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Ein Einblick in die neue Kindheitsforschung: Michael-Sebastian Honigs Methodologie der Perspektivität

Hausarbeit 2014 19 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die neue sozial- und erziehungswissenschaftliche Kindheitsforschung

3 Der Kinderkulturbegriff und seine Bedeutung für die Perspektive von Kindern in der neuen Kindheitsforschung

4 Aus der Perspektive von Kindern – Aber wie? – Honigs Überlegungen zur Methodologie der Perspektivität
4.1 Vier konzeptionelle Bezugspunkte Honigs zur Perspektivität
4.2 Honigs Schlussfolgerung für eine Methodologie der Perspektivität:
Das Konzept der generationalen Ordnung

5 Schlussteil

6 Literaturverzeichnis
6.1 Verwendete Primärliteratur
6.2 Verwendete Sekundärliteratur
6.3 Verwendete Internetquellen

1 Einleitung

Die neue sozial- und erziehungswissenschaftliche Kindheits forschung sieht Kinder als besondere und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft an, und betrachtet sie demnach im Gegensatz zu der zuvor dominierenden Kinder forschung mit neuen Augen. Der Fokus liegt damit nicht mehr auf objektiven psychologischen Tatsachen, wie er etwa bei Jean Piaget zu finden ist. Für den Forschungsprozess bedeutet dies, Kinder als soziale Akteure aufzufassen, und sich nun den kindlichen Alltag, die Kinderkultur und die Kindheit als gesellschaftliche Lebensform zum Forschungsinteresse zu machen. Die Perspektive des Kindes stellt hierfür in methodologischer Hinsicht ein wichtiges Element der neuen Kindheitsforschung dar. Sie soll eingenommen werden, um sich als erwachsener Forscher mit der fremden Kultur und Wirklichkeit von Kindern angemessen auseinanderzusetzen, und diese nachvollziehen zu können. Für die neue methodologische Prämisse einer Forschung aus der Perspektive von Kindern tritt unter anderem Michael-Sebastian Honig ein. Seine Überlegungen zur Methodologie der Perspektivität werden zum besseren Verständnis dessen, was es impliziert, eine kindliche Perspektive im Forschungsprozess einzunehmen, in der vorliegenden Ar-beit eingehender behandelt.

Das erste inhaltliche Kapitel widmet sich zunächst einführend der Entwicklung einer neuen sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kindheitsforschung, und hebt die daraus resultierenden Zielen und Anliegen ihrerseits hervor. Es geht dabei vor allem darum, einen Paradigmenwechsel aufzuzeigen, der mit der Entstehung einer neuen Forschung über Kinder und Kindheit stattgefunden hat, und das Neue an ihr begründet. Darauf aufbauend setzt sich die Arbeit mit dem Begriff der Kinderkultur auseinander, da dieser – wie oben bereits angeführt − eine bedeutsame Stellung hinsichtlich des Forschungsinteresses der neuen Kindheitsforschung einnimmt. Auf diesen geht auch Honig näher ein. Anschließend kann dann in einem letzten Kapitel auf Honigs Entwurf einer Methodologie der Perspektivität eingegangen werden. Hierfür wird in Kapitel 4.1 zunächst erläutert, auf welche Konzeptionen der Perspektivität er Bezug nimmt, um dann abschließend seinen theoretischen Vorschlag, sein Konzept der Perspektivität, vorzustellen.

