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Oswald von Wolkensteins "Gelück und Hail". Übersetzung, Kommentar und Interpretation

Seminararbeit 2004 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1. GEGENSTAND DER ARBEIT
1.2. AUFBAU UND ZIELSETZUNG

2. ÜBERTRAGUNG INS NEUHOCHDEUTSCHE

3. KOMMENTAR ZUR ÜBERSETZUNG
3.1. STROPHE 1 (VERS 1-11)
3.2. STROPHE 2 (VERS 12-22)
3.3. STROPHE 3 (VERS 23-33)

4. INTERPRETATION
4.1. DAS FRAUENBILD IN OSWALDS LIEDERN
4.2. DIE NEUJAHRSTHEMATIK
4.3. GATTUNGSTRADITIONEN

5. SCHLUSSBEMERKUNGEN

6. LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG A

1. EINLEITUNG

1.1. GEGENSTAND DER ARBEIT

OSWALDS VON WOLKENSTEIN oft humoristische, beschwingte Lyrik ist so gut wie bei kaum einem anderen Dichter des Mittelalters überliefert. In zwei Pergamenthandschriften (Handschrift A und B) sind die Texte und Melodien seiner mehr als 100 Lieder in verschiedenen Fassungen aufgezeichnet. Darüber hinaus existiert eine dritte Handschrift, welche aber auf die beiden erstgenannten zurückzuführen ist. Sie ist für eine autornahe literarische Forschung daher eher wenig nutzbar.

Seine Liedkunst ist ein wichtiger Bestandteil der mittelhochdeutschen Überlieferungen und vereinigt virtuose Dichtkunst mit derber Volkstümlichkeit. Dies sind nur einige Gründe, warum der Autor auch noch im 21. Jahrhundert so beliebt bei dem 600 Jahre jüngeren Publikum ist. Diese Arbeit soll sich nun mit einem kleinen Teil seines Wirkens beschäftigen, dem Frauenpreislied KL. 61 „GELÜCK UND HAIL“. In vielen Liedern greift er die Minnethematik der laudativen Rede auf und hat damit einen bemerkenswerten Beitrag zur Tradition der mittelalterlichen Minnelyrik geschaffen.

1.2. AUFBAU UND ZIELSETZUNG

In der vorliegenden Arbeit wird versucht, die Gattungstradition, in der sich KL. 61 „GELÜCK UND HAIL“ befindet, in einer exemplarischen Einzelanalyse zu beleuchten. Dabei darf jedoch auch ein Blick über die Liedgrenzen hinweg nicht fehlen. Vorweg wird jedoch eine eigene Übersetzung des Liedes ins neuhochdeutsche gegeben und diese in einem angefügten Übersetzungskommentar ausführlich begründet. Außerdem soll eine Interpretation die Weise, mit der OSWALD dieses Frauenpreislied verfasst hat, aufzeigen und stilistische Merkmale erläutern.

2. ÜBERTRAGUNG INS NEUHOCHDEUTSCHE

Zunächst wird in dieser vorliegenden Untersuchung des Liedes KL. 61 „GELÜCK UND HAIL“ von OSWALD VON WOLKENSTEIN eine Übersetzung in Prosaform gegeben, zu deren Grundlage LEXERS (2002) „Mittelhochdeutsches Handwörterbuch“1 dient. Im Anschluss daran wird eine Kommentierung die vorliegende Übersetzungsvariante begründen sowie weitere verschiedene und vielfältige Auslegungsmöglichkeiten aufzeigen, und klären, warum es zu deren Umsetzung hier nicht gekommen ist.

Strophe 1: Glück und Heil in großer Menge, wünsche ich dir, Frau, im neuen Jahr!

An beständig aufrichtiger Treue werde ich in deinem Dienst wirklich niemals sparen, dem sollst du gewahr werden. Dies veranlassen dein hübsch gefärbter Mund mit den roten Wangen, ein liebliches Paar, hell umstrahlt von leuchtenden klaren Äuglein, die kleinen Öhrchen, darüber das Haar lockig, gewellt, gewunden, geringelt, gekräuselt, goldfarben und gelb durchdrungen.

