Lade Inhalt...

Die Getica und der Ursprung der Goten

Seminararbeit 2011 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quelle und Autor

3. Die Urheimat der Goten
3.1. Die „Pferdegeschichte“
3.2. Scandza als Urheimat

4. Gauthigoth, Vagoth, Ostrogothae und Greotingi
4.1. Gauthigoth
4.2. Vagoth
4.3. Ostrogothae
4.4. Greotingi

5. Gaut

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Frage, inwieweit die Gotengeschichte des Jordanes Aussagekraft bezüglich der Historizität hat, und ob die Ursprungslegenden über die Goten

mündlichen gotischen Überlieferungen entstammten, oder ob sie nicht vielleicht Erfindungen der Verfasser sind. Falls sie aus gotischen Quellen geschöpft wurden, stellt sich die Frage, ob sie vielleicht nicht nur Mythen sind, sondern auch von der geschichtlichen Wirklichkeit des Gotenvolks zeugen. Dabei soll dieser Aufsatz das thematische Paradigma der „Gotenherkunft“ aus sprachwissenschaftlicher bzw. sprachgeschichtlicher Sicht beleuchten. Für die vorliegende Arbeit sei folgendes Werk erwähnt, welches die Basis dieser Arbeit bildet: Norbert Wagner: Getica. Untersuchungen zum Leben des Jordanes und zur frühen Geschichte der Goten, Berlin 1967 (Quellen und Forschungen zur SprachE und Kulturgeschichte der germanischen Völker 22).

Als Primärtexte verwendete ich Smith, P. (Hg.): The Getica of Jordanes. Introduction, Text with English translation, and Commentary, Berlin 2009; sowie Heine, A. (Hg.): Jordanis Gotengeschichte nebst Auszügen aus seiner römischen Geschichte. Übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Martens, Leipzig 1884 (Die Geschichtsschreiber der Deutschen Vorzeit 5). Es wurden in diesem Aufsatz Analysen gotischer Namen vorgestellt, mit denen sich die Sprachwissenschaftler intensiv beschäftigten, und mit denen man den Versuch unternahm, Ungereimtheiten zu beseitigen. Folgende Fragen wurden aufgegriffen: Handelt es sich bei den Namen um gotische Bezeichnungen? Wenn ja, weshalb? Wie können bestimmte Namen und ihre Bedeutung uns helfen, unsere Kenntnisse über die Vergangenheit zu erweitern? Die vorliegende Arbeit ist folgendermassen aufgebaut:

- Nach der Einleitung erfolgt eine kurze Beschreibung des Werks bzw. des Verfassers.
- Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Frage nach der Urheimat der Goten. Zunächst wird die Herkunftsgeschichte aus Britannien erörtert, danach wird die These, dass die Goten aus Skandinavien stammen, geprüft, und es werden Parallelen zwischen der gotischen und der nordischen Sprache aufgezeigt.
- Im vierten Teil werden die Namen vier Völker, welche von Jordanes in einer Aufzählung skandinavischer Völkerschaften auftauchen, und welche in Bezug zu den Namen der Goten stehen, analysiert.
- Danach wird im fünften Teil auf den Namen des Stammvaters der Amaler, Gaut, eingegangen.
- Der Endteil beinhaltet eine kurze Zusammenfassung und es werden einige Verweise angemerkt.

2. Werk und Autor

Jordanes, der Verfasser der so genannten Getica, war ein römischer Notar aus dem Balkanraum, der einem Alanenfürsten diente, und im sechsten Jahrhundert n. Chr. lebte. Er gilt als Epitomator der Gotischen Geschichte des Cassiodorus, die zwei Jahrzehnte vorher geschrieben wurde, und verloren gegangen ist.

Merrills beschrieb die Getica als ein Zeugnis des Prozesses der „Translation von mündlicher Überlieferung ins Schriftliche“ während dem 6. Jhdt, sowie als Zeugnis für das Aufkommen der Heldendichtung. Jordanes schliesse dabei an klassische Geschichtsschreiber an und war gezwungen sein Werk dem Lesepublikum, welches der römische Senat bildete, anzupassen.1

M. Lawo behauptete, Jordanes sei ganz oder zumindest zum Teil Gote2, M. Fuhrmann bezeichnete ihn als “romanisierten Goten”.3 Seine wahre Identität wird wohl niemals gelüftet werden, zumal auch Namen (und Kultur) anderer Volksgruppen von Individuen angenommen wurden. Man denke nur an Attila, einen Hunnen, der einen gotischen Namen trug. Jordanes` Werk Getica ist vom Aufbau her in drei Abschnitte einteilbar: einen über die legendären Anfänge der Goten, einen über den Stammbaum der Amaler, und einen mit der historischen Darstellung der Goten.4 P. Scardigli hob die Wichtigkeit der Getica als Quelle hervor, indem sie viele stammesinterne Informationen über die Goten liefere, die sonst verloren gegangen wären.5 Übrigens stellt die „Gotengeschichte“ des Jordanes überhaupt das älteste Geschichtswerk über einen germanischen Stamm dar! Inwieweit Jordanes die Informationen seiner Vorlagen nutzte, lässt sich nicht genau feststellen.

