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Geister und Gespenster im 18. Jahrhundert

Literatur, Religion, Philosophie, Theater

Masterarbeit 2013 92 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Geist, Gespenst und Aberglaube

3 Geister und Geistererscheinungen im Barock

4 Der Geisterdiskurs der Aufklärung
4.1 Religion
4.1.1 Balthasar Bekker
4.1.2 Peter Goldschmid
4.2 Fallerzählungen und Philosophie
4.3 Theater und Literatur
4.3.1 Gottsched
4.3.2 Bodmer
4.3.3 Wieland
4.3.4 Lessing

5 Exemplarische Betrachtung
5.1 Musäus „Die Entführung"
5.2 Schiller „Der Geisterseher"

6 Der Schauerroman

7 Schlusswort

8 Anhang
Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Leute, die nicht furchtbar sind, nicht abergläubisch und

nicht im Kopfe verrückt sind, sehen keine Geister.[1]

Geister, Gespenster und übersinnliche Begebenheiten faszinieren schon seit Menschengedenken. Da erscheint es nicht verwunderlich, dass sie Gegenstand mündlicher Tradierung und verschiedenster literarischer Werke wurden. Bereits
100 n. Chr. berichtete der römische Schriftsteller Plinius der Jüngere von einem Spukhaus in Athen, in dem ein in Ketten gebundener Geist sein Unwesen treibt[2] und schon Homer erzählte von Gespenstern[3]. Bis in unsere heutige Zeit existieren seither Gespenstergeschichten, Abhandlungen über Geister und Berichte über Erscheinungen von Engeln, Teufeln und Zauberwesen. Während es in den meisten Epochen bereits zu Diskussionen über die Existenz oder Nichtexistenz der Jenseitsgestalten gekommen war, zeichnet sich besonders in der Epoche der Aufklärung ein verbissener Kampf zwischen Geistergläubigen und Geisterungläubigen ab, der in seiner Hartnäckigkeit und Intensität einmalig ist.[4] Dieser Gespensterdiskurs erstreckt sich über annähernd 100 Jahre und umfasst nicht allein die Literatur und das Theater, sondern ebenfalls Philosophie, Naturwissenschaft und Religion. In der Forschungsliteratur werden die einzelnen Disziplinen häufig gesondert betrachtet und auf relativ eng gezogene Bereiche beschränkt. Dabei erscheint es mir als unbedingt notwendig, die jeweiligen Einflüsse verschiedenster Disziplinen aufeinander zu beziehen. Philosophische Abhandlungen des 18. Jahrhunderts können nicht objektiv bearbeitet werden, wenn naturwissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden. Genauso ist der Gegensatz zwischen neuen und alten Religionsvorstellungen nicht bewertbar, wenn der Aberglaube der bäuerlichen Bevölkerung ausgrenzt wird. Aus diesem Grund werde ich in dieser Arbeit Werke und Aufsätze aus den Bereichen Religion, Philosophie, Literatur und Literatur- bzw. Theatertheorie vorstellen und mit in meine Untersuchungen einbeziehen. Mit ihrer Hilfe wird ein umfassender Überblick über die einzelnen Positionen im Geisterdiskurs des 18. Jahrhunderts ermöglicht. Hierbei sollen nicht nur die Veränderungen der Gespenstervorstellung skizziert, sondern aufgezeigt werden, dass in der Aufklärung eine gänzlich neue Funktion und Wirkungsweise von Geistermotiven und Geisterdarstellungen entsteht. Es wird zu untersuchen sein, inwieweit sich all diese Überschneidungen und Veränderungen in Werken der Spätaufklärung bemerkbar machen.

Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich an der zeitlichen Einordnung und Gliederung der Aufklärung in Frühaufklärung, Hochaufklärung und Spätaufklärung, da hierdurch ein diachroner Vergleich möglich wird. Als Ausgangspunkt gelten die Geisterauffassung und die Verwendung der Jenseitsgestalten im Theater und der Literatur des 17. Jahrhunderts. Aus diesem Grund werden nach einer definitorischen Eingrenzung der Begriffe Geist, Gespenst und Aberglaube (Kapitel 2) die wesentlichen Eigenschaften, Funktionsweisen und Wirkungsansprüche der Geisterfiguren im Kapitel 3 aufgezeigt. Dazu werden nicht nur Gespenster auf der Bühne betrachtet, sondern ebenfalls Geister und Spukerscheinungen in Johann Beers Kurzweilige Sommertäge von 1683. Eine schrittweise Untersuchung der genannten und besprochenen Werke des 17. Jahrhunderts ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Da ich mich zudem hauptsächlich mit den Geister und Gespenster des 18. Jahrhundert beschäftige, werden lediglich die Ergebnisse aus der Forschungsliteratur und meiner eigenen Studienarbeit[5] aufgeführt, um die Darstellungen der Spukerscheinungen im
17. Jahrhundert zu skizzieren.

In Kapitel 4 folgt ein allgemeiner Überblick über wesentliche Neuerungen in Bezug auf Literaturrezeption, -sprache und -produktion sowie ein geistiges Umdenken im 18. Jahrhundert. Im Anschluss werden die Positionen der katholischen und der protestantischen Kirche in Bezug auf Geister und Gespenster im Kapitel 4.1 besprochen, wobei katholische Vorstellungen lediglich als kurzer Überblick festgehalten werden. Diese Ausgrenzung erscheint mir sinnvoll, da alle in dieser Arbeit besprochenen Autoren und Theoretiker protestantischen Glaubens waren oder zumindest protestantisch erzogen wurden. Katholische Lehrsätze und Traditionen sind als gewichtiger Einfluss in die entsprechenden Theorien, Werke und Definitionen nicht zu erwarten und werden aus diesem Grund nicht ausführlich erörtert.[6] Im Anschluss daran erfolgt die Untersuchung der protestantischen Geistervorstellungen des
18. Jahrhunderts anhand Balthasar Bekkers Die Bezauberte Welt von 1691 sowie Peter Goldschmids Replik Höllischer Morpheus von 1698. Die gegensätzlichen Positionen und Argumentationsweisen beider Werke der Frühaufklärung ermöglichen einen ausführlichen Vergleich der Geistervorstellungen und können aufgrund ihrer weitgreifenden Popularität stellvertretend für den religiösen Gespensterdiskurs des 18. Jahrhunderts gesehen werden.

