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Höflichkeit durch Sozialdeixis in der japanisch-deutschen Übersetzung von Murakami Harukis "Die unheimliche Bibliothek"

Hausarbeit 2014 23 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen: Sozialdeixis und Höflichkeit

3 Die Realisierung von Höflichkeit durch sozialdeiktische Ausdrücke im Deutschen und Japanischen
3. 1 Der sozialdeiktische Höflichkeitsausdruck im Deutschen
3. 1. 1 Selbstreferenz
3. 1. 2 Anrede und Referenz auf Dritte
3. 1. 3 Verben und Nomen
3. 2 Der sozialdeiktische Höflichkeitsausdruck im Japanischen
3. 2. 1 Selbstreferenz
3. 2. 2 Anrede und Referenz auf Dritte
3. 2. 3 Verben, Nomen und Adjektive

4 Murakami Harukis Die unheimliche Bibliothek / Fushigi na toshokan: Sozialdeiktika in der japanisch-deutschen Übersetzung

5 Fazit

6 Literaturliste

1 Einleitung

Höflichkeit ist eine wichtige Grundlage menschlichen Zusammenlebens, denn durch sie wird Respekt vermittelt. Ihre Einhaltung wird vorausgesetzt und ein Verstoß gegen sie zieht Unverständnis auf sich. Einerseits wird Höflichkeit nonverbal realisiert (z. B. durch Tischmanieren). Andererseits erfolgt ihre Vermittlung verbal durch Sozialdeixis, d. h. durch die vom gesellschaftlichen Kontext abhängige Verwendung bestimmter Wörter. Diese sprachliche Seite ist Verwendern einer Sprache oft unbewusst, weil sie gesellschaftlich konventionalisiert ist. Ein Nachdenken über sie erfolgt meist erst beim Erwerb fremdsprachlicher Höflichkeitsausdrücke, da ihre Verwendung neu erlernt werden muss. Zudem differenzieren verschiedene Sprachen höfliche Ausdrücke unter­schiedlich stark, was zu Übersetzungsproblemen führen kann. Dass das Verständnis von Höflichkeit und ihre Übertragung in Fremdsprachen nicht selbstverständlich sind, macht sie zu einem interessanten linguistischen Forschungsthema, das diese Arbeit durch einen Vergleich des deutschen und japanischen Höflichkeitssystems aufgreift.

Die Leitfrage soll lauten: Wie wird Höflichkeit im Deutschen und Japanischen durch Sozialdeixis umgesetzt und welche Auswirkungen haben eventuelle Unter­schiede auf die Übersetzung? Meine Hypothese lautet, dass das Japanische mehr sozialdeiktische Ausdrücke kennt, um den Höflichkeitsgrad festzulegen, als das Deutsche und sich somit eine genaue Übertragung schwierig gestaltet und vermieden wird.

Im ersten Teil der Arbeit wird durch Definition der Kategorien Höflichkeit und Sozialdeixis eine terminologische Grundlage geschaffen. Der zweite Abschnitt wird die Möglichkeiten des deutschen Höflichkeitsausdruckes erläutern und im Folgenden die des japanischen kontrastiv gegenüberstellen, um einen Überblick über beide Höflichkeitssysteme zu gewinnen. Der dritte Teil der Arbeit wird sich der Übersetzungsfrage widmen. Dazu werden ausgewählte Sozialdeiktika aus der japanischen und deutschen Ausgabe von Murakami Harukis[1] Die unheimliche Bibliothek / Fushigi na toshokan auf ihre Übersetzung hin betrachtet, um feststellen zu können, wie präzise die japanischen Höflichkeitsformen ins Deutsche übertragen wurden. Das abschließende Fazit soll die Ergebnisse der Arbeit mit Bezug zur Leitfrage zusammenfassen und bewerten. Die Betrachtungen dieser Arbeit werden auf Grundlage sprach- und kulturwissenschaftlicher Literatur erfolgen, denn die Sozialdeixis verbindet genau diese beiden Bereiche miteinander.