Strophe 2: Nase, Zähne, Kinn, Kehle, der Hals führt in ganzem Maße hinab zum

Sitz der weißen Brüstlein. Die harte Einsenkung ruft reiche Begeisterung hervor. Jedes Glied ist recht durchmessen. Arm und Finger sind lang, die schmalen Händchen, das helle glatte Bäuchlein und eine vollkommene Behaarung, hintersetzt mit runder Fülle, mit festem Gesäß ausgestattet, die Füßchen fein gewölbt.

Strophe 3: Ihr lieblicher Körper lädt nie einen bösen Makel auf sich;

Wohlerzogenheit, ausschließlich reine Tugend, Jugend, Anstand, edle Ausstrahlung zieren sie mit Wandel zu einer vollendeten Erscheinung. Sie ist frei von jedem Tadel. Liebe, treue Gefährtin, vergiss mich nicht! Seitdem ich nun dir versprochen bin, lass dir, Herzliebste, abgewinnen, was ich so lange begehrt habe und das mich leidenschaftlich anzieht.

3. KOMMENTAR ZUR ÜBERSETZUNG

Die vorliegende Übersetzung des Liedes KL. 61 „GELÜCK UND HAIL“ ins Neuhochdeutsche ist eine eigene, auf LEXER basierende Interpretation der mittelhochdeutschen Quelle. Aufgrund der abweichenden grammatischen und sprachlichen Bräuche vom Mittelalter zur heutigen Zeit ergeben sich beim Bearbeiten des Textes eine Vielzahl von Problemen und Unschlüssigkeiten, die durch interpretatorische Schlussfolgerungen des Übersetzers und mediävistische Kenntnisse ausgeglichen werden müssen. Oftmals ist daher eine Übersetzung mit strikter Wörterbuchbegleitung nicht möglich, da sich manche Konstrukte eben nur durch die Interpretation ergeben. Es ist oft notwendig, dass der Kommentar zur Übersetzung mehrfach auch Ansätze einiger Auslegungsversuche enthält, die hier eigentlich eher im Hintergrund gehalten werden sollten. Nichtsdestotrotz wird anhand folgender Ausführungen versucht, die Übersetzung im Detail zu durchleuchten und Lösungsvorschläge für Zweifelsfragen bei bestehenden Ambiguitäten zu nennen.

3.1. STROPHE 1 (VERS 1-11)

Der Beginn der ersten Zeile ‚Gelück und hail’2 kann recht intuitiv so übernommen werden, da es bei dieser Wendung keinen Bedeutungswandel zum neuhochdeutschen hin gibt. ‚Hail’ steht hierbei insbesondere für Gesundheit oder Wohlergehen, sollte aber in Anbetracht des auch heute noch vorhandenen Verständnisses für diesen Term und der größtmöglich einzuhaltenden Quellennähe in die Übersetzung unverändert übernommen werden. Schon etwas schwieriger verhält es sich jedoch mit dem folgenden Ausdruck ‚michel Õchar’3. ‚Michel’ ist hierbei ein heute nicht mehr in dieser Form gebrauchter Ausdruck für ‚groß’ oder ‚viel’ und hat adjektivische Funktion zu ‚Õchar’, welches tatsächlich als ‚Schar’, besser jedoch als ‚Masse’, ‚Menge’ oder ‚Haufen’ übernommen werden kann. Wörtlich ergäbe sich also „Glück und Heil einen großen Haufen“, was zugunsten eines besseren Ausdrucks in „Eine Menge Glück und Heil“ oder „Glück und Heil in großer Menge“ umgeformt werden sollte.

Im daraufhin folgenden Vers werden dem Leser oder Zuhörer der Adressat und die zeitliche Einordnung des Liedes offenbart. Die Worte ‚wunÕch ich dir, frau’4 beziehen sich auf die augenscheinliche Geliebte des vortragenden Oswalds. Ob es sich dabei um OSWALDS tatsächliche Ehefrau MARGARETA VON SCHWANGAU oder um eine andere „Angebetete“ handelt, muss jedoch aus dem Kontext des Liedes KL. 61 und der Tradition in den anderen Liedern OSWALDS erschlossen werden. Diese Frage wird im Anschluss an den Sprachkommentar genauer beleuchtet. Der betreffenden Dame gelten die genannten Glückwünsche ‚zum neuen jar’5, wodurch das Lied zeitlich um die Jahreswende eingeordnet werden kann. Ob OSWALD den Glückwunsch zeitlich befristet zum Anlasse des Jahreswechsels darbietet, also wörtlich ‚zum neuen Jahr’, oder ob er dem Glückwunsch, über die Spanne des folgenden Jahres erstreckt, Geltung verschaffen will, was sich in der Übersetzung eher mit ‚im neuen Jahr’ niederschlagen würde, bleibt unklar. Zugunsten größtmöglicher Quellennähe ist es für die Übersetzung aber durchaus legitim die Formulierung ‚zum neuen Jahr’ zu übernehmen.

