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Der Gegensatz von Natur und Kultur in Flauberts "Madame Bovary" und Fontanes "Effi Briest"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 23 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugend und Elternhaus
2.1. Natur in Les Bertaux und Hohen-Cremmen
2.2. Kulturelle Erziehung der Protagonistinnen

3. Eheleben
3.1. Natur als Ausflucht
3.2. Bedeutung der Kunst/Kultur

4. Ehebruch und Liebhaber
4.1. Natur als von Normen befreiter Raum
4.2. Kultur als zu überwindende Einschränkung

5. Tod als Rückkehr in die Gesellschaft?

6. Schluss: Die Attribute Künstlichkeit und Natürlichkeit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sowohl Gustave Flauberts Madame Bovary als auch Theodor Fontanes Effi Briest gehören der Literatur des Realismus im 19. Jahrhundert an, wobei letzteres Werk, das knapp 40 Jahre später erschien als Flauberts Roman, auf den ersten Blick wie eine leicht abgewandelte Version des ersteren erscheint. Schon die Tatsache, dass beide Autoren von real existierenden Personen inspiriert wurden – Flaubert von „der mit einem Arzt verheirateten Bauerstochter Delphine Delamare“[1] und Fontane von der Adligen Freifrau von Ardenne[2] – stellt eine erste Gemeinsamkeit dar, die aber auch dadurch relativiert wird, dass es sich um zwei unterschiedliche Stoffgrundlagen handelt. Insgesamt lässt sich bei eingehender Betrachtung fest­stellen, dass Fontanes Effi Briest durchaus eigenständigen Charakter besitzt und deshalb keinesfalls nur als ein von Madame Bovary abhängiges oder mit diesem Roman zu vergleichendes Werk gesehen werden sollte. Die grundlegenden Ähn­lichkeiten resultieren hauptsächlich aus der gleichen Thematik der beiden Werke, die den Ehebruch junger Frauen behandelt, sowie der Epoche, für die ausführliche Beschreibungen der Räume, Personen und Umstände kennzeichnend sind. So beginnen auch beide Werke mit solch bildlichen Darstellungen, die dem Leser eine genaue Vorstellung des Beschriebenen vermitteln, wobei zu Anfang von Madame Bovary Charles Bovary an seinem ersten Tag in der Schule vorgestellt wird[3], Effi Briest jedoch mit der Schilderung des Elternhauses der Protagonistin in Hohen-Cremmen beginnt[4]. Dieser Unterschied mag zunächst belanglos erschei­nen, deutet jedoch schon auf eine weitere Differenz zwischen den Werken bezüg­lich der Bedeutung und den Rollen von Kultur und Natur hin, die in der vorliegen­den Arbeit genauer ausgearbeitet werden sollen. Das lässt sich in diesen beiden Werken gut beobachten, da dem Leser einerseits sowohl die Natur- als auch die Kulturräume mithilfe von detaillierten Ausführungen nahe gebracht werden. Des Weiteren werden die beiden weiblichen Hauptfiguren bereits sehr früh mit be­stimmten Attributen verknüpft, die sie mit jeweils einem der Räume stärker verbin­den als mit dem anderen. So wird etwa Effi schon im ersten Kapitel als „Tochter der Luft“[5] und daraus resultierend als „Naturkind“[6] bezeichnet. Emma hingegen hat sich in ihrer Jugend viel mit Literatur und damit Kultur beschäftigt[7]. Es gilt also aufzuzeigen, dass die Kultur für Flauberts Emma eine weitaus größere Wichtigkeit hat als für Fontanes Effi, die viel mehr der Natur zugetan ist, wobei aber auch die Kultur eine prägende Rolle für sie hat.

2. Jugend und Elternhaus

Beide Romane stellen ihre Protagonistinnen bei deren ersten Auftritten in den je­weiligen Elternhäusern vor. Emma, die zu dieser Zeit noch ihren Mädchennamen Rouault trägt, wird hierbei ganz klar mit den Augen Charles Bovarys gesehen, wie es der Roman insgesamt durch die Rahmenhandlung des Ehemannes vorgibt. So sieht er, als er das erste Mal nach Les Bertaux kommt, „[u]ne jeune femme [qui] vint sur le seuil de la maison pour recevoir M. Bovary“[8]. Später wird dem Leser von ihrer Zeit als 15-jähriges Mädchen im Kloster erzählt. Effi hingegen wird durch einen neutral gehaltenen Erzähler beschrieben, als sie mit ihrer Mutter im Garten des Herrenhauses in Hohen-Cremmen ist.[9] Nur anhand ihres Verhaltens lässt sich auf ihre Erziehung und deren Auswirkungen auf sie schließen, was in einem der folgenden Punkte genauer erläutert werden soll.