2 Theoretische Grundlagen: Sozialdeixis und Höflichkeit

In diesem Kapitel soll zunächst auf die dieser Arbeit zugrundeliegenden linguistischen Begriffe eingegangen werden. Wie können Sozialdeixis und Höflichkeit definiert werden und welcher Zusammenhang besteht zwischen ihnen?

Fukushima (2003:27) unterscheidet zwei Auffassungen des Höflichkeitsbegriffes. Die erste nennt sie die „moralisch-psychologische Definition“, d. h., Höflichkeit wird mit guten Manieren (z. B. bei Tisch) und Einfühlungsvermögen verbunden. Die zweite Auffassung, die „pragmatische Definition“, befasst sich mit einem bestimmten, der Situation angepassten Sprachgebrauch. Die Gemeinsamkeit beider Auffassungen liegt in der Kulturabhängigkeit des Höflichkeitsverständnisses. Dieser Arbeit sei die pragmatische Definition zugrunde gelegt; es geht um kontextabhängiges höfliches Sprach-verhalten. Kontext meint alles, was relevant für die Gesprächssituation ist; d. h. Informationen über Sprecher, Adressat und eventuelle Mithörer sowie Ort, Zeit, Hintergrundwissen und Einstellungen der Gesprächspartner (vgl. Meibauer 2008:114).

Das Motiv für sprachliche Höflichkeit ist die Wahrung des Gesichts (face). Dies bezeichnet das Bild, das ein Mensch von sich hat und von dem er möchte, dass andere es genauso wahrnehmen wie er selbst (vgl. Brown/Levinson 1992:61; Bonacchi 2013:55; Grein 2007:64). Sprache kann entweder gesichtsbedrohend oder -beschützend eingesetzt werden (vgl. Meibauer 2008:8). Gesichtsbedrohend wäre die Nichteinhaltung vorausgesetzter Höflichkeit, gesichtsbeschützend hingegen ihre Befolgung oder der Einsatz nicht zwingend erwarteter Höflichkeit. Jeder Mensch hat ein positives und negatives Gesicht. Das positive Gesicht bezeichnet den Wunsch, anerkannt, das negative, in der eigenen Handlungsfreiheit nicht eingeschränkt zu werden (vgl. Bonacchi 2013:64-65). Entsprechend kann der Sprecher positiv und negativ höflich agieren. Positiv höflich sind z. B. Komplimente, die das positive Selbstbild des Adressaten stützen. Negative Höflichkeit zeichnet sich durch Indirektheit aus, Aufforderungen werden z. B. im Konjunktiv II formuliert, um dem Adressaten eine Wahlmöglichkeit einzuräumen. (vgl. Nübling 2010:160) Im Allgemeinen versuchen die Teilnehmer eines Gesprächs, das Gesicht des anderen zu wahren, weil sie dasselbe von ihm erwarten (vgl. Brown/Levinson 1992:61). Trotzdem kann es bei unterschiedlichen Auffassungen zu Gesichtsverletzungen kommen (vgl. Grein 2007:65).

Der Begriff Höflichkeit ist eng mit der Sozialdeixis verbunden. „Die Sozialdeixis betrifft alle Ausdrücke, die mit den sozialen Stellungen der an einem Sprechereignis Beteiligten zu tun haben“ (Ernst 2002:55). Das deiktische Zentrum ist der soziale Status des Sprechers, der in Beziehung zu Adressat und Referent einer Äußerung gesetzt wird (vgl. Levinson 1990:65). Am Sprechereignis beteiligt sind mindestens ein Spre­cher und ein Adressat.[2] Die sozialen Stellungen aller anwesenden und nicht anwesen­den Beteiligten bilden einen Teil des Äußerungskontextes, den sozialen Kontext.

