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Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Geschichte einer unglücklichen Liebe

Wissenschaftliche Studie 2014 29 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitender Überblick

2. Zur Entstehungsgeschichte

3. Inhaltliche Zusammenfassung

4. Aufbau, Struktur und Perspektive
Symmetrie der Teile
Strukturschema eines Dramas
Zeitraffendes und zeitdehnendes Erzählen
Filmisches Erzählen: Wechsel zwischen Nah und Fernsicht
Symbol der "untergehenden Gestirne"
Wechsel der Erzählerhaltung
Theatralisches Erzählen

5. Bilder, Symbole und Leitmotive
Die Sternbilder
Der verwilderte Acker
Der Fluss
Das Haus
Farbsymbolik

6. Poetischer Realismus

Anhang: Das Liebestod-Motiv von der Antike bis zur Gegenwart
1. Hero und Leander
2. Pyramus und Thisbe
3. Troilus und Criseyde
4. Tristan und Isolde
5. Romeo und Julia

1. Einleitender Überblick

Streitgeschichte der Väter - Liebesgeschichte der Kinder

Mit der Erzählung "Romeo und Julia auf dem Dorfe" nahm Gottfried Keller das traditionsreiche Motiv zweier junger Menschen auf, deren Liebe sich wegen der unüberwindbaren Feindschaft zwischen ihren Familien nicht verwirklichen kann und deren gemeinsamer Weg unwiderruflich auf ein tragisches Ende zuläuft. Dieses Grundmotiv wird in zwei miteinander verflochtenen und verwobenen Handlungssträngen entwickelt. Ausgangsbasis und Ursache dieses unaufhaltsamen Verfallsprozesses ist die Streitgeschichte der Väter, mit der sie sich selbstzerstörerisch auf abschüssiger Bahn ins materielle und moralische Elend und ins gesellschaftliche Abseits manövrieren und ihren Kindern die Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft zerstören. Der zweite Handlungsstrang, die Liebesgeschichte der beiden Kinder, bildet die verhängnisvolle Fortsetzung dieser gestörten

Familienbeziehung im Sinne einer sich fortzeugenden "Schuld" [1], die sich auf die nachfolgende Generation überträgt und sie dazu führt, im Gegensatz zu dem einstmals

erlebten Zustand kindlicher Unschuld ihrerseits "Schuld" auf sich zu laden und das erlittene Leid zu vergrößern. Dieses Geschehen spielt sich auf einem zeitgeschichtlichen Hintergrund ab, in dem das rigide Werte- und Normensystem der bäuerlichen Welt den Liebenden keine Möglichkeit lässt, ihr Zusammenleben in gesellschaftlich sanktionierte Bahnen zu lenken. Damit wird ihre gleichsam schicksalhaft vorbestimmte und zugleich unmögliche Liebe zu ihrem Verhängnis, dem sie nicht "entfliehen" können.