Das Kapitel 4.2 beginnt mit der Untersuchung populärwissenschaftlicher Literatur, deren Beispiele ich in dieser Arbeit als Aufgeklärte Gespenstergeschichte, Aufgeklärte Fallerzählung und Volkstümliche Fallerzählung bezeichnet habe. Als Exempel für die Aufgeklärte Gespenstergeschichte dient G.C. Grimms Für solche Leser, die noch Gespenster glauben von 1787, das in den Blätter[n] vermischten Inhalts publiziert wurde. Daran schließt sich Friedrich Nicolais Beispiele einer Erscheinung mehrer Phantasmen von 1799 an, das als Beispiel für eine Aufgeklärte Fallerzählung gilt. Trotzdem in der Fachliteratur vermehrt darauf hingewiesen wurde, dass im 18. Jahrhundert eine Fülle an Volkstümlichen Fallerzählungen existierte, die in Zeitschriften, Zeitungen, Kalenderblättern und Almanachen veröffentlicht wurden, war es mir aufgrund fehlender Nennungen und äußerst geringer Quellenlage nicht möglich, für diese Arbeit ein konkretes Beispiel zu finden. Ich bedauere diesen Umstand zutiefst, da eine Untersuchung eines solchen Textes diese Arbeit nicht nur in ihrem Ergebnis bestärkt, sondern darüber hinaus interessante Einblicke in volkstümliche Überlieferungen ermöglicht hätte. Ich gehe davon aus, dass es durchaus eine große Menge Volkstümlicher Fallerzählungen in Archiven und Sammlungen gibt, die bisher nicht katalogisiert und digitalisiert wurden. Sollte sich dieser Umstand ändern, werden die aus den Texten erhaltenen Erkenntnisse mit Bestimmtheit interessante Ergebnisse in literaturwissenschaftlichen Betrachtungen ermöglichen. In dieser Arbeit können allerdings nur Nennungen und Verweise aufgeführt werden.

Im Anschluss an die Bearbeitung populärwissenschaftlicher Texte folgt im selben Kapitel die Betrachtung philosophischer Schriften der Hochaufklärung, die als jeweilige Repliken herausgegeben wurden. Das sind erstens Georg Friedrich Meiers Aufsatz Gedanken von Gespenstern von 1747, zweitens Johann Georg Sucros Widerlegung der Gedanken von Gespenstern von 1748 sowie drittens Meiers Vertheidigung der Gedanken von Gespenstern, das im selben Jahr erschien. Aufgrund der unüberschaubaren Fülle an philosophischen Aufsätzen und Abhandlungen über Geister und Gespenster ist es in dem begrenzten Rahmen einer Masterarbeit nicht möglich, alle Positionen und Herangehensweisen im philosophischen Geisterdiskurs des 18. Jahrhunderts darzustellen. Die Auswahl exemplarischer Texte erfolgte aus diesem Grund durch die Vergleichbarkeit beider Aufsätze. Da sie sich nicht nur aufeinander beziehen, sondern sich im speziellen mit den jeweiligen Thesen, Fragen und Antworten des vorhergegangenen Werkes beschäftigen, decken sie relativ genau gängige Auffassungen und Argumentationsmuster der Epoche ab. Mir erscheinen die davon abgeleiteten Erkenntnisse durchaus ausreichend, um sie speziell auf populärwissenschaftliche Texte anzuwenden oder mit anderen Positionen des Geisterdiskurses zu vergleichen. Im Kapitel 4.3 werden schließlich Geister und Geistererscheinungen im Theater und der Literatur betrachtet, wobei es in den besprochenen Werken weniger um die Frage nach Existenz oder Nichtexistenz geht, sondern vielmehr um deren Legitimation als Figur. Für diese Untersuchung werden die Theorien und Auffassung von vier Literaten der (Hoch)Aufklärung verwendet: Johann Christoph Gottscheds Position kann anhand des Werkes Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen von 1730 und dessen Neuauflage samt Ergänzungen von 1751 aufgezeigt werden. Im Anschluss daran und als Gegenschrift zu Gottsched, folgt die Untersuchung der Critischen Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie und dessen Verbindung mit dem Wahrscheinlichen von 1740 und der critischer betrachtung uber die poetischen gemahlde der dichter aus dem darauffolgenden Jahr, von Johann Jakob Bodmer. Den Abschluss bilden schließlich Christoph Martin Wieland mit seinem Aufsatz Betrachtung über den Standpunct, worinn wir uns in Absicht auf Erzählungen und Nachrichten von Geistererscheinungen befinden sowie seinem Geschichte des Agathon von 1766 und Gotthold Ephraim Lessing mit zwei Aufsätzen aus seiner Hamburger Dramaturgie von 1767. Die chronologische Reihung der jeweiligen Positionen geht mit einer Veränderung des Geisterlegitimation im Theater und der Literatur einher, auch wenn betont werden muss, dass sich die jeweiligen Theorien und Vorstellungen nicht ablösten, sondern teilweise eine Zeit lang parallel zueinander verliefen. Im Anschluss an die Darstellung und Erklärung des Geisterdiskurses im 18. Jahrhundert werden schlussendlich zwei Werke der Spätaufklärung näher betrachtet und dahingehend untersucht, wie sie Geister thematisieren und darstellen und ob bzw. wie sich der Gespensterdiskurs der Aufklärung in ihnen bemerkbar macht. Als Exempel dienen hierbei Johann Karl August Musäus Die Entführung, das in den Volksmärchen der Deutschen 1782 erschien sowie das Erste Buch Johann Christoph Friedrich Schillers Der Geisterseher, das 1787 erschien. Da der Ausgangspunkt dieser Arbeit die Gespensterdarstellung im Theater und der Literatur des Barock ist, erschien es mir angebracht, die theoretischen Betrachtung des Geisterdiskurses im Kapitel 4 ebenfalls auf literarische Texte anzuwenden. Aufgrund dieses Vorgehens ist es auch möglich, den Einfluss verschiedener Positionen und die Bezugnahme auf andere Disziplinen darzustellen. Schillers Geisterseher wurde aufgrund seiner Popularität im ausgehenden 18. Jahrhundert und seiner Stellung im Bereich des Schauerromans in den Textkorpus dieser Arbeit aufgenommen und ist bei einer Betrachtung der Gespensterentwicklung in der Zeit der Aufklärung nicht wegzudenken. Musäus Text hingegen bietet einen interessanten Blickpunkt in Bezug auf die Parallele zur anfangs besprochenen Auffassung und des Genres der Werke Beers Ende des 17. Jahrhunderts und bildet somit einen geeigneten Rahmen für diese Arbeit. Abschließend erfolgt in Kapitel 6 eine kurze Beschreibung der Kunstform Schauerroman und somit ein Ausblick in das beginnende 19. Jahrhundert.

