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Vierte Dimension und Gesellschaftskritik in Herbert George Wells "The Time Machine"

Seminararbeit 2011 24 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vierte Dimensionen
2.1. Die Theorie
2.2. Kritik am Konservatismus
2.3. Platons Hohlengleichnis

3. Gesellschaftskritik
3.1. Das Viktorianische Zeitalter
3.2. Eloi undMorlocks

4. Vierte Dimension und Gesellschaftskritik
4.1. Die Aufhebung der Fiktion
4.2. Das Umgehen von Zensur
4.3. Kritik an der Passivitat
4.4. Der dreidimensionale Lebensraum
4.5. Klassenkritik
4.6. Kritik am Kolonialismus

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Fragestellung, welche Bezuge sich zwischen der Darstel- lung der Vierten Dimension und der geausserten Gesellschaftskritik in Herbert George Wells The Time Machine finden lassen.

Der Forschungsstand zeigt auf, dass sehr viel Sekundarliteratur zu Wells vorhanden ist, aber keine Monographie, welche auf den speziellen Bezug zwischen der Vierten Dimension und der Gesell­schaftskritik in diesem oft rezipierten Sciencefiction-Klassiker eingeht. Einen ausfuhrlichen und ak- tuellen Beitrag uber The Time Machine bietet McLean.1

Absicht dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, dass der Vierten Dimension eine tragendere Rolle zu- kommt als dies auf den ersten Blick scheint und als dies in der Sekundarliteratur erwahnt wird. Methodologisch werden Textstellen, in welcher die Vierte Dimension beschrieben wird, wiederge- geben und analysiert. Der Rest der Handlung wird raffend paraphrasiert, lediglich auf die Inhalte von Belang fur die Vierte Dimension wird vertiefend eingegangen. Die Arbeit gliedert sich wie folgt:

Im anschliessenden zweiten Teil wird die Darstellung der Vierten Dimension, welche zu Beginn des Romans einsetzt, erlautert Dabei wird paraphrasiert, wie der Zeitreisende zu Beginn des Romans seinen Gasten seine Theorie zur Vierten Dimension darlegt, und ihnen anschliessend ein Experi­ment mit einer Miniaturversion seiner Zeitmaschine vorfuhrt. Indem Wells die Gaste des Zeitreisen- den so beschreibt, dass diese gar nicht gewillt sind, die Moglichkeit einer Vierten Dimension trotz des gelungenen Versuchs auch nur in Betracht zu ziehen, ubt er Kritik an der konservativen Haltung der Gesellschaft, welcher jegliche Bereitschaft zu Paradigmenwechsel2 fehlt. Zudem werden Refe- renzen zu Platons Hohlengleichnis aufgezeigt.

Darauf folgend werden im dritten Teil dieser Arbeit die gesellschaftlichen Zustande der Viktoriani- schen Gesellschaft vorgestellt, und die beiden Rassen, denen der Zeitreisende in der Zukunft begeg- net, werden beschrieben. Hierbei wird die gesellschaftliche Kritik von Wells in seiner dystopischen Erzahlung anhand der Eloi und Morlocks pragnant erlautert.

Anschliessend wird im vierten Abschnitt der Bezug zwischen der Gesellschaftskritik und der Vier- ten Dimension in dem besagten Roman hergestellt. Dabei wird aufgezeigt, dass die Vierte Dimensi­on in der Erzahlung einerseits den Zweck hat, die Glaubwurdigkeit einer Zeitreise beim Leser zu er- hohen, andererseits ermoglicht sie die Zeitreise, derer sich Wells bedient, um eine direkte Kritik an der damaligen Gesellschaft zu vermeiden. Dieses Verweisen auf soziale Probleme mittels der Dys- topie erwies sich als geeignetes Mittel zur Verhinderung von Zensur.

Desweiteren kritisiert der Autor die Passivitat der Gesellschaft, indem er den Zeitreisenden in eine Zukunft schickt, in welcher die tragen und kindlich-naiven Eloi existieren. Deren beschrankte Wahrnehmung druckt sich dadurch aus, dass sie in einem paradiesischen Milieu leben, ohne zu wis- sen, was sich unterhalb der Erde befindet. Ihr Lebensraum wird dabei zu einem dreidimensionalen exklusive dem Unterirdischen abstrahiert, und was sich unter der Oberflache verbirgt, erweist sich als eine vierte Dimension, die von den Eloi nicht wahrgenommen wird. Zusatzlich werden Bezuge zwischen der Vierten Dimension und einer vom Zeitreisenden geausserten Klassenkritik hergestellt. Auch wird eine Interpretationsmoglichkeit der Erzahlung als Kritik am Kolonialismus aufgezeigt. Den Abschluss der Arbeit bilden eine Zusammenfassung, einige Anmerkungen und Verweise.

