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Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“. Eine Sachanalyse

Akademische Arbeit 2005 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sachanalyse
2.1. Inhaltsangabe
2.2. Formale Aspekte
2.3. Motivische, symbolische und intertextuelle Aspekte
Essen und Geschmack:
Bremers Gier nach Nachrichten:
Die Kreuzworträtsel
Das Stricken
Die Feldplane:
Das Reiterabzeichen:
2.4. Historischer Hintergrund

Literaturverzeichnis
Internetseiten

1. Einleitung

Lehrende, die mit „ihrer“ Klasse Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ im Deutschunterricht behandeln wollen, stehen sowohl in literaturwissenschaftlicher als auch in -didaktischer Hinsicht relativ allein. Obwohl das Buch bereits vor über 10 Jahren erschienen und neben Timms Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ sein erfolgreichstes ist und für den Literaturunterricht viele lohnende Ansatzpunkte und Aspekte zu bieten hat, gibt es verhältnismäßig wenige wissenschaftliche Publikationen zu diesem Werk. Der Lehrende ist also in besonderem Maße selbst gefordert.

In meiner Arbeit erkunde ich „Die Entdeckung der Currywurst“ aus literaturwissenschaftlicher Sicht, wobei ich auch einen kurzen Abriss des historischen Hintergrunds der Erzählung gebe. Diese Arbeit hat nicht den Anspruch, eine vollständige Interpretation des Buches zu leisten. Es kann sich, angesichts der gebotenen Kürze dieser Arbeit, lediglich um ausgewählte Gesichtspunkte und Reflexionen handeln.

2. Sachanalyse

2.1. Inhaltsangabe

Ein namenloser Mann besucht in einem Hamburger Altersheim eine alte Frau namens Lena Brücker, die er für die Erfinderin der Currywurst hält. Er kennt sie seit seiner Kindheit kennt und möchte von ihr erfahren, wie es zu dieser Erfindung gekommen ist. Im Laufe von sieben Nachmittagen erzählt sie ihm einige Episoden aus ihrem Leben, die sich hauptsächlich unmittelbar vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Hamburg ereigneten, wobei die Liebesgeschichte zwischen ihr und einem desertierten Marinesoldaten namens Hermann Bremer den größten Anteil ihrer Erzählung ausmacht. Die Ungeduld des Besuchers wächst stetig, hat er Frau Brücker doch mit einem sehr konkreten Anliegen aufgesucht. Erst an seinem letzten Tag in Hamburg erfährt er, wie Frau Brücker durch einen Zufall die Currywurst erfunden hat.

2.2. Formale Aspekte

Die Klassifizierung des Textes in die Gattung Epos kann als unumstritten angesehen werden. Schwieriger gestaltet sich die Einordnung des Textes in eine der Unterkategorien. Der Autor Uwe Timm macht zwar im Untertitel eine sehr konkrete Angabe, „Novelle“[1], doch ist diese Zuordnung wiederholt angezweifelt worden, so wie die Novellendefinition an sich ebenfalls erhebliche Schwierigkeiten bereitet.[2] Im Laufe der Jahrhunderte, insbesondere während des 19. Jahrhunderts, wurden viele Versuche unternommen, das Wesen der Novelle zu beschreiben, doch diese sind oft recht unterschiedlich ausgefallen und auch heute gilt die Diskussion über die Novelle und ihre Theorie noch keineswegs als abgeschlossen.[3] Zögen wir beispielsweise das Metzler-Literaturlexikon zu Rate und mäßen Timms Text an vermeintlichen Novellen-Kriterien, die keine allgemein anerkannten Kriterien sind, dann brächte uns dies sowohl in sachlicher als auch in didaktischer Hinsicht nicht wesentlich weiter. Hier erscheint mir Polheims Ansatz schlüssig, dass „ein fest bestimmter Novellenbegriff weder auf die historische Wirklichkeit zutraf, da sich die Novelle immerfort gewandelt hatte, noch auch einen Zugang zum einzelnen Kunstwerk vermittelte. Sollte man sich daher nicht entschließen, den Novellenbegriff aus einer engen Beschränkung auch theoretisch zu befreien, nachdem er praktisch seine Fesseln ohnehin gesprengt hatte? Der Novellenbegriff wäre dann nur als durchaus veränderlich und wandelbar aufzufassen. Neben ihm könnte frei der Begriff der Erzählung stehen, so dass man sich in Zukunft nicht mehr zu scheuen brauchte, von der deutschen Erzählung zu sprechen.“[4] Timms Zuordnung scheint mir allerdings in anderer Hinsicht interessant zu sein. Timm ist Germanist und sich der Diskussion um die Novellentheorie durchaus bewusst. In einem Werkstattgespräch mit Durzak berichtete er aus seiner Studienzeit „eigentlich konnte niemand so recht sagen, was denn eine ‚Novelle’ sei. Kurz soll sie sein, eine, wie Goethe gesagt hat, unerhörte Begebenheit, Motive soll sie haben, Dingsymbolik, einen Falken und was weiß ich. [...] Mich interessierte zunächst einmal das, was die Gattungsbezeichnung ursprünglich meinte, Novelle im Sinn von einer kleinen Neuigkeit. [...] Mit diesen Formen habe ich gespielt. [...] Na ja, und die Dingsymbolik gibt es auch [...] und auch den Falken, das Essen spielt in Novellen ja eine wichtige Rolle [...].“[5] Timm spielt demzufolge (teilweise in parodistischer Weise) mit dem umstrittenen Gattungsbegriff der Novelle. So äußerte Timm bei einer Lesung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach 1999, Frau Brücker wolle einen Roman erzählen, der Erzähler hingegen wolle nur eine Information und verknappe ihr überbordendes Erzählen.[6] Im Werkstattgespräch mit Durzak wird dieser Konflikt zwischen den beiden Erzählweisen der Hauptfiguren sogar noch deutlicher, wenn Timm meint, der Erzähler wolle „nur eine kleine Neuigkeit wissen“[7], Frau Brücker hingegen wolle „Tausendundeine Nacht“[8], wobei die Anspielung auf „Tausendundeine Nacht“ auch in intertextueller Hinsicht ertragreich sein könnte. Auf diesen Aspekt werde ich in Kapitel 2.3. näher eingehen. Aus den gegenläufigen Interessen der alten Frau Brücker und ihres Besuchers erwächst laut Schede eine gewisse Komik, die sich durch die gesamte Erzählung zieht. Frau Brücker setze sich letztlich mit ihren Erzählwünschen gegenüber ihrem Besucher durch. Ihr Zuhörer akzeptiere dies, indem er in seiner Wiedergabe ihrer Erzählungen, die Geschichte ihrer Liebe zu Bremer seinem eigentlichen Erkenntnisinteresse, der Entdeckung der Currywurst, voranstelle.[9] Er behält ihre Sicht auf das Erlebte, ihre Gewichtung und ihre Reihenfolge bei. Der Titel hingegen trägt dem Erkenntnisinteresse des Erzählers Rechnung und wirkt nicht zuletzt deswegen irreführend auf den Leser. Der Erzähler bleibt nach Hagestedts Argumentation Initiator und ranghöchster Sprecher, denn er sucht Frau Brücker auf, verleitet sie zu ihrem produktiven Sprechakt und reorganisiert diesen nachträglich, indem er eine „Novelle“ über das Gespräch verfasst und sich die Geschichte mit Formulierungen wie „Ich lasse die Geschichte am 29. April 1945, an einem Sonntag beginnen.“ aneignet.[10] Auch Goethes Definition einer Novelle wird von Timm ironisiert und zwar in dem Sinne, dass Frau Brückers Geschichte vor dem Gespräch mit dem Besucher noch nie gehört worden ist.[11]

