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Das Stigma des Fremden. Identität, Kultur, Assimilation und Transnationalität. Eine Herausforderung für die Pädagogik

Bachelorarbeit 2014 80 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Fremde
1.1 Theorie des „Fremden“
1.2 Die Soziologie des Fremden
1.2.1 Georg Simmel über die Soziologie des Fremden
1.2.2 Alfred Schütz über die Soziologie des Fremden
1.2.3 Abschließende Betrachtung beider Theorien
1.3 Die soziale Wahrnehmung des Fremden
1.4 Vom Unbekannten zum Vorurteil

2. Kultur
2.1 Was hält eine Gesellschaft zusammen?
2.2 Wieviel Vielfalt und Multikulturalität verträgt eine Gesellschaft?
2.3 Kulturrelativismus und Universalismus
2.4 Von der Kultur zur Identität: Kulturelle Identität

3. Identität
3.1 Erikson: Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung
3.1.1 Identität versus Identitätsdiffusion
3.2 Die Identität des Fremden
3.2.1 Exkurs: Migration
3.3 Identität und Migration

4. Herausforderungen für die Pädagogik
4.1 Von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Pädagogik
4.2 Herausforderungen, Lösungsansätze und Aufgaben der Pädagogik
4.2.1 Vorurteile in der pädagogischen Arbeit
4.3 Antirassismus-Training: Der Workshop „Blue Eyed” von Jane Elliott

5. Abschlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis
Literatur
Internetquellen
Filme

Vorwort

Fremdheit oder das „Sich-fremd-fühlen“ sind keinesfalls ausschließlich Phänomene unserer modernen, pluralen und multikulturellen Gesellschaft. Durch Expansion, Handel, Krieg, Vertreibung und Eroberung war der oder das Fremde schon immer präsent und ist somit Teil der Menschengeschichte. Die Erscheinung des Fremden schlägt sich bis heute, auf unterschiedlichste Formen und mit differenzierten Schwerpunktsetzungen, auf viele Teilbereiche der Gesellschaft nieder. Weil Fremdheit ein globales Phänomen ist, das nicht nur den Fremden, der auch in der Fremde verkehrt, sondern auch und überwiegend jenen der in seinem gewohnten und vertrauten Lebensraum verharrt, unweigerlich betrifft, ist sie auch beispielsweise für Pädagogik, Politik, Psychologie und Soziologie von großem Interesse. Nicht zu Letzt durch die aktuell viel diskutierte Leitkulturdebatte, Armutszuwanderung aus der EU und Asylproblematik ist die Frage danach, was Fremdheit bedeutet, wie sie sich anfühlt, welche Emotionen sie auszulösen vermag und wie bzw. ob und wie weit diese überhaupt überwunden werden können. Alldem zufolge ist die Aktualität und Wichtigkeit des Themas durch die permanente, direkte oder indirekte Konfrontation mit dem Fremden immer wiederkehrend, neu begründet. Die Konfrontation mit dem Fremden, dem Unbekannten, führt gewiss auch nicht selten zu Konflikten. Aus diesem Grund sind auch Ressentiments gegenüber Unbekanntem, vermutlich so alt wie die Menschheit. Doch wie haben es Animosität, Ethnozentrismus, und eine stets von Skepsis und Pessimismus geprägte Haltung gegenüber all dem was einem Fremd erscheint, geschafft, sich als ein derart fester, wenn auch oftmals bloß latenter, Bestandteil der Gesellschaft zu manifestieren und bis heute Bestand zu haben. In Zeiten, lange nach der Aufklärung, Weltkriegen, Revolutionen, Pazifismus und vielen weiteren historischen Ereignissen, die gezeigt haben sollten, dass die Menschen sich näher stehen als sie von vornherein glaubten, sind die Termini Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile und die Stigmatisierung von Unbekanntem (/-n), häufig debattierte Themen und bilden Mauern im Zusammenleben der Menschen. Dem egoistischen menschlichen Bedürfnis nach Geltung und danach, die Realität alleine zu deuten, steht allerdings eine solche Realität gegenüber, die einer ständigen und unaufhaltbaren Veränderung unterliegt; die in Zeiten der Modernisierung, Globalisierung und grenzenloser Kommunikation, komplex, pluralistisch und unübersichtlich geworden ist und in so manch einem Gefühle von Angst und Überforderung auslöst. „Die Lebenswelten in unserem Land driften eher auseinander: die von Alten und Jungen; von Spitzenverdienern und denen, die vom Existenzminimum leben; von Menschen mit und ohne sicherem Arbeitsverhältnis; von Volk und Volksvertretern; von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensbekenntnisse“ (Wulff: 2010, o.S.). Die Welt wird größer, vernetzter und unbegreiflicher und je mehr sie das für den Einzelnen wird, umso mehr wird sie als fremd wahrgenommen.