Archetypisches Grundmuster - Universaler Stoff

Der Autor war sich darüber im Klaren, dass er sich mit dem auf Shakespeares berühmtes Drama anspielenden Titel seiner Erzählung auf eine jener "Fabeln" eingelassen hatte, "auf welche die großen alten Werke gebaut sind" (Einleitung zur Erzählung, Seite 3). Er löste den Stoff jedoch aus dem feudalen Milieu zweier Veroneser Adelsgeschlechter bei dem von ihm sehr verehrten literarischen Vorgänger und verpflanzte ihn in eine fiktive ländliche Umgebung seiner schweizerischen Heimat mit völlig unterschiedlichen Lebensverhältnissen. Er wusste auch, dass Shakespeare diesen Stoff nicht erfunden hatte, dass es sich vielmehr um ein uraltes archetypisches Paradigma und ein überliefertes literarisches Grundmuster handelte, um eines jener Motive, die "schon seit Jahrhunderten vorhanden" und daher "nichts Neues unter der Sonne" sind (Brief an Hermann Hettner vom 26. Juni 1854, in: SW III, 1137) Was Shakespeare und seine Vorgänger und Nachfolger darüber geschrieben und komponiert hatten, war letztlich "tief im Menschenleben" verwurzelt (Einleitung, 3), mithin ein universaler Stoff, der die künstlerischen Gemüter und den schöpferischen Gestaltungsdrang vieler Generationen immer wieder aufs Neue beflügelt hatte. Die Wahl des Titels, mit dem Keller selbst nicht restlos glücklich gewesen zu sein scheint [2], konnte den Anschein erwecken, dass der Autor nur eine "dämliche Wiederholung" (Brief an Berthold Auerbach vom 3. Juni 1856, in: SW III, 1168) der Shakespeareschen Version im Sinn gehabt hatte, aber dagegen hat er sich mehrfach entschieden verwahrt (vgl. zum Beispiel den unter Anmerkung 2 zitierten Brief an Ferdinand Weibert). Der Kern dieses archetypischen Grundmusters ist von zeitloser Gültigkeit (wie die verwandten Schicksale von Hero und Leander, Pyramus und Thisbe, Troilus und Criseyde, Tristan und Isolde oder von den beiden Königskindern des gleichnamigen Volksliedes, die zueinander nicht kommen konnten und jämmerlich ertranken, weil das Wasser viel zu tief war). Dabei ist unerheblich, ob es sich - wie bei Shakespeare - um ein jahrhundertelang zurückliegendes Geschehen aus der Welt des Adels im italienischen Verona oder - wie bei Keller - aus einem schweizerischen Dorf um die Mitte des 19.

Jahrhunderts handelt. Ein solches Geschehen ist von universaler Bedeutsamkeit. Es ist weder räumlich noch zeitlich festgelegt und kann sich jederzeit an jedem anderen Ort in jedem anderen Teil der Welt wiederholen.

Novellistisches Kerngeschehen

Wenn Keller sich auch an seinem großen literarischen Vorgänger Shakespeare orientierte, so war der eigentliche Auslöser für das von ihm selbst verfasste Liebesdrama ein anderer. Durch eine Meldung der "Züricher Freitagszeitung" vom 3. September 1847 erfuhr er von einem Vorfall, der sich kurz zuvor in einem Dorf bei Leipzig ereignet hatte, wo ein junges Paar tödlich verfeindeter Eltern sich nach einer durchtanzten Nacht im Wirtshaus das Leben genommen hatte. Diese Zeitungsnachricht entsprach in geradezu klassischer Weise einem novellistischen Kerngeschehen, das Goethe als eine "sich ereignete unerhörte Begebenheit" (im Gespräch mit Eckermann 1827) beschrieben hatte, und regte Keller zur Ausarbeitung seiner Erzählung an. Mit dem Hinweis, seine Geschichte beruhe "auf einem wirklichen Vorfall" (Seite 3) wollte er den Gesichtspunkt der Aktualität und der Authentizität eines solchen Geschehens hervorheben. Er wollte zeigen, dass es sich um eine nicht zeitgebundene Thematik handelt und eben nicht nur um die bloße Nachahmung einer literarischen Vorlage.

