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Sozial-räumliche Folgen der Gentrifizierung

Am Beispiel München und Berlin

Hausarbeit 2013 23 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Segregation - Problemfeld der Stadtplanung

2 Gentrifizierung als soziologische Kategorie
2.1 Der Prozess und die Folgen der Gentrifizierung
2.1.1 Invasions- Sukzessions- Zyklus
2.1.2 Gentrifizierungs- Modell
2.1.3 GründederGentrifizierung
2.2 Alternative Gentrifizierungs- Ansätze
2.2.1 Theorie der Grundrentendifferenz („rent gap“)
2.2.2 Theorie der Wertdifferenz („value gap“)
2.3 Mögliche Folgen der Gentrifizierung
2.4 StadtpolitischeGegenmaßnahme: Erhaltungssatzung

3 Diskussion derempirischen Befunde
3.1 BeispielMünchen
3.2 BeispielBerlin

4 Zur Erklärungsreichweite dieses Konzepts

5 Segregationsprozesse als fortwährende Problematik der Stadtentwicklung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Bevölkerungsstruktur in der Maxvorstadt

Abb. 2 Luxusobjekte in der Maxvorstadt

Abb. 3 Graffiti für bezahlbare Mieten

1 Segregation - Problemfeld der Stadtplanung

Segregationsprozesse bestimmen die Stadtplanung unserer heutig en Zeit ganz wesentlich und spielen insofern eine große Rolle, alssieda s Erschei­nungsbild der Stadt sowohl nach innen als auch nach außen auf eine spezielle Art und Weise prägen. Das Ziel ist es, diese Segregation anhand städtischer und staatlicherMaßnah men zu vermeiden, jedochwardas nichtimmerso. Die Ausgrenzung bestimmter Gruppen wurde früher bewusst in Kauf genom­men. Deshalb ist es heute, in einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft, nur schwer möglich, eine weitere Verschärfung d er sozialen sowie räu mlichen Fragmentierung armer und einkommensschwacher Personen zu verhindern. Die Ausgrenzung benachteiligter Gruppen kann aufdieu nterschiedlichsten Arten vollzogen werden, eine davon ist die gra duelle Aufwertung innenstadt­naher Arbeiterwohngebiete. Dies wird im Fachjargon durch den Begriff der „Gentrifizierung“ zumAusdruckgeb racht. Der Prozess der Gentrifizierung ist mannigfaltig und verläuft nicht immer nach ein em bestimmten Sche ma. So haben sich im Laufe derZeit auch d ie unterschiedlichsten Definitionen für die Aufwertung etablieren können. Ruth Glass hat als erste den Begriff der „Gent­rifizierung“ (engl. gentrification)1964 in Bezug aufLondon eingeführt und ver­stand folgendes darunter:

„One byone, many ofthe working class quarters ofLondon have been invaded by the middle classes - upper andlower - shabby modest mews and cottages ... have been taken over when theirleases expired, and have becom e elegant, expensive reside nces. Larger Victorian houses, downgraded in an earlieror recent period - which were used as lodging houses or were otherwise in m ultiple occupation - ha ve been upgraded once again” (BLASIUS, 2008 S.857).

Ruth Glass bezog sich mit dem Begriff der „gentrification“ auf das engli­sche Wort „gentry“, wassovielbede utet wie „niederer Adel“ „[...] und bezeichnet damit ironisch die neuen Bewohnera m Ort“ (BORSDORF & BENDER, 2010, S.220).

Viele weitere Definitionen beziehen sich meist nur auf die bauliche Aufwertung bestimmter Stadtteile, einefürdie Stadtsoziologie durchaus wichtige von Hel­brecht stammt aus dem Jahre 1996.

„Unter Gentrification versteht man einen stadtteilbezogenen Aufwer­tungsprozess, der auf derVerdrängung untererEinkomme nsgruppen durch den Zuzug wohlhabenderer Schichten basiert und zu Qualitäts­verbesserungen im Gebäudebestand führt“ (HEINEBERG, 2006, S.18).

Im Folgenden soll nun auf die Gentrifizierung als soziologische Kategorie ein­gegangen werden.

2 Gentrifizierung als soziologische Kategorie

Der Prozess der Gentrifizierung ist eine besondere Form der Reurbanisierung, denn die ökonomisch potenten Bevölkerungsgr uppen wandern zurück in die Wohngebiete derInnenstädteund verdrängen die dortwohnendeBevölke- rung, die ihnen hinsicht lich des Einkommens weit unterlegen ist. Eine Folge und zugleich auch eine Voraussetzung sind, dass die Wohnungen und Häuser den Bedürfnissen der Zugezogenen angepasst werden können. In den meis­ten Fällen wird eine bauliche Aufwertung vorgen ommen, beispielsweise durch Sanierungen, Modernisierungen oder Neubauten. DerVerdrängungsp rozess kann idealtypisch als doppelter Invasions-Sukzessions- Zyklus dargestellt werden, der in seinem einmaligen Ablauf im folgenden Abschnitt gena uer be­trachtet wird.

2.1 Der Prozess und die Folgen der Gentrifizierung

Wie oben schon anged eutet, kann die Gentrifizierung viele Gesichter haben und stets in jedem Quartier anders von statten gehen, dies erklärt auch den Facettenreichtum der möglichen Folgen. Aufdiese Theme n wird in d en fol­genden Abschnitten eingegangen.