In dieser Arbeit möchte ich mich zunächst damit auseinandersetzen, was für Sichtweisen es über das Fremde gibt und dabei nicht die Rolle des Fremdseins außer Acht lassen. Über die Soziologie des Fremden möchte ich dem Leser ein theoretisches Grundverständnis und einen Überblick über zwei bedeutende soziologische Theorien dieses Kontexts vermitteln. Anhand der sozialen Wahrnehmung des Fremden, komme ich zwangsläufig zu dem Themengebiet Stereotype. Hier gilt es zu klären, wie Vorurteile entstehen und warum sie in der Gesellschaft so stark etabliert sind, obwohl vermutlich jeder derselben Meinung ist, dass Vorurteile in der Regel nicht der Realität entsprechen und unser Bild verfälschen lassen. Da Stereotype weniger auf einzelne Menschen, sondern vielmehr auf ganze Volksgruppen projiziert werden, möchte ich mich im folgenden, dritten Kapitel, den Themen Kultur und Gesellschaft, widmen. Hier versuche ich die Fragen zu klären was eine Gesellschaft zusammenhält und ob und wieviel fremden Einfluss sie verträgt. Über die Kultur und kulturelle Identität wende ich mich schließlich im vierten Kapitel ganz dem Thema Identität zu. Zunächst gilt es zu erklären, wie Identität entsteht um alsbald aufzuzeigen, in wie weit sich die Genese der Identitätsbildung „statischer“ von der, wandernder Menschen unterscheidet. Inwieweit wirken sich Fremdheitserfahrungen auf die individuelle Identitätsbildung aus? Dieser Blick führt zu einem Exkurs über die Migration. Es ist wichtig zu beachten, dass ich in dieser Ausarbeitung zwar aufzeigen möchte, welche verschiedenen Migrantentypen es gibt, in meiner Analyse und den Schlussfolgerungen, mich allerdings nicht auf einen speziellen Typus beziehen möchte, sondern vielmehr den Menschen an sich in seiner problembehafteten Lebenswelt im Vordergrund stehen lassen und die auftretenden Phänomene als solche betrachten möchte. Die Integration dieser Menschen soll schließlich im sechsten Kapitel behandelt werden. Hier soll die Genese verschiedener pädagogischer Konzepte aufgezeigt werden, die sich in den vergangenen 50 Jahren in Deutschland etabliert haben, um schließlich deutlich zu machen, welche Herausforderungen für die Pädagogik bestehen und welche Anforderung an einen Pädagogen gestellt werde. Ein weiterer Exkurs soll daraufhin nochmals das Thema Vorurteile beleuchten, aber diesmal aus Sicht des professionell handelnden Pädagogen. Jeder Mensch ist von eigenen Vorurteilen betroffen, gerade in der pädagogischen Arbeit ist es unumgänglich, sich dieser Tatsache bewusst zu werden, um stets verantwortungsvolle und professionelle Arbeit zu leisten. Das Kapitel endet schließlich mit der Vorstellung eines Antirassimus-Trainings einer Amerikanischen Lehrerin. Der berührende, aber auch aufreibende und schockierende Workshop, soll schließlich zu einer Abschlussbetrachtung und dem Ende dieser Arbeit führen.

1. Fremde

Fremdheit ist wie Liebe, Hass, Zorn und Freude seit je her eine menschliche Grunderfahrung. Das Wort „fremd“ wird in der deutschen Alltags- und Gegenwartssprache je nach Kontext in einer Vielzahl von verschiedenen Bedeutungen benutzt und kann im Deutschen von allen drei Genera substantiviert werden: Der, die oder das Fremde. Für den Einstieg, macht es Sinn, sich die Semantik der verschiedenen Fremdheitsformen vor Augen zu führen. Die Fremde kann als Abstraktum verstanden werden. Als solches wird ihr primär eine räumliche Bedeutung zugeschrieben; gemeint ist bspw. eine andere (fremde) Region als Pendant zur Heimat. Das Fremde, verstanden als ein begriffliches Derivat der zugrundeliegenden Eigenschaft, ist als Kategorie nicht auf bestimmte Objekte oder Akteure gerichtet, sondern auf die Relation, in der sie sich befinden. Fremdheit ist weder eine geographisch noch ethnisch zu fixierende Eigenschaft, sondern eine Beziehungsform und als solche stets, impliziert oder explizit, Verhandlungssache (vgl. Honold: 2006, S.30). Der Fremde als unbekannte, unvertraute Person. Der Duden gibt an: Fremd kann unter anderem bedeuten: einem anderen Land, Volk, Ort, einer anderen Gegend, Stadt, Familie angehörend; einem anderen gehörend, einen anderen angehend, betreffend; unbekannt, unvertraut, ungewohnt; andersgeartet, neu, ungeläufig, fremdartig, seltsam (Duden.de: “Fremd“).