Unterschiedliche Behandlung des Stoffes

Kellers Bearbeitung des Romeo-und Julia-Stoffes unterscheidet sich von Shakespeares Dramenversion nicht nur wegen ihrer veränderten räumlich-zeitlichen Perspektive und ihres unterschiedlichen gesellschaftlichen Umfeldes, sondern auch, weil das Verhalten der Protagonisten viel überzeugender motiviert wird. Bei Shakespeare handelt es sich um Liebe auf den ersten Blick zweier "star-crossed lovers", deren Schicksal von Anfang an unter einem ungünstigen Stern steht bzw. "unstern-bedroht" [3] ist, wie August Wilhelm Schlegel den Shakespeareschen Ausdruck ins Deutsche übersetzt hat (vgl. A. W. Schlegel: "William Shakespeare: Romeo und Julia. Prolog", hrsg. Dietrich Klose. Stuttgart: Reclam 2002, S. 4) In Kellers Version wird das Geschehen nicht so sehr von höheren Mächten bestimmt, deren Wirken nicht weiter ergründet werden kann, sondern vor allem durch das selbstzerstörerische Verhalten der Vätergeneration und durch eine Gesellschaft, deren Repräsentanten sich als kleinkariert und unbelehrbar erweisen und an deren Widerstand die aufkeimende Liebe der beiden jugendlichen Protagonisten schließlich zerbricht. Hier entwickelt sich die Liebe von den ersten Anfängen einer noch intakt scheinenden Kindheit bis zu ihrer (Wieder-) Entdeckung nach Jahren der Trennung im Jugendlichenalter. Deshalb könnte man hier von einer Liebe auf den zweiten Blick sprechen, d. h. von einer Liebe, die nicht plötzlich entflammt und deren sich die Protagonisten erst allmählich bewusst werden. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, dass sich die verfeindeten Familien bei Shakespeare nach dem tragischen Freitod ihrer Kinder miteinander versöhnen, während sich in Kellers Novelle die Familien buchstäblich gegenseitig zugrunde richten und damit ihren Kindern die materielle, soziale und moralische Grundlage für eine gesellschaftlich akzeptierte Ehe- und Lebensgemeinschaft entziehen.

Ehebeschränkungen für soziale Randgruppen

In Kellers Erzählung kann sich Liebe, allgemein gesprochen, nur in einem gesellschaftlich sanktionierten Rahmen verwirklichen, d. h. im Rahmen einer bürgerlichen Ehe. Das Eheglück bleibt den beiden Protagonisten jedoch wegen gesetzlich festgelegter Ehebeschränkungen und repressiver Moralvorstellungen der ländlichen Bevölkerung versagt. Da ihre Eltern durch ihren lang andauernden, gnadenlos geführten Konkurrenz- und Rechtsstreit sich gegenseitig

ruinieren, gibt es für sie keine Möglichkeit der ehelichen Verbindung mehr. An ihnen haftet unauslöschlich der Makel der Armut. In einem erweiterten gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen, verbirgt sich hinter ihrem Schicksal das Phänomen des "Pauperismus" als eine vorindustrielle Form der Massenarmut. Trotz aller ihrer Bemühungen, das Wunschziel einer ehelichen Sanktionierung ihres Liebesverhältnisses zu erreichen, haben sie aufgrund der Ehebeschränkungen für Arme, soziale Randgruppen und Ausgegrenzte keine Chance, dieses Ziel jemals zu erreichen. Dieser Sachverhalt bestimmt entscheidend das Geschehen der Erzählung. Er ist sein Dreh- und Angelpunkt und markiert von vornherein den begrenzten Handlungsspielraum des jungen Liebespaars. Die Grundkonstellation ihres Verhältnisses wird daher durch zwei nicht aus der Welt zu schaffende Faktoren bestimmt: die Verfallsgeschichte ihrer Eltern und die darin begründete soziale Ausgrenzung. Daraus ergibt sich mit geradezu zwingender Konsequenz, dass sie im Leben nicht zusammenkommen können und ihre Liebe sich nur noch im Tod verwirklichen kann.