Es lässt sich zwischen relationaler und absoluter Sozialdeixis unterscheiden. Relationale Sozialdeiktika sind abhängig vom sozialen Kontext des Sprechers, absolute hingegen sind – von ihm unabhängig – einer Person(engruppe) vorbehalten (z. B. Männern). (vgl. ebd.:92-93)

Ein Zusammenhang zwischen Höflichkeit und Sozialdeixis ist nicht schwer herzu-stellen. Wenn ein Sprecher Sozialdeiktika so verwendet, wie es der soziale Kontext konventionell erfordert, ist er höflich und schützt das Gesicht des Adressaten/ Referenten. Verwendet er als höflich geltende Sozialdeiktika, ohne dass die Situation es erfordert, wirkt er besonders höflich und stärkt das Gesicht des Betreffenden. Ebenso kann er sich sprachlich unhöflich verhalten, wenn er unpassende oder nicht aus-reichend gehobene Sozialdeiktika verwendet und somit das Gesicht des Adressaten/Referenten bedroht. Höflichkeit wird folglich durch die Sozialdeixis realisiert oder aber (unwissentlich oder absichtlich) missachtet.

Sozialdeiktische Ausdrücke können vielfältiger Natur sein. Zu ihnen können je nach Sprache Personalpronomen, nominale Anrede- und Referenzformen, spezielle gehobene Lexeme sowie unterschiedliche morphologische Veränderungen gehören. Höfliche Sozialdeiktika werden als Honorative oder Höflichkeitsformen bezeichnet (vgl. Levinson 1990:64) und in Abhängigkeit vom „Respektsziel“ in Adressaten- und Referenten-Honorative eingeteilt, die verschmelzen können, wenn der Referent einer Höflichkeitsform gleichzeitig ihr Adressat ist (vgl. ebd.:92).

Die außersprachlichen Faktoren für die Verwendung höflicher sozialdeiktischer Ausdrücke sind sehr unterschiedlich. Einerseits gibt es biologische, wie Alter, Ge­schlecht, Hautfarbe und Körpergröße, und andererseits soziale, wie Bildungsstand, Beruf, Dienstalter, Gruppenzugehörigkeit und Intimitätsgrad. In jedem Fall sind die Faktoren, die in der Praxis wirklich Einfluss auf die Wahl höflicher Sozialdeiktika haben, von kulturell bedingten Konventionen einer Sprachgemeinschaft abhängig. (vgl. Haase 1998:23)

3 Die Realisierung von Höflichkeit durch sozialdeiktische Ausdrü­cke im Deutschen und Japanischen

Dieses Kapitel wird sich der sprachlichen Umsetzung von Höflichkeit im Deutschen und Japanischen widmen. Da diese beiden Sprachen Höflichkeit zum Teil durch sehr unterschiedliche Mittel realisieren, werden im ersten Schritt die deutschen Möglichkeiten erläutert und im zweiten die japanischen gegenübergestellt. Grundlage der Betrachtungen bilden die im vorangegangenen Kapitel erläuterten theoretischen Ansätze.

3. 1 Der sozialdeiktische Höflichkeitsausdruck im Deutschen

3. 1. 1 Selbstreferenz

Die übliche Variante der Selbstreferenz ist im Deutschen das Personalpronomen ich. Will sich der Sprecher als Teil einer Gruppe zeigen, verwendet er das Personalprono­men wir, das inklusiv (den Adressaten einschließend) oder exklusiv (den Adressaten ausschließend) verwendet werden kann. (vgl. Bonacchi 2013:174)

Doch mit diesen Formen ist das deutsche Selbstreferenzsystem nicht erschöpft. Grein (2007:58) nennt meine Wenigkeit als besonders bescheidene und somit höfliche Form für ich. Wie bereits erwähnt, ist der Intimitätsgrad zwischen Sprecher und Adressat ein wichtiges Kriterium bei der Wahl einer höflichen Form. Meine Wenigkeit ist Ausdruck einer sozial distanzierten Beziehung der Gesprächspartner. Noch distanzierter wirkt der Bescheidenheitsplural (pluralis modestiae), d. h. ein exklusives wir, das den Sprecher allein bezeichnet. Diese sehr indirekte Form findet zwar in wissenschaftlichen Arbeiten oder juristischen Dokumenten Anwendung, ist jedoch insgesamt noch weniger gebräuchlich als meine Wenigkeit (vgl. Bonacchi 2013:175). Im Gegensatz zu diesen distanzierten Ausdrücken steht das ebenfalls unübliche unsereiner (ich / wir), das durch seine Umgangssprachlichkeit soziale Nähe suggeriert und deshalb nicht in einem höflichen Kontext verwendet werden kann.

