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Eine kritische Betrachtung der Entwicklungspolitik in Afrika

von Jean Maurice Port (Autor) Michael Loch (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 27 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arten, Träger und Motive der Entwicklungszusammenarbeit
2.1 Definition Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik
2.2 Ziele & Motive der Entwicklungspolitik
2.3 Arten der Entwicklungshilfe
2.4 Arten der Zusammenarbeit
2.5 Träger der Entwicklungspolitik

3. Entwicklungspolitik in der Kritik
3.1 Vorwurf des Neokolonialismus
3.1.1 Rent Seeking und State Capture
3.1.2 Land Grabbing
3.2 Hilfsorganisationen als Selbstzweck
3.3 Almosenpraxis als Triebfeder verminderten Unternehmergeists
3.4 Stabilisierung labiler Systeme
3.5 Zerstörung lokaler Märkte
3.6 Westlicher Protektionismus

4. Lösungsansätze
4.1 Direktinvestitionen
4.2 Förderung von Mikrokrediten
4.3 Good Governance
4.4 Radikale Einstellung jeglicher Hilfe
4.5 Ergebnisorientierte Finanzierungskonzepte

5. FAZIT

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die seit dem Ende der Kolonialzeit gängige Praxis der Industrieländer, Entwicklungshilfe als eine Art Almosengabe zu leisten, hat sich nicht nur als unfähig erwiesen, den Empfängern zu mehr Eigendynamik und Wohlstand zu verhelfen, sondern teilweise gravierenden Schaden verursacht, der letzten Endes auf den Schultern der ärmsten Teilen der Bevölkerung lastet. Die Kritik an der praktischen Entwicklungspolitik der letzten Jahrzehnte ist vielfältig und hat sich im Ton zunehmend verschärft. Wo früher lediglich bemängelt wurde, dass Hilfsleistungen keine nachhaltige Entwicklung bewirken würden, steht heute für Experten außer Frage, dass sie in ihrer gegenwärtigen Form in eklatanter Weise gegen das Subsidiaritätsprinzip verstößt und vor Ort mitunter großen Schaden nach sich zieht. Das von der Bundesregierung selbst gesteckte Ziel, die Ausgaben für Entwicklungshilfe bis 2015 auf 0,7% des Bruttonationaleinkommens zu steigern, scheint unter Berücksichtigung der zusätzlichen Schäden, die hierdurch angerichtet werden würden, mehr Drohung als Verheißung zu sein: Entwicklungshilfe vermag korrupte Systeme künstlich am Leben zu halten, verhindert das Entstehen wirtschaftlicher Eigendynamik, indem sie unternehmerische Anstrengungen ad absurdum führt und zerstört lokale Märkte – um nur einige der negativen Auswirkungen zu nennen, die vonseiten der radikalen Kritikern der Entwicklungshilfe angeführt werden. Aus welchen Gründen die konventionelle Form der Entwicklungspolitik in der Fachwelt zunehmend als kontraproduktiv deklariert wird und welche Lösungsansätze geeignet sind, eine kohärente und effiziente Hilfe zur Selbsthilfe sicherzustellen, soll im Folgenden erörtert werden.

Hierfür wird zuerst erklärt, was unter Entwicklungshilfe zu verstehen ist, aus welchen Gründen und von welchen Akteuren sie geleistet wird und welche Formen der Zusammenarbeit unterschieden werden können. Anschließend werden die am häufigsten geäußerten Kritikpunkte an der konventionellen Art und Weise dargestellt, in welcher Entwicklungshilfe bislang größtenteils durchgeführt wird. Im letzten Kapitel der Arbeit werden verschiedene Lösungsansätze vorgestellt, die dem gegenwärtigen Forschungsstand nach als effektiv betrachtet werden, die Entwicklungshilfe nachhaltig im Sinne einer fairen Zusammenarbeit zu reformieren bzw. alternative Konzepte, die dem eigentlichen Ziel der Entwicklungshilfe zwar gerecht werden, sich von dieser jedoch in weiten Teilen unterscheiden.

2 Arten, Träger und Motive der Entwicklungszusammenarbeit

2.1 Definition Entwicklungshilfe und Entwicklungspolitik

Grundsätzlich werden die Begriffe „Entwicklungshilfe“, „Entwicklungszusammenarbeit“ und „Entwicklungspolitik“ synonym verwendet und sind nicht klar voneinander abzugrenzen. Dennoch kann festgestellt werden, dass der Begriff der Entwicklungshilfe aufgrund des paternalistischen Untertons durch jenen der Entwicklungszusammenarbeit ersetzt wird, während Entwicklungspolitik einerseits als Bezeichnung eines konkreten Politikbereichs und andererseits für praktisch alle Aspekte der Entwicklungsländerfragen genutzt wird (Ihne 2013, S. 8). Die vorliegende Arbeit verwendet die unterschiedlichen Begriffe aus diesem Grund weitestgehend synonym.