2. Die Vierte Dimension

2.1. Die Theorie

Am Beginn des Romans berichtet der Erzahler3, wie der Zeitreisende ihm und anderen geladenen Gasten die Existenz einer Vierten Dimension zu erklaren versucht. Die ersten Worte des Erzahlers lauten:

The Time Traveller (for so it will be convenient to speak of him) was expounding a recondite matter to us. His grey eyes shone and twinkled and his usually pale face was flushed and animated. The fire burnt brightly, and the soft radiance of the incandescent lights in the lilies of silver caught the bubbles that flashed and passes in our glasses.4

Der Zeitreisende hegt die Absicht seinen Gasten die Existenz einer Vierten Dimension zu vermit- teln. Dies wird auch durch die Umgebung untermalt: Das im Kamin hell lodernde Feuer und die brennenden Kerzen erzeugen hierbei eine hell-dunkel-kontrastierte Szenerie, bei welcher die Licht- metaphorik eine wichtige Rolle einnimmt.5

Bei seinen Erlauterungen zur Vierten Dimension aussert der Zeitreisende, dass eine zweidimensio- nale mathematische Linie - ,,a line of thickness nil“6 - im Grunde gar nicht existiere, sondern nur Abstraktion sei. Ebenso verhielte es sich mit mathematischen Flachen und der Protagonist fuhrt zu- dem an, dass ein dreidimensionaler Korper ebenso wenig existieren konne, wenn es nicht eine Vier- te Dimension gabe:

You know of course that a mathematical line, a line of thickness nil, has no real existence. They taught you that? Neither has a mathematical plane. These things are mere abstractions. ’ ‘That is all right ’, said the Psychologist ‘Nor, having only length, breadth and thickness, can a cube have a real existence. ’ [...].7

Desweiteren behauptet der Zeitreisende, dass jedweder Korper sich in vier Dimensionen ausdehnen musse, und zwar in Lange, Breite, Hohe und Dauer:

‘clearly, ’ the Trime Traveler proceeded, ‘any real body must have extension in four directions: it must have Length, Breadth, Thickness, and — Duration. But through a natural infirmity of the flesh, which I will explain to you in a moment, we incline to overlook this fact. There are really four dimensions, three which we call the three planes of Space, and a fourth, Time. There is, however, a tendency to draw an un­real distinction between the former three dimensions and the latter, because it happens that our cons­ciousness moves intermittently in one direction along the latter from the beginning to the end of our live's.8

Der Protagonist meint, durch eine beschrankte Wahrnehmung wurde aufgrund einer „natural infir­mity of the flesh“9 die Vierte Dimension ubersehen werden. Zwischen der Vierten Dimension und den ubrigen drei Dimensionen gabe es keinen Unterschied, ausser dass das Bewusstsein der Men- schen auf der vierten Dimension wandere: „ There is no difference between Time and any of the three dimensions of Space except that our con-sciousness moves along it.“10 Der Zeitreisende fuhrt fort, dass so wie man auf einer zweidimensionalen Flache dreidimensionale Objekte abzubilden vermag, es moglich ware, mittels dreidimensionaler Korper Vierdimensionali- tat aufzuzeigen. Photographien eines Menschen beispielsweise, die diesen zu verschiedenen Altersstufen zeigten, waren demnach dreidimensionale Projektionen eines vierdimensionalen Daseins.11

Zeit sei fur ihn nichts anderes als eine Form von Raum. Auf den Einwand des Arztes, dass man sich innerhalb der Zeit doch nicht bewegen konne, aussert der Zeitreisende:

‘My dear sir, that is just where you are wrong. That is just where the whole world has gone wrong. We are always getting away from the present moment. Our mental existences, which are immaterial and have no dimensions, are passing along the Time-Dimension with a uniform velocity from the cradle to the grave. Just as we should travel down if we began our existence fifty miles above the earth’s sur­face.12

Der Psychologe meint darauf, der Unterschied zwischen der Vierten Dimension und den ubrigen drei Dimensionen bestunde darin, dass man sich nur innerhalb des Raumes frei bewegen konne, nicht aber innerhalb der Zeit. Auch diese Feststellung bessert der Zeitreisende aus:

‘That is the germ of my great discovery. But you are wrong to say that we cannot move about in Time.

