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Quantified Self und Self-Tracking. Fluch, Segen oder doch nur eine kommerzielle Eintagsfliege?

Hausarbeit 2013 27 Seiten

Soziologie - Wissen und Information

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Quantified- Self- Bewegung
2.1 Definitionen
Quantified Self
Self-Tracking
Remote Health Monitoring
2.2 Abgrenzung Remote Health Monitoring, Quantified Self und Self- Tracking
2.3 Entwicklung

3. Self- Tracking- Möglichkeiten
Fitness/ Gesundheit
Essen und Trinken
Freizeitverhalten
Arbeit/ Produktivität
Persönliches
Umwelt

4. Realisierung der Selbstquantifizierung im Internet
Community
Hardware, Software und Apps

5. Self-Tracking und Quantified Self - Ein Segen oder Fluch?
5.1 Die positive Seite an Self-Tracking und Quantified Self
5.2 Die Kritik am Self-Tracking und der Quantified Self
5.3 Psychische Abhängigkeit

6. Self- Tracking- Experiment
6.1 Voraussetzungen
6.2 verwendete Apps
6.2.1 T2 Mood Tracker
6.2.2 SleepBot
6.2.3 Endomondo Sports Tracker
6.3 Fragebogen und Auswertung zur App T2 Mood Tracker
6.4 Fragebogen und Auswertung zur App SleepBot
6.5 Fragebogen zur App Endomondo Sports Tracker

7. Auswertung des Experiments
7.1 Auswertung der Ergebnisse der App T2 Mood Tracker
7.2 Auswertung der Ergebnisse der App SleepBot
7.3 Auswertung der Ergebnisse der App Endomondo Sports Tracker

8. Fazit des Experiments

9. Fazit der Hausarbeit

Eidesstattliche Erklärung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

6:30 Uhr, Max wird von dem leisen Summen seines Smartphones geweckt. Auf dem Display erscheinen die Schlafphasen der vergangenen Nacht. 90% Schlafeffizienz. Besser als in der vergangenen Woche.

7:00 Uhr, Max bereitet sich ein Frühstück zu, das auf seinem Smartphone angezeigt wird. Er will sein Gewicht reduzieren und orientiert sich deshalb genau an den Zutaten, welche die App ihm vorgibt. Die App gibt ihm an, dass er mit der vorgegebenen Ernährung sein Zielgewicht in drei Monaten erreicht haben wird.

7:30 Uhr, Max macht sich fertig zum Sport. Er joggt schon seit einigen Wochen. Sein Smartphone zeigt seine Leistungskurve der vergangenen Trainingseinheiten an. Heute will Max seine Laufzeit verbessern. Nur noch schnell das Pulsmessgerät an das Smartphone anschließen und die Laufstrecke auswählen; dann kann es auch schon losgehen.

12:00 Uhr, Max hat das Verlangen nach einer Zigarette. Doch seit einigen Tagen hat er das Rauchen aufgegeben. Mit Hilfe einer Rauchfrei- App macht er Übungen genauso, wie es die App ihm rät, sobald Max das Verlangen nach einer Zigarette überkommt.

16:00 Uhr, Max hat Kopf- und Gliederschmerzen. Mit einem kurzen Blick in seine Smartphone- App erspart er sich den lästigen Gang zum Arzt. Diagnose des Dr. Doc: Ein grippaler Infekt bahnt sich an. Therapie: viel Wasser und Tee trinken, Ruhe und bei Bedarf eine Ibuprofen.

19:00 Uhr, Tagesresümee: 2100 Kalorien zu sich genommen. Beim Sport wieder 200 Kalorien verbrannt. Das Herz befindet sich in einem sehr guten Allgemeinzustand und die Kopf- und Gliederschmerzen stimmen mit der Diagnose des Dr. Doc überein.

21:00 Uhr, Max öffnet die Schlaf- App, legt das Smartphone neben sich auf die Matratze und schläft mit der Gewissheit ein, am nächsten morgen sanft von seinem Telefon geweckt zu werden.

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem das Internet unser Leben in allen Bereichen bestimmt und beeinflusst. Dabei spielen Daten und Messwerte, die unseren gesundheitlichen Zustand erfassen eine immer größere Rolle.