2 Die neue sozial- und erziehungswissenschaftliche Kindheitsforschung

Der Ursprung einer erziehungswissenschaftlichen Forschung über Kinder ist bereits im 18. Jahrhundert zu finden, welches auch als das Entstehungsjahrhundert der Pädagogik zu verzeichnen ist (vgl. Heinzel 2010, S. 707). Mit dem Wandel der Bedeutsamkeit von Kindern innerhalb der okzidenten, modernen Gesellschaften einhergehend, findet zu dieser Zeit ein scheinbar damit in Verbindung stehender Wandel des forscherischen Interesses an Kindern statt. Im reformpädagogischen 20. Jahrhundert − dem Jahrhundert des Kindes − werden schließlich verstärkt empirische Kinder forschungen durchgeführt. Daraus resultiert ein enormer Zuwachs an Wissen über Kinder wie auch eine zunehmende Spezialisierung dessen. Eine solche Kinder forschung impliziert jedoch ein funktionales Interesse, hinter welchem die Betrachtung der Kinder als zukünftige Erwachsene steht, als Individuen, die sich in der Vorbereitungsphase zum Erwachsensein befinden. Dieses wird jedoch in den 80er Jahren mit der Entstehung der neuen sozial- und erziehungswissenschaftlichen Kindheits forschung durch ein Forschungsinteresse, das sich nun auf den Alltag und die Kultur von Kindern richtet, abgelöst. Kinder werden als besondere Mitglieder der Gesellschaft angesehen (vgl. Honig/ Lange/Leu 1999, S. 9; 12 f.), nämlich als Personen aus eigenem Recht. Letzteres meint, Kinder nicht als Werdende bzw. als zukünftige Erwachsene, sondern als Seiende zu begreifen, die das Vermögen, für sich selbst sprechen zu können, besitzen (vgl. Honig 1999b, S. 33). Damit einhergehend wird unter diesem Paradigmenwechsel eine Differenzierung zwischen Kind und Kindheit vorgenommen. Dabei richtet die Forschung den Blick auf einzelne Kinder oder Gruppen von Kindern und betrachtet damit den sozialen Status sowie die Konstruktionen von Kindheit im gesellschaftlichen oder historischen Kontext (vgl. Heinzel 2010, S. 707). Seither werden sich innerhalb der Kindheitsforschung zwei zentrale Ziele zum Anliegen gemacht, die den o.g. Paradigmenwechsel explizieren: das Kennenlernen von Kindern sowie das Betrachten der Kindheit als Kontext, genauer gesagt: „(…) Kinder kennenzulernen, indem man sie beobachtet und zu Wort kommen läßt, und die Kindheit als einen symbolischen und sozialstrukturellen Kontext des Kinderlebens zu analysieren, der auch ganz anders sein könnte“ (Honig/ Lange/ Leu 1999, S. 13). Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis der 60er Jahre, dass Kindheit nicht als statisches Konstrukt gelten kann, sondern einer Historizität unterliegt. Sie ist somit wandelbar, gleich der Entwicklung des Kindes an sich (vgl. Heinzel/ Kränzl-Nagl/ Mierendorff 2012, S. 9; 11). Um diese Ziele verfolgen zu können, formulieren die Autoren Michael-Sebastian Honig, Andreas Lange und Hans Rudolf Leu in ihrem Beitrag „Eigenart und Fremdheit. Kindheitsforschung und das Problem der Differenz von Kindern und Erwachsenen“ aus dem Jahr 1999: die Kindheitsforschung muss neben der Erforschung von Kindern auch den sozialstrukturellen und kulturellen Zusammenhang des Kinderlebens untersuchen. Um diesem Anspruch letztendlich nachkommen zu können, ist es laut Honig, Lange und Leu notwendig, auf methodologischer Ebene die sozialwissenschaftliche Perspektive des Kindes zu präzisieren, einzunehmen, und sich damit auseinanderzusetzen, in welcher Form sich Kinder an der Normierung und Strukturierung von Kindheit beteiligen (vgl. Honig/ Lange/ Leu 1999, S. 13). Der Methodologie der Perspektive des Kindes in der neuen Kindheitsforschung liegt dabei das gegenstandstheoretische Konzept des Kindes als sozialer Akteur zugrunde. Dies bedeutet in einem anthropologischen Sinne, dass man Kinder als Akteure innerhalb ihrer Umwelt und zugleich auch als Konstrukteure ihres eigenen Lebens begreift (vgl. Heinzel 2010, S. 707):

„Kinder werden als kompetente soziale Akteure portraitiert, die ihre Lebensführung selbstständig disponieren, ihre sozialen Beziehungen als eigenständigen Lebenszusammenhang organisieren und aktiv an ihrer sozialen und persönlichen Entwicklung mitwirken“ (Honig 1999a, S. 157).

Zusammenfassend kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Perspektive des Kindes als programmatisches Leitmotiv der neuen Kindheitsforschung gilt, welche auch in der Forschungspraxis berücksichtigt werden soll (vgl. Honig/ Lange/ Leu 1999, S. 10). Das Ziel ist es also, eine forschende Praxis (weiter) zu entwickeln, die sich an der Perspektive von Kindern orientiert, wobei dies sowohl für die Betrachtung der von Kindern erlebten und konstruierten Wirklichkeit gilt, als auch für die Methoden der Gewinnung und Deutung von Daten (vgl. Heinzel 2010, S. 707). Damit sind indes einige methodologische Fragen und Probleme verbunden, bspw. „(…) wie Kinder in Forschungssituationen gebührend zu Wort kommen [können] und ob ihre Sichtweisen von den erwachsenen Forscherinnen und Forschern angemessen verstanden werden (…)“ (ebd.).