2 Geist, Gespenst und Aberglaube

Zu Beginn dieser Arbeit ist es unabdingbar, wesentliche Begriffe klar zu definieren, um Missverständnissen aufgrund von Mehrdeutigkeiten vorzubeugen. Nach der Bedeutungsbestimmung von Aberglaube folgt eine genaue Abgrenzung von Geist zu Gespenst, wobei sich die jeweiligen Auffassungen lediglich an den protestantischen Positionen orientieren.[7]

Während Dieter Harmening den Aberglauben lediglich als eine Restform des Heidentums bezeichnet und ihn in die Bereiche der Zeichendeutung, des magischen Wissens, der zauberischen Praxis sowie des Wahrsagens einordnet,[8] ist die Begriffsklärung für die Zeit der Aufklärung weitaus differenzierter. Zedler bezeichnet den Aberglauben in seinem Grosse[n] vollständige[n] Universal-Lexikon als Irrtum, nach dem man menschlichen und natürlichen Dingen etwas Göttliches zuschreibt.[9] Der Ursprung dessen sei, so fügt Krünitz in der Oekonomische[n] Encyklopädie hinzu, in der „Unwissenheit der Natur= und Geister=Lehre der Alten“ zu suchen.[10] Aus diesem Grund sei es die Aufgabe der Gelehrten, den Aberglauben auszurotten.[11] Noch spezifischer argumentiert Werner Schneiders im Lexikon der Aufklärung. Danach verstünde man den Aberglauben aus philosophischer Perspektive als die volkstümliche Vorstellung über übersinnliche Mächte und von kirchlicher Positionierung als alle nicht-christlichen Religionen.[12] „Mit der Kirchenspaltung und der Entstehung der modernen Wissenschaft bekam der Begriff des Aberglaubens dann einen neuen Stellenwert.“[13] Zum einen beschuldigten sich die katholische und die protestantische Kirche gegenseitig des Aberglaubens, zum anderen kam die neue Position der Aufklärer hinzu, die einen allgemeinen Kampf gegen den Aberglauben führten. Dabei gingen sie gegen den Hexenwahn und damit gegen die katholische Lehre des Dämonenpaktes und des lutherischen Teufelsglaubens vor.[14] Ihrer Meinung nach waren die Vernunft und die Tugend die richtige Mitte zwischen der Ungläubigkeit der Atheisten und der Leichtgläubigkeit der abergläubischen Bevölkerung. Durch die Gegenüberstellung des Aberglaubensbegriffes aus religiöser und aus aufgeklärter Sicht kam es im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einer Meinungsspaltung in Deutschland. So galt für einige die Wissenschaft als tendenziell atheistisch und für andere die Religion als tendenziell abergläubisch.[15] Erst zum Ende der Aufklärung ging das allgemeine Interesse an der Bekämpfung des Aberglaubens zurück, da „einerseits die schlimmsten Exzesse des öffentlichen Aberglaubens behoben waren“ und „andererseits eine neue Gläubigkeit die allgemeine kritische Einstellung zurückdrängte, Hexen- und Wunderglauben sogar schon romantisch verklärt werden konnte.“[16]

Die oben beschriebene Bedeutungsvielfalt des Begriffes Aberglaube macht eine konkrete Zuordnung schwierig. In dieser Arbeit gilt aus diesem Grund folgende Definition: Aberglaube ist aus religiöser Sicht all das, was nicht in den jeweiligen Glaubensschriften des 18. Jahrhunderts festgehalten ist und als Restbestand heidnischer Traditionen angesehen wird sowie aus aufgeklärtem Blickwinkel jenes, was fälschlicherweise göttlichen Ursprungs ist, trotzdem es wissenschaftlich widerlegt werden kann.

Im katholischen Glauben des 17. und 18. Jahrhunderts bezeichnet Geist die Seelen der Verstorbenen, die im Fegefeuer verweilend, ihren Hinterbliebenen erscheinen, damit diese für sie beten. Darüber hinaus meint der Begriff Erscheinungen von Engeln und Seelen Verstorbener aus dem Himmel, die von Gott gesendet wurden sowie Erscheinungen dämonischen Ursprungs, die mit göttlicher Erlaubnis den Menschen in seinem Glauben prüfen sollen. Durch die Aberkennung des Purgatoriums im Protestantismus können die Geistererscheinungen jedoch nicht die Seelen aus dem Fegefeuer sein, weswegen sie dem Einfluss und Wirken des Teufels zugeschrieben werden. Jene teuflischen Erscheinungen wurden als Gespenster bezeichnet. Eine genauere Abgrenzung beider Begriffe voneinander ist jedoch nötig.

Nach Zedler ist ein Geist ein unkörperliches Wesen, das entweder von Gott erschaffen wurde oder Gott selbst als eigenständiger Geist ist. Geister werden zudem mit dem Begriff der Seele gleichgesetzt und seien entweder in einen Körper eingeschlossen, wozu Menschen, Tiere und Pflanzen zählen, oder aber körperlos, wie Gott sowie die guten und bösen Engel.[17] Demgegenüber steht die Definition eines Gespenstes, einer als sichtbar empfundenen Gestalt, die verschiedene Formen annehmen und von Menschen gesehen, gehört, gefühlt und ertastet werden kann. Dabei erzeugt sie ausschließlich negative Empfindungen wie Furcht und Schrecken.[18] Bei Gespenstern könne es sich zudem nur um Teufelswerk handeln, da erstens die Seelen der Verstorbenen nach protestantischer Lehrmeinung nicht zur Erde zurückkommen können, sie zweitens ebenso wie die guten Engel leiblich erscheinen können und drittens ihr Wesen am ehesten mit dem des Teufels übereinstimmt.[19] Daraus lässt sich schließen, dass nach Zedler alle Gespenster auch Geister sind, allerdings nur die bösen Engel als Geister zu den Gespenstern gezählt werden dürfen. Mit Krünitz‘ Oekonomische[r] Encyklopädie kam es schließlich zu einer Begriffserweiterung. Danach würden Geister im gemeinen Leben als Wesen höherer Art angesehen werden, ohne dass zwischen gut und böse differenziert wurde. Der Begriff Geist kann nach Krünitz demnach mit Gespenst gleichgesetzt werden.[20] Unter Gespenst ist darüber hinaus entweder eine geistige Substanz zu verstehen, wenn sie in menschlicher Gestalt erscheint oder aber, was häufiger der Fall ist, eine Substanz, die man sich einbildet. Gespenster plagen und erschrecken zudem Menschen und seien zwar in der Bibel belegt, allerdings durch volkstümliche Berichte so sehr in das alltägliche Leben integriert worden, dass eine rege Gespensterfurcht entstand. Die Menschen sähen Gespenster, wo keine seien. Aus diesem Grund solle man sich davon überzeugen, ob es sich nicht doch um ein Trugbild oder bloße Einbildung handele. Da böse Geister darüber hinaus nur die Gestalt eines Verstorbenen annehmen dürften, wenn Gott es erlaube, sei anzunehmen, dass die meisten Gespensterberichte falsch seien. Krünitz betont, es sei eher unwahrscheinlich, dass Gott den Menschen so oft mit Satan konfrontiert.[21] Bei Krünitz macht sich bereits ein Umdenken in Bezug auf die Geister- und Gespensterthematik bemerkbar, indem bereits wesentliche Argumente der Aufklärung in den Lexikonartikel eingeflossen sind.[22]

