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Die Verschriftlichung des haitianischen Kreols

Sprachideologische Aspekte der Orthographie-Debatte

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Haiti aus soziolinguistischer Perspektive
2.1 Demografische und soziopolitische Problemzustände
2.2 Zur Sprachplanung in Entwicklungsländern

III. Die Etablierung einer schriftlichen Norm
3.1 Konzeptuelle Parameter der sprachlichen Kodifizierung
3.1.1 Didaktische Aspekte
3.1.2 Anthropologische und sprachpolitische Aspekte
3.2 Systematisierende Verschriftungsansätze des haitianischen Kreols

IV. Ethnolinguistische Dimensionen der Orthographie-Debatte
4.1 Identitätskonstruktion im postkolonialen Kontext
4.2 Sprachideologische Ambivalenzen

V. Schlussbetrachtung

VI. Literaturverzeichnis

I.A Einleitung

Es mag nach unserem hochzivilisierten Kultur- und Gesellschaftsbegriff wohl schon paradox anmuten, dass eine als offiziell deklarierte Sprache innerhalb ihres eigenen Landes in so derart markanter Ausprägung unterrepräsentiert wird wie in Haiti. Tatsächlich speist sich dieser Eindruck aus einem der wesentlichen soziolinguistischen Phänomene des seit 1804 von seiner ehemaligen Kolonialmacht Frankreich unabhängigen karibischen Inselstaates: einem bis heute präsenten sprachideologischen Missverhältnis zwischen dem in elitären Kreisen gesprochenen Französisch und dem Kreyòl, welches von nahezu allen Einwohnern beherrscht, vor allem aber vom verarmten, ungebildeten Großteil der Bevölkerung gesprochen wird.1 Es erscheint evident, dass sich der sozial niedrige Status des Kreols gegenüber dem Franzö- sischen vor allem aufgrund ökonomischer und bildungspolitischer Probleme und der dispro- portionalen demografischen Strukturen in der haitianischen Gesellschaft seit der Unabhängig- keitserklärung kaum gewandelt hat. Und obschon zunehmend eine politische Programmatik vertreten wird, die die Förderung der Zweisprachigkeit fokussiert und die Kreyòl seit 1983 sogar als zweite Amtssprache Haitis festschreibt, konzentriert sich dessen kommunikative Praxis fortwährend auf den mündlichen Gebrauch − Französisch dagegen dominiert in der Korrespondenz, der Information und Administration.2 Ergo, so scheint es, offenbart sich hierin eine maßgebliche Divergenz von politischem Gedanken und gesellschaftlicher Realität.

Im Hinblick auf sprachplanerische Projekte, den Status des Kreyòl im kulturellen Wertesystem zu erhöhen, nimmt die Debatte um dessen systematische Kodifizierung eine Schlüsselrolle ein. Interessant erscheint hier insbesondere danach zu fragen, welche verschiedenen Kriterien und Prinzipien bei der Erstellung einer orthographischen Norm eine Rolle spielen und inwiefern diese mit den Einstellungen verschiedener Sprechergruppen in Interaktion treten. - Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, die unterschiedlichen Konstitutionsebenen der Verschriftungsdebatte zu ergründen und gleichfalls die damit verknüpften politisch-ideologischen wie auch ethnologischen Diskurse miteinzubeziehen. Ferner soll ein Verständnis dafür entwickelt werden, in welchem Maße derartige Normierungsprozesse immer auch von soziokulturellen Faktoren und nationalgeschichtlichen Implikationen begleitet und beeinflusst werden. Einer einführenden Problematisierung der sprachlichen Situation Haitis soll eine Skizzierung zentraler systematisierender Ansätze zur Verschriftung des haitianischen Kreols seit den 1940er-Jahren folgen. Hieran möchte ich eine Untersuchung der vorgestellten Orthographie-Konzepte anfügen, die deren ethnolinguistische Dimensionen sowie deren sprachpolitische Relevanz zu erfassen versucht.

II.A Haiti aus soziolinguistischer Perspektive

Um die gegenwärtige anthropologische Konstellation von Sprache und Politik in der haitianischen Gesellschaft genauer zu ergründen, kann ein Rückgriff auf kolonialgeschichtliche Gesichtspunkte und sozialstrukturelle Zusammenhänge nicht ausbleiben. Hierbei sollen gleichsam jene soziolinguistischen Merkmale angesprochen werden, die für die gegenwärtige sprachliche Situation Haitis konstitutiv sind und die ebenso mit den in jüngerer Zeit zunehmenden Bestrebungen und Strategien zum Ausbau des Kreyòl in Verbindung stehen.