2.2 Ziele & Motive der Entwicklungspolitik

Millennium Development Goals

Eine konkrete Sammlung von acht globalen Entwicklungszielen bieten die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs), deren Erreichen bis zum Jahr 2015 sich die im Jahr 2000 bei einem Gipfeltreffen der Vereinten Nationen in New York 189 Nationen verschrieben haben. Diese Ziele lassen sich wie folgt zusammenfassen (Vereinten Nationen, 2000):

1. Die Halbierung der in extremer Armut – d.h. mit weniger als einem Dollar pro Tag lebenden – Menschen und jenen, die Hunger leiden, zu halbieren
2. Kindern weltweit eine probate Grundschulausbildung zu ermöglichen
3. Die Gleichstellung der Geschlechter vor allem hinsichtlich der Ausbildungschancen sicherzustellen
4. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter 5 Jahre um 75% zu senken
5. Eine Senkung der Müttersterblichkeit um zwei Drittel
6. Der Kampf gegen HIV, Aids, Malaria und andere „Drittweltkrankheiten“
7. Eine nachhaltige Umwelt- und Ressourcenpolitik zu verfolgen um u.a. die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, zu halbieren
8. Eine globale Entwicklungspartnerschaft auszubauen, innerhalb derer die Teilnahme am Welthandel allen Länder u.a. durch die Abschaffung künstlicher Handelsbarrieren ermöglicht werden soll

Obgleich hinter der Idee der MDGs[1] mit Sicherheit auch ethische Überlegungen stehen, hat der Altruismus der Geberstaaten natürliche Grenzen – entsprechend dienen die Hilfeleistungen privater wie auch staatlicher Institutionen regelmäßig auch unterschiedlichen Eigeninteressen, während Empfängerländer ihrer Forderung nach Unterstützung häufig durch den im Kolonialismus erlittenen Schaden legitimieren[2] (Lachmann 1999, S. 7) und beispielsweise Entwicklungskredite als Kompensation für Handelsbarrieren verstehen.

Außenpolitische Ziele

Die heutige Form der Entwicklungszusammenarbeit wurde in Form des Marshallplans nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits entwickelt, um das zerstörte Westeuropa wirtschaftlich zum Zwecke der eigenen Handelsbeziehungen zu rehabilitieren, andererseits jedoch aus außenpolitischen Erwägungen auch aufgrund ideologischer Gründe, befand sich der kapitalistische Westen doch mit den kommunistischen Staaten im Systemwettbewerb. Entwicklungshilfe war im Kalten Krieg folglich ein probates Mittel, Empfängerländer von der Überlegenheit der eigenen Ideologie zu überzeugen und aus Sicht der USA ein effizienter Weg, die Ausbreitung des Kommunismus zu unterbinden. Folglich erhielten auch Länder, die eklatant gegen die Menschenrechte verstießen, uneingeschränkte Entwicklungshilfe, solange ihre geopolitisch-strategische Lage vorteilhaft für die USA war. (Lachmann 1999, S. 10)

Weil Geberländern naturgemäß politische Gruppen unterstützen, die ihre jeweiligen Interessen vertreten, behindert Entwicklungshilfe als Mittel zur Sicherung von Vorherrschaft und Einfluss vielerorts demokratische Institutionen (Shikwati 2006, S. 8). Ebenfalls ist festzustellen, dass Geberländer sich häufig auf ihre ehemaligen Kolonien konzentrieren: „Die Allokation der Entwicklungshilfemittel orientiert sich bei vielen Gebern bis in die Gegenwart zu einem Gutteil an tradierten Einflussregionen“ (Klingebiel 2013, S.14). Insbesondere nach den Terroranschlägen des 11. Septembers dient Entwicklungszusammenarbeit gerade in Krisenregionen wie Afghanistan oftmals primär der Stabilisierung fragiler Länder und damit der Friedenssicherung. Weiterhin soll durch Entwicklungshilfe verhindert werden, dass Migrationsbewegungen entstehen und Wirtschaftsflüchtlinge aus Entwicklungsländern die Aufnahmekapazität der Geberländer überfordern[3] (Lachmann 1999, S. 10).

Ökonomische Interessen

In Zeiten sich zunehmend verknappender Rohstoffe und einer fortschreitenden Globalisierung haben Geberländer selbstverständlich ein starkes Interesse daran, sich eine Vormachtstellung in jenen Ländern zu sichern, die reich an Bodenschätzen sind oder Potential erkennen lassen, in absehbarer Zukunft neue Absatz- und Beschaffungsmärkte darzustellen. Zugängliche Beschaffungsmärkte werden besonders dort gefördert, wo für das Geberland wichtige Rohstoffe vorkommen, während die Erschließung neuer Absatzmärkte in Entwicklungsländern vor allem der Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen im Geberland dient (Lachmann 1999, S. 9). Der Aufbau von Handelsbeziehungen dient sowohl einzelwirtschaftlichen Interessen privater Unternehmen wie auch der Verfestigung volkswirtschaftlicher Partnerschaften (Klingebiel 2013, S. 15), während das wirtschaftliche Interesse der Nichtregierungsorganisationen im Wettbewerb um Fördergelder besteht (ebd., S. 16).