Neben den religiösen Doktrinen existierten verschiedene Geister- und Gespenstervorstellungen, die sich im volkstümlichen Aberglauben erhalten hatten. Danach seien Gespenster keineswegs nur mit Gottes Erlaubnis auf Erden erschienene Teufelswerke, sondern zweifelsohne die immaterielle Substanz von Verstorbenen, von Existenzformen, die auf der Erde verweilen und Lebenden erscheinen. Wilpert nennt folgende Gründe dafür, dass die Seelen der Toten nicht sofort zu Gott oder in die Hölle fahren: Die Art des Todes, die Art der Bestattung, Schuld der Nachwelt gegenüber dem Toten, Schuld des Toten gegenüber der Nachwelt sowie der Charakter des Toten und Rache.[23] Ist die Seele durch eine dieser sechs Gründe noch immer an das Irdische gebunden, könne sie nicht nach Gottes Heilsplan in den Himmel fahren, oder in die Hölle hinabsteigen. Genauer spezifiziert bedeutet dies zum Beispiel, dass die Essenz eines Toten so lange als Geistererscheinung auf der Erde verbleibt, bis sein Mörder bestraft wird, bis sein Körper christlich korrekt beigesetzt wird oder verbleibende Schulden, die noch zu Lebzeiten offen blieben, getilgt werden.

In dieser Arbeit werde ich die Begriffe Geist und Gespenst gleichwertig verwenden, da es sich in den besprochenen Werken und Theorien bei Geistern zumeist um Spukerscheinungen handelt. Lediglich in kurzen Abschnitten, in denen katholische Positionen behandelt werden, wird auf die Verwendung von Gespenst verzichtet. Ich beziehe mich zudem bei der Begriffsdefinition lediglich auf die Bedeutungen im Sinne von Spukerscheinungen und nicht auf Heiliger Geist, Weingeist oder anderen Verwendungsmöglichkeiten.

3 Geister und Geistererscheinungen im Barock

Um eine Entwicklung des Verständnisses von Geistern und Gespenstern im
18. Jahrhundert aufzeigen zu können, ist eine fundierte Grundlage als Ausgangspunkt zu nehmen. Diese Basis sollen Geister und Geistererscheinungen im Zeitalter des Barock bilden und zwar in Bezug auf Theater und Literatur. Aus diesem Grund werden im Folgenden die wesentlichen Funktionen, Darstellungsarten und Ziele bei der Verwendung der Jenseitsgestalten in besagten Gebieten erläutert.

Das im Deutschland des 17. Jahrhunderts florierende Theaterwesen weist eine Vielzahl an Aufführungsformen und Aufführungsorten auf. Da eine tiefergehende Betrachtung der barocken Theaterorganisation und Aufführungspraxis für das Thema dieser Arbeit nicht relevant ist, sei an dieser Stelle lediglich festgehalten, dass in beinahe allen Theatergattungen, auf jeden Fall jedoch in allen Stilhöhen, Geister und Gespenster zu finden sind. Die verschiedenen Funktionen und Darstellungsarten der Jenseitsfiguren, die im Folgenden vorgestellt werden, umfassen aus diesem Grund alle Aufführungsformen auf der Bühne des Barocktheaters.

Geistererscheinungen auf der Theaterbühne dienen der Gegenüberstellung der irdischen Ebene mit der Ebene des Jenseits. Überirdische und göttliche Erscheinungen nehmen Einzug in die Menschenwelt und ermöglichen aus diesem Grund eine Gegenkraft, die ein wesentliches Spannungselement des Theaters im Zeitalter des Barock ist. Die Figur des Geistes steht als Mittler zwischen der irdischen Welt der Menschen und dem überirdischen Reich Gottes und bildet damit eine Schnittstelle zwischen dem Leben und Handeln der Figuren und der göttlichen Heilskraft, welcher der Mensch unterworfen ist. Diese Gegenüberstellung ermöglicht als grundlegende Basis ein weites Handlungs- und Wirkungsspektrum. Rein thematisch gestattet die Verwendung von Geistererscheinungen beispielsweise, dass der Entfremdung von Gott in historischen Stoffen entgegengewirkt und ursprünglich nicht-christlichen Stücken eine religionsbelehrende Funktionen beigefügt werden kann. Die Hinzunahme überirdischer Elemente impliziert eine besondere Wirkung auf die Figuren eines Stückes: Da die Figuren ergründen müssen, was es mit den Aussagen der Geister auf sich hat oder – in Bezug auf die Geisterszenen im Traum – ob die Erscheinungen tatsächlich als echt zu deuten oder sie nur Produkte der Phantasie sind, entsteht eine geistige Tiefe.[24] Da es sich in den meisten Fällen bei den Jenseitsgestalten um Erscheinungen Verstorbener handelt, die sich entweder ihren Hinterbliebenen oder aber ihren Mördern und Peinigern zeigen, können die betroffenen Figuren zudem von Schuldbewusstsein, tiefer Reue, Panik oder Angst befallen werden.[25] Die expressive Wirkung dieser Gefühlszustände überträgt sich schließlich von den Figuren auf das Publikum und erzeugt somit Unbehagen und gesteigerte Spannung. Neben der dramatischen Wirkung ist darüber hinaus der räumliche und zeitliche Aspekt zu nennen, der durch den Auftritt von Geisterfiguren entsteht. Aufgrund der Tatsache, dass den Gestalten zwischen Diesseits und Jenseits eine Allwissenheit zugeschrieben wurde, können sie auf vergangene und zukünftige Begebenheiten hinweisen, im Namen Gottes sprechen und „Antworten auf die Frage nach dem tieferen Sinn, dem eigentlichen Weltgehalt des vordergründigen Geschehens geben“[26]. Zuletzt sei in Bezug auf den Theatergeist auf Hans Ankerbrand verwiesen. Er merkt an, dass mit einer Spukerscheinung bestimmte Handlungsverläufe des Stückes gesteuert werden können. So sei eine Geistererscheinung erstens, beispielsweise im Prolog, eine Stimmungsfigur, zweitens ein erregendes Moment, indem sie durch ihr Erscheinen einen Entschluss der Hauptfigur fordert, von dem die Handlung abhängt, drittens ein Mittel, um den Höhepunkt des Stückes hervorzuheben, viertens der Beginn einer fallenden Handlung und fünftens die Vorbereitung auf die Katastrophe.[27] Den Spukerscheinungen kommt demnach eine große Bedeutung im Barock im Hinblick auf ihre Positionierung im Werk zu. Um sich jedoch der Figur des Theatergeistes, das heißt einer Geisterfigur, die im Stück auftritt, anzunähern, muss zwischen zwei wesentlichen Typen unterschieden werden, die Gisela Dahinten als isolierten und dramatisierten Typ bezeichnet. Der isolierte Typ der Geistererscheinung kennzeichnet sich durch die Losgelöstheit der Vordergrundhandlung des jeweiligen Dramas. Der Geist tritt beispielsweise in den Reyen auf. Seine Aussagen sind demzufolge allein dem Publikum vorbehalten. Nur den Zuschauern oder Lesern ist es aus diesem Grund möglich, den Sinngehalt der Ausführungen den beiden Ebenen zuzuschreiben, sie miteinander zu verknüpfen und wechselseitig zu betrachten.[28] Dem gegenüber steht der dramatisierte Typ, bei dem das Diesseits und Jenseits in direktem Kontakt zueinander stehen, nämlich genau dann, wenn der Geist innerhalb einer Szene auf der Bühne und somit den einzelnen Figuren erscheint. Die Auseinandersetzung des Menschen mit den jenseitigen Kräften, die außerhalb seines Willens und seiner Einflussnahme liegen, erschafft die dramatische Wirkung des Stückes.[29] Als Beispiele für die bisher beschriebenen Geister können die Erscheinungen der verstorbenen Könige Antigonus, Artabaz und Jamblichus in Daniel Casper von Lohensteins Cleopatra, der Geist des Tarasius sowie das Gespenst des inhaftierten Michael Balbus in Andreas Gryphius Leo Armenius und auch die Erscheinung der soeben verstorbenen Catharina von Georgien im gleichnamigen Stück von Gryphius genannt werden. Die Stücke Cardenio und Celinde (Andreas Gryphius), Perseus (Johann Rist), Titus und Tomyris (Hieronymus Thoma) sowie Mariamne von Johann Christian Hallmann sind nur einige weitere Beispiele, in denen ausgiebig Gebrauch von Geistererscheinungen gemacht wird.

