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Karl Heinz Bohrers "Ästhetik des Schreckens" angewandt auf Shakespeares "Titus Andronicus"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 16 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Schreckens angewandt auf Shakespeares „Titus Andronicus“

Vorbemerkung

1.1 Theorie und Begriff des Schreckens
1.2 „Poetische Traumtheorie“ und “Inszenierung des Bösen“

2.1 Der Schrecken bei Shakespeare
2.2 Folter, Ritualmord und Kannibalismus in Titus Andronicus

Bibliographie

Vorbemerkung

Karl Heinz Bohrers 1978 erstmals erschienene „Ästhetik des Schreckens“ bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten theoretischer Reflexion des Schreckens und seiner Spielarten am Beispiel ausgewählter Schauerliteratur E.T.A. Hoffmanns und E.A. Poes. Den roten Faden der bohrerschen Theorie bildet Ernst Jüngers Frühwerk, insbesondere eine Abhandlung über die Thematik des Schreckens und dessen ästhetische Wirkungen, sowie die Erzählung >>Das Abenteuerliche Herz<<.

Die Verfasserin hat es sich zur Aufgabe gemacht Bohrers Argumentation soweit möglich auf das Theater zu übertragen und anhand Shakespeares Titus Andronicus prägnante Thesen zu verifizieren, bzw. Motive des Schreckens und deren Strukturen zu belegen Um diesem Ziel gerecht zu werden, beschränkt sich die Studie auf jene Kapitel von Bohrers Ästhetik des Schreckens, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Forschungsziel, der Anwendung auf Shakespeares Tragödie stehen. Das Thema, wie den Rahmen einer Hausarbeit, im Auge behaltend wird somit auf andere interessante Kapitel verzichtet, was jedoch zur Verdichtung der selbstgestellten Aufgabe führen soll, die wohl keinen Anspruch auf Vollständigkeit sich zu erheben traut, dennoch einige Einblicke in Bohrers Theorie des Schreckens, und deren Übertragbarkeit auf das Theater zu leisten hofft.

1.1 Theorie und Begriff des Schreckens

Karl Heinz Bohrer nimmt anhand Jüngers Erzählung des „Abenteuerlichen Herzens“ eine dreifache Unterscheidung der „Bilder des >>Entsetzens<<“ vor:

„1. Das >>Erschrecken<< als Akt argwöhnischer Wahrnehmung beunruhigender oder rätselhafter Vorgänge. Hier ist die Qualität der Sinnesorgane des Hörens und Sehens ausgewogen. 2. Das >>Entsetzen<< beim Anblick einer schreckenerregenden Erscheinung, sei es die Vorstellung eines Traums oder Halluzination der Wachträume. Es handelt sich um den klassisch vermittelten Typus des Horrors, wo der Anblick des schreckenerregenden Phänomens überwiegt. 3. Das >>Grauen<< grausamer Szenen, wie es bei der Darstellung kannibalischer, mörderischer, den Menschen verletzender Akte entsteht.“ [...] Sie strukturieren alle zusammen die Ästhetik des >>Schreckens<<.“[1]

Bei Titus Andronicus wird das Augenmerk insbesondere auf die dritte Entsetzens-Form zu richten sein. Ebenso finden sich Ereignisse in der Tragödie, die mit zentralen Begriffen Jüngers untersucht werden können, jedoch an dieser Stelle nur mit einem kurzen Beispiel erörtert werden. Zu den Termini zählen: >>Das Plötzliche<<, >>Die Überraschung<<, >>Das Moment der Erschütterung<< und >>Das Andere<<[2] was Bohrer mit „der plötzliche, überraschende Eintritt von etwas, mit dem das Bewusstsein nicht rechnet.“[3] definiert. S. 189

Die Wirkung des Plötzlichen zeigt sich in Titus Andronicus sehr deutlich im Fünften Akt, bei der raschen Tötung Lavinias, wo besonders für den Kaiser, der nichtsahnend sich zum Gastmahl niederlassen will >>Die Überraschung<<, und das >>Moment der Erschütterung<< erfolgen, was das >>Andere<< bereits impliziert.