Makel der Heimatlosigkeit

Der Titel der Erzählung scheint mit dem harmlos klingenden Zusatz "auf dem Dorfe" diesen gravierenden Sachverhalt zu unterlaufen. Er erweckt die Vorstellung eines idyllischen, naturnahen Lebens auf dem Lande nach dem Muster der zu Kellers Zeit beliebten Gattung der "Dorfgeschichte", wie man sie beispielsweise in der Familienzeitschrift "Die Gartenlaube" lesen konnte, und zwar in dem Sinne, dass das beschauliche Landleben in angenehmer Tönung dem unruhigen, wechselvollen und unangenehm getönten Stadtleben kontrastierend gegenüber gestellt wird. Die Stadt ist hier das nur eine halbe Stunde Fußmarsch entfernte Seldwyla, dessen Lebensverhältnisse durch das ausufernde Gewinnstreben und das Konkurrenzdenken seiner Bevölkerung geprägt wird. Aber die Vorstellung von der Harmonie und Beschaulichkeit des Landlebens wird mit Kellers Erzählung gründlich widerlegt. Wer nicht aufgrund von Geburt, Stand und Besitz ein Heimatrecht erworben hat, wer keinen Taufschein vorweisen kann und nicht ins Bürgerbuch seiner Gemeinde eingetragen ist, gilt - wie der "schwarze Geiger" und sein Gefolge - als heimatlos und als sozialer Schandfleck. Er wird als Paria angesehen, ist Verunglimpfungen und Verfolgungen ausgesetzt und hat jeden Anspruch auf soziale Eingliederung verloren. Damit wird er gezwungen, das Leben eines Ausgegrenzten und Geächteten zu führen, dem die Türen zur bäuerlichen Gemeinschaft für immer verschlossen bleiben.

Charaktere oder Typen?

Andererseits ist der Liebestod der beiden Bauernkinder für Keller als kritischer Vertreter des "poetischen Realismus" Anlass zu zeigen, dass es nicht in erster Linie die sozial Bessergestellten, die gehobenen Kreise der Gesellschaft und die Gebildeten sind, sondern gerade die Vertreter des einfachen Volkes, die sich tieferer Gefühle als fähig erweisen, und zwar sowohl im Sinne selbstloser Liebe als auch zerstörerischer Leidenschaften. Während das Motiv der sich hingebenden Liebe in der Novelle von zentraler Bedeutung ist, übt der Autor unmissverständlich Kritik an "den gebildeten Ständen von heute" und verurteilt deren "selbstsüchtiges frivoles Spiel" (Schlussbemerkung der Erstausgabe der Novelle von 1856), mit dem sie leichtfertig Liebesverhältnisse eingehen und wieder lösen. "Realismus" bedeutet für Keller nicht etwa Sachlichkeit, Nüchternheit und völlige Distanziertheit in der Darstellung des Geschehens. Vielmehr überzieht der Erzähler das Dargestellte mit einem dichten Netz von Bildern, Metaphern und Symbolen, die das Geschehen mit Bedeutung

anreichern und strukturieren. Die destruktive Wirkung der durch die Väter entfesselten Leidenschaften ist unaufhaltsam, unumkehrbar und so überwältigend, dass der Eindruck entsteht, als handele es sich hier nicht mehr um scharf umrissene, mit individuellen Zügen versehene Charaktere, sondern um beispielhafte Figuren oder Typen, die als Folge menschlicher Habgier die Bodenhaftung verloren haben und in den Strudel eines von ihnen in Gang gesetzten und außer Kontrolle geratenen Geschehens hineingeraten, aus dem sie sich nicht mehr befreien können, in dem sie zu hilflosen Spielbällen werden und dessen Eigendynamik sie rettungslos ausgeliefert sind. In diese Richtung deutet auch die Ähnlichkeit der Namen (Manz und Marti) und die Eingangsszene (Seite 3 f.), in der sie - kontrastierend zu ihrer späteren Entzweiung - wie ein zwillingshaft wirkendes pflügendes Paar auftreten, das in symmetrischen Ordnungsmustern wie zwei am Himmel dahinziehende Gestirne und scheinbar vollkommener Harmonie seine Äcker bearbeitet, wobei die spiegelbildlich angeordneten Zipfel ihrer Mützen den Eindruck ihrer Gleichartigkeit noch unterstreichen. Wie Marionetten scheinen sie an unsichtbaren Fäden zu hängen, die von geheimnisvollen, das real ablaufende Geschehen kontrollierenden Kräften gezogen werden.