Die Wirkungen und Funktionen von Geistererscheinungen, die bisher genannt wurden, beziehen sich auf Jenseitsgestalten in Theaterstücken und Dramen. In der Literatur des Barockzeitalters existiert jedoch eine weitere Form der Geistererscheinung: Die Jenseitsgestalt im Roman, explizit in den Werken Johann Beers
(1655-1700). Sie

ist bei ihm nicht mehr Sonnzeichen eines Höheren, sondern Selbstzweck ohne geistigen Überbau und ohne moralisch-religiöse Legitimation, fast nur Mittel spielerischer Unterhaltung. Seine Gespenster und Geister, oft aus volkstümlichem Erzählgut besonders seiner oberösterreichischen Heimat und mündlicher Tradition geschöpft, treiben ihr abenteuerliches Wesen, Schrecken einflößend oder auch nur belustigend, teils aus phantastischer Spielfreude, teils um echtes Gruseln zu erregen, vor allem aber zum Zweck der Unterhaltung in seinen locker gebauten, pikaresken Erzählwerken.[30]

Damit unterscheiden sich ihre Funktionen wesentlich von denen der Theatergeister barocker Dramen, indem die Betonung nun eben nicht auf religiöser Moral, Handlungssteuerung und Einwirken auf die Entscheidungen der Figuren liegt, sondern vorrangig in der Unterhaltung. Für Beer ist auch nicht wichtig, ob die Gespenster, die er zeigt, realistisch und glaubwürdig sind, er will sie nicht beweisen: „Meinetwegen mag etwas an der Sache sein oder nicht, ich erzähle nur, was mir erzählt worden, denn einer glaubt es, der andere nicht“[31]. In seinen Kurzweiligen Sommertägen beispielsweise treten Poltergeister, todverkündende weiße Frauen, Quälgeister und aus Eifersucht enthauptete Frauen ohne Kopf auf.[32]

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es verschiedene Arten von Geistern und Gespenstern in der Literatur und in Theaterstücken im Zeitalter des Barock gibt und dass deren Funktion ebenso vielseitig sein kann, wie ihre Wirkungen. Sie können die dramatische Stimmung eines Stückes erschaffen, die Handlungen von Figuren oder den Verlauf der Handlung steuern, zeitliche und räumliche Distanzen überbrücken sowie moralische Lehrsätze übermitteln. Sie wirken auch auf den Zuschauer bzw. den Leser, entweder direkt über die Geisterdarstellung auf der Bühne bzw. im Werk oder indirekt über die Reaktionen der anwesenden Figuren. In all ihrer Vielfalt und Fülle kam es jedoch bis zum Beginn der Aufklärung zu keiner Reflektion. Die Existenz der Jenseitsgestalten wurde in den meisten Fällen geglaubt oder zumindest nicht öffentlich in Frage gestellt. Erst ab etwa 1680 entwickelte sich eine ausufernde Diskussion über die Jenseitsgestalten, die bis ins 19. Jahrhundert hinein anhalten sollte. Im Folgenden wird demnach zu untersuchen sein, inwiefern sich die Darstellung und die Funktion der Gespensterfigur in der Literatur und Kunst veränderten und ob es zu einer grundlegenden Neudeutung des Geisterverständnisses kam.

4 Der Geisterdiskurs der Aufklärung

Wenn in dieser Arbeit der Begriff Aufklärung verwendet wird, bezeichnet er die Epoche der Aufklärung in Deutschland, die in drei Phasen eingeteilt wird: Die Phase der Frühaufklärung von 1680 bis 1740, die Phase der Hochaufklärung von 1740 bis 1770 sowie die Phase der Spätaufklärung (1770-1800).[33] Nach einer kurzen allgemeinen Einführung in die Epoche folgen in diesem Kapitel exemplarische Betrachtungen, die sich an der obenstehenden Einteilung orientieren. Zuerst werden Geister und Gespenster in der Religion untersucht, wobei die wesentliche Betrachtung auf den Werken der Protestanten Balthasar Bekker und Peter Goldschmid liegt. Die Untersuchungen in diesem Kapitel 4.1 bewegen sich im Wesentlichen im Bereich der Frühaufklärung. Im Anschluss wird in den Kapiteln 4.2 und 4.3 die Phasen der Hochaufklärung und Spätaufklärung behandelt. Dabei dienen zum einen Schriften der Philosophie sowie spezielle Fallerzählungen als Beispiel und zum anderen die Theorien im Bereich des Theaters und der Literatur. Eine Trennung von Fallerzählungen in Kapitel 4.2 und Literatur in Kapitel 4.3 erfolgt, da in den Fallerzählungen die reale Existenz von Geistern und Gespenstern thematisiert wird, in den Dramen- und Literaturtheorien jedoch der Bestand von Geistern und Gespenstern in literarischen Werken und auf der Bühne. Zuletzt zeigen die Kapitel 5 und 6 die Verwendung von Geistern und Gespenstern in Romanen und Erzählungen der Spätaufklärung auf.