Die „Fremde“ ist keine Eigenschaft, die ein Objekt für ein betrachtendes Subjekt hat, sondern sie ist ein Verhältnis, in dem ein Subjekt zu dem Gegenstand seiner Erfahrungen und Erkenntnis steht (vgl. Krusche: 1983, S.27). Jahre später formulierte es Hahn wie folgt: „Fremdheit ist keine Eigenschaft, auch kein objektives Verhältnis zweier Personen oder Gruppen, sondern die Definition einer Beziehung” (Hahn: 1994, S.140). „Fremdheit gibt es nicht unabhängig von der sprachlichen Bezugnahme auf Fremdheit“ (Münkler: 1997, S.14). Insofern ist Fremd als ein relationaler Begriff zu verstehen (ebd.). Die Bezeichnung „fremd“, „fremde“ oder „Fremdheit“ stellt also eine Relation her zu dem, was als jeweils Eigenes betrachtet wird, und dem, was als diesem nicht zugehörig beurteilt wird. Bei dieser Beurteilung gibt es nun zwei Feinheiten zu beachten, die folgenreich sein können. Fremde und Fremdes gilt als unhinterfragt, jedoch gibt es eine scharfe Trennlinie zwischen einzelnen Individuen, die als fremd bezeichnet werden (bspw.: „der Gemüsehändler ist merkwürdig, ich finde einfach keinen Zugang zu ihm, er ist mir ganz fremd“) und Personengruppen, die Fremde genannt werden (bspw. „die Chinesen haben alle Schlitzaugen“). Es lässt sich erahnen worauf ich hinaus möchte: Der einzelne Fremde, (wie bspw. der Gemüsehändler) kann irgendein, der Person unbekannter bzw. unzugänglicher Mensch sein. Wird von den Fremden als Einheit gesprochen, so werden damit Individuen, Personengruppen zugeordnet und diese schließlich klassifiziert. Es werden aus Ihnen Kollektive konstruiert (vgl. Geenen: 2002, S.54f). „Ein Chinese mietet sich in Berlin bei Frau Kulicke ein. „Der Chinese vertritt für Frau Kulicke China. […] „China und dieser Chinese – das ist ein und dasselbe“.“ (Tucholsky: 1942, S.334). Das Zitat und leider auch die menschheitsgeschichtliche Realität zeigen, dass diese Herstellung einer Beziehung in der Praxis leider nicht immer positiv ausfällt. Zuschreibung von Fremdheit kann vor allem eines, nämlich Abgrenzung und Isolation zur Folge haben. Im späteren Verlauf gilt, unter dem Kontext der sozialen Wahrnehmung, zu klären, ob und unter welchen Voraussetzungen Menschen dazu neigen, Zuordnungen von anderen Menschen als Angehörige von Kollektiven und wann Zuordnungen anderer Menschen als einzelne Fremde, anzustellen. Die Zuordnung von Individuen zu einem Kollektiv kann die Herausbildung von Vorurteilen schnell begünstigen. Der Mensch neigt dazu Vorurteile gegenüber Unbekanntem, als einen Ersatz für Erfahrungen zu benutzen (vgl. Tenzer: 2010, S.79). Unbekanntes bleibt so Unhinterfragtes.

1.1 Theorie des „Fremden“

Während dem Begriff „Heimat“, Werte und Gefühlsstimmungen der Geborgenheit, Zufriedenheit, der inneren Geschlossenheit, der Selbstbewahrung des Ichs durch Einheit mit sich selbst zugeschrieben werden, denkt man bei dem Begriff „Fremde“ (oder Ferne) zunächst an Attribute wie Ungeborgenheit, das Gefühl von Isolierung, Einsamkeit oder den Selbstverlust durch Zerfallensein mit sich (vgl. Rindauer: 1956, S.193f). Nach einer definitorischen Annäherung an die Begrifflichkeit „Fremde“, soll nun erschlossen werden, wann und in welcher Form wir Fremdem begegnen können. Fremdes begegnet uns in der Realität auf drei Ebenen (Instanzen).

Fremd ist uns das Fremde. Die Makroebene – ich und die anderen: Eine fremde Kultur, fremde Ordnungen, Werte, Länder, Lebensformen, eine fremde Welt.

Fremd können wir uns selber sein. Ich bin so frei, diese Ebene als Nanoebene zu bezeichnen – ich und meiner Selbst: fremde Aspekte, Launen und Stimmungen unserer Selbst, die uns unsicher machen, wir nicht durchschauen und nicht begreifen können. Und schließlich die letzte Instanz, – in der das Problem des Fremden seinen zugespitzten Ausdruck findet:

Fremd sind uns der oder die Fremde: Andere Menschen, einzelne oder (Klein-) Gruppen, welche ich der Mikroeben zuschreibe – Ich und der Andere.

„Das Fremde, das sind die Welt, der andere Mensch, ich selber“ (ebd. S.30).

Die Fremde Welt – das Fremde: Fremde Kulturen, Ordnungen, Werte, Lebensformen, wie sie uns bspw. bei dem Besuch eines anderen Landes, aber auch einer anderen Gegend und auch in unserem Umfeld begegnen. Der Terminus einer fremden Welt schließt alles ein, für was die natürliche aber auch die soziale (Um-) Welt steht: Kulturelle Gegebenheiten und die gesellschaftliche Ordnung, die in das Individuum zunächst „einverleibt“ werden muss (Sozialisation); die Natur, welche sich der Mensch zu Eigen macht, sie bearbeitet. In dieser Welt trifft das Individuum auf ein oder mehrere Gegenüber (im Sinne von Gesellschaft, Kollektive, Gruppen,…) auf welches es sich handelnd und erkennend beziehen kann, in welches es sich entäußert und aus dem es zu sich zurückkehrt – sofern es sich darin wiederfindet, das Andere zum Eigen machen kann. Die Welt ist dasjenige, worin das Subjekt heimisch oder fremd sein kann (vgl. ebd.).