2.1. Natur in Hohen-Cremmen und Les Bertaux

Wie bereits eingangs erwähnt, beginnt Theodor Fontane seinen Roman mit einer für den Realismus typisch bildlich gehaltenen Beschreibung des Anwesens der von Briests in Hohen-Cremmen. Elsbeth Hamann spricht dabei treffend von einer „Skizze, [die] in Sprache umgesetzt“[10] wurde. Auffällig sind dabei die vielen Ver­weise auf die Natur, die etwa mit „helle[m] Sonnenschein“[11], „Rhabarberstauden“[12] und „kleinblättrigem Efeu“[13] beginnen. Ganz offensichtlich wird der Natur hier eine entscheidende Rolle zugewiesen. Der Garten der Familie von Briest, „an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde“[14], wirkt zunächst recht harmonisch und idyllisch. Dem Leser wird ein positives und heimeliges Gefühl in Bezug auf Effis Elternhaus vermittelt, das der einzigen Tochter alles bietet, was ihr junges Herz braucht, um zu einer Erwachsenen heran zu reifen und sie gleichzeitig glücklich macht. So erfährt die Natur an erster Stelle eine positive Konnotation, was gleichwohl im Einklang mit der Bezeichnung Effis als Naturkind steht.

Allerdings beschränkt sich der Erzähler in seinen Ausführungen bei weitem nicht auf die platte Verwendung des Wortfeldes 'Natur' als simples Mittel der Beschrei­bung. Deshalb lässt sich die „Funktion der Raumgestaltung […] kaum auf eine bloße Schilderung örtlicher Verhältnisse reduzieren“[15]. Stattdessen schwingt dabei immer eine starke Widersprüchlichkeit mit, die den Charakter der Ambivalenz und Vorausdeutung trägt. So wird das Briestsche Grundstück beispielsweise durch eine Kirchhofsmauer begrenzt[16], die der Natur in zweierlei Sinn gegenübersteht: zum einen als etwas vom Menschen Gemachtes und zum anderen als mögliche Verknüpfung zum Tod, während die Natur eher mit dem Lebendigen bzw. mit dem stets neu und wieder entstehenden Leben verbunden wird. Zugleich bedeutet Natur Freiheit und Uneingeschränktheit, wohingegen die „ungezügelte Lebens­freude, Jugendlichkeit und Ungebundenheit“[17] der „Tochter der Luft“[18] sofort da­durch begrenzt wird, dass ihr nur der Spielraum der Schaukel, an die sie auch im – so gefühlten – 'Fliegen' gebunden bleibt, zur Verfügung steht. Außerdem steht die Schaukel bereits schief[19], was darauf hindeutet, dass die Freiheit nur Schein ist.

Am deutlichsten wird das Bild der wilden, freien Natur gestört, indem der eigentli­che Außenraum hier als Innenraum beschrieben und eingegrenzt wird, sodass eine „Abgeschlossenheit gegen den Umraum“[20] entsteht. Des Weiteren ist das Grundstück von drei Seiten eingerahmt, wobei die letzte, offene Seite noch „durch einen Teich eingeschlossen wird“[21]. Diese Umstände schränken das kindliche Gemüt Effis nochmals in seiner Weltoffenheit und Ungebundenheit ein. Die Natur wird also ihrer ursprünglichen Attribute – allen voran Freiheit – entzogen und erscheint nur noch als gezähmte, vom Menschen angelegte Natur, die damit auf Ordnung und Einschränkung basiert. Zu bedenken gilt es hier jedoch, dass Effi davon keinerlei Notiz zu nehmen scheint oder gar enttäuscht oder verärgert wäre.

Ähnliches ergibt sich aus der Beschäftigung mit Madame Bovary. Schon der Untertitel Moers de Province deutet auf eine gewisse Nähe zur Natur hin. Emma verbringt als Bauerstochter eine beträchtliche Zeit ihrer Jugend auf dem Land. Zwar geht der Erzähler in Flauberts Roman viel weniger auf die genaue Beschrei­bung des Hofes von M. Rouault in Les Bertaux ein. Dennoch lassen sich auch anhand der eher geringen Ausführungen Rückschlüsse auf die Bedeutung der Natur ziehen. So entsteht auch in Madame Bovary während Charles' erstem Aufenthalt in Les Bertaux ein recht positives Bild des Ortes:

C'était une ferme de bonne apparence. On voyait dans les écuries, par le dessus des portes ouvert, de gros chevaux de labour qui mangeaient tranquille­ ment dans des râteliers neufs. […] La cour allait en montant, plantée d'arbres symétriquement espacés, et le bruit gai d'un troupeau d'oies retentissait près de la mare.[22]

Auch bei seinen weiteren Besuchen dort ergibt sich kein negativer Eindruck, wenn etwa Emma ihn hinaus begleitet und sie gemeinsam auf sein Pferd warten und „le grand air l'entourait, levant pêle-mêle les petits cheveux follets de sa nuque“[23]. Die Anmerkungen „la chaleur tiède“[24] und dass „la neige sur les couvertures des bâti­ments se fondait“[25] weisen auf den beginnenden Frühling hin, der zusätzlich mit der aufblühenden Liebe verknüpft ist.