Kleine, innovative und benutzerfreundliche Apps, ermöglichen es den Menschen, gesundheitsbezogene Daten und Alltagswerte mit anderen Menschen in der ganzen Welt auszutauschen und zu vergleichen.

Die Frage nach der eigenen Identität beschäftigte nicht nur die alten Griechen, sondern zieht sich bis in unsere Gegenwart hinein. War es damals das Orakel von Delphi, das den Menschen eine Antwort auf Fragen der Selbstidentität geben sollte, so sind es heute Apps, Messwerte und Datenanalysen, die besonders durch die Quantified- Self- Bewegung stark an Popularität gewinnt.

In der Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob man mit Hilfe von Apps sich selbst besser kennenlernt, Dinge erfährt, die man noch nicht weiß, oder ob es einfach die Gestaltung der Anwendungen ist, die den Benutzern persönliche Details entlocken. Um diese Frage so umfassend wie möglich zu beantworten, ist die Arbeit wie folgt aufgebaut. Kapitel 2 „Die Quantified-Self-Bewegung“ stellt diesen Live Style Trend im Überblick dar, wobei 2.1 zu Beginn Definitionen der wichtigsten Begriffe liefert, die im Verlauf der Arbeit verwendet werden. Punkt 2.2 beleuchtet die Unterschiede zwischen dem Remote Health Monitoring, dem Quantified Self, sowie dem Self-Tracking. Der letzte Punkt dieses Kapitels schließt mit der Entwicklung des Quantified Self.

Im nächsten Kapitel wird ein Überblick über mögliche Tracking-Gebiete gegeben, der als Kategorisierung von Self-Tracking-Möglichkeiten aufgebaut ist.

Kapitel 4, „Realisierung der Selbstquantifizierung im Internet”, wirft ein Licht auf die tatsächliche, wie auch die technische Realisierung der Quantified-Self-Bewegung im Rahmen sozialer Netzwerke, des Hard- und Software Bereiches und im Rahmen von Apps.

Kapitel 5 „Self-Tracking und Quantified Self - Ein Segen oder Fluch?“ stellt positive, negative und auch psychologische Aspekte gegenüber, die im Anschluss ausgewertet werden.

Das darauf folgende Kapitel spiegelt den empirischen Teil dieser Arbeit wider, indem drei Self- Tracking Apps über einen Zeitraum von einem Monat von Testpersonen verwendet und nach der Testzeit anschließend anhand eines Fragebogens von ihnen bewertet wurden. Zudem werden unter Punkt 6.2 die verwendeten Apps vorgestellt.

Die Auswertung der Ergebnisse unseres Self-Tracking Experiments folgt in Kapitel 7.

Die Arbeit schließt mit einem Fazit bezüglich des Experiments, sowie dieser Arbeit.

2. Die Quantified- Self- Bewegung

2.1 Definitionen

Im Folgenden werden einige Begriffe definiert, die für das Verständnis der Arbeit unerlässlich sind.

Quantified Self

Der Begriff der Selbstquantifizierung umfasst das Selbstverständnis, sich mit Hilfe des Self- Trackings (Selbstvermessung) in Zahlen auszudrücken und bewerten zu können. Mitglieder der Quantified- Self- Bewegung sind weltweit über das Internet in Blogs, Meetups[1], Apps und Konferenzen miteinander verbunden. Sie sammeln und erfassen ihre eigenen Daten in verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens: gesundheitsrelevante Daten (z.B.: Körpergewicht, Schlafrhythmus, Ernährungsgewohnheiten, Blutwerte, Stimmungsbild), Umwelt und Verhalten. „Self- knowledge through numbers“ (http://quantifiedself.com/about/, Zugriff am 06.03.2014) ist dabei das Motto der Quantified- Self- Community. Die Erkenntnisse, welche die Mitglieder mit der Selbstquantifizierung erhalten, werden dazu verwendet, ihr Verhalten zu ändern, anzupassen oder einfach nur mit dem der anderen vergleichen.

