktion zu. Der Betende „... stellt sich in seiner Vorstellung angstauslösenden Situationen, anstelle sie zu verdrängen. So kann er sie ... bewusst erleben und aushalten, ohne mit willkürlicher Panik oder Hilflosigkeitsgefühlen reagieren zu müssen.“ (Grom 1992, 166). Durch wiederholte Gebete kann der Beter „... die gefährdete innere Kontrolle festigen, die äußere Situation weniger verzerrt wahrnehmen und Möglichkeiten eines angemessenen Verhaltens bedenken“. Das Gebet hat in diesem Sinne also eine emotionsgerichtete Bewältigungsfunktion.

Neben dieser rein psychologischen Erklärung sind nach Grom aber auch „spezifisch religiöse Einflüsse“ wirksam. Der Gedanke an eine Glaubensüberzeugung kann helfen Angst zu ertragen. Zum Beispiel kann die Vorstellung der Gleichheit der Menschen vor Gott und der Vergänglichkeit der Welt dem Menschen eine gelassenere Einstellung gegenüber Versagens- und Verlustängsten vermitteln.

2.4.2.2 Antezendenzmerkmale

Unter den Antezendenzmerkmalen sind die Merkmale der vorherigen Lebensgeschichte der Person zu verstehen. Darunter fallen ähnliche Erlebnisse, die Art der Bewältigung früherer Lebensereignisse und eine stattgefundene antizipatorische Sozialisation. Die Erfolgsbilanz der bisherigen Bewältigung von Lebensereignissen gilt als entscheidend für die Art des Umgangs mit der aktuellen Belastung.

2.4.2.3 Personenmerkmale

Die biologische und psychische Ausstattung der Person zum Zeitpunkt des Erlebnisses sind unter dem Begriff Personenmerkmale zusammengefasst. Personenmerkmale sind besonders von Bedeutung im Hinblick auf personale Ressourcen, die eine Person in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Ereignis unterstützen können. Hierunter fallen beispielsweise der Gesundheitszustand, Handlungsziele und Kontrollüberzeugungen eines Menschen. Philipp verweist darauf, dass extreme Lebensbedingungen den Einfluss personaler Ressourcen verringern können. Dies stellte Horowitz als ein Ergebnis einer Studie mit Überlebenden von Konzentrationslagern fest (Philipp 1990, 19).

Auf die Rolle von Kontrollüberzeugungen möchte ich an dieser Stelle näher eingehen. Eine Kontrollüberzeugung liegt dann vor, wenn ein Mensch das Ergebnis seines Handelns entweder auf sich selbst oder auf äußere Einflüsse zurückführt. Dementsprechend wird zwischen internaler und externaler Kontrollüberzeugung unterschieden (Künzel-Schön 2000, 120). Künzel-Schön führt verschiedene Untersuchungen an, die zeigten, dass Menschen mit internalen Kontrollüberzeugungen über besseres körperliches und seelisches Wohlbefinden verfügen als jene mit externalen Kontrollüberzeugungen. Internale Kontrollüberzeugungen wirken somit als Ressource, können aber auch zu höheren Belastungen führen, da vermutet wird „... dass sich Menschen mit hohem Selbstwertgefühl und hoher Kontrollüberzeugung auch in Situationen wohlfühlen können, in denen sie sich möglicherweise (vielleicht auch gerade deshalb) in die Gefahr begeben, Belastungssymptome zu ‚überhören’ und dadurch ihre Gesundheit zu gefährden (nach Weiß, Schneewind und Ohlson, 1995 in: Künzel-Schön 2000, 124). Dies kann zu einer weiteren Steigerung der Belastung führen. Hierzu sehe ich Ähnlichkeiten mit einer Erkenntnis, die Janis (Janis 1951; 171ff) in einer Studie an britischen Opfern deutscher Luftangriffe gewann. Er entdeckte, dass einige Menschen ein Gefühl der Unverwundbarkeit entwickelnten, das ihre Angst reduzierte. Machten die betroffenen Personen jedoch die Erfahrung von Schutzlosigkeit, so waren sie psychisch verletzbarer als diejenigen in der Kontrollgruppe.

2.4.2.4 Kontextmerkmale

Merkmale der dinglichen und sozialen Umwelt, in der die Person lebt, werden als Kontextmerkmale zusammengefasst. Kontextuelle Ressourcen, wie zum Beispiel das soziale Netzwerk, materielle Ressourcen oder medizinische Versorgungseinrichtungen können die Person in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Ereignis unterstützen. Auch die unter Punkt 2.4.4 ausgeführten Formen sozialer Unterstützung werden von Philipp zu den kontextuellen Ressourcen gezählt. Im Rahmen dieser Arbeit zähle ich zu dieser Kategorie alle Formen von Versorgung, die den Betroffenen in ihrer damaligen Lebenswelt zur Verfügung standen. Beispiele hierfür sind Einrichtungen zur medizinischen Versorgung oder die Organisation der Versorgung mit Nahrung.