For instance, ifI am recalling an incident very vividly I go back to the instant of its occurence: I become absent-minded, as you say I jump back for a moment. [...]. ’’13

Zwar erfahrt man nirgends in der Erzahlung, wie die Zeitmaschine technisch funktioniert, aber die Aussagen des Zeitreisenden deuten darauf hin, dass das Zeitreisen prinzipiell auf der Uberwindung der „natural infirmity of the flesh“14 und auf der Moglichkeit, sich an vergangene Ereignisse zu er- innern, basiert.

2.2. Kritik am Konservatismus

Auffallend ist, dass die Gaste die Moglichkeit einer Vierten Dimension nicht glauben konnen oder glauben wollen. Als der Zeitreisende behauptet, dass der Mensch vielleicht eines Tages imstande sein wird, durch die Zeit zu reisen, entgegnet Filby:

‘oh, this, ’ began Filby, ‘is all — ’

‘Why not? ’ said The Trime Traveller ‘It’s against reason,’ said Filby.

‘What reason?’ said the Time Traveller.

‘You can show black is white by argument, ’ said Fifoy, ‘butyou will never convince me. ’15

Nachdem er den Gasten seine Theorien zur Vierten Dimension vorgestellt hat, will er diese mit ei­ner Miniaturversion seiner Zeitmaschine beweisen. Das Publikum reagiert darauf mit Ironie und Sarkasmus.16 Der Psychologe fordert schliesslich den Zeitreisenden skeptisch auf, sein Experiment vorzufuhren: „Let's see your experiment anyhow [...] though it's all humbug, you know.“

Auffallig ist die Vielfalt der Gaste, denn der Zeitreisende hat nicht nur Wissenschaftler sondern Per- sonen verschiedener Gesellschaftsschichten eingeladen: Den Erzahler, dessen Namen und Professi­on der Leser ebenso wenig erfahrt wie jene vom Zeitreisenden selbst, Filby, eine argumentative person with red hair“17, einen Arzt, einen Burgermeister aus der Provinz, einen Psychologen und einen „Very Young Man“.18 Diese Figuren reprasentieren die oberen und mittleren Gesellschafts­schichten.19 Dass diese auch nach dem gegluckten Experiment nicht glauben konnen, was sie gese- hen haben, spiegelt nur ihre bereits im Vorhinein unveranderliche dogmatische Grundhaltung ge- genuber der Existenz einer Vierten Dimension wider.

Der Versuch wird durch das Betatigen eines Hebels durch den Psychologen gestartet, worauf sich die kleine Maschine zu drehen beginnt, die Konturen verschwimmen und der Apparat schlussend- lich verschwindet. Obwohl alle Gaste den Vorgang mit eigenen Augen beobachten konnten, konnen sie es nicht verstehen und schenken dem Gesehenen keinen Glauben. Der Arzt meint: „It sounds plausible enough to-night [...] but wait until to-morrow. Wait for the common-sense of the mor­ning."20

Anschliessend fuhrt der Zeitreisende die Gaste in sein Laboratorium, wo er ihnen die grosse Version der Zeitmaschine zeigt.

2.3. Platons Hohlengleichnis

Der wahrend der Erlauterungen zur Vierten Dimension durch den Zeitreisenden in der Hell-dunkel- Szenerie angedeutete Bezug zu Platons Hohlengleichnis tritt nun an einigen Stellen deutlich hervor. Der Erzahler aussert:

„I remember vividly the flickering light, his queer, broad head in silhouette, the dance of the sha­dows, how we all followed him, puzzled but incredulous [...]."21

Platon beschreibt namlich im Siebten Buch seiner Politeia ein Gleichnis, in welchem in einer Hohle Gefesselte auf eine Wand starren und ihre Kopfe nicht zum Ausgang hin drehen konnen. Diese se- hen nur die Schatten, die auf die Wand geworfen werden, und wurde einer von ihnen sich von den Ketten befreien, aus der Hohle hinausgehen, zuruckkehren und ihnen von der Welt ausserhalb der Hohle berichten, so wurden die anderen diesen auslachen.22

Dasselbe passiert dem Zeitreisenden: Seine Theorien zur Vierten Dimension und das gelungene Ex­periment erscheinen dem Publikum als unglaubwurdig, ebenso wie die Person des Zeitreisenden selbst. Als er den Gasten die grosse Zeitmaschine prasentiert, bewundern diese zwar die Konstrukti- on, doch zweifeln sie an der Moglichkeit einer Zeitreise.