Die Epoche der Aufklärung ist die Zeit eines wachsenden kulturellen Fortschrittes, weniger in Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfindungen, denn auf einer Umstrukturierung des Denkens. Als Grundstein dafür gilt die „Konstitution des frühneuzeitlichen Rationalismus, wie er wesentlich durch das seit 1630 entstehende Werk René Descartes‘ vorbereitet wird“[34]. Die verspätete Entfaltung dieses Denkmodells zu Beginn des 18. Jahrhunderts ist durch die „relative Stabilität des im Barockzeitalters restaurierten scholastischen Wissenssystems“[35] zu erklären, nach dem Erkenntnisse über die Welt lediglich als Hypothesen bestünden, während allein Gott vollkommene Wahrheit über die Natur beanspruchen könne.[36] In seinem Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, et chercher la vérité dans les sciences von 1637 versucht Descartes nun, „eine realitätserfassende Dimension menschlicher Forschungstätigkeit zu begründen“[37]. Die Wahrheit sei also nicht durch die Botschaft der Offenbarung, sondern vielmehr durch das menschliche Wissen über die Natur zu erreichen. In diesem Wissen und dem damit verbundenen Akt des Denkens gewinne der Mensch als reflektierendes Wesen seine gattungsspezifische Identität.[38] Mit der Vorstellung, Gott habe die Welt nach den Prinzipien der Vernunft erschaffen, verknüpft sich sogleich die Annahme, dass der Mensch sie mit Hilfe der Vernunft auch erfasse könne. Damit geht die grundlegende Meinung Descartes‘ einher,

dass die Existenz nahezu jeden Elements, das in der empirischen Welt vorkommt, bezweifelt werden kann. Der Mensch zeigt sich imstande, den Phänomenen dieser Wirklichkeit mit einem durchgreifenden Skeptizismus zu begegnen; alles, was besteht, besteht primär in der Vorstellung, und darf daher unter verschiedenen Perspektiven bewertet, mithin in seinem objektiven Gehalt in Zweifel gezogen werden.[39]

Eine grundlegende Ausnahme bildet dabei das Dasein Gottes, der als Ursprung der Schöpfung ein vollkommenes und damit konkurrenzloses Wesen sei, das nicht angezweifelt werden dürfe.[40] Dieser Fakt ist auch im literaturgeschichtlichen Rahmen hervorzuheben, da er das gesamte 18. Jahrhundert durchzieht. Noch an der Wende zum 19. Jahrhundert drohten bisweilen existenzgefährdende Folgen sowie der Ausschluss aus der Gelehrtenrepublik, sollte der Eindruck entstanden sein, man leugne „öffentlich die Personalität Gottes und die individuelle Unsterblichkeit der Seele“[41]. Aus diesem Grund zeigte man in den Diskursen über Geister und Gespenster auch nicht, dass die Seele als solche nicht außerhalb des menschlichen Körpers existieren und von Menschen gesehen werden kann, sondern hob vielmehr hervor, dass Gespenstererscheinungen sehr unwahrscheinlich sind.[42] Es muss jedoch betont werden, dass das Berufen auf Vernunft und (Natur)Wissenschaft nicht allein geisterungläubigen Aufklärern vorbehalten war. Auch geistergläubige Aufklärer und Theologen untermalten ihre Glaubensvorstellungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, um „naturkundliche Phänomene mit Gott in Verbindung zu bringen“[43]. Die Revolutionierung des naturwissenschaftlichen Denkens sowie das neue Interesse an der Psychologie nahmen weiträumig einen Platz in der alltäglichen Lebensgestaltung ein.[44] Neben der Etablierung des Descartes'schen Denkmodells gilt auchdie Veränderung des Bürgertums im öffentlichen Leben als wesentliches Merkmal der Aufklärung. Erstmals übernahm es die Führungsrolle in philosophischen Denkschulen und galt als Träger des technischen und industriellen Fortschritts. Als fortschrittlich ist auch die pädagogische Vision zu betrachten, nach der der Mensch mit Hilfe von Literatur, Philosophie und Theater erzogen werden sollte.[45] Der repräsentativen Öffentlichkeit einer absolutistischen Hofgesellschaft stand nun eine bürgerliche Öffentlichkeit gegenüber, die sich durch Kaffeehäuser, Salons, literarischen und geheimen Gesellschaften sowie einem vom Hof unabhängigen Theaterwesen etabliert hatte.[46] Wichtig ist jedoch, dass die Bewegungen innerhalb des Bürgertums keineswegs auf eine Verdammung des Hofes abzielten, sondern vielmehr die höfischen Zivilisationsformen über die Standesschranken hinaus im öffentlichen Leben etabliert werden sollten.[47] Wie sah diese neue bürgerliche Öffentlichkeit aber in Hinblick auf die Literatur aus? Welche Veränderungen gab es ausgehend vom Barock?