Weiterhin fallen die Formen sozialer Unterstützung unter diese Kategorie. Unter Sozialer Unterstützung werden unterstützende Ressourcen verstanden, welche die „... negativen Folgen von belastenden Ereignissen abmildern, effektives Bewältigungsverhalten erleichtern und so einen wesentlichen Beitrag zu allgemeinem Wohlbefinden und psychischer wie physischer Gesundheit leisten können“ (Schröder und Schmitt 1988, 150). Wie jede Ressource wirkt diese soziale Ressource nur dann unterstützend, wenn sie auch die aktuellen Bedürfnisse des Individuums erfüllen kann. Das Individuum kann soziale Unterstützung nur aus seinen bestehenden sozialen Beziehungen erhalten.

Schröder und Schmidt (Schröder und Schmitt 1988, 153ff) heben mehrere Kategorien sozialer Unterstützung hervor:

- Emotionale Unterstützung liegt dann vor, wenn Menschen sich Zuneigung, Vertrauen und Einfühlungsvermögen entgegenbringen oder sich umsorgen (soziale Bindung)
- Unter die instrumentelle Unterstützung fallen praktische und konkrete Hilfeleistungen
- Eine Unterstützung durch Informationen erfolgt dann, wenn Tipps und nützliche Informationen einer Person helfen, selbst besser mit Belastungen zurechtzukommen
- Die Unterstützung der Selbstbewertung findet dann statt, wenn sich ein Individuum durch Rückmeldungen aus seinem sozialen Netzwerk selbst besser einzuschätzen weiß.

Die amerikanischen Militärpsychiater Kardinger und Spiegel entdeckten während des Zweiten Weltkriegs die große Bedeutung sozialer Bindungen zwischen Soldaten. Danach boten enge emotionale Bindungen zwischen den Soldaten untereinander und zu ihren Vorgesetzten den meisten Schutz vor intensiver Angst. Nach Grinker und Spiegel bieten vor allem Moral und gute Führung Schutz vor psychischen Zusammenbrüchen (Herman 2003, 41).

Im Rahmen dieser Fragestellung boten Feldpostbriefe für die Betroffenen ein Medium für soziale Unterstützung. Latzel (Latzel 1998; 31ff) schreibt Feldpostbriefen eine identitätsstiftende Wirkung zu. Feldpostbriefe stellen Gesprächsmedien für die Kommunikation zwischen Soldaten und ihren Angehörigen dar. Nach Latzel bieten sie dem Soldaten die Möglichkeit, seine derzeitige Lebenswelt in diejenige der Vorkriegszeit zu integrieren. Ferner ermöglichen Briefe eine persönliche Kommunikation, die im Rahmen der Kameradschaft meist nicht möglich ist. Diese sieht er auf Zugehörigkeit begründet und hilfreich im Teilen der Kriegswirklichkeit. Die schriftliche Sprachfertigkeit bildet dafür eine Vorraussetzung. Betrachtet man die Themenhäufigkeit in den Feldpostbriefen der Soldaten so findet sich Bedürfnisse wie „Heimaturlaub“ an zweiter Stelle der Übersicht, „Essen und Verpflegung“ an vierter Stelle und „Heimweh/Sehnsucht“ an zwölfter Stelle unter insgesamt 52 Kategorien (Latzel 1998; 119).

2.4.2.5 Ereignismerkmale

Ereignismerkmale umschreiben den sozialen und ökologischen Kontext des Lebensereignisses, das als Einschnitt in das Leben des Individuums wirkt. Es handelt sich um Merkmale, die als „objektive, objektivierbare und subjektive Ereignisparameter eingeführt und zur differenzierten Beschreibung und Klassifikation herangezogen werden können“ (Philipp 1990, 25).

2.4.2.6 Konsequenzmerkmale

In zeitlicher Distanz zu der Auseinandersetzung und Bewältigung des Lebensereignisses können Effekte beobachtet werden. Diese werden als Konsequenzmerkmale bezeichnet und treten in der Person oder in ihrer Lebenssituation auf. Beispiele hierfür sind eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder der sozialen Lage.