Moralische Beweggründe

Obgleich – wie zu Beginn des Kapitels erwähnt – rein altruistische Motive seitens der Geberländer im Normalfall zweitrangig für deren Engagement in Entwicklungsländern sein dürften, sind gewisse moralische und ethische Beweggründe nicht von der Hand zu weisen. Lachmann führt hierbei den utilitaristischen Ansatz an, nach dem reiche Länder eine moralische Verpflichtung haben, armen Ländern zu helfen: „Der Betrag, den ein Reicher abgibt, hat für ihn einen geringeren Grenznutzen als für den Armen, der ihn erhält.“. Weiterhin kann auch die Rawlssche Theorie als Legitimation für Entwicklungshilfe angeführt werden, nach dessen Philosophie sich wirtschaftliche Aktivitäten reicher Länder so lange auf die Erhöhung des Wohlstands armer Länder zu konzentrieren haben, bis der weltweite Lebensstandard ein gewisses Niveau erreicht hat (Lachmann 1999, S. 12 -13).

2.3 Arten der Entwicklungshilfe

Multilaterale und Bilaterale Entwicklungshilfe

Grundsätzlich unterscheidet die Literatur zwischen bilateraler und multilateraler Zusammenarbeit, während erstere nach wie vor häufiger geleistet wird. Unter bilateral versteht man hierbei Entwicklungshilfe, die von einem einzigen Staat in direkter Beziehung zum Empfänger geleistet wird, während multilaterale Hilfeleistungen von internationalen Institutionen wie z.B. der UN, regionalen Entwicklungsbanken oder OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) und EU vergeben werden, welche unabhängig von den Partikularinteressen einzelner Staaten bleiben, von denen sie finanzielle Unterstützung erfahren.

Geberländer bevorzugen grundsätzlich die bilaterale Hilfe, weil sich hier einfacher Eigeninteressen verfolgen lassen und im Zweifelsfall durch eine höhere Transparenz hinsichtlich der Zahlungsmittelverwendung auch die Möglichkeit der raschen Einstellung von Entwicklungshilfe zu Sanktionszwecken gegeben ist. Ein besonderer Vorteil für die Geberländer besteht in der Lieferbindung, wo durch eine Bindung der Hilfeleistungen an den Einkauf von Gütern und Beratungsleistungen die Belastung der Zahlungsbilanz vermindert und die Arbeitslosigkeit im eigenen Land gesenkt wird (Lachmann 1999, S. 63).

Dementsprechend kann die multilaterale Variante als weniger politisiert und daher vorteilhafter für das Empfängerland betrachtet werden (Klingebiel 2013, S. 24). Weiterhin orientiert sich die multilaterale Hilfe stärker an der Bedürftigkeit des Empfängerlandes und weniger an nationalen Interessen – ein entscheidender Nachteil sind jedoch die hohen Koordinationskosten und die damit einhergehende Schwerfälligkeit, die große Organisationen langsamer auf sich verändernde Umstände reagieren lässt (Lachmann 1999, S. 66).

[...]


[1] Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, wurde auf eine kritische Analyse der Ziele selbst verzichtet. Loewe kritisiert die MDGs unter anderem wegen ihrem „verengten Entwicklungsbegriff“, kurzfristiger Planung und der fehlenden qualitativen Aussage diverser Indikatoren (vgl. Loewe 2005, S. 34 ff.)

[2] An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die „okkupierten“ afrikanischen Länder nicht selten mehr Ressourcen gekostet haben als sie einbrachten und ihre heutige Infrastruktur ebenfalls der Kolonialzeit zu verdanken ist (Lachmann 1999, S. 14). Als der Kongo beispielsweise noch von Belgien kolonialisiert wurde, hatte er einen höheren Industrialisierungsgrad als Brasilien (Seitz 2012, S. 38). 1960 lag der Anteil Afrikas am Welthandel bei 9 Prozent, heute sind es nur noch 1,6 Prozent (ebd., S. 111).

[3] Inwiefern Entwicklungshilfe dazu geeignet ist, Migrationsbewegungen einzudämmen, ist umstritten. Einer Studie der OECD nach wird Migration durch Entwicklungshilfe oftmals erst ermöglicht, vgl. http://www.oecd.org/berlin/publikationen/policycoherencefordevelopment-migrationanddevelopingcountries.htm .

Details

Seiten
27
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656660163
ISBN (Buch)
9783656660156
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273692
Institution / Hochschule
Fachhochschule Trier - Umwelt-Campus, Standort Birkenfeld
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklungspolitik Entwicklungshilfe NGOs Afrika Millennium Development Goals Multilaterale und Bilaterale Entwicklungshilfe Projekt- und Programmhilfe Träger der Entwicklungspolitik Rent Seeking State Capture Land Grabbing Neokolonialismus Hilfsorganisationen Direktinvestitionen Mikrokredite Good Governance Grameen Bank Ergebnisorientierte Finanzierungskonzepte Dambisa Moyo James Shitwati

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