Titus: „Stirb, stirb Lavinia! Mit dir stirbt die Schande,

Und mit der Schande deines Vaters Leid.“

Saturninus: „Was tust du da, du Unhold, Ungeheuer!“[4] S. 146

Die >>Überraschung<< des Kaisers, der plötzliche Einbruch des >>Grauens<< in die “Realität“ ist kennzeichnend für die Präsenz des Schreckens, und wird vom Zuschauer ähnlich wahrgenommen. Saturninus reagiert an dieser Stelle stellvertretend für unsere Empfindungen.

1.2 Poetische Traumtheorie und Inszenierung des Bösen

Karl Heinz Bohrers „Die schreckliche Erscheinung: ihre Darstellungsformen als Inszenierung des >>Bösen<<“ weist schon vom Titel her eine enge Verwandtschaft zur Sprache des Theaters auf, und bietet direkte Anknüpfungspunkte, wenn man speziell Robert Wilsons Theaterästhetik als Beispiel für die folgende Erläuterung im Hinterkopf behält. Bohrer behauptet in dem oben genannten Kapitel, wie in „Die poetische Traumtheorie“, dass der Autor von Schauerliteratur zum Aufbau spannender, unheimlicher Textpassagen einem Schema folgt, welches der Wahrnehmung des Träumenden sehr ähnlich ist, sozusagen einer Logik des Traums gehorcht, die den Rezipienten in einen Zustand versetzt, in dem der Einbruch des Irrationalen kritiklos stattfinden und wirken kann, obwohl die vorkommenden Handlungen oft jeder Vernunft entbehren, eben den Gesetzmäßigkeiten des Traums unterliegen, und ihrem Wesen nach phantastisch, wunderbar oder unheimlich sind. So äussert sich Bohrer zu einer Passage in Jüngers „Abenteuerlichem Herzen“:

„Andererseits lässt sich hier erstmalig ein Handlungsgefüge erkennen, das authentischem Traum-Material gleichkommt, also nicht bloß die Struktur literarischer Versatzstücke enthält.“[5] S.224

Allerdings verweist Bohrer mehrfach darauf, dass Jünger die Träume aus der mystischen Perspektive des Dichters, als ästhetisches Erlebnis und „begünstigte Akte des Geistes“ begreift, und nicht aus der Sicht eines die Phänomene auf Kausalitäten zurückführenden Wissenschaftlers:

„Der Traum ist also in Jüngers Verständnis letztlich ein dem >>Wahrnehmungs-Chok<< verwandter Bewusstseinszustand. Hier wie dort gilt die >>Schnelligkeit des Blitzes<< als bewegender Faktor [...] Das im Traum Gesehene bleibt bedeutsam als >>Offenbarung<<, nicht der Analyse bedürftig.“[6] S.206

Zur Erläuterung „der Mechanik des Grauens“ wie sie Bohrer besonders bei Poe erkennt, kann im Sinne der Studie lediglich das Übertragbare näher beleuchtet werden, was die Struktur, also die technische Inszenierung des Schreckens und die Motive betrifft. Abstrahiert könnte man von einer leisen Ankündigung und sukzessiver Steigerung des Schreckens sprechen, die symptomatisch für die >>Erwartungsangst<< des Rezipienten wird, ein Schema vom Aufbau unheimlicher Atmosphäre, den Einbruch des Grauens, die konkrete Schreckenserscheinung und die Unmöglichkeit der Rettung des Opfers, scheinen gattungsübergreifend ähnlich abzulaufen. Ein bestimmtes Motiv, beispielsweise das der Folter kommt nicht umhin zugehörige Konventionen zu erfüllen, da sonst gewünschte Reaktionen ausbleiben. Wie man weiß, sind alle Zeichensysteme, so auch das des Schreckens historisch wandelbar, aber dennoch scheint es so etwas wie zeitlose Gültigkeit des Schreckens zu geben. Das Furchtbare ist langlebiger als beispielsweise Mode, Umgangsformen und Statussymbole, da es zu jenen Formen gehört, die bis heute nichts von ihrer Wirksamkeit verloren haben, und häufig kulturübergreifend wahrgenommen werden.

[...]


[1] Bohrer, Karl Heinz: Die Ästhetik des Schreckens. Frankfurt am Main, 1983, S.186-187.

[2] Ebd.

[3] Ders., S.189.

[4] Shakespeare, William: Titus Andronicus. Übers. u. hg. v. Erich Fried, S.146.

[5]

[6]

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638294805
ISBN (Buch)
9783640127979
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27426
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Karl Heinz Bohrers Schreckens Shakespeares Titus Andronicus Theatermotive Schrecken

Autor

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