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Genderaspekte im Geschichtsunterricht: Pandels Modell der sieben Dimensionen von Geschichtsbewusstsein

Hausarbeit 2013 14 Seiten

Geschichte - Didaktik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die sieben Dimensionen von Geschichtsbewusstsein von Hans-Jürgen Pandel

3. „Geschlecht“ als zusätzliche Dimension von Geschichtsbewusstsein – Susanne Thurn und Klaus Bergmann

4. Das kritische Analysepotenzial der Kategorie Gender – Brigitte Dehne

5. Neukategorisierung der Dimensionen von Pandel – Martin Lücke

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In vielen Fachdidaktiken steht die Genderforschung noch am Anfang und es gibt wenige ausgewiesene Experten und Expertinnen.[1] Auch in der Geschichtsdidaktik ist die Bedeutung von Gender noch äußerst gering. Obwohl in den letzten Jahren immer mehr geschichtsdidaktische Forschungsbeiträge zur Genderthematik herausgegeben wurden, sind konkrete theoretische und praxisbezogene Überlegungen zur Berücksichtigung von Gender im Geschichtsunterricht eher eine Seltenheit.[2] Wiederholt fordert die Forschung, Pandels ursprünglich sieben Dimensionen des Geschichtsbewusstseins[3] um die Dimension „Geschlecht“ zu erweitern. Dafür sprachen sich Susanne Thurn 1997[4] und auch Klaus Bergmann 2002[5] explizit aus. Ein neuerer Ansatz von Brigitte Dehne ist, das kritische Analysepotenzial der Kategorie Gender im Geschichtsbewusstsein mit einzubeziehen[6]. Martin Lücke schlägt sogar eine partielle Neukategorisierung von Pandels Dimensionierung von Geschichtsbewusstsein vor.[7] Durch all diese Konzepte soll das Problem gelöst werden, dass Schüler/innen im bisherigen Geschichtsunterricht keine Genderkompetenz erwerben. Sie werden weder für bestehende Genderdifferenzen innerhalb der Geschichte, noch innerhalb der heutigen Gesellschaft sensibilisiert. Zudem lernen Schüler/innen nicht die bestehenden Differenzen und ihr eigenes Genderbewusstsein zu analysieren und zu reflektieren. Doch können diese Probleme allein durch die Einführung eines neuen Begriffs oder einer Neukategorisierung des Geschichtsbewusstseins gelöst werden? Und ist eine Überarbeitung von Pandels Modell wirklich notwendig?

Um diese Fragen beantworten zu können, sollen im Rahmen der vorliegenden Arbeit die bereits erwähnten Konzepte zur Einführung eines „Genderbewusstseins“ im Geschichtsunterricht kritisch hinterfragt und untersucht werden.

In einem ersten Schritt wird Pandels Dimensionierung von Geschichtsbewusstsein kurz erläutert. Damit die Überlegungen von Klaus Bergmann und Susanne Thurn, Brigitte Dehne und Martin Lücke genau nachvollzogen werden können, muss anschließend geklärt werden, wie sie Gender definieren und auf welchen gendertheoretischen Modellen ihre Ideen basieren. Nachfolgend sollen ihre unterschiedlichen Entwürfe zur Entwicklung eines genderbewussteren Geschichtsunterrichts genauer beschrieben und hinterfragt werden. In diese kritische Betrachtung sollen auch ihre praxisbezogenen Ideen für genderthematische Inhalte im Geschichtsunterricht mit einbezogen werden.

Die anschließende Schlussbetrachtung soll die erarbeiteten Ergebnisse kurz zusammenfassen und klären, ob die Fragestellung beantwortet werden konnte.

2. Die sieben Dimensionen von Geschichtsbewusstsein von Hans-Jürgen Pandel

„Geschichtsbewusstsein“ ist in den letzten Jahren zu einem zentralen Begriff der Geschichtsdidaktik geworden und gilt sowohl als Ziel als auch als Voraussetzung des Geschichtsunterrichts.[8] Dabei wird „Geschichtsbewusstsein“ nach der gängigen Definition von Karl-Ernst Jeismann als „Zusammenhang von Vergangenheitsdeutung, Gegenwartsverständnis und Zukunftsperspektive“[9] verstanden. Prägend für den Versuch, theoretisch einzelne Bereiche des Geschichtsbewusstseins zu unterscheiden, ist immer noch das von Hans-Jürgen Pandel 1987 vorgestellte Modell einer Dimensionierung von Geschichtsbewusstsein. Er unterscheidet sieben Dimensionen des Geschichtsbewusstseins, das in die drei historischen Dimensionen des Temporal-, Wirklichkeits-, und Historizitätsbewusstseins und in die vier sozialen Dimensionen Identität-, Politisches-, Ökonomisch-soziales- und Moralisches Bewusstsein aufgeteilt ist.[10] Die Bewusstheitsdimensionen stehen jedoch nicht für sich allein, sondern sind vielfach untereinander verknüpfbar.[11]

Bei Pandels Modell ist zu beachten, dass die Förderung der einzelnen Komponenten von Geschichtsbewusstsein Aufgabe und Ziel des Geschichtsunterrichts ist, die Dimensionierung jedoch ein rein theoretisches Modell darstellt.[12]

3. „Geschlecht“ als zusätzliche Dimension von Geschichtsbewusstsein – Susanne Thurn und Klaus Bergmann