Ganz im Gegensatz dazu steht die beschriebene Atmosphäre an einem anderen Tag, als die Sonne es nur schafft, „raies minces“[26] in die Küche zu werfen, die dabei auch noch an der Decke zittern.[27] Zudem entwerfen die ertrinkenden Fliegen und die bläuliche, kalte Asche[28] ein Bild von Vergänglichkeit, Tod und Kälte. Nach den zunächst heiteren Darstellungen eröffnet sich also auch in Madame Bovary eine Ambivalenz. Diese wird ergänzt durch das Wissen, dass die Natur auf dem Grundstück eines Bauernhofs keineswegs frei und natürlich belassen ist, sondern etwa in Beeten und Feldern angelegt, beinahe eingezwängt und an die menschlichen Bedürfnisse angepasst ist. Liest man die bereits zitierte Stelle der Seiten 21-22 nochmals durch, sticht nun auch das Wort 'symmétriquement' stark ins Auge, was ja eben die ganz unnatürliche Unfreiheit der Natur beschreibt.

Nicht umsonst wurde diese Doppeldeutigkeit der Natur eingebaut, mithilfe derer Rückschlüsse auf die Umstände, in denen sich die zwei weiblichen Hauptfiguren befinden, gezogen werden können. So zeigt sich schon zu Beginn von Emmas und Effis Lebensgeschichten, dass beide in einer nur scheinbaren, trügerischen Freiheit gefangen sind, die durch die Werte und Normen der Kultur und Gesell­schaft zu einer solchen geworden ist.

2.2. Kulturelle Erziehung der Protagonistinnen

Über Effis Erziehung wird im Verlauf des Romans kaum gesprochen. In bestimm­ten Situationen und anhand einiger Hinweise wird dem Leser klar, dass die Toch­ter der von Briests wohl nur eine unzureichende Bildung erhalten hat, da „deren Schwachstellen […] immer wieder durchscheinen“[29]. Das erkennt Effi auch selbst und spricht es noch kurz vor ihrem Tod in einer Unterhaltung mit der Mutter aus: „Du weißt, ich habe nicht viel gelesen.“[30] Wichtiger, um einen Gegensatz zur Natürlichkeit darzustellen, ist die Bedeutung der gesellschaftlichen Normen- und Wertevorstellungen, die Effi vermittelt wurden.

[...]


[1] Karen Bauer, Fontanes Frauenfiguren: Zur literarischen Gestaltung weiblicher Charaktere im 19. Jahrhundert (Frankfurt/Main: Peter Lang, 2002) 118-159, h. 126.

[2] Vgl. Bauer 128.

[3] Vgl. Gustave Flaubert, Madame Bovary (Paris: Michel Lévy Frères, 1857) 5ff.

[4] Vgl. Theodor Fontane, Effi Briest (Husum: Hamburger Lesehefte Verlag, 2010) 5.

[5] Fontane 6.

[6] Bauer 132.

[7] Vgl. Flaubert 51-54.

[8] Flaubert 22.

[9] Vgl. Fontane 5-6.

[10] Elsbeth Hamann, Theodor Fontanes „Effi Briest“ aus erzähltheoretischer Sicht (Bonn: Bouvier, 1984) 113.

[11] Fontane 5.

[12] Fontane 5.

[13] Fontane 5.

[14] Fontane 5.

[15] Hamann, Theodor Fontanes „Effi Briest“ aus erzähltheoretischer Sicht 98.

[16] Vgl. Fontane 5.

[17] Hanns-Peter Reisner und Rainer Siegle (Hrsg.), Lektürehilfen: Theodor Fontane – „Effi Briest (Stuttgart: Ernst Klett, 1993) 149.

[18] Fontane 6.

[19] Vgl. Fontane 5.

[20] Hamann, Theodor Fontanes „Effi Briest“ aus erzähltheoretischer Sicht 114.

[21] Hamann, Theodor Fontanes „Effi Briest“ aus erzähltheoretischer Sicht 114.

[22] Flaubert 21-22.

[23] Flaubert 26.

[24] Flaubert 27.

[25] Flaubert 26.

[26] Flaubert 32.

[27] Vgl. Flaubert 32.

[28] Vgl. Flaubert 32.

[29] Reisner und Siegle 50.

[30] Fontane 248.

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656660927
ISBN (Buch)
9783656660903
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273761
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,3
Schlagworte
gegensatz natur kultur flauberts madame bovary fontanes effi briest

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