A2.1A Demografische und soziopolitische Problemzustände

Wie bereits in der Einleitung dargestellt, charakterisiert sich die linguistische Situation Haitis (das mit ca. 5 Mio. Einwohnern die größte kreolophone Sprachgemeinschaft bildet) über ein deutlich unausgeglichenes Verhältnis zweier Sprechergruppen, die jeweils mit einer unterschiedlichen sprachlichen Varietät kommunizieren. In der einschlägigen Literatur wird dieses Phänomen oftmals als ÄDiglossie“ begriffen. Die 1959 von Ferguson geprägte Bezeichnung referiert hierbei auf die Ko-Existenz einer sog. Ähigh-“ und einer Älow-variety“, welche Ähinsichtlich ihrer Funktionen in komplementärer Distribution zueinander“ stehen.3

In Haiti gilt hiernach das Französische als die high-variety; als die ÄSprache der privilegierten Stadtbourgeoisie und der Macht“4, die in erster Instanz von den wenigen Weißen im Land und den ansässigen Mulatten gesprochen wird. Etwa 15% der Gesamtbevölkerung bilden diese elitäre Gruppe. Sie verfügt - zwecks der praktikablen Verständigung mit den monoglotten Kreolsprechern des Landes, die etwa 85% und damit die große Mehrheit der Bevölkerung darstellen - ebenso über fundierte Kenntnisse des Kreolischen, womit ihnen eine bilinguale Sprachkompetenz zugeschrieben werden kann.5 Nichtsdestotrotz prägt das Französische, das seit 1918 Amtssprache Haitis ist, mit seinem sehr hoch angesehenen Status den größten Teil der öffentlichen Kommunikations-, Informations- und Bildungskultur: ÄFür alle offiziellen Funktionen des Staates wird allein Französisch als Sprache anerkannt, da das Kreol mit dem niederen Bildungsniveau des überwiegenden Teils der Bevölkerung assoziiert ist und kein Prestige genießt“ und somit als die low-variety Haitis klassifiziert werden kann.6

Nicht verwunderlich erscheint es, dass aufgrund stark ausgeprägter Armut, wirtschaftlicher Schwäche und mangelnder Infrastruktur große Teile der kreolophonen Bevölkerung Analphabeten sind, was in erster Linie darin begründet liegt, dass Kreyòl aufgrund seines niedrigen Status‘ bis in die 1980er-Jahre keinerlei Verwendung im Schulwesen und anderen öffentlichen Institutionen fand. Die kreolophone Bevölkerung, so Coulmas, sei fortwährend und über Jahrzehnte in einer Sprache, nämlich dem Französischen, unterrichtet worden, die sie gar nicht beherrschte, was sowohl einer Verbesserung des allgemeinen Bildungsstandes als auch den sozialen Aufstiegschancen signifikativ entgegengewirkt habe. Er bemerkt hierzu: ÄAuf diese Weise perpetuiert sich die unüberbrückbare linguistische Kluft zwischen der Sprache der Herrschenden und der Sprache der Beherrschten […]“, die durchaus auch für die meisten anderen ehemaligen Kolonialgebiete gilt, in denen Kreol die low-variety darstellt.7

Die komplexen politischen und sozialen Beziehungen zwischen beiden Varietäten beruhen dabei typischerweise auf ideologischen Zuschreibungen, die kulturgeschichtlich begründet sind. So sind die Wurzeln der sprachlichen Heterogenität wie auch der sie konstituierenden Wertvorstellungen bereits in den Anfängen der Kolonialisierung Haitis zu suchen: Im Jahr 1697 übernahm Frankreich die Herrschaft über die knapp 200 Jahre zuvor unter spanischer Flagge gegründete Siedlung und nannte sie fürderhin Saint-Domingue.8 Künftig wurde der Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften zum Zuckerrohranbau mit dem Sklavenimport aus immer unterschiedlichen französischen Kolonien in Westafrika gedeckt. Es wurde versucht, auf diese Weise die Kommunikationsbedingungen innerhalb der Sklavengesellschaft strategisch zu reduzieren, um Aufständen vorzubeugen. Gleichsam sei die ethnische und sprachliche Heterogenität der Afrikaner laut Bollée einer der konstitutiven Faktoren zur Entstehung der Kreolsprache gewesen.9