Wir – das Fremde unserer selbst :

„Das Fremde ist in uns selbst. Und wenn wir den Fremden fliehen oder bekämpfen, kämpfen wir gegen uns, kämpfen wir gegen unser unbewusstes – dieses ,uneigene‘ unseres nicht möglichen ,eigenen‘“ (Kristeva: 2001, S.197). Was einem zunächst unscharf erscheint, gewinnt durch nähere Beobachtung an Homogenität. Individuelle Entwicklung und die Entwicklung einer Identität hat stets auch etwas mit der Überwindung bzw. Übereinkunft mit dem Fremden in einem selbst zu tun. Im Selbstfindungsprozess ist der Mensch immer wieder aufs Neue provoziert, Konflikte mit sich selbst auszutragen – auf Nanoebene. In diesem Kontext gibt es zweierlei Arten von, auf das Individuum bezogener Fremdheit – Selbstfremdheit: Das Eigene, aber noch nicht zu eigen gemachte und das „Entfremdet-sein“ eines Ursprünglichen Eigenen (vgl. ebd. S.38). Die kontinuierliche Entwicklung einer eigenen Identität – auf die später noch genauer Bezug genommen werden soll – ist der bekannteste, weil wohl größte Entwicklungskonflikt, den ein Mensch in seinem Leben durchläuft. Für das bessere Verständnis sei so viel dem Thema „Identität“ vorweggenommen, dass Identitätsentwicklung in der Wissenschaft nicht als starrer, immer (bei jedem) gleich ablaufender, diskontinuierlicher und abschließbarer Prozess gesehen wird, sondern dass sich Identität vielmehr im Diskurs von (fremden) Erfahrungen, zu denen sich das Individuum mal akzeptierend, mal ablehnend verhält, niederschlägt. Identität entsteht also durch Vielfalt und Interaktionen mit Menschen, Situationen und Dingen mit denen wir uns – wenn vielleicht auch nur zeitweilig – identifizieren können oder auch nicht, um Eigenes zu stabilisieren. Folgendes Zitat umschreibt diesen Prozess sehr treffend: „Sehen heißt abseits stehen. Klar sehen heißt stillstehen. Analysieren heißt fremd sein“ (Pessoa: 2008, S.94). Identität entsteht demnach im Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung. In seiner Unabgeschlossenheit ist der Mensch stets auf ausschließende Möglichkeiten, verwiesen und erfährt hierin, „dass sich das Selbst im darstellenden Zugriff verfehlt und dass es die Fremdheit seiner selbst in immer neuen Antworten aufnimmt, ohne ein letztes Bild zu erhalten“ (Meyer-Drawe: 2000, S.145). Um das Fremde in einem selbst über das Beispiel der individuellen Identitätsentwicklung hinaus zu beleuchten, macht es Sinn, sich zu verdeutlichen wann bzw. in welcher Form Selbstentfremdung auftritt. Wir stoßen in uns auf bisher Undurchschautes, Widerständiges, das die bruchlose Identifikation mit uns selbst verhindert, wenn wir: Das Fremdwerden eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten fremd werden, innerer Freiheit verlieren, in der Undurchdringlichkeit eigener Geschichte wie der Unfasslichkeit des eigenen Seins und Wollens (vgl. Angehrn: 1994, S.39). Auf dieser zweiten Ebene wird deutlich, wie nah und sich gegenseitig beeinflussend die drei Ebenen in Zusammenhang stehen und vielfach interagieren. Es ist möglicherweise genau das, was uns an uns selbst unheimlich oder fremd ist, was wir am anderen als unheimlich erachten. Umgekehrt scheint ein angemessenes Verhältnis zum äußeren Fremden ein richtiges Verhältnis zu mir selber vorauszusetzen. Dies wird deutlicher, betrachtet man die Mikroebene auf der wir durch Affekte und Verhaltensweisen mit fremden Individuen interagieren. (vgl. Angehrn: 1994, S.39).

Der andere Mensch – der Fremde:

Der Fremde einzelne und die fremde Gruppe sind die nächstliegenden und aufdringlichsten Erfahrungen von Fremdheit; hier werden Affekte und Verhaltensweisen wie Angst, Ausgrenzungen, Kampf, aber auch Achtung und Anerkennung am unmittelbarsten erfahren. (vgl. ebd.) Angehrn nimmt eine interessante Unterscheidung der Semantik dieser Ebene vor. Unterschieden wird hier der/die Fremde zwischen:

a) dem formalen und prinzipiell „Gegebenseins“ eines anderen Subjekts und der Erkenntnis, dass meine Welt nicht nur die meine ist, sondern neben mir andere existieren, die – wie auch ich – eigene Bezugsnetze unterhalten, eigene Perspektiven haben und mich im Umkehrschluss auch als Fremd wahrnehmen (vgl. ebd. S.32).
b) dem Merkmal der auswärtigen Herkunft eines Subjekts. Bezugnehmend auf den Soziologen Georg Simmel, der sich eingehend, mit dem Thema Fremde und Fremdsein beschäftigt hat, schreibt Angehrn, dass unter diesem Typus der Nicht-Einheimische, potentiell Wandernde, der zwar im Gegensatz zu einem Touristen hier ist und gegebenenfalls bleibt, aber dennoch nicht von hier ist und die „Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden zu haben scheint“ (Simmel: 1991, S.764, zitiert nach ebd. S.33f).
c) dem komplementärem Merkmal zum Nicht-Einheimischseins als die empirische Anders- bzw. Verschiedenartigkeit: Bspw. die Fremdheit der Lebensformen, der Hautfarbe, der Kultur, der Religion. Qualitativ ist der Fremde, also nicht nur meiner Gruppe nicht angehörig, sondern zudem Mitglied einer anderen Gruppe (vgl. ebd. S.34). Diese Darstellung, ist die für diese Ausarbeitung womöglich Interessanteste. Die Tatsache, dass neben meiner Gruppe (meiner Kultur, meiner Identität) noch andere Gruppen existieren, demonstriert in gewisser Weise die nicht zwingend notwendige Kontingenz meiner eigenen Gruppe und stellt somit eine Herausforderung für das Selbstverständnis meiner ganzen Gesellschaft dar.
d) dem „Repräsentanten der Ungebundenheit“ (ebd.): Fremdheit in dieser Form ist nicht nur Andersartigkeit gegenüber einer vorgegebenen Lebensweise, Fremdheit für die anderen, sondern gewissermaßen Fremdheit an sich selber: das Nicht-Zuhausesein, die Heimatlosigkeit (ebd.). Ein treffendes Beispiel hierfür sind Nomaden, die zwar hinsichtlich Ihrer Kultur oder Religion eine Zugehörigkeit haben, aber dennoch nicht an bzw. zu einem Ort ver- oder gebunden sind.