2.5 Historischer und kultureller Kontext

Eine Beschreibung des historischen und kulturellen Kontextes kann im Rahmen dieser Arbeit nur ansatzweise erfolgen. Nachfolgend versuche ich daher einige Schwerpunkte herauszuarbeiten, die meiner Ansicht nach für die Fragestellung dieser Arbeit von besonderem Interesse sind. Um den historischen Kontext einzugrenzen, orientieren sich die Ausführungen zum Verlauf des Zweiten Weltkriegs an den Haupt-Einsatzgebieten der Interviewpartner.

2.5.1 Nationalsozialistischer Erziehungsstaat

Nach Giesecke (Giesecke 1993, 18-23) forderte Hitler in seiner Schrift „Mein Kampf“ eine neue Erziehung. Die bisherige Erziehung sei mitverantwortlich an der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg gewesen, da sie nur die wirtschaftliche Karriere des Einzelnen und die Förderung des Egoismus im Sinn gehabt habe. Weiterhin waren seiner Ansicht nach die männlichen soldatischen Tugenden vernachlässigt worden. Die neue Erziehung müsse daher auf Körperertüchtigung und Charakterstärkung abzielen. Die Hauptaufgabe der Erziehung bestehe jedoch darin, die „Reinheit des Blutes“ wiederherzustellen. Dies beinhaltete, nur die Fortpflanzung der „biologisch Besten“ zu gewährleisten und die „biologisch Minderwertigen“ daran zu hindern. Hitler erhob seine Ziele zu einer Gemeinschaftsverpflichtung. Jeder sollte von der Richtigkeit dieser Ziele überzeugt werden und daher sei Erziehung nicht nur auf Kinder und Jugendliche beschränkt. Dazu müsse jedes zur Verfügung stehende Mittel genutzt und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfasst werden: „... das Buch, die Zeitung, der Vortrag, die Kunst, das Theater, der Film, sie sind alle Mittel dieser Volkserziehung“ (Giesecke 1993, 23).

Die Erziehungsgrundsätze des völkischen Staates ordnete Hitler in eine Rangfolge. Körperliche Ertüchtigung wurde zum obersten Ziel staatlicher Erziehungsarbeit erhoben, da sie der Selbsterhaltung des Volkes diene. Dann erst sollten „Charakterbildung“ und nachrangig Wissensvermittlung gefördert werden. Als Tugenden eines idealen Charakters wurden z.B. „Treue“, „Opferwilligkeit“ und „Verschwiegenheit“ angesehen. Abzuerziehen war z.B. „wehleidiges Heulen“. Nach Giesecke (1993) waren die Grenzen zwischen Erziehung, Bildung, Indoktrination, Agitation und Propaganda im Erziehungskonzept der Nationalsozialisten fließend. Weiterhin sei es weitgehend gelungen, eine Art „eindimensionaler, geschlossener Sozialisation“ für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in der andere Denk- und Verhaltensformen nicht kennengelernt werden konnten“ (Giesecke 1993, 23). Als Hitlers Ziel sieht er den lückenlosen Erziehungsstaat. Freiräume boten dennoch Familien und kirchliche Organisationen.

Ein wichtiges Propagandamittel in den deutschen Kinos war die „Deutsche Wochenschau“, die dem Hauptfilm vorangestellt wurde. Zu Kriegsbeginn vermittelte sie Propagandaberichterstattungen von den „Siegen“ der deutschen Soldaten an den Fronten (Stadtmüller 1982, 73).

2.5.2 Holocaust und Nürnberger Prozesse

Der Massenmord und die Ausgrenzung der europäischen Juden wurde vor allem in Osteuropa zum eigenen Kriegsziel und mit Beginn des Krieges radikaler. Thamer (Thamer 2000, 56ff) differenziert mehrere Phasen der Judenverfolgung. Die Zeit von September 1939 bis Juni 1940 sieht er gekennzeichnet durch weitere Emigration der deutschen Juden sowie durch massenhafte Flucht und Deportation von Juden aus den eingegliederten polnischen Gebieten sowie aus Böhmen und Mähren. In Polen entstanden Ghettos, zum Beispiel in Warschau.

Ab Sommer 1941 begann eine weitere Eskalation des Massenmords. Mit dem Vorrücken der Wehrmacht nach Osten wurde in den besetzen Gebieten der Mord sowjetischer Juden durch Einsatzgruppen der SS durchgeführt. In den eroberten sowjetischen Gebieten wurden durch Einsatzgruppen des SS-Sicherheitsdienstes ca. 1,4 Millionen Juden systematisch ermordet. Ab Ende Juli 1941 wurde diese sogenannte „Endlösung“ auch auf alle anderen in der deutschen Macht- und Einflusssphäre liegenden Gebiete Europas ausgedehnt (Ploetz 2000, 900).