Max Manitius sah, im Gegensatz zu Ranke,6 Jordanes` Getica nicht als ein Werk, das angefertigt wurde um politische Ziele zu verfolgen, sondern als eine „magere sachlichEstilistische Verdünnung aus vielfachen griechischen, lateinischen und mündlichen Quellen.“7

J. Engels schrieb, Jordanes hätte eine historisch unzutreffende Identifikation der Goten mit dem Mythenstoff der Griechen und Römer durchgeführt, um ihre Machtstellung zu legitimieren und die Geschichte der Goten in die Geschichte der Römer zu integrieren. Auch das von Jordanes angewandte Topos der „gelehrten Barbaren“, welches übrigens von Isidor von Sevilla weitergeführt wurde, sollte wohl diesen Zweck erfüllen.8

J. Weissensteiner bemerkte hierzu, der Gotenkönig Theoderich habe Cassiodor den Auftrag

gegeben, die Geschichte der Goten zu verfassen, um seine Beliebtheit beim römischen Senat zu steigern. Die Inhalte wären daher auf das Lesepublikum zugeschnitten und seien eine Verschmelzung gotischer mündlicher Überlieferung mit den Traditionen der antiken EthnoE und Historiographie.9

3. Die Urheimat der Goten

Jordanes schreibt über zwei Abstammungsgeschichten der Goten: Eine besagt, dass die Goten in Britannien Knechte gewesen seien, und sich für den Preis eines Pferdes losgekauft hätten.10 Der zweiten Legende nach seien die Goten, unter König Berig, mit drei Schiffen von der Insel Scandza aus aufgebrochen, und hätten das Land, welches sie erreichten, Gothiscandza genannt. Gothiscandza bedeute demnach „Land der Gothen“.

Nun stellt sich die Frage, ob diese Legenden Erfindungen Cassiodors oder Jordanes` sind. Viele Inhalte der Gotengeschichte des Jordanes gehen höchstwahrscheinlich auf mündliche Überlieferungen zurück, so vermutlich auch die „Pferdegeschichte in Britannien“ und die Geschichte über die Urheimat Skandza.11

3.1. Die Pferdegeschichte

Bezüglich der „Pferdegeschichte“ vermutete Wolfram (ebenso wie Wagner und andere Sprachwissenschaflter), es könne sich dabei um eine Spottgeschichte auf die Goten handeln, wobei die Bedeutung ihres Namens ein Wortspiel erlaubt habe. Das ursprüngliche Wort Gote konnte nämlich zwei Bedeutungen gehabt haben: einerseits bezeichnete es das Volk der Goten, die *Gutans (EanEStamm) bzw. *GutÞiuda (im „gotischen Kalender“ belegt), und andererseits könnte es auch „Pferd“ oder „Hengst“ bedeutet haben.12 Die Semantik des Worts hat sich nämlich im altnordischen Wort goti in der Dichtersprache erhalten.13 Möglicherweise wurde die Spottgeschichte von einem benachbarten Stamm der Goten, welches von ihnen besiegt bzw. vertrieben wurde, kreiert. Als Urheber kämen demnach Wandalen und Rugier in Frage, möglicherweise auch die Gepiden. Diesen hatten die Goten laut Jordanes selber den Spottnamen „die Trägen“ gegeben (Vgl. gotisch gepanta). Vorher wären diese auch als Goten bezeichnet worden.14

3.2. Scandza als Urheimat

Auch bei der zweiten Abstammungsgeschichte versuchte die Sprachwissenschaft auf die Frage, ob die Legende über eine skandinavische Urheimat der Goten im Bereich der historischen Wirklichkeit anzusiedeln sei, Antworten zu liefern. Leider teilten Diskussionen die Meinungen vieler Wissenschaftler und es bissen sich sämtliche Disziplinen daran die Zähne aus. Die Archäologie beispielsweise konnte und kann bei der Frage der Urheimat der Goten keineswegs helfen.15 Bei den Sprachwissenschaftlern gingen die Meinungen weit auseinander16 und die Geschichtswissenschaftler haben nicht genug Quellen für konsequente Schlussfolgerungen. Hier seien einige Ergebnisse der sprachwissenschaftlichen Forschung angeführt: Andersson meinte, der Name der Goten sei verwandt mit dem der Gauten oder gøtar und leite sich von urgerman. *gautōz ab, wobei die Unterschiede dieser Wörter im Ablaut und der Stammbildung liegen. Es ist ein Zusammenhang mit dem urgerm. *geutan („giessen“) ersichtlich.

*Gutaniz und *gautōz, als ablautende Varianten, wären demnach Nomina agentis zu diesem Verb, und würden so viel bedeuten wie „die aus Samen Ergossenen“ bzw. „Männer“.17 Der Zusammenhang zwischen den Namen Goten (Volk), Götland (Landschaft) und Gotland (Insel) müsse keineswegs unbedingt auf eine Auswanderung eines Volkes zurückzuführen sein, doch würde eine nahe Verwandtschaft zwischen dem Gotischen und dem Nordischen diese Theorie einer Urheimat in Skandinavien unterstützen.