Mehrdeutigkeit des "schwarzen Geigers"

Eine solche geheimnisvolle Kraft scheint auch von dem um sein Erbe betrogenen schwarzen Geiger auszugehen, der einerseits die Rolle eines heimatlosen Vagabunden spielt, andererseits aber auch dämonische Züge besitzt und - wie die seltsamen hybriden Zwischenwesen in den Erzählungen E. T. A. Hoffmanns - in einer unheimlichen Gegenwelt beheimatet und mit magischen Kräften ausgestattet zu sein scheint. Aber er wurde von Keller nicht nur als schillernde Figur aus einem rätselhaften Zwischenreich angelegt, sondern auch als Verkörperung eines akuten sozialen Problems und Opfer einer Rechtsprechung, die ihm wie vielen anderen Angehörigen sozialer Randgruppen den Status des Geächteten zuweist und in der Schweiz erst 1874 mit der Annahme einer neuen Bundesverfassung geändert wurde. Schon die Bezeichnung "schwarzer Geiger" (ein Taufname wird nicht genannt) weist auf die Doppeldeutigkeit dieser Figur hin. Haar, Gesicht, Hände und Kleidung sind schwarz wie die eines Kesselflickers, Kohlenbrenners oder Pechsieders, der sein Leben mit schmutziger Arbeit fristen muss und als Nicht-Sesshafter, Landstreicher oder - mit dem damals häufig abfällig verwendeten Begriff - "Zigeuner" herumzieht. Das Attribut "schwarz" bezieht sich aber auch auf das Unheimliche und Bedrohliche seines Wesens, den Nimbus von Zauberkraft und schwarzer Magie, von dem er umgeben ist und der ihm ein teuflisches Aussehen verleiht, das die beiden jungen Liebenden Vrenchen und Sali unwiderstehlich in seinen Bann zieht. Darüberhinaus wird er schon bei seinem ersten Auftritt mit der Macht eines düsteren Propheten ausgestattet, der dem verängstigten Liebespaar von der erhöhten Kanzel des symbolischen Steinhaufens aus wie "ein dunkler Stern" (37) einen frühen Tod verkündet, ihnen aber kurz darauf, gleichsam als Beschützerfigur oder schwarzer Engel, seine Dienste anbietet (vgl. 38), was seine Rätselhaftigkeit und Doppeldeutigkeit noch erheblich unterstreicht. Er schlägt ihnen vor, mit ihm und seinen Gefährten in freier Liebe das ungebundene Leben sozialer Außenseiter zu führen - ein Angebot, das vor allem für Vrenchen verlockend klingt. Dadurch wirkt er anziehend und abstoßend zugleich, erzeugt widersprüchliche Regungen und übt einen Einfluss aus, dem sie sich nur schwer entziehen können.