Als wesentliche Grundlage ist zweifelsohne der Wechsel von einer intensiven Wiederholungslektüre zu einer extensiven Lektüre zu sehen. Bis etwa 1740/50 las man eine eher kleine Auswahl hauptsächlich theologisch-religiöser Bücher wiederholt zur Erbauung. Bis ins 19. Jahrhundert blieb dieses ‚exemplarische‘ Lesen in bäuerlichen Schichten erhalten. Mit der Ausweitung der Zeitungs- und Leitschriftenlektüre bildete sich jedoch das extensive Lesen heraus, das heißt das einmalige und vielseitige Lesen aktueller Druckerzeugnisse, welches der Horizonterweiterung und Informationsvermittlung diente.[48] Bedingt wurde dies durch einen Wandel des Buchmarktes. So sind beispielsweise ein Rückgang lateinischer und theologischer Schriften und gleichzeitig ein Wachstum von belletristischen Veröffentlichungen zu verzeichnen. Während die Belletristik[49] 1740 mit 6% aller Neuerscheinungen noch eine relative Randstellung einnahm, stand sie 1770 mit 17% bereits an zweiter und im Jahre 1800 mit 21% sogar an erster Stelle.[50] Demgegenüber sank die Zahl lateinsprachiger Texte von 28% im Jahre 1740 auf 4% um 1800. Eine ebenfalls abnehmende Tendenz verzeichnen theologische Veröffentlichungen. 1740 waren 39% der Neuerscheinungen geistliche Texte, 1800 nach D’Aprile noch 14%[51] bzw. nach Alt lediglich 6%[52]. Einen wesentlichen Einfluss auf diese Statistiken hat auch die Entwicklung neuer Kommunikationsformen. Als Beispiele seien hier die Ausbreitung des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens, der populären Literatur wie Kalendern, Almanachen, Erbauungsbücher sowie periodisch erscheinende Lesestoffe zu nennen.[53] Viele von ihnen sprachen vor allem unterbürgerliche lesefähige Schichten an. Zudem „weitet[e] sich das oft akademisch gebildete bürgerliche Publikum insbesondere durch die Teilnahme der weiblichen Leserschaft am Literaturprozess ungemein aus.“[54] So sehr sich der Buchmarkt in Bezug auf die Anzahl von Veröffentlichungen und Autoren sowie Lesern auch veränderte, kann im 18. Jahrhundert zwar von einer wachsenden Alphabetisierungsrate gesprochen werden, allerdings gehörten im Zeitalter der Aufklärung nur wenige Menschen zu den aktiven Lesern. Obgleich Lektüre nicht mehr allein eine Sache der Gelehrten war, warsie dennoch keine Beschäftigung der breiten Masse. Peter-André Alt merkt an, dass nicht mehr als 100.000 Menschen innerhalb Deutschlands in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den aktiven Lesern zählten. Bei einer Gesamtbevölkerung von 20-22 Millionen Einwohnern um 1800 seien dies lediglich 0,5%.[55] Stefan Greif spricht hingegen nur von einigen hundert Lesern, welche die Dichtung des 18. Jahrhunderts eingehender rezipiert haben.[56] Dennoch ist eine stetig steigende Tendenz festzustellen. Gefördert wurde diese durch den Ausbau von Leihbibliotheken, die sich vorrangig auf belletristische Werke beschränkten, durch eine Intensivierung der schulischen Bildung, unter anderem nun in deutscher Sprache sowie „maßgeblich durch die Verbesserung der technischen Möglichkeiten des Druckereigewerbes und die effiziente Gestaltung des Vertriebs [...]“[57]. Letzteres umschließt nicht nur die wachsende Zahl der Buchhandlungen in den größeren Städten, sondern ebenso die bereits genannten Kaffeehäuser und Salons, in denen Bücher und Zeitschriften zirkulierten.[58] Auch wenn der Wandel der literarischen Öffentlichkeit weitgehend unproblematisch verlief, kam es im Bereich der thematischen Veränderungen der Schriften zu größeren Problemen für die Autoren. Peter-André Alt stellte fest, dass fast alle führenden Köpfe der Aufklärungsliteratur in Konflikt mit der Obrigkeit verstrickt waren, mit Zensurbehörden, Fürstenhäusern und kirchlichen Autoritäten. Diese drohten mit Schreib- und Veröffentlichungsverboten, disziplinarischen Verfahren und Landesverweis, jederzeit in dem Bestreben, ihren Einfluss zu stabilisieren und die aufklärerischen Strömungen zurückzudrängen.

[...]


[1] Lichtenberg, Georg Christoph: Schriften und Briefe. Erster Band. Sudelbücher I. 3. Auflage. München: Carl Hanser 1980. S. 191.

[2] Vgl. Puhle, Annekatrin: Geister der Goethezeit. In: Gespenster. Erscheinungen – Medien – Theorien. Hrsg. von Moritz Baßler, Bettina Gruber und Martina Wagner-Engelhaaf. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005. S. 77-90. S. 88.

[3] Vgl. Stadler, Ulrich: Gespenster und Gespenster-Diskurs im 18. Jahrhundert . In: Gespenster. Erscheinungen – Medien – Theorien. Hrsg. von Moritz Baßler, Bettina Gruber und Martina Wagner-Engelhaaf. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005. S. 127-139. S. 127.

[4] Vgl. Stadler, Ulrich: Gespenster und Gespenster-Diskurs im 18. Jahrhundert. S. 127.

[5] Steinborn, Julia: Geister und Geistererscheinungen im barocken Drama. Eine Untersuchung ihrer Herkunft, Funktion und Umsetzung anhand ausgewählter Werke von Daniel Casper von Lohenstein und Andreas Gryphius. München: Grin 2013.

[6] Vgl. Dülmen, Richard von: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Dritter Band. Religion, Magie, Aufklärung 16.-18. Jahrhundert. München: C.H. Beck 1994. S. 142.

[7] Vgl. dazu Fußnote 6.

[8] Vgl. Harmening, Dieter: Wörterbuch des Aberglaubens. Stuttgart: Reclam 2005. S. 7.

[9] Vgl. [Art.] Aberglauben. In: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Hrsg. von Johann Heinrich Zedler. Bd. 1. Halle u. Leipzig 1732. Fotomechanischer Nachdruck Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1993. S. 107-111. S. 107.

[10] [Art.] Aberglaube. In: Oekonomische Encyklopädie. Hrsg. vonJohann Georg Krünitz. Bd. 1. Berlin: Pauli 1773. o.S.http://www.kruenitz1.uni-trier.de (Stand: 25.10.2013).

[11] Vgl. Ebd.

[12] Vgl. [Art.] Aberglaube. In: Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. Hrsg. von Werner Schneiders. München: C. H. Beck: 1995. S. 25-27. S. 25.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd. S. 26.

[16] Ebd. S. 26. Als Wunder wurden in der Aufklärung durch Naturgesetze nicht erklärbare Phänomene bezeichnet. Dazu galten zum Einen die miracula, bei denen Gott als unmittelbarer oder (bspw. durch Engel) mittelbarer Urheber verstanden wurde, zum anderen die mirabilia, denen man Zauber und Magie zuordnete. Vgl. [Art.] Wunder. In: Lexikon der Aufklärung. Deutschland und Europa. Hrsg. von Werner Schneiders. München: C. H. Beck 1995. S. 447-448. S. 447.

[17] [Art.] Geist. In: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Hrsg. von Johann Heinrich Zedler. Bd. 1. Halle u. Leipzig 1732. Fotomechanischer Nachdruck Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1993. S. 659-663. S. 659. Engel werden in dieser Arbeit nach Zedler definiert. Danach sind die guten Engel „heilige, unsichtbare, vernuenftige Geister, von GOtt erschaffen in grosser Anzahl, daß sie ihm dienen sollen, und von GOtt im guten bestaetiget, daß sie nimmermehr von ihm abfallen sollen. Oder: die Engel sind geistliche Wesen, von GOTT zu seinem Ebenbild, nemlich in hoechster Vollkommenheit, Weißheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit, auf daß sie GOTT dienen, die Auserwehlten behueten, und endlich der ewigen Seligkeit geniessen sollen. Sind wesentliche Geister, [...] haben derowegen keine Leiber, Fleisch noch Beine [...].“ Daneben existieren die bösen Engel, die von Gott abfielen und zu den bösen Geistern und Dämonen zählen. Vgl. [Art.] Engel. In: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Hrsg. von Johann Heinrich Zedler. Bd. 8. Halle u. Leipzig 1732. Fotomechanischer Nachdruck Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1993. S. 1176-1183. S. 1177f.