In Deutschland wurden Juden mit dem sogenannten Judenstern gekennzeichnet, ihnen wurde die Auswanderung verboten sowie Staatsbürgerschaft und Vermögen entzogen. Im Herbst 1941 wurden in Osteuropa die ersten Vernichtungslager in Belzec, Sobidor und Treblinca errichtet. Führende Nationalsozialisten sprachen vom Mord an allen Juden. Im Frühjahr 1942 begannen die Transporte westeuropäischer Juden nach Auschwitz. Neben zahlreichen anderen Funktionsträgern waren auch Angehörige der Polizei und Wehrmacht direkt an Deportation, Ghettoisierung, Zwangsarbeit und Mord beteiligt oder kamen später an die Orte der Massaker (Thamer 2000, 56ff).

In den Nürnberger Prozessen wurden dafür am 18. Oktober 1945 die höchsten Funktionsträger und Kriegsverbrecher angeklagt. Die Anklagepunkte lauteten: Verschwörung zu einem Verbrechen gegen den Frieden, Planung und Durchführung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen aufgrund der Verletzung der internationalen Kriegskonventionen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem Völkermord (von Plato, Leh 1997, 92ff; Jaspers 1979, 36ff). Jaspers nennt neben den angeklagten Einzelpersonen als weitere Verantwortliche auch Organisationen wie das Korps der politischen Leiter der NSDAP, SS, SD, Gestapo, SA, den Generalstab und das Oberkommando der deutschen Wehrmacht. Darüber hinaus weitet er die moralische Verantwortung auf alle Deutschen aus: „Jeder Staatsbürger ist in dem, was der Staat tut und leidet mithaftbar und mitbetroffen“ (Jaspers 1979, 36).

2.5.3 Eckpunkte des Zweiten Weltkriegs

2.5.3.1 Militärische Erfolge und Kriegswende

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen (Ploetz 2000, 898). Norbert Frey sieht das Regime Hitlers bis 1940/41 auf dem absoluten Höhepunkt seiner Macht. Er begründet dies durch die militärischen Erfolge der deutschen Wehrmacht, die nacheinander Polen, Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Luxemburg, Belgien, Frankreich und schließlich Jugoslawien und Griechenland besiegte (Frey 2001, 156). Bezogen auf die militärischen Erfolge fand im Jahr 1943 eine Kriegswende statt, die bis zum Zusammenbruch Deutschlands im Mai 1945 anhielt. Im Jahr 1943 erreichte die Zahl deutscher Soldaten im Krieg mit fast 9,5 Millionen ihren Höhepunkt. Seit 1943 ging die Anzahl der deutschen Soldaten zurück, was auf Gefallene und Kriegsgefangene zurückzuführen war (Ploetz 2000, 770).

[...]


[1] Jensen meint hier die Zeit des Nationalsozialismus.

[2] Mandic und Judic (Muacvic; Judic 1992; 16ff) führen dies so aus: „... 1,393,000 American solders mainfestet such mental symptoms which disabled them for fighting at least temporaly. Out of 800,000 American soldiers who were involved in direct combat, 37,5 per cent developed mental problems of such severity that they were diagnosed as unfit for combat and eventually discharged from the army. 596,000 or 74 per cent of the solders were treated for mental problems.“

[3] Diese Quelle entstammt von einer Internetseite, die von der US-Navy und der University of Iowa betrieben wird. Bei der Verwendung dieser Literatur war ich sehr kritisch, da ein erkenntnisleitendes Interesse der amerikanischen Militärpsychiatrie in der Vergangenheit in der raschen „Heilung“ der Betroffenen bestand, damit diese wieder für das Militär zur Verfügung standen. Dieses Interesse steht meiner Ansicht nach einer unvoreingenommenen Forschung im Wege (vgl. Herman 2003, 34ff).

[4] Als Bereiche werden genannt: „personality, personal life and achievement“.

[5] Im Original: „capture, imprisonment, confinement, repatriation, and reintegration“

[6] übersetzt laut Taschenwörterbuch: Sehnsucht

[7] Rahn und Mahnkopf gruppieren traumatische Störungen sogar unter dem Überbegriff „Erlebnisreaktive Störungen“ ein (Rahn, Mahnkopf 2000, 487ff).

Details

Seiten
120
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783656662143
ISBN (Buch)
9783656662167
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274398
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt
Note
1,0
Schlagworte
krieg eine studie umgang kriegserlebnissen

Autor

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Titel: "Nie wieder Krieg". Eine empirische Studie über den Umgang mit Kriegserlebnissen