Friedrich Maurer und Ernst Schwarz hielten den Ursprung der Goten in Skandinavien wegen vieler Parallelen zwischen der gotischen und den nordischen Sprachen für wahrscheinlich. Maurer zählte 5 Parallelen auf:

1. In den Gruppen germ. *1jj1 und *1ww1 entwickelte sich lediglich im Nordgermanischem und im Gotischen ein Verschlusslaut, eine so genannte Verschärfung: *1jj1 wurde in den nordischen Sprachen zu ggj (im Gotischen wurde es zu ddj), *1ww1 wurde zu ggw.
2. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Erhaltung des auslautenden s (got. als s, z; nord. als r).
3. Sowohl im Gotischen als auch im Nordischen treten zahlreiche Verba der 4. schwachen Klasse (welche auf -nan enden) auf.
4. Zwischen beiden Sprachen sind viele Übereinstimmungen im Wortschatz ersichtlich.
5. Weiters ist ihnen der Verlust der Verba tun, gehen und stehen gemein.

Laut Wagner wäre hiervon nur der erste Punkt als möglicher Beweis für eine nahe Verwandtschaft akzeptabel, da die Punkte 2E4 als Verlust bzw. Bewahrung von Altem nicht annehmbar wären.18

Während Maurer meinte, die Goten seien mit den Nordgermanen verwandt gewesen, behauptete Schwarz, das Gotonordische sei Teil des Altnordischen gewesen.19 So hätten die NordE mit den Ostgermanen, zu denen die Goten, Gepiden, Rugier, Wandalen, Burgunder, Skiren und Heruler zu zählen seien, einen „Sprachblock“ gebildet.

Hans Kuhn übte dabei scharfe Kritik mit der Begründung, den Übergang von *1jj1 und *1ww1 zu got. 1ddj1 und 1ggw1 bzw. zu 1ggj1 und 1ggw1 im Nordischen, als Verwandtschaftskriterium anzusehen, wäre falsch, da got. 1ddj1 etwas anderes sei als an. 1ggj1, und keines davon aufs andere zurückgehe. Übergänge dieser Art bei j und w würden in der Sprachgeschichte ohnehin oft auftreten.20

Norbert Wagner meinte dazu, dass beide Sprachsysteme ähnliche Muster, ohne Abhängigkeit zueinander, entwickelt haben könnten.21 Hans Kuhn verwies darauf, dass die Kenntnisse der ostgermanischen Dialekte zu lückenhaft seien, um solche Ansätze in den Raum zu stellen, sodass man die „Schwarzsche gotonordische Spracheinheitstheorie“ verwerfen müsse.22 Weiter müsse man laut Hans Kuhn und Eduard Neumann die These, dass sich das Gotische aus dem Nordischen entwickelt habe, auch deswegen verwerfen, weil unter diesen Umständen das Gotische und Nordische sich viel ähnlicher sein müssten, als sie es (nicht) sind;23 Ernst Schwarz habe sich ausserdem lediglich auf Wortgleichungen berufen.24

Eine weitere Frage, die sich stellt ist, ob die sprachlichen Neuerungen der gotischen Sprache südlich oder nördlich der Ostsee vonstatten gingen.25 Könnte man beweisen, dass die Sprachentwicklung des Gotischen nördlich der Ostsee einsetzte, wäre das ein Indiz für eine Urheimat der Goten in Skandinavien. Wagner führte weiters an, dass die Gemeinsamkeiten des Nordischen und Gotischen mittels „Berührungen“, durch die geographische Nähe, den Handel und den Verkehr entstanden seien.26

[...]


1 Vgl. Merrills, S. 100E111.

2 Vgl. Lawo, S. 76f.

3 Vgl. Wagner, S. 3E59.

4 Vgl. Fuhrmann, Sp. 1439.

5 Vgl. Scardigli P., S. 403.

6 Vgl. Ranke, S. 313ff.

7 Vgl. Manitius, S. 210E215.

8 Vgl. Engels, S. 563E568.

9 Vgl. Weissensteiner, S. 77E80.

10 Vgl. Wagner, S. 60E102.

11 Vgl. Ebd., S. 152.

12 Vgl. Ebd., S. 37.

13 Vgl. Ebd., S. 81ff.

14 Vgl. Springer, S. 504.

15 Vgl. Wagner, S. 103E120.

16 Vgl. Ebd., S. 132.

17 Vgl. Andersson, S. 402f.

18 Vgl. Wagner, S. 121.

19 Vgl. Ebd., S. 122f.

20 Vgl. Ebd., S. 124.

21 Vgl. Ebd., S. 125.

22 Vgl. Ebd., S. 126.

23 Vgl. Ebd., S. 128

24 Vg. Ebd., S. 129.

25 Vgl. Ebd., S. 134.

26 Vgl. Ebd., S. 136.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656663386
ISBN (Buch)
9783656663348
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273926
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Historisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Getica Jordanes Gotisch Goten Scandza Ostrogoten

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Getica und der Ursprung der Goten