In den folgenden drei Versen ist es von Nutzen, den Satzbau für die Übersetzung vorübergehend ein wenig zu verändern, damit der Zusammenhang leichter zugänglich wird. Im Zuge dieser Überlegung erfolgt die Übersetzung hier umgekehrt, beginnend mit dem fünften Vers ‚des Õoltu werden innen’6. Der Ausdruck ‚Õoltu’ ist dabei ein Zusammenschluss des Verbs ‚sollen’ mit dem Pronomen ‚du’. OSWALD erwartet von seiner Geliebten also, dass sie sich über einen bestimmten Sachverhalt gewahr werden soll, sie soll dessen ‚innewerden’. Dieser Sachverhalt wird von OSWALD in den beiden vorstehenden Versen beschrieben. Gegenüber seiner Geliebten beteuert er, dass er seine ‚stët gerechte treu für war’7 in ihrem ‚dienst’8 nicht mangeln lassen wird. Der Dienst beschreibt hierbei wohl die Tradition des Minnedienstes gegenüber der Frau, in den sich OSWALD gestellt hat. Er wird ‚wahrlich nicht sparen’, also keine Situation auslassen, dies seine Geliebte spüren zu lassen.

In den folgenden Versen der ersten Strophe beginnt Oswald, die Gründe zu nennen, die ihn zu diesem Gelöbnis bewegt haben. Er leitet zu diesem Zwecke eine sich über sechs Verse erstreckende Aufzählung mit ‚Das macht’9, zu verstehen als ‚Das veranlassen’, ein, in welcher er, beginnend vom Scheitel ihres Hauptes, die äußerlichen Vorzüge der besungenen Geliebten aufführt. Zusätzlichen zu den schmückenden Beschreibungen nutzt Oswald von sämtlichen thematisierten Körperteilen das entsprechende Diminutiv, was der Zartheit und Anmut ihres Körpers ein besonderes Augenmerk einräumt. Genannt werden das ‚mündlin wolgevar’10, also ein ‚wohl gefärbtes Mündlein’, mit einer weiteren Zusammenrückung im Wort ‚wolgevar’, die ‚wenglin rot’11 ergänzt durch das parenthetisch folgende ,ain lieplich par’12, welches ohne Änderung der mittelhochdeutschen Bedeutung entnommen und in die Übersetzung übertragen werden kann. Diese wiederum sind ‚verglanzt von liechten öglin klar’13, zu verstehen als ‚umglänzt’ oder ‚umstrahlt’ von ‚leuchtenden klaren Äuglein’. Weiter geht es in der Beschreibung mit den ‚örlin klain’14, über denen sich das Haar anschließt, dessen Schilderung Oswald eine außerordentlich umfassende Sonderstellung in dieser Strophe beimisst. Mithilfe von den fünf aufeinander folgenden Synonymen ‚raid’, ‚kriÕpel’, ‚krumpel’, ‚krinnen’15 und ‚krauÕs’16 betont er die besondere Gelocktheit der Dame. Ihr Haare entsprechen einer ganzheitlichen Auffassung von ‚gedreht’, ‚verdreht’, ‚gekrümmt’, ‚kraus’, ‚gelockt’, ‚gekräuselt’. Dabei bedient er sich einer Alliteration, bei der sich der Anlaut in einer Folge von Wörtern wiederholt, um einen bemerkenswerten Klangeffekt zu erreichen. Dieses alte Mittel der Versbindung ist in der germanischen und mittelalterlichen Dichtung sehr verbreitet gewesen und hat auch bei Oswald in vielen seiner Lieder Verwendung gefunden. Zur Vollendung der Haarbeschreibung wird nun noch dessen Farbkomponente im letzten Vers dieser ersten Strophe vorgetragen.