[18] Vgl. [Art.] SPECTRUM. In: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Hrsg. von Johann Heinrich Zedler. Bd. 38. Halle u. Leipzig 1732. Fotomechanischer Nachdruck Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1993. S. 1372-1383. S. 1372.

[19] Vgl. Ebd. S. 1380.

[20] Vgl. [Art.] Geist. In: Oekonomische Encyklopädie. Hrsg. vonJohann Georg Krünitz. Bd. 16. Berlin: Pauli 1779. o.S. http://www.kruenitz1.uni-trier.de (Stand: 25.10.2013).

[21] Vgl. [Art.] Gespenst. In: Oekonomische Encyklopädie. Hrsg. vonJohann Georg Krünitz. Bd. 17. Berlin: Pauli 1779. o.S.http://www.kruenitz1.uni-trier.de (Stand: 25.10.2013).

[22] Eine dahingehend weiterführende Betrachtung ist im Kapitel 4 zu finden.

[23] Vgl. Wilpert, Gero von: Die deutsche Gespenstergeschichte. Stuttgart: Kröner 1994.
S. 11f.

[24] Vgl. Hammerschmidt-Hummel, Hildegard: Die Traumtheorien des 20. Jahrhundert und die Träume der Figuren Shakespeares. Mit einem Abriss philosophischer und literarischer Traumauffassungen von der Antike bis zur Gegenwart. Heidelberg : Winter 1991. S. 181.

[25] Vgl. Ebd. S. 187.

[26] Dahinten, Gisela: Die Geisterszene in der Tragödie vor Shakespeare. Zur Seneca-Nachfolge im englischen und lateinischen Drama des Elisabethismus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1958. S. 16.

[27] Ankerbrand, Hans: Die Figur des Geistes im Drama der Englischen Renaissance. Leipzig: Deichert 1906. S. 4f.

[28] Vgl. Dahinten, G.: Die Geisterszene in der Tragödie vor Shakespeare. S. 16.

[29] Vgl. Ebd. S. 16f.

[30] Wilpert, G.: Die deutsche Gespenstergeschichte. S. 93.

[31] Beer, Johann: Die teutschen Winter=Nächte & Die kurzweiligen Sommer=Täge. Hrsg. von Richard Alewyn. Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1963. S. 807.

[32] Vgl. Wilpert, G.: Die deutsche Gespenstergeschichte. S. 94.

[33] Vgl. D’Aprile, Iwan-Michelangelo/Siebers, Winfried: Das 18. Jahrhundert. Zeitalter der Aufklärung. Berlin: Akademie Verlag 2008. S. 14.

[34] Alt, Peter-André: Aufklärung. Lehrbuch Germanistik. 3. Auflage. Stuttgart: Metzler 2007. S. 14.

[35] Ebd.

[36] Vgl. Alt, P.: Aufklärung. S. 14.

[37] Ebd. S. 14.

[38] Vgl. Ebd. S. 15.

[39] Ebd.

[40] Vgl. Ebd. S. 15.

[41] Sawicki, Diethard: Leben mit den Toten. Geisterglauben und die Entstehung des Spirituismus in Deutschland 1770-1900. Paderborn: Schöningh 2002. S. 67. Es muss zudem betont werden, dass Kritik an der Kirche im 18. Jahrhundert nicht mit Kirchenfeind­lichkeit oder Atheismus gleichzusetzen war. So seien auch namenhafte Aufklärer wie Schiller, Lessing und Kant trotz ihrer Schriften weiterhin Kirchgänger gewesen. Vgl. Dülmen, R.: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. S. 147.

[42] Vgl. Sawicki, D.: Leben mit den Toten. S. 67. Näheres dazu in den Kapiteln 4.1 und 4.2.

[43] Vgl. D’Aprile, I.: Das 18. Jahrhundert. S. 72 und Stadler, U.: Gespenster und Gespenster-Diskurs im 18. Jahrhundert. S. 129.

[44] Vgl. Brauneck, Manfred: Europas Theater. 1500 Jahre Geschichte – eine Einführung. Hamburg: Rowohlt 2012. S. 191.

[45] Vgl. Ebd. Mehr dazu in Kapitel 4.3.

[46] Vgl. D’Aprile, I.: Das 18. Jahrhundert. S. 23.

[47] Vgl. Ebd. S. 24.

[48] Vgl. Ebd. S. 29.

[49] Der Begriff Belletristik im Sinne von ‚schöngeistiger Literatur‘ i.e.S. existiert erst ab der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zuvor, ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, gab es die ‚schönen Wissenschaften‘, das humanistische Bildungsgut – in Abgrenzung zu Einzelwissenschaften, insbesondere den Naturwissenschaften. In den 70er Jahren des
18. Jahrhunderts entwickelt sich daraus Belletrist, was den Verfasser schöngeistiger Literatur bezeichnete und häufig negativ konnotiert war, da es sich bei dessen Schriften um angeblich anspruchslose Werke handelte. Vgl. [Art.] Belletrist. In:Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Hrsg. von Wolfgang Pfeifer. 2. Auflage. Berlin: Akademie Verlag 1993. S. 120. Wird im Folgenden von Belletristik und belletristischer Literatur gesprochen, beziehe ich mich auf nicht-wissenschaftliche, literarische Texte.

[50] Vgl. D’Aprile, I.: Das 18. Jahrhundert. S. 27.

[51] Vgl. Ebd. S. 28.

[52] Vgl. Alt, P.: Aufklärung. S. 45.

[53] Vgl. D’Aprile, I.: Das 18. Jahrhundert. S. 28.

[54] Ebd.

[55] Vgl. Alt, P.: Aufklärung. S. 45.

[56] Vgl. Greif, Stefan: Literatur der Aufklärung. Paderborn: Wilhelm Fink 2013. S. 52.

[57] Alt, P.: Aufklärung. S. 45.

[58] Vgl. Ebd.

Details

Seiten
92
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656660637
ISBN (Buch)
9783656660620
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274147
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Philologisches Institut
Note
1,1
Schlagworte
geister gespenster jahrhundert literatur religion philosophie theater

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Titel: Geister und Gespenster im 18. Jahrhundert