2.1.1 Invasions- Sukzessions- Zyklus

Der Invasions- Sukzessions- Zyklus ist eine Erklärungsmethode, die de n Be­völkerungsaustausch in einem bestimmten Gebiet einer Stadt in den einzel­nen Phasen betrachtet. Damit dieserAustausch ablaufenkann,müsse n be­stimmte Voraussetzungen gegeben sein, die allerdings auch nur ansatzweise erfüllt sein können.

Die ersteVoraussetzung wäre, dass die in ein em Quartier wohnende Bevöl­kerung einigermaßen homogen ist (bspw. in einem Arbeiterviertel) u nd ein Mindestmaß an Mobilität aufweisen kann.

Zudem muss man eine recht einheitliche Nachfragergruppe, wie bspw. junge Akademiker, vorfinden können, die eben gerne in diesem Viertel lebe n wür­den. Wenn nun also diese Nachfragergruppe der alteingesessenen Bevölke­rung finanziell überlegen ist - wie das im Falle der Gentrifizierung ist -, so ist es möglich, dasseszueinerVerdrängungderbisdato dortWohn enden kommt. Für die Immobilienbesitzer ist es lukrativer, die Wohnungen und Häu­ser an die finanziell stärkere Gruppe zu vermieten, dasie auf Grund hoher Nachfrage mehr Mieteinnahmen erzielen können als bei den Vormiete rn. Der Verdrängungsprozess läuft modellhaft wie folgt ab:

Der Invasions- Sukzessions-Zyklus lässt sich in verschied enen Phasen un­terteilen:

a) In der Vorphase dringen die Invasoren zunächst vereinzelt, aber stetig in ein Gebiet mit stabiler Bewohnerstruktur ein.
b) In der ersten Invasionsphase steigt dann die Anzahl der eindringenden Gruppe stark an, wobei es noch zu keinen Reaktionen der bisherigen Bewohner kommen muss.
c) In derfolgenden Phase kommt es zu Reaktion en, die sich im Wider­stand gegen die neue Bevölkerungsgruppe äußern oder in Abwande­rungen der Wohnbevölkerung. Im zweiten Fall kommt es also bereits zu einer ersten Sukzessionsphase.
d) Die dritte Invasionsphase folgt dann, wenn die Invasoren den höheren Anteil der Bevölkerung stellen und ihre eigene Infrastruktur ausbauen. Dies kann nur dann gelingen, we nn die ehe malige Bevölkerungs­gruppe die Widerstände aufgibt und weiter abwandert.
e) Man spricht in diesem Falle auch von einem „ tipping point“: Die ehe­maligen Bewohner bewerten die Invasion als unumkehrbar, worauf die zweite Sukzessionsphase erfolgt.
f) Bei derfünften Phase spricht man nichtmehr voneiner Invasions­phase, da derZuzug vo n weiteren Angehörigen derursprünglich ein­dringenden Bevölkerungsgruppe in ein Gebiet erfolgt, das schon von dieser anteilsmäßig dominiert wird.
g) In der dritten und letzten Sukzessionsphase ziehen weiterhin Residen­ten ab und es bleibt folglich nur ein sehr klein er Teil, in den meisten Fällen ältere Personen, in diesem Viertel.

Man kannerkennen, dassdieVerhältnisseähn lich sind,wievordere rsten Phase des Prozesses, nur mit dem Unterschied, dass die Bevölkerung einmal fast komplett ausgetauscht worden ist.

2.1.2 Gentrifizierungs-Modell

Ganz allgemein sind zwei Formen von Gentrifizierung unterscheiden. Für die­se Arbeit soll aber nur die zweite eine Rolle spielen:

- Zum einen kann die Aufwertung e ines Viertels von den Bewohnern selbst vorgenommen werden, hier spricht man von „incumbent upgra­ding“.
- Zum anderen kann die bauliche Aufwertung auch von außen erfolgen, meist durch Investoren, die Immobi lien erwerben und diese nach den Wünschen der neuen Erwerber a ufwendig sanieren. Findet also die Aufwertung nach diesem Prinzip statt, so spricht man vom Prozess der Gentrifizierung im eigentlichen Sinne.

Bei der Gentrifizierung handelt es sich, wie oben schon erwähnt, um einen doppelten Invasions-Sukzessions- Zyklus. Dabei sind Fakt oren, wie niedrige Miete, Sanierungsbedürftigkeit und minderwertige Wohnqualität im Bestand Bedingung. Durch die stetig zunehmende Menge an „Pionieren“, die die vor­handene QualitätundStrukturakzeptierenodersogarwünschen. Indem Stadtteil werden entsprechende Dienstleist er und Geschäfte angezogen, die den Bedürfnissen der neuen Anwohner versuchen gerecht zu werden.

Der so neu entstehende Flair dieses Viertels zieht auch mehr andere Woh­nungsnachfragergruppen an und wird somit höher bewertet. Durch die allmäh­lich steigenden Mieten,ziehensichdieehemaligenBewohnerimme r mehr aus ihrergewohnten Umgebung zurück.

Kennzeichen dernun beginnenden zweiten Invasionsphase ist, dass Baufir­men, die in dem als „ chic“ bewerteten Stadtviertel befind lichen Wohnungen luxuriös sanieren und somit eine neue