Konflikt zwischen Liebe und Normen der bäuerlichen Gesellschaft

Aber es ist vor allem die Leidenschaft der Liebe, die über Sali und Vrenchen mit elementarer Macht hereinbricht und der sie vollkommen ausgeliefert sind, obwohl sie - trotz ihrer fast kindlich anmutenden Naivität - wissen, dass sie sich nicht verwirklichen kann, weil sie außerhalb der bürgerlichen Ordnung steht und daher - gemäß der Prophezeiung des schwarzen Geigers - keinen anderen Ausweg lässt als ein unwürdiges Leben als Dienstmagd oder Knecht oder den gemeinsamen Tod. Damit weist Keller auf die soziale Bedingtheit dieses tragischen Liebestodes hin, die im Ehrenkodex einer bäuerlichen Gesellschaft wurzelt, nach dem für Liebe außerhalb geltender Normen - so stark sie auch immer sein mag - kein Platz vorgesehen ist. Das eheähnliche Zeremoniell, mit dem das junge Paar seine Ringe tauscht (vgl. 77), vollzieht sich zwar unter heißem Verlangen und stürmischen Küssen, aber es ist nur der Abklatsch einer bürgerlichen Trauung, eine Inszenierung, mit der sie sich über die erlittenen Demütigungen und Erniedrigungen hinwegtrösten wollen und die sie unmittelbar darauf in klar bewusster gemeinsamer Entscheidung in "das tiefe Wasser" führen wird (ebd.). Die Liebe erweist sich daher - trotz ihrer völligen Unschuld am unauflöslichen Dilemma, in das sie hineingeraten sind - als todbringende Leidenschaft, mit der der Erzähler den stillschweigenden Vorwurf gegen eine Gesellschaft verbindet, die sie in diesem Dilemma zugrunde gehen lässt. Als Vertreter des bürgerlichen Realismus scheint Keller dennoch - trotz aller Kritik an den sozialen Verhältnissen - ein erzählerisches Muster bevorzugt zu haben, das gegenüber einer den Rahmen sozialer Konventionen sprengenden, völlig entgrenzten und emphatischen Liebe eine gesellschaftsfähige Form der Liebe zeigt, anstatt sich über jegliche Konvention hinwegzusetzen.

Leitmotiv des wilden Ackers

Die beiden eingangs erwähnte Handlungsstränge der Erzählung - die Streitgeschichte der Väter und die Liebesgeschichte der Kinder - werden durch das leitmotivische Dingsymbol des wilden Ackers miteinander verklammert. Der Aspekt der Verwilderung überträgt sich auf Haus, Hof und Menschen, und zwar sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Er bezieht die moralische Verwilderung und Verkommenheit der Väter mit ein, die sie nicht nur in den materiellen, sondern auch in den seelischen Ruin hineintreibt, so dass sie sich ihrer einstigen Natur als selbstbewusste, tüchtige und angesehene Bauern völlig entfremden. Der verwilderte Acker selbst wird vom einstmaligen Kinderparadies (vgl. 7 ff.) zum Ort des Wiedersehens und der erwachenden Liebe (vgl. 36) und schließlich und endgültig zur nächtlichen Kulisse ihrer verzweifelten "Trauungszeremonie" und ihres Todesversprechens (vgl. 77 f.). Damit erhält er eine strukturbildende, die Handlung gliedernde Funktion. Er wird zum Abladeplatz für lästigen Ballast, zum Symbol der Unfruchtbarkeit und vergeblicher Hoffnungen und zum Sinnbild der aus den Fugen geratenen Welt beider Familien. Aber er behält auch seine Bedeutung als Ort unschuldiger Kinderspiele, überschäumender Leidenschaft und vitaler Lebenslust, der von Anfang an schon eine kräftige Prise Grausamkeit beigemischt wurde. Insofern kann man von einer mehrsinnigen oder vielschichtigen Symbolik dieses Leitmotivs sprechen, dessen widerstrebende Komponenten ihm die Bedeutung eines Paradoxons verleihen.

Rezeption bei Lesepublikum und Rezensenten

Schon zum Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens fand die Novelle beim Lesepublikum und bei Rezensenten großen Anklang, obwohl manche Äußerungen des Autors den Eindruck erwecken, als habe er selbst nicht allzu viel von ihr gehalten. Schon am 16. April 1856 schrieb er seinem

Freund Hermann Hettner: "Für >Romeo und Julie< war ich am meisten bange und hätte es beinah weggelassen ..." (SW III, 1161) Und 28 Jahre später, am 9. November 1884, zeigte er sich in einem Brief an Josef Viktor Widmann geradezu verärgert darüber, dass ihm seine "verhängnisvolle Dorfgeschichte" wie ein "gestutzter Pudel durch das ganze Leben nachläuft" (Sautermeister, 117). Sein Freund Hettner bescheinigte ihm dagegen, er habe "ein klassisches Werk geschaffen" und jubelte begeistert: "Ihr >Romeo und Julie< wird leben, solange die deutsche Zunge lebt" (Brief an Keller vom 12. April 1856, in: Sautermeister, 121).