Sozialpolitische Proklamationen Frankreichs im 18. Jahrhundert führten später zu einer Trennung der rassischen und sozialen Klassen. Die sprachliche Varietät der Sklavengesellschaft, welche aufgrund großer Menschenimporte immer schneller anwuchs, sah sich folglich einer dogmatischen Abwertung ausgeliefert und wurde mit stigmatisierenden Konnotationen aufgeladen, die Ädas soziale Elend, Rückständigkeit und [die] Andersartigkeit“ ihrer ursprünglichen Volksgruppe widerspiegelten. Tendenzen der ÄNegrophobie und ÄKreolophobie“ beförderten im Gegenzug eine ÄGlorifizierung des Französischen“:10 Ä[…] in Haiti it was colonial imposition that made the external norm, French, the main language of writing and public/formal discourse, and restricted the local variety, Haitian Creole, to oral use and private, informal domains.“11

Trotz der späteren Abschaffung der Sklaverei, der politischen Unabhängigkeit Haitis 1804 und der Einführung der Schulpflicht für alle Gesellschaftsschichten sind die sozialen Differenzen bis heute kaum überwunden worden. Unabhängigkeitsbewegungen in Martinique und Guadeloupe, die u.a. einen kreolischen Nationalismus beschworen und das Kreolische zum kulturellen Symbol einer antillischen Identität erhoben, fanden in Haiti so gut wie keinen Nährboden.12

In den 1970er-Jahren entstanden in Haiti nun zunehmend Tendenzen, Kreyòl neben dem Französischen zur zweiten Standardvarietät auszubauen und mit seiner Instrumentalisierung als ÄInstruktionsmedium“ in der öffentlichen Kommunikationspraxis wie auch im sprachideologischen Wertekanon zu implementieren. Einer der zentralen sprachplanerischen Reformansätze der haitianischen Regierung hierzu beinhaltet die Einbindung der Kreolsprache ins Schulsystem.13 1979 wurde Kreyòl offiziell per Gesetz als pädagogisches Hilfsmittel in Schulen eingeführt. Man folgte damit einem relativ neuen sprachpolitischen Ideologem, das in den letzten Jahrzehnten von zahlreichen verarmten Ländern weltweit mehr und mehr Zuspruch erfuhr; welches allerdings nicht, wie man zunächst vermuten könnte, der bloßen Absicht einer Verbesserung der Bildungsbedingungen nachkam. Der wahre Schwerpunkt war anders gesetzt, bemerkt Coulmas in seinen Ausführungen zur Sprachplanung in unterentwickelten Regionen. Diese sei nämlich Teil Ä…der in den Entwicklungsländern allfälligen Modernisierung [als auch] der Nationenbildung als Symbol nationaler Einheit.“14

A2.2A Zur Sprachplanung in Entwicklungsländern

Der Begriff, welcher Sprache und Politik in konzeptioneller Form miteinander verknüpft, ist der der Sprachplanung − im Sinne Ammons zu verstehen als die intendierte Steuerung einer Sprache sowohl betreffend ihrer strukturellen als auch funktionalen Eigenschaften, die zumeist im Kontext sprachpolitischer Bestrebungen agiert.

[...]


1 Vgl. Coulmas (1985: S. 162f)

2 Vgl. Gibson (2011: S. 19)

3 Bollée (2007: S. 23) - Es sei darauf hingewiesen, dass zum Begriff Diglossie teils kontroverse Positionie- rungen und Auslegungen existieren − insbesondere für seine Verwendung als linguistisches Beschrei- bungsmodell für Haiti. Die Argumentation schlägt dabei u.a. vor, Französisch und Kreol als zwei gänzlich distinkte Einzelsprachen anzusehen, und nicht als zwei unterschiedliche Varietäten derselben Sprachen; vgl. dazu Valdman (1988: S. 68f)

4 Coulmas (1989: S. 162)

5 Vgl. Bollée (2007: S. 23)

6 Coulmas (1985: S. 162)

7 a.a.O.

8 a.a.O.

9 Vgl. Bollée (2007: S. 24ff): Bernabé hat für diese soziologische Konstellation u.a. die Bezeichnung der Äsolidarité conflictuelle“ geprägt.

10 Vgl. Bollée (2007: S. 26)

11 Devonish (2008: S. 617)

12 Bollée (2007: S. 27)

13 Vgl. Gibson (2011: S. 15)

14 Vgl. Coulmas (1985: S. 78)

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656662686
ISBN (Buch)
9783656662679
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273728
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
verschriftlichung kreols kulturelle aspekte orthographie-debatte

Autor

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