Das Wort ‚güldlocht’17, zur Übersetzung mittels ‚guldeloht’ als ‚goldfarbig’ zu betrachten, wird begleitet von ‚gel durch flocket’18. Wörtlich sind die Haare also goldfarben und ‚gelb durchgeflockt’, doch ohne der Quelle zu nahe zu treten, wäre ein Wandel in ‚gelb durchdrungen’ die bessere Wahl, um der gemeinten farblichen Akzentuierung statthaft zu werden.

3.2. STROPHE 2 (VERS 12-22)

In der zweiten Strophe des Liedes KL. 61 „GELÜCK UND HAIL“ fährt OSWALD mit den Beschreibungen der äußeren Erscheinung der Besungenen fort. Im Unterschied zur ersten Strophe lässt er jedoch nun den Blick tiefer schweifen und widmet sich dem Leib und der Gliedmaßen in recht freizügigen Versen. Die folgenden Bemerkungen zur Übersetzung der zweiten Strophe sollen aufzeigen, dass OSWALD sich sehr kreativ und ausgedehnt mit der Körperbeschreibung auseinandersetzt.

Beginnend mit einer weiteren Aufzählung leitet er die Aufmerksamkeit des Zuhörers vom Kopf langsam zum Oberkörper der Geliebten hinab. Bis auf ‚Nas’, ‚kin’ und ‚kel’ nutzt OSWALD hier wiederum das Diminutiv ‚zendlin’19 oder noch deutlicher in der Handschrift A ‚zendlein’. Erweitert um den ‚hals’ wird diese Reihe weiter nach unten hinab fortgesetzt. Die Konstruktion, die OSWALD nun benutzt, bedarf ein weiteres Mal einer einfachen Umstellung der Satzteile, damit der Sinn besser erschließbar wird: ‚[…] der hals hat Õeinen val mit ganzer maÕs zu tal bis auff der weiÕÕen brüÕtlin Õal.’. Es ist nun wesentlich einfacher, den groben neuhochdeutschen Sinn aus den drei Versen zu extrahieren. Es ergäbe sich im Wortsinn folgende Struktur: ‚[…] der Hals hat seinen Fall mit ganzem Maße zu Tal bis auf den Saal der weißen Brüstlein’, oder für eine Übersetzung wohl überzeugender ‚[…] der Hals führt in ganzem Maße hinab zum Sitz der weißen Brüstlein’.

In Vers 15 besingt OSWALD weiterhin die Schönheit der Geliebten und meint: ‚der Õinkel hert geit reichen Õchal’20, was als ‚die harte Senkung gibt reichen Schall’ zu verstehen ist. In Anbetracht des Kontextes, also der Beschreibung des Busens, wird mit der harten Senkung wohl das Brustbein dazwischen gemeint.

[...]


1 Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Band 1 - 3. Stuttgart: Hirzel, 1992.

2 Wolkenstein, Oswald von: Die Lieder Oswalds von Wolkenstein / unter Mitw. von Walter Weiss u. Notburga Wolf hrsg. von Karl Kurt Klein. Musikanh. von Walter Salmen. - 3., neubearb. u. erw. Aufl. / von Hans Moser, Norbert Richard Wolf und Notburga Wolf - Tübingen: Niemeyer, 1987. (Altdeutsche Textbibliothek; Nr. 55), S. 175. Kl. 61, I, V. 1

3 Ebd.

4 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 2

5 Ebd.

6 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 5

7 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 3

8 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 4

9 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 6

10 Ebd.

11 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 7

12 Ebd.

13 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 8

14 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 9

15 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 10

16 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 11

17 Klein (1987): Kl. 61, I, V. 11

18 Ebd.

19 Klein (1987): Kl. 61, II, V. 1

20 Klein (1987): Kl. 61, II, V. 4

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638294591
ISBN (Buch)
9783638760454
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27399
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,0 (Gut)
Schlagworte
Oswald Wolkensteins Gelück Hail Kommentar Interpretation Wolkenstein

Autor

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