Berthold Auerbach, der Erfinder der "Dorfgeschichte", frohlockte, Keller habe mit seiner Erzählung "ein Kunstwerk geschaffen, das nicht viele seines Gleichen in der Literatur hat" (Augsburger Allgemeine Zeitung vom 17. April 1856, in: Sautermeister, 131). Auch Theodor Fontane sprach von einer "wundervollen Erzählung", und Paul Heyse, der Kellers Novelle in seine Sammlung "Deutscher Novellenschatz" (1871) aufnahm, lobte dessen "novellistisches Talent allerersten Ranges" und feierte ihn als "Meister des epischen Stils" (Einführung zu >Gottfried Keller<, in: "Deutscher Novellenschatz"; Sautermeister, 135). Ob dem Autor - wie Bernd Breitenbruch in seiner Keller-Monographie meint - im zweiten Teil versandender Erzählfluss, lange Dialoge wie "das alberne Liebesgflüster zwischen Sali und Vrenchen auf dem Kornacker" und "eine erzwungene Idylle auf dem Hintergrund eines düsteren Fatums" (Breitenbruch, 84 f.) vorzuwerfen sind, sei dahingestellt und müsste eingehender untersucht und belegt werden. Dies ist jedoch nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

2. Zur Entstehungsgeschichte

Zeitlose Aktualität des Stoffes

In der Einleitung wurde bereits darauf verwiesen, dass der Anstoß zu Kellers Romeo-und-Julia-Geschichte durch eine Meldung in der "Züricher Freitagszeitung" vom 3. September 1847 gegeben wurde, in der von einem jungen Liebespaar in einem Dorf bei Leipzig die Rede war, das miteinander in den Tod ging, weil seine Eltern in einer tödlichen Feindschaft lebten und gegen eine eheliche Verbindung ihrer Kinder waren. In diesem Vorfall erkannte Keller ein novellistisches Kerngeschehen, das ihn an das tragische Schicksal von Romeo und Julia aus dem gleichnamigen Drama Shakespeares erinnerte, sich im Unterschied zu einer städtischen Adelsgesellschaft der frühen Neuzeit aber in einem dörflichen Umfeld des 19. Jahrhunderts abspielte. Für ihn war das der Nachweis, dass sich ein solches Geschehen zu jeder Zeit und an jedem Ort zutragen kann und daher von zeitloser Aktualität ist. Diesen Gedanken drückt er zu Beginn seiner Erzählung in der Weise aus, dass es sich hier um eine "Fabel" handele, die "tief im Menschenleben" wurzelt (3) und auf der bedeutende literarische Werke gebaut seien. Wenig später entwarf Keller in seinem Tagebuch eine Erzählskizze, in der "zwei stattliche sonnengebräunte Bauern" vorgestellt werden, die mit starken Ochsen zwei Äcker umpflügen, "zwischen welchen ein dritter großer brach und verwildert liegt" (Tagebucheintrag im September 1847, in: Sautermeister, 70). In diesem Entwurf wird das Eingangsmotiv der im Einklang mit sich selbst und in vollkommener Harmonie mit der sie umgebenden Natur pflügenden Bauern Manz und Marti schon vorweggenommen und die Ursache des später ausbrechenden Konflikts - der "Frevel" des Sich-Bereicherns am "verwaisten Acker", wie es hier heißt - bereits präfiguriert. Schon in dieser frühen Entstehungsphase seiner Erzählung verknüpfte Keller also das reale Kerngeschehen der Zeitungsmeldung mit den materiellen Interessen einer bäuerlichen Bevölkerung, die in ihrer Besitzgier nicht davor zurückschreckt, sich fremden Boden widerrechtlich anzueignen. Damit erwies er sich als Vertreter eines

bodennahen bürgerlichen Realismus.