Susanne Thurn und nach ihr Klaus Bergmann haben beide vorgeschlagen, Pandels Modell von Geschichtsbewusstsein um die Dimension Geschlecht zu erweitern.[13] „Geschlecht“ wird hier nicht als biologisches Merkmal angesehen, sondern eher als historische, veränderbare Kategorie.[14] Dies bedeutet, dass die Verhaltens-, Denk- und Wahrnehmungsweisen von Mädchen und Jungen durch den Sozialisationsprozess, und nicht durch das biologische Geschlecht erlernt werden. Der Sozialisationsprozess sei laut Susanne Thurn durch historisch bedingte Mentalitäten und Verhältnisse der bestehenden Gesellschaft geprägt.[15] Geschichtsunterricht müsse deshalb die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Schüler und Schülerinnen lernen, „ihre eigene Gesellschaft und historische Gesellschaften, mit dem kategorialen Wahrnehmungsmuster und Unterscheidungsvermögen ‚weiblich – männlich‘ zu durchdringen“.[16] Diese Kategorie „männlich – weiblich“ solle, Susanne Thurn zufolge, als Dimension des Geschichtsbewusstseins gefördert werden.[17] Klaus Bergmann ging sogar noch einen Schritt weiter und forderte konkret die Einführung einer weiteren, achten Dimension von Geschichtsbewusstsein:

„Ich meine, noch eine weitere, eine achte Dimension einführen zu müssen: - Geschlechtsbewusstsein mit der Unterscheidung von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘: Wie sah die Lebenswelt von Männern und Frauen, Jungen und Mädchen in historischen Gesellschaften aus und wie waren die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern geregelt?“.[18]

Brigitte Dehne kritisierte an den beiden Modellen von Susanne Thurn und Klaus Bergmann, dass diese mit ihrer Forderung nach einem Geschlechterbewusstsein im Geschichtsunterricht bloß auf der „Ebene der Individuen“[19] blieben und somit genderthematische Strukturmerkmale innerhalb der Gesellschaft unbeachtet werden würden.

Aus den Modellen geht zudem nicht hervor, wie sich die beiden Geschichtsdidaktiker die praktische Umsetzung von Geschlechtsbewusstsein im Geschichtsunterricht vorstellen. Susanne Thurn verweist explizit darauf, dass alles Weitere eine „Frage der Unterrichtsmaterialien und der Geschichts-Methodik“[20] sei. Konkrete Vorschläge zur Gestaltung gibt es jedoch nicht.

[...]


[1] Vgl. Kampshoff, Marita/ Wiepcke, Claudia: Einleitung: Zur Bedeutung der Geschlechterforschung in der Fachdidaktik. In: Marita Kampshoff, Claudia Wiepcke (Hrsg.): Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik, Wiesbaden 2012, S. 5.

[2] Vgl. Barsch, Sebastian: Gender in der Geschichtsdidaktik oder: Die beiden Seiten des Geschlechts. In: Bea Lundt, Toni Tholen (Hrsg.): „Geschlecht“ in der Lehramtsausbildung. Die Beispiele Geschichte und Deutsch, Berlin 2013, S. 223.

[3] Siehe Pandel, Hans-Jürgen: Dimensionen von Geschichtsbewusstsein. Ein Versuch, seine Struktur für Empirie und Pragmatik diskutierbar zu machen. In: Geschichtsdidaktik 12 (1987), S. 130-142.

[4] Vgl. Thurn, Susanne: Geschlechtersozialisation und Geschichtssozialisation. In: Klaus Bergmann [u. a.] (Hrsg.): Handbuch Geschichtsdidaktik, 5. Überarb. Aufl., Seelze-Velber 1997, S. 356.

[5] Vgl. Bergmann, Klaus: Kinder entdecken Geschichte. Historisches Lernen in der Grundschule. In: Marco Demantowsky, Bernd Schönemann (Hrsg.): Neue geschichtsdidaktische Positionen, Bochum 2002, S. 98.

[6] Vgl. Dehne, Brigitte: Gender im Geschichtsunterricht. Das Ende des Zyklopen? (Methoden Historischen Lernens), Schwalbach/Ts. 2007, S. 136.

[7] Siehe Lücke, Martin: Didaktik der Geschichte – Geschlechterkonstruktionen historisch erzählen. In: Marita Kampshoff, Claudia Wiepcke (Hrsg.): Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik, Wiesbaden 2012, S. 191-195.

[8] Pandel, Hans-Jügen: Geschichtsunterricht nach PISA. Kompetenzen, Bildungsstandards und Kerncurricula (Forum Historisches Lernen), 2. Aufl., Schwalbach/Ts. 2007, S. 21.

[9] Jeismann, Karl-Ernst: Geschichtsbewusstsein – Theorie. In: Klaus Bergmann [u. a.] (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. überarb. Aufl., Seelze-Velber 1997, S. 42.

[10] Vgl. Pandel, Dimensionen von Geschichtsbewusstsein, S. 132-139.

[11] Pandel, Geschichtsunterricht nach PISA, S. 9.

[12] Vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 10., erneut akt. u. erw. Aufl., Seelze-Velber 2012, S. 16-17.

[13] Vgl. Thurn, Geschlechtersozialisation, S. 356 / Bergmann, Kinder entdecken Geschichte, S. 98.

[14] Vgl. Thurn, Geschlechtersozialisation, S. 353.

[15] Vgl. ebenda.

[16] Ebenda.

[17] Ebenda, S. 356.

[18] Bergmann, Kinder entdecken Geschichte, S. 98.

[19] Dehne, Gender im Geschichtsunterricht, S.134-135.

[20] Thurn, Geschlechtersozialisation, S. 356.

Details

Seiten
14
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656666202
ISBN (Buch)
9783656666172
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274063
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
genderaspekte geschichtsunterricht pandels modell dimensionen geschichtsbewusstsein

Autor

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Titel: Genderaspekte im Geschichtsunterricht: Pandels Modell der sieben Dimensionen von Geschichtsbewusstsein