In „Die Entdeckung der Currywurst“ gibt es zwei Ich-Erzähler: den namenlosen Besucher und Frau Brücker, wobei Frau Brückers Äußerungen letzten Endes immer nur Zitate des Besuchers sein können, bei denen es allerdings scheint, als überließe der Besucher ihr direkt das Wort, da er sie in ihrem Originalton, mit Dialekt und ihrer charakteristischen Ausdrucksweise ohne Anführungszeichen wiedergibt und ihr sogar bei seiner Wiedergabe der Treffen die Richtung des „Gesprächs“ häufig überlässt.[12][13] Spätestens jetzt hätte er die Gelegenheit, das Gespräch in seinem Sinn zu lenken und zu straffen, doch er nutzt sie nicht, womit beim Leser die Fiktion verstärkt wird, er wohne dem Gespräch der Beiden bei und die Geschichte sei tatsächlich passiert.

Neben den beiden Ich-Erzählern gibt es, wie Schede meiner Ansicht nach richtig erkennt, noch einen auktorialen Erzähler, der möglicherweise auch als Funktion des namenlosen Ich-Erzählers angesehen werden kann. Diese auktoriale Erzählfunktion scheint der Ich-Erzähler nicht immer, sondern nur in einigen Situationen zu besitzen.[14] Wenn er diese Funktion besitzt, kann er u.a. das gesamte Geschehen überblicken, sich in das Innere einzelner Figuren hineinversetzen und ihre Gefühle und Gedanken darstellen. Ein Beispiel dafür wäre der Besuch des Blockwarts Herrn Lammers bei Frau Brücker:

„Sie zieht eine Zigarette aus der Schachtel, konzentriert sich darauf, dass ihre Hand nicht zittert, nimmt das Feuerzeug, schwer und glatt liegt es ihr in der Hand. [...] Natürlich merkte er, dass sie ihn aus der Reserve locken wollte, wie sie ihm Namen nannte, Normandie, Ruhrkessel, verlorene Schlachten, aber eben diese Haltung war es ja, die zu den verlorenen Schlachten führte, diese Haltung: Kamerad schieß du, ich hol Verpflegung, all diese kritischen, zweifelnden Reden. [...].“[15]

[...]


[1] Timm: Die Entdeckung der Currywurst. S. 3.

[2] Vgl. Schede: Interpretationshilfe. S. 82ff.

[3] Vgl. Metzler-Literatur-Lexikon. S. 329f.

[4] Polheim zit. n. Marquardt: Erzählung, Novelle und Kurzgeschichte im Unterricht. S. 582.

[5] Durzak: Werkstattgespräch mit Timm. S. 347f.

[6] Vgl. Schede: Interpretationshilfe. S. 85.

[7] Durzak: Werkstattgespräch mit Timm. S. 348.

[8] Durzak: Werkstattgespräch mit Timm. S. 348.

[9] Vgl. Schede: Interpretationshilfe. S. 1f.

[10] Vgl. Hagestedt: Von essenden Sängern und singenden Ochsen. S. 9f.

[11] Vgl. Durzak: Werkstattgespräch mit Timm. S. 348.

[12] Vgl. Hagestedt: Von essenden Sängern und singenden Ochsen. S. 10.

[13] Vgl.Schede: Interpretationshilfe. S. 38f.

[14] Vgl. Schede: Interpretationshilfe. S. 39.

[15] Vgl. Timm: Die Entdeckung der Currywurst. S. 62f.

Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656656111
ISBN (Buch)
9783656656104
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273776
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1
Schlagworte
timms entdeckung currywurst eine sachanalyse

Autor

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Titel: Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“. Eine Sachanalyse