Frühe Versuche

Spätestens Anfang 1849 fasste Keller offensichtlich den Plan, diesen Stoff in einem epischen Gedicht nach dem Vorbild von Goethes "Hermann und Dorothea" zu verarbeiten, von dem ein Fragment in sieben Strophen überliefert ist (vgl Sautermeister, 72 f.). In diesem Fragment ist vom zarten Grün junger Birken, von einer sonnenbeglänzten Landschaft und von drei "Ackerlängen" die Rede, die sich über einen sanften Hügel hinziehen und von einem Himmel überwölbt werden, auf dem weiße Wölkchen schweben. Dieses idyllische, ganz im Sinne des poetischen Realismus gestaltete Panorama hat Keller in den Beginn seiner Novelle übernommen. Auf der Folie dieses poesievollen Eingangsbildes wirkt die desillusionierende Handhabung des konflikthaltigen Geschehens im weiteren Verlauf der Novelle umso dramatischer und beunruhigender. Der poetische Glanz verflüchtigt sich zusehends und macht einem bürgerlichen Realismus Platz, in dem sich junge Liebe nicht mehr entfalten kann.

Erste Veröffentlichung im Erzählband "Die Leute von Seldwyla" (1856)

Erst nach weiteren sechs Jahren brachte Keller den Stoff in die Form der uns heute bekannten Novelle. Sie erschien erstmals 1856 bei Vieweg in Braunschweig im Erzählband "Die Leute von Seldwyla", wo sie nach "Pankraz der Schmoller" und "Frau Regel Amrain und ihr Jüngster" an dritter Stelle aufgeführt war. Als 1874 bei Göschen in Stuttgart die zweite vermehrte Auflage erschien, rückte die Romeo-und-Julia-Novelle an die zweite Stelle und stand nun zwischen "Pankraz" und "Frau Regel Amrain". Auf diese Weise wurde die Novelle mit dem tragischen Ende von zwei Erzählungen mit einem glücklichen Ausgang eingerahmt. Durch diese Mittelstellung wurde die Tragik des Geschehens abgeschwächt und die düstere Stimmung etwas aufgehellt. Insgesamt wurden unter dem Sammeltitel "Die Leute von Seldwyla" zehn Novellen veröffentlicht, die als repräsentativ für den sogenannten poetischen Realismus gelten. Dabei handelt es sich um eine literarische Strömung, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte und deren Vertreter für eine gemäßigte Form gesellschaftskritischer Darstellung eintraten.

[...]


[1] Der Begriff "Schuld" ist hier nicht im religiös-christlichen Sinne zu verstehen und wird daher in Anführungszeichen gesetzt. Als Anhänger des Philosophen Ludwig Feuerbach vertrat Keller eine Haltung der "Weltfrömmigkeit" bzw. eine Philosophie der Diesseitigkeit, die auf eine bewusste Ausschöpfung des irdischen Daseins mit allen Sinnen ausgerichtet war.

[2] Vgl. hierzu zum Beispiel den Brief an seinen Verleger Ferdinand Weibert vom 29. August 1875, wo er schreibt, dass "der Titel, der nun nicht mehr zu ändern ist, einige Worte erfordert". Zu seiner Rechtfertigung fügt er hinzu, "daß das Hauptmotiv der Geschichte sich wirklich begeben hat" und betont: "Auf diese Weise ist mein Werklein keine Nachahmung ..." (Sautermeister, 115)

[3] Keller verwendet in seiner Erzählung ebenfalls die Shakespearesche Bezeichnung "Unstern" (S. 17), allerdings in Beziehung auf das Verhältnis zwischen den Vätern, Manz und Marti.

Details

Seiten
29
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656665885
ISBN (Buch)
9783656665878
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274300
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Schlagworte
gottfried kellers novelle romeo julia dorfe geschichte liebe

Autor

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Titel: Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Geschichte einer unglücklichen Liebe