Self-Tracking

Swan (2009, S. 509) versteht unter der Selbstvermessung eine Sammlung von Daten über die eigene Person, die freiwillig und in kontinuierlichen Abständen erhoben werden. Zur Datenerfassung werden Programme wie z. B. Apps verwendet, die eine Vielfalt von Messwerten aufzeichnen können. Personen- oder umweltbezogene Messwerte, physische oder biologische Daten können von Menschen gesammelt, beobachtet, verglichen und mit anderen Leuten geteilt werden. Häufig werden zur Auswertung Graphen oder Diagramme verwendet.

Remote Health Monitoring

Das Remote Health Monitoring unterscheidet sich von der herkömmlichen face-to-face Behandlung zwischen einem Patienten und dem Arzt dadurch, dass die Überwachung der Gesundheit trotz einer bestehenden Distanz, auf einem qualitativ hohen Niveau stattfindet (vgl. Schmidt 2009, S.4). Das Remote Health Monitoring kommt besonders bei der Behandlung von chronischen Erkrankungen zum Einsatz (Diabetes, Asthma, Herzinsuffizienz,...). Unter den Begriff des Remoth Health Monitoring fallen demnach alle Aktivitäten, die eine professionelle gesundheitliche Überwachung des Patienten ermöglichen und Messwerte, sowie Patientendaten, die dem Arzt elektronisch oder telefonisch zugänglich gemacht werden können (vgl. ebd., S. 2f.).

2.2 Abgrenzung Remote Health Monitoring, Quantified Self und Self- Tracking

Zunächst scheinen bei der Betrachtung von Remote Health Monitoring (RHM) und Quantified Self keine wesentlichen Unterschiede zu bestehen. Sowohl RHM als auch Quantified Self sammeln Daten, Ergebnisse und Zahlen, übertragen sie an andere Personen und vergleichen die Datensammlungen miteinander.

Bei genauerer Betrachtung ergeben sich jedoch signifikante Unterschiede zwischen RHM und Quantified Self.

In der Quantified- Self- Bewegung ist das Sammeln von Daten und die Art der gemessenen Daten nicht zwangsläufig festgelegt. Je nach Interessengebiet können die Daten sowohl inhaltlich als auch zeitlich variabel gesammelt werden. Dabei werden die gesammelten Daten nicht von professionellen Dritten überwacht oder kommentiert.

Beim Remote Health Monitoring müssen die Messwerte über einen festgelegten Zeitraum vom Patienten abgegeben werden. Swan (2009, S. 492) spricht aus diesem Grund beim RHM von einer „Patient- driven health care“. Der Patient ist hier aktiv an seiner Behandlung und Überwachung der Erkrankung beteiligt. Für Swan bedeutet dieser Typ der Gesundheitsüberwachung ein hohes Maß an Transparenz für Patient und Arzt. Der Patient erhält durch die kontinuierliche Aufzeichnung seiner Daten einen großen Einfluss auf die positive Gestaltung der eigenen Gesundheit und ein gesteigertes Maß an Verantwortung im Vergleich zu einer face- to- face Behandlung.

Self-Tracker sammeln Daten aus verschiedenen Lebensbereichen um zu einer gesteigerten Selbsterkenntnis zu gelangen. Mit Hilfe jener Daten kann dann das eigene Verhalten verändert und das eigene Wohlbefinden gesteigert werden.

Gary Wolf unterscheidet in seinem Artikel „The Data-Driven Life“ (vgl. http://www.nytimes.com/2010/05/02/magazine/02self-measurement-t.html?pagewanted=all, Zugriff am 06.03.2014) drei verschiedene Typen der Self- Tracking.

Eine ausgeprägte Selbsterkenntnis und Einsicht in den Gesundheitszustand stehen für den Typ I im Vordergrund. Dieses „self knowledge“ wird dazu verwendet, sich aktiv an der Behandlung eigener Krankheiten zu beteiligen und ein gesteigertes Maß an Verantwortung zu erhalten.

Die Daten und Zahlen, die von Self- Trackern gesammelt wurden, werden vom Typ II zur Optimierung eingesetzt. Besonders häufig sind jene Typen in dem Fitness-/ Gesundheitsbereich anzutreffen. Selbst gesteckte Ziele wollen verwirklicht werden, oder die eigene Gesundheit soll optimiert werden.