Die Selbstreferenz ist im Deutschen nicht gänzlich auf ich beschränkt, doch dieses Personalpronomen ist am üblichsten und kann neutral in allen sozialen Kontexten verwendet werden, ohne gesichtsbedrohend oder -beschützend zu wirken. Von einer starken Differenzierung nach Höflichkeitsgrad kann hier demnach trotz der anderen Formen nicht gesprochen werden.

3. 1. 2 Anrede und Referenz auf Dritte

Bei Anrede- und Referenzformen wird klar zwischen intimen und distanzierten unterschieden. Das Deutsche teilt Anredepronomen (neben anderen europäischen Sprachen) in T und V (von lat. tu und vos). T steht für die intime Anrede (du) und V für die distanzierte (Sie). (vgl. Haase 1998:19). T- und V-Pronomen werden als Referentenhonorative gesehen, weil die durch sie geäußerte Höflichkeit einem Referenten gilt, der zugleich der Adressat ist (vgl. Brown/Levinson 1992:180). Diese Anredepronomen zeigen deutlich, in welchem Verhältnis Sprecher und Adressat stehen. Nübling (2010:159) bezeichnet die Kommunikationssituation als soziales „Koordinatensystem“, das die Höflichkeitsstufe steuert. Du drückt soziale Nähe und Informalität aus, während Sie soziale Distanz und Formalität ausdrückt. Durch symmetrische, d. h. gegenseitig gleiche, Anrede wird lediglich Nähe oder Distanz ausgedrückt. Daneben existiert die asymmetrische Anrede, d. h., ein Gesprächsteilnehmer duzt, während der andere siezt. Hier wird nicht nur Distanz, sondern auch Hierarchie ausgedrückt. Die duzende Person hat durch biologische oder soziale Faktoren einen hierarchisch höheren Status als die siezende. (vgl. Haase 1998:22.)

Duzen und Siezen sind relationale Sozialdeiktika, ihr Gebrauch ist vom Intimitätsgrad zwischen Sprecher und Adressat abhängig. Doch es existiert auch vom Intimitätsgrad unabhängiges situationsgebundenes Duzen, z. B. unter Studierenden, die sich nicht gut kennen und noch keine intime Beziehung aufgebaut haben. Unter konventionell festgelegten Umständen zählt die gemeinsame Gruppenzugehörigkeit folglich mehr als der tatsächliche Intimitätsgrad. (vgl. ebd.:23).

Tabelle 1: Nominale Anrede- bzw. Drittreferenzformen des Deutschen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Zusammenstellung nach Bonacchi (2013:180-182)

[...]


[1] Wiedergabe des Namens in der in Japan üblichen Variante: Familienname, Vorname.

[2] Der oft in der Forschungsliteratur für den Adressaten verwendete Terminus Hörer ist für die Beschreibung eines Höflichkeitssystems ungeeignet, denn nicht jeder Adressat ist auch der einzige Hörer und Höflichkeitsformen beziehen sich nicht zwangsläufig auf diesen, sondern können auch einem dritten Referenten, der eventuell ebenfalls ein Hörer ist, gewidmet sein (vgl. Levinson 1990:92).

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656667889
ISBN (Buch)
9783656667858
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v274056
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Japanisch Deutsch Pragmatik Höflichkeit Haruki Murakami Literatur Sprachvergleich Sozialdeixis Deixis Höflichkeitsform Adressatenhonorativ Referentenhonorativ Anrede Referenz Die unheimliche Bibliothek Geschlecht Alter Formalitätsgrad Intimität Distanz

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