So wie derjenige, welcher sich in Platons Gleichnis von den Ketten gelost hat, den Gefesselten von einer Welt ausserhalb der Hohle erzahlt und diesen unglaubwurdig erscheint, so konnen auch die Gaste des Zeitreisenden dessen ernste Absicht eine Zeitreise anzutreten nicht nachvollziehen. Der Erzahler behauptet, die Unglaubwurdigkeit des Zeitreisenden wurde aus dessen Intelligenz resultie- ren:

I think that at that time none of us quite believed in the Time Machine. The fact is, the Time Traveller was one of those men who are too clever to be believed: you never felt that you saw all round him; you always suspected some subtle reserve, some ingenuity in ambush, behind his lucid frankness. [...].

Things that would have made the fame of a less clever man seemed tricks in his hands. It is a mistake to do things too easily. The serious people who took him seriously never felt quite sure of his deportment: they were somehow aware that trusting their reputations for judgement with him was like furnishing a nursery with eggshell china.23

Nach diesem ersten Treffen beim Zeitreisenden, das ubrigens an einem Donnerstag, dem vierten Wochentag, erfolgte, vergeht eine Woche und bei einer erneuten Abendgesellschaft erscheint der Gastgeber mit Verspatung und in dreckiger, zerrissener Bekleidung. Der Erzahler beschreibt: „For a moment he hesitated in the doorway, as if he had been dazzled by the light."24

Analog hierzu heisst es bei Platon: „Und wenn man ihn zwange, ins Licht selbst zu blicken, dann wurden ihn seine Augen schmerzen [...]."25 „Und wenn er dort wieder im Unterscheiden der Schat- ten mit jenen immer Gefesselten wetteifern musste, zur Zeit, da seine Augen noch geblendet sind und sich noch nicht umgestellt haben, [...] wurde er da nicht ausgelacht werden und bespottelt [...]““26

Wahrend der Zeitreisende sich zum Waschen und Umkleiden begibt, deutet der Erzahler den ubri- gen Gasten die Zeitreise an, worauf diese mit Hohn und Spott reagieren:

And then, as the idea came home to him, he resorted to caricature. Hadn't they any clothes-brushes in the Future? The Journalist, too, would not believe at any price, and joined the Editor in the easy work of heaping ridicule on the whole thing. They were both the new kind of journalist — very joyous, irreverent young men.27

[...]


1 Vgl. McLean, Steven: The Early Fiction of H.G. Wells, Houndmills/ Basingstoke/ Hampshire 2009, S. 11-40.

2 Vgl. Barsch, Achim: Paradigma, in: Nunning, Ansgar (Hg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie, Stuttgart/ Weimar 2004 (Sammlung Metzler 347), S. 202f.

3 Vgl. Wolf, Werner: Erzahler, in: Nunning, Ansgar (Hg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie, Stuttgart/ Weimar 2004 (Sammlung Metzler 347), S. 47-49.

4 Wells, Herbert-George: The Time Machine. An Invention. Authorative Text Backgrounds And Contexts Critisizm, edited by Stephen Arata, New York/ London 2009, S.

5. Licht und Dunkelheit sind beides zugegen wahrend der Zeitreisende einerseits das Publikum uber die Vierte Dimension aufzuklaren beabsichtigt, andererseits bei seinen Ausfuhrungen eine mysteriose, nahezu okkulte, Erscheinung abgibt. Der Leser erfahrt, dass der Zeitreisende ein Wissenschaftler ist, doch weder sein Beruf noch sein Name werden genannt. Da sein Name nirgends erwahnt wird, wird die Figur des Zeitreisenden zusatzlich mystifiziert und mythisiert.

6 Wells, S. 4.

7 Wells, S. 5.

8 Ebd. S. 5f.

9 Ebd. S. 5.

10 Ebd. S. 6.

11 Vgl. ebd. S. 6.

12 Wells, S. 7.

13 Ebd. S. 7.

14 Ebd. S. 5.

15 Ebd. S. 8.

16 Vgl. ebd. S. 8.

17 Wells, S. 5.

18 Ebd. S. 9.

19 Vgl. Kapitel 3.1.

20 Wells, S. 11.

21 Ebd. S. 11.

22 Vgl. Platon: Der Staat (Politeia), ubers. und hrsg. von Karl Vretska, Stuttgart 1958, S. 327-331.

23 Wells, S. 12.

24 Ebd. S. 13.

25 Platon, S. 328.

26 Ebd. S. 330.

27 Wells, S. 14.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656663911
ISBN (Buch)
9783656664802
Dateigröße
892 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273941
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Deutsches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Die Zeitmaschine The Time Machine H.G. Wells Vierte Dimension Eloi Morlocks Gesellschaftskritik Science-Fiction

Autor

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