In einem weiteren Schritt wird zunächst einmal zu klären sein, was man unter dem Kinderkulturbegriff, der seit den 80er Jahren vorherrschend ist, versteht, da er einen zentralen Gegenstand der neuen Kindheitsforschung darstellt (vgl. Honig/ Lange/ Leu 1999, S. 9), und damit einhergehend eine neue Vorstellung vom Kind zum Vorschein kommt

3 Der Kinderkulturbegriff und seine Bedeutung für die Perspektive von Kindern in der neuen Kindheitsforschung

In seinem Werk „Entwurf einer Theorie der Kindheit“, hebt Michael-Sebastian Honig[1] einen Perspektivenwechsel von einer Kultur für Kinder hin zu einer Kultur der Kinder hervor. Ersteres stellt eine Kultur dar, die, so könnte man sagen, für Kinder geschaffen wird. Dies wird darin deutlich, dass Bücher spezifisch für Kinder geschrieben, Spielzeuge hergestellt werden oder bestimmte Institutionen für Kinder in der Gesellschaft bestehen (vgl. Honig 1999a, S. 132). Diese unzeitgemäße Auffassung von einer Kultur, die für Kinder gemacht wird, geht somit davon aus, dass Kinder von den Gegebenheiten in ihrer Umwelt geprägt werden, und stellt sie als Objekte der Kultur dar. Letzteres, jene neuere Vorstellung von einer Kultur der Kinder hingegen, sieht Kinder als aktive Akteure, als Subjekte der Kultur an (vgl. Herzberg 2003, S. 57 f.), welche ihre soziale Welt eigens entdecken und konstruieren, als eine Welt, deren wahrer Sinn von Erwachsenen nicht erschlossen werden kann: „Die soziale Welt der Kinder ist eine Welt symbolisch vermittelten Sinns, eines Eigen-Sinns, der sich von den Bedeutungen, die Erwachsene dieser Lebensphase zuschreiben, klar unterscheidet“ (Honig 1999a, S. 132).[2] Darüber hinaus stellt die eigenständige Kultur von Kindern einen von der Erwachsenenwelt abgegrenzten Ort dar. Innerhalb dessen können eigene kindliche Erfahrungen gesammelt und die Welt der Erwachsenen Stück für Stück zugänglich gemacht werden. In diesem Erfahrungsraum findet das Lösen eines Rätsels statt, nämlich jenes über die fremde Erwachsenenwelt. Dies vollzieht sich u.a. dadurch, dass Kinder allein wie auch gemeinsam in ihrer eigenständigen Sozialwelt − der Kinderkultur − Erklärungen suchen, Ideale entwerfen und sich dabei an kinderkulturellen Traditionen wie bspw. an Spielen bedienen. Anstelle der veralteten Vorstellung vom Kind als passiver Sozialisand (vgl. ebd., S. 132 f.), als defizitäres Wesen, das die Entwicklung zum handlungsfähigen Individuum noch vor sich hat, rückt mit dem oben erläuterten Perspektivenwechsel eine neue Sichtweise auf Kinder und ihre Lebenswelten innerhalb der neuen Kindheitsforschung in den Vordergrund. Sie werden bereits in der Lebensphase Kindheit als Personen aus eigenem Recht, als handlungsfähige Subjekte angesehen, die in einer Kultur der Kinder leben, und sich dort aktiv an ihrem eigenen Sozialisationsprozess beteiligen:

„Sie leben und sozialisieren sich in einer eigenen sozialen und kulturellen Welt, die sie sich gemeinsam mit anderen Kindern ko-konstruieren und nicht im alltäglichen Umgang mit Erwachsenen oder gar durch deren Anleitung und Belehrung. Kurzum: Kinder sind eigenständige und fähige Akteure im Hier und Jetzt. Sie sozialisieren sich selbst bzw. kollektiv in der Mikrogesellschaft der Gleichaltrigen“ (Herzberg 2003, S. 37 f.).

[...]


[1] Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Michael-Sebastian Honig lehrt und arbeitet seit 2008 als Professor für Soziale Arbeit an der Universität Luxemburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Kindheitsforschung, der erziehungswissenschaftlichen Ethnographie, der Soziologie früh- kindlicher Bildung und Betreuung sowie im Bereich der Theorien der Sozialen Arbeit.

[2] Honig macht jedoch auch darauf aufmerksam, dass diese Gegensatzpaar betrachtet werden sollten, da der Begriff Kinderkultur einen mehrdeutigen, wie er es nennt schillernden Charakter, aufweist. Demnach würde es in die Irre führen, hier eine scharfe Tren- nungslinie zu machen.

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656671589
ISBN (Buch)
9783656671558
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274310
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Michael-Sebastian Honig Methodologie der Perspektivität Kindheitsforschung Kinderkultur Perspektivität generationale Ordnung

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