Für einige Self- Tracker steht kein vorrangiges Ziel im Vordergrund. Häufig ist es nur eine Frage die beantwortet werden soll, wie z. B. die Schrittanzahl an einem freien Tag. So gelangen sie von einer Frage zur nächsten, wobei die Neugier ihr Antrieb sein kann. Dieses oft unbekannte Ziel bezeichnet den dritten Typ der Self- Tracker.

2.3 Entwicklung

Gründer der ersten 2007 entstandenen Quantified- Self- Plattform sind Kevin Kelly[2] und Gary Wolf[3]. Bis heute ist die Self-Tracker-Bewegung in über 90 Städten und in über 30 Ländern weltweit zu verzeichnen. Es war das gemeinsame Interesse an die neuen, immer komplexer werdenden Technologien der IT-Branche von Kelly und Wolf, das beide auf die Idee von Quantified Self brachte. Der Fortschritt des Smartphones, des GPS, sowie das allgegenwärtig verfügbare Internet stellten sich in den Mittelpunkt ihrer Interessen: „One of the common trends they saw […] are new waves of very complex technologies […] becoming adopted and brought into very intimate places of people’s lives“ (Butterfield 2012, S.9). Beide erkannten früh, dass diese neuen Entwicklungen im bisher ausschließlich privaten Gebrauch der Menschen angenommen wurden. Anfangs fokussierten Kelly und Wolf einzig die prospektive Entwicklung der Beziehung zwischen dem Menschen und der Technologie. Angestrebt wurde in diesem Zusammenhang die Bedeutung gewisser Tools für den Menschen und die Auswirkungen dieser Verwendung auf deren Leben (vgl. ebd., S.10).

Nach dem anfänglichen Vorhaben, Interessantes über dieses Thema in einem Blog zu verfassen, folgte schon bald die Veranstaltung des ersten QS-Meetups[4], welches die Auffassung der Quantified-Self-Bewegung bis heute maßgeblich beeinflusst. Teil dieser Veranstaltung war die Präsentation der gesammelten Ergebnisse eines promovierenden Studenten, der diese über ein Jahr gesammelt hat (vgl. ebd., S.11).

Heute lassen sich weltweit 161 Meetup-Groups verzeichnen (vgl. http://quantified-self.meetup.com, Zugriff am 06.03.2014)

3. Self- Tracking- Möglichkeiten

Grundsätzlich gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, das eigene Leben in Zahlen, Daten und Maßen anzugeben. Einen Überblick über mögliche Tracking- Gebiete gibt die Auflistung des „Guide to Self- Tracking Tools“ (http://quantifiedself.com/guide/, Zugriff am 06.03.2014) der offiziellen Quantified- Self -Website.

Fitness/ Gesundheit

Die persönliche Fitness kann mit Hilfe von Messinstrumenten eingestuft und bewertet werden. Bei sportlichen Aktivitäten können die Herzfrequenz, der Puls, Kalorienverbrauch oder die Schrittanzahl gemessen werden. Auch die Messung der Ergiebigkeit des Schlafes kann in die Kategorie Fitness/ Gesundheit eingeordnet werden.

Essen und Trinken

Self-Tracker aus diesem Bereich sammeln Daten, die sich mit den eingenommenen Mahlzeiten und Getränken beschäftigen. Ob die Kalorienanzahl der Mahlzeiten oder der tägliche Alkohol- und Koffeinkonsum beobachtet wird, hängt vom Interessengebiet des Self- Trackers ab.

[...]


[1] Auf diesen Treffen werden durchgeführte Self- Tracking- Projekte vorgestellt oder es kann sich mit anderen Community Mitgliedern über neue Self- Tracking Methoden ausgetauscht werden.

[2] Gründungsherausgeber des „Wired Magazine“

[3] Einer Kellys ersten Autoren und Lektoren in der San Francisco Bay Area

[4] Heutige Quantified-Self Treffen werden in der Szene als „Meetup“ bezeichnet, die u.a. Vorträge, sowie Präsentationen durch deren Mitglieder abdecken.

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656664178
ISBN (Buch)
9783656664659
Dateigröße
674 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273970
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,3
Schlagworte
quantified self self-tracking fluch segen eintagsfliege

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Titel: Quantified Self und Self-Tracking. Fluch, Segen oder doch nur eine kommerzielle Eintagsfliege?