1.2 Die Soziologie des Fremden

Die Ausführungen zeigen, dass sich Fremdheit nicht nur beim Individuum oder in einzelnen Teilaspekten unserer Lebenswelt wiederfindet, sondern sich ihr Hauptvorkommen im Zusammenleben von Menschen ergibt. Fremdheit und dessen Folgen ist somit ein absolut gesellschaftliches Phänomen und fällt hinsichtlich dieser Tatsache unter die Disziplin der Soziologie.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fremden ist erstaunlicherweise noch vergleichsweise jung. Am Anfang stehen Arbeiten systematischer Migrationsforschung der Chicagoer Schule (Chicago School) seit dem frühen 20. Jahrhundert am Institut für Anthropologie und Soziologie der University of Chicago. Im Vordergrund stehen Themen wie Stadtsoziologie, Minderheiten- und Subkulturstudien. Die Stadtsoziologie beschäftigt sich mit sozialen und ethnischen Gruppen in der Stadt sowie Suburbanisierungsprozessen. Dabei geht es auch um die Interaktion der verschiedenen sozialen Gruppen im urbanen Raum. Diese Überlegungen führten letztendlich auch zum Status des Fremden und dem Kontakt zu diesem, denn: „Der Prototyp des Städters ist der Fremde“ (Siebel: 1997, S.31). „Stadt ist der Ort, wo Fremde zusammenleben“ (ebd.). „Stadt als Ort der Begegnung mit dem Fremden“(ebd. S.34). „Es war schon immer ein Kennzeichen der Stadt, die Koexistenz von Differentem zu ermöglichen, unterschiedliche soziale Gruppen, Dinge und Lebensstile an einem Ort verdichtet zusammenzuführen“ (Schroer: 2006, S.233). Die Begründer der Chicagoer Schule sind Albion Woodbury Small und Robert E. Park.

Die Überlegungen zumStatus des Fremden und zur Eingliederung der Immigranten in die Aufnahmegesellschaft führten zu klassischen Theorien der Migration – die Migrationssoziologie. Zu den klassischen Theoretikern der Migrationssoziologie sind eine Reihe an Namen wie Milton M. Gordon, Shmuel N. Eisenstadt, Alfred Schütz usw. zu nennen, die für aktuelle Migrationstheorien und Forschungsrichtungen grundlegend waren und unter anderem die Basis künftiger Forschungen zu Migration sind. An dieser Stelle möchte ich zwei der, in diesem Zusammenhang, bedeutendsten Soziologen und deren Elaborat hinsichtlich des Fremden darstellen und ihre Ausgangspunkte kurz skizzieren.

1.2.1 Georg Simmel über die Soziologie des Fremden

Georg Simmel, deutscher Philosoph und Soziologe, (* 1858 Berlin, † 1918 Straßburg) vertrat einen lebensphilosophischen Relativismus mit neukantianischen Zügen, den er besonders in der Soziologie, Geschichts- und Kulturphilosophie zur Geltung brachte und erst zuletzt („Lebensanschauung“ 1918) metaphysisch unterbaute. Er leistete wichtige Beiträge zur Kulturphilosophie, war Begründer der „formalen Soziologie“ und der Konfliktsoziologie. Simmels Forschungsinteresse war ausgesprochen breit gefächert. Neben einigen umfangreicheren Abhandlungen, bspw. über die „Philosophie des Geldes“ (1900) oder „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903), verfasste er eine Vielzahl von kleineren Untersuchungen (Exkursen) zu den unterschiedlichsten Themen. Schwerpunkte setzte Simmel dabei hauptsächlich, nicht nur auf großformatige Prozesse und Institutionen, sondern auch und gerade auf kleine Ereignisse und Gegenstände und galt so als mikrosoziologischer Diagnostiker der Moderne und des urbanen Lebens. Entsprechend nennt Simmel als Forschungsziel „die Aufdeckung der zarten Fäden, der minimalen Beziehungen zwischen Menschen, von deren kontinuierlicher Wiederholung all jene großen, objektiv gewordenen, eine eigentliche Geschichte bietenden Gebilde begründet und getragen werden“ (Simmel: 1908, S.16). In seinem 1908 erschienenen Werk „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ beschäftigt sich Simmel neben Themen, wie dem „ Streit “ (Konfliktsoziologie), „ Mobilität “ und „ Sesshaftigkeit “ in einem Exkurs auch mit der Rolle des Fremden. Der „ Exkurs über den Fremden “ wird zu einem grundlegenden Text der Migrationssoziologie. Hier versucht Simmel weniger eine Definition des Fremden aufzustellen, sondern vor allem der Fragen nachzugehen, welchen Einfluss Wanderungen auf die Formen der Vergesellschaftung ausüben und welche Struktur eine wandernde Gruppe, im Unterschied zu einer sesshaften Gruppe ausbildet.

Hinzu kommt Simmels Faszination am Fremden, insofern er "Gelöstheit" und"Fixiertheit"insichvereint:"Wenndas WandernalsdieGelöstheitvonjedemgegebenenRaumpunktderbegrifflicheGegensatzzuderFixiertheit an einem solchen ist, so stellt die soziologische Form des ,Fremden‘ doch gewissermaßen dieEinheit beiderBestimmungendar“ (Simmel: 1908, S.509). Simmel beschäftigt sich somit lediglich mit einem bestimmten Typus des Fremden – dem Wandernden. Man denke hierbei an die Generation der Gastarbeiter in Deutschland, ab den 1960er Jahren. „Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat“ (ebd.). Fremdheit ist für Simmel: „Die Einheit von Nähe und Entferntheit, die jegliches Verhältnis zwischen Menschen enthält, ist […] die Distanz innerhalb des Verhältnisses […], dass der Nahe fern ist, das Fremdsein aber, dass der Ferne nah ist“ (ebd.). Der Fremde ist uns also nah, insofern wir Gemeinsamkeiten nationaler oder sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen. Er ist uns fern, insofern diese Gemeinsamkeiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden (vgl. ebd.). Demnach bringt der Bezug zum Fremden all jenes zusammen, was eine soziale Beziehung ausmacht. Die reinste bzw. beste Verkörperung des Fremden sieht Simmel in der Rolle des Händlers, der für einen Zeitraum bleibt, aber die Freiheit hat, jederzeit gehen zu können. Diese Anschauung liegt wohl darin begründet, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts Fremdes weniger durch Migration oder ähnliches, sondern überwiegend mittels Händler in Kontakt zu den Einheimischen trat. Dies zeigt auch die Wirtschaftsgeschichte; Händler, deren formale Position durch ihre Mobilität gekennzeichnet sind, verkauften Produkte, die in den von ihnen bereisten Gebieten nicht existierten, in denen aber Bedarf an diesen Produkten bestand und verbanden somit das Nahe mit dem Fernen. Auf diese Weise verhalfen sie zu einer Entwicklung komplexer Wirtschaftsformen, schafften Arbeitsplätze und wurden unverzichtbar. Interessant ist, dass Simmel der Auffassung ist, das ein Fremder erst zum Fremden wird, sobald er ein Element der Gruppe ist, er sich allerdings potentiell jederzeit, durch sein Fortgehen, der immanenten Rolle des Fremden entziehen kann. Durch seine Integration in der Gruppe schließt der Fremde auch potentiell als das Fremde (Qualität)mit in der Gruppe ein, das er mitbringt. Simmel geht also davon aus, dass vorausgesetzt ist, dass der Fremde (Händler) in neuen Gruppen angenommen wird und nicht darauf angewiesen ist zu bleiben. Simmel begründet diese Aussage, indem er schreibt, dass die Gruppe auf Handel (also den Fremden) angewiesen ist. Infolgedessen spricht er dem Fremden die Dispositionen zu objektiv zu sein und – in dem er neue Qualitäten in die Gruppe bringt – er diese bereichert. Objektiv ist der Fremde nach Simmel, weil „er nicht von der Wurzel her für die singulären Bestandteile oder die einseitigen Tendenzen der Gruppe festgelegt ist, [sondern] allen diesen mit der besonderen Attitüde des ,Objektiven‘ gegenüber [steht], die nicht etwa einen bloßen Abstand und Unbeteiligtheit bedeutet, sondern ein besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit und Engagiertheit ist“ (ebd.). Während der Fremde anfangs als umherziehender Händler tätig war, brachte die wirtschaftliche Entwicklung die Möglichkeit mit, sich auch als Händler niederzulassen. Als Folge, sich in ein eigentlich schon geschlossenes Wirtschaftssystem einzugliedern, nennt Simmel die Veränderung von räumlicher zu sozialer Distanz (vgl. Simmel: 1992, S.766).

Abschließend lässt sich also sagen, dass Simmel dem Fremden eine privilegierte, vor allem aber allseitig positive, bereichernde Stellung zuschreibt, und dass an dessen Integration in der Gesellschaft kein Zweifel besteht. Hierbei darf natürlich nicht vergessen werden, dass Simmel in seiner Definition lediglich auf den Fremden im Sinne eines Händlers abzielt. Versucht man den vorangegangenen Entwurf auf unser heutiges Verständnis zu projizieren, so kann man Simmels Anschauung des Fremden wohl am ehesten der Anschauung, gegenüber der in den 60er Jahren angeworbenen Gastarbeiter vergleichen: Man hatte ein positives Bild vom Fremden, der in der Gesellschaft willkommen und akzeptiert ist. Vorausgesetzt ist hierbei, er bringt der Gesellschaft einen Nutzen und hat die Aussicht wieder zu gehen. Demzufolge werden an den Fremden keine Anforderungen gestellt, sich bspw. anpassen zu müssen, er wird vielmehr in seiner Fremdheit für einen bestimmten Zeitraum akzeptiert.

1.2.2 Alfred Schütz über die Soziologie des Fremden

Alfred Schütz (* 13. April 1899; † 20. Mai 1959) war ein aus Österreich stammender Jurist, Philosoph und Soziologe, der als Begründer der phänomenologischen Soziologie gilt und sich – ausgehend von Edmund Husserl, Henri Bergson und Max Weber – der Frage der Intersubjektivität widmete (vgl. enzyklo.de). In Wien geboren, musste er aufgrund seiner jüdischen Abstammung vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges ins Exil, zunächst nach Frankreich, dann nach New York flüchten. Schütz arbeitete hauptberuflich als Finanzjurist und beschäftigte sich mit der Soziologie überwiegend in seiner Freizeit. Zu Schütz‘ Forschungsinteresse gehörte es Grundstrukturen der alltäglichen Lebenswelten darzulegen und eine philosophische Grundlegung der Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie zu erarbeiten. Hierbei beschäftigte er sich u.a. mit dem Modell der „Verstehenden Soziologie“ von Max Weber. Demnach ist die Soziologie eine Wissenschaft, „welche soziales Handeln deutend versteh[t] und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln‘ soll dabei ein menschliches Verhalten […] heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ‚Soziales‘ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Weber: 1980, S.1). Hierauf aufbauend und unter Bezugnahme des Paradigma Husserls, die Welt so zu begreifen, wie sie ausgehend vom Handelnden erfahren wird und sich von der Anwendung konstruierter Konzeptualisierungen zu distanzieren, brachte Schütz Überlegungen hervor, die später in der Biografieforschung, der phänomenologischen Soziologie und der Interaktions- und Gesprächsanalyse fruchtbar angewandt worden sind. Die phänomenologische Soziologie kann als Pendant zum Behaviorismus verstanden werden. Als Handlungstheorie trug ihre Grundlage zur Entwicklung der Ethnomethodologie bei. Die phänomenologische Soziologie „geht davon aus, dass die soziale Wirklichkeit, [...], eine besondere Struktur besitzt. Diese Besonderheit sei darin zu sehen, dass die soziale Wirklichkeit aus einem besonderen Stoff, aus ,subjektivem Sinn‘ gesponnen ist, [...]" (Morel: 1993, S.67). Vom Symbolischen Interaktionismus unterscheidet sich die Handlungstheorie dadurch, dass sie stärker den Charakter geteilter Symbole als „Wissen“ und die biographische Komponente in der Konstitution der alltäglichen Lebenswelt betont. Als Begründer der phänomenologischen Soziologie widmete Schütz sich Themengebieten wie der Intersubjektivität, der Leiblichkeit und Sozialität, Sprache und menschliche Kommunikation, der Lebenswelt als Sozialwelt u.a.

Schütz beschäftigte sich etwa 30 Jahre nach Georg Simmel mit dem „Fremden“. Als Jude in der Zeit des Anbruchs des Nationalsozialismus in Europa und schließlich Migrant in Amerika, ist Schütz‘ Ausgangspunkt gewiss ein gänzlich anderer. Schütz´ Leben und sein Werk sind von seiner erzwungenen Emigration stark beeinflusst worden.In den 1972 postum erschienen Studien zur soziologischen Theorie setzt sich Schütz in zwei Aufsätzen mit dem Thema Fremdheit auseinander: „ Der Fremde “ und „ Der Heimkehre r“. Beide Aufsätze beruhen nicht nur auf allgemeinen Beobachtungen und Forschungen, sondern spiegeln Erfahrungen und subjektive Empfindungen wider, die Schütz selbst durch seine zweifache Emigration erlebt hat (vgl. Endreß: 2006, S.22). Anders als Simmel grenzt Schütz das Wesen des Fremden insofern ein, als dass er es als „Erwachsener unserer Zeit und Zivilisation“ beschreibt, „ der von der Gruppe, welcher er sich nähert, dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden möchte“ (Schütz: 1972, S.53). Hier wird die erste große Diskrepanz zu den vorangegangenen Arbeiten Simmels deutlich. Schütz unterstellt dem Fremden den Wunsch nach Akzeptanz und Integration. Nicht etwa in Gestalt eines Händlers, sondern als Person, welche ihre Herkunftsgruppe aufgegeben hat, nimmt Schütz den Fremden war. Dieser Auffassung kommt also am ehesten der, eines Migranten nahe. „Er ist in den Gewohnheiten seiner Herkunftskultur nicht mehr und in den Selbstverständlichkeiten der neuen Kultur noch nicht zu Hause“ (Stichweh: 2011, S.422). Anders als ein Händler ist die Absicht des Migranten, in der neuen Gruppe/Gesellschaft/Kultur (Schütz bezeichnet sie als „In-Group“) eingegliedert zu sein. Dies setzt die Anschauung voraus, dass Sie das nicht wie bei Simmel ohnehin für einen bestimmten Zeitraum ist. Schütz sieht in der Assimilation an die neue Kultur die Problemlösung und das Ende der Konfusion (vgl. ebd.), deshalb stehen Einpassungsprozesse, Diskontinuitäten und Übergangsprobleme im Vordergrund seiner Theorie. „Assimilation ist ein Prozess der Entgrenzung, […] wenn Mitglieder von zwei oder mehr Gesellschaften oder kleineren kulturellen Gruppen aufeinander treffen“ (Yinger: 1981: S.249). Die Folge dieser Entgrenzung ist „die Vermischung von zuvor unterscheidbaren sozio-kulturellen Gruppen zu einer Einzigen“ (ebd.). Diskontinuitäten und Übergangsprobleme entstehen im Verlauf der Assimilation zwangsläufig, da die In-group eine andere Sozialstruktur in Form von Alltagsmustern, sowie kollektiv geteiltem Wissen und gemeinsamen Relevanzsystemen, aufweist. Schütz stellt dabei eine sehr Interessante Feststellung auf: Ein Individuum der In-group ist stets darauf bedacht, seine Umwelt als ein beherrschbares Feld um sich herum entsprechend wahr zu nehmen und in Folge dessen nur an, für sich relevantem Wissen interessiert (vgl. Schütz: 1972, S.55). Dieses Wissen ist meist weder kohärent, noch konsistent, wird jedoch von den anderen Mitgliedern nicht als solchen wahrgenommen, sondern als gängig angesehen. Grund hierfür sei, „das gemeinschaftlich geteilte, in der Sozialisation erworbene Schemata, welche Grundlagen zum gegenseitigen Verstehen liefern“ (Detmers: 1998, S.12). Den Einzelnen entlastet dieses Alltagsbewusstsein, insofern alltägliche Situationen nicht immer wieder interpretiert und bewertet werden müssen und verhilft zu einer Art Routine, die soziale Welt dementsprechend auszulegen, dass eine Handlung unter minimalem Aufwand, das bestmögliche Ergebnis erzielt. Dieses Alltagswissen bietet Verhaltensregeln an, ohne dass es zuvor notwendig wäre, längere Überlegungen über ihre Angemessenheit anzustellen. „Das Rezeptwissen erfüllt also zwei Funktionen. Es dient als Vorschrift für Handlungen, also als Anweisungsschema. Gleichzeitig ist es als Auslegungsschema zu sehen, das es ermöglicht, die Handlungen der anderen zu deuten“ (ebd.). Schütz bezeichnet diese jeweiligen Kultur-, Verhaltens- und Zivilisationsmuster als „Denken-wie-üblich“ (Schütz: 2002, S.79). Schütz legt dem Fortbestehen des „Denken[s]-wie-üblich“ vier Voraussetzungen zu Grunde:

1. Das soziale Leben unterliegt keinem Veränderungsprozess. Dieselben Muster und Probleme müssen gegeben sein, damit immer gleiche Vorgehensweisen oder Lösungen greifen können. Bislang gemachte Erkenntnisse der Vergangenheit, müssen für die Bewältigung der Gegenwart und der Zukunft genügen.
2. Das Wissen anderer (Vorfahren, Regierung, Lehren, Traditionen und Gewohnheiten) muss verlässlich sein und bleiben, auch wenn der Ursprung nicht mehr herzuleiten ist.
3. Die Genügsamkeit, über den Stil oder Typus informiert zu sein, um ihn anwenden und überprüfen zu können.
4. Die Übereinkunft, dass die sozialen Handlungsmuster nicht persönlicher Obliegenheit entsprechen, sondern Auslegungs- und Anweisungsschema darstellen, die von allen Mitmenschen der In-group angenommen und verwendet werden (vgl. Schütz 1972, S.58ff).

Durch das Einbüßen seines erprobten und bewährten Rezeptwissens und den Zusammenbruch routinierter Alltagsorientierungen durch die Emigration, wird sich der von Schütz als „Neuankömmling“ bezeichnete so selbst seines fortwährenden „Fremdseins“ gewahr (vgl. ebd. S.59). Sein „Denken-wie-üblich“ bringt nicht mehr den gewohnten Erfolg und kann nicht mehr mit den ihn umgebenden sozialen Handlungsmustern in Passung gebracht werden. Der Fremde ist daher gezwungen, sich mit sämtlichen, ihm ungewohnten Handlungen und Situationen, die den in-group Mitgliedern, als unfraglich erscheint, auseinanderzusetzen. Die daraus resultierenden, mitunter unbeherrschbaren Situationen können, so Schütz, den Fremden in eine „Krisis“ führen. Im heutigen Kontext ist dieser Ausdruck wohl am ehesten dem „Kulturschock“ gleichzusetzen und vergleichbar mit dem Heimweh-ähnlichem Gefühl, das einem im Ausland zuweilen überkommt: „zu Hause läuft das alles besser“. Eine „Krisis“ kann je nach Konstitution des Individuums in ganz unterschiedlichen Formen auftreten: Heimweh, Angst, Misstrauen, Zurückgezogenheit, erhöhtes Schlaf- und Hygienebedürfnis, Essstörungen, Überreaktionen und auch der Entwicklung einer Feindseligkeit gegenüber der neuen In-group. Um diesen Folgen und der Desorientierung entgegenzuwirken, muss der Fremde sich nun allmählich mit den neuen Handlungsmustern und gesellschaftlichen Bedingungen – hierzu gehört sicherlich auch die Sprache – vertraut machen und diese quasi adoptieren, um das ihm Neue mit dem ihm Vertrauten zu verknüpfen. Dieser Pardigmenwechsel, der Prozess der Anpassung und Angleichung wird, wie bereits erwähnt, als Assimilation bezeichnet und ist nach Schütz, Ergebnis erfolgreicher Integration: „[…] der Fremde [ist] kein Fremder mehr, und seine besonderen Probleme wurden gelöst“(Schütz: 1972, S.69).

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Details

Seiten
80
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656656456
ISBN (Buch)
9783656656432
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273799
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
14
Schlagworte
stigma fremden identität kultur assimilation transnationalität eine herausforderung pädagogik

Autor

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Titel: Das Stigma des Fremden. Identität, Kultur, Assimilation und Transnationalität. Eine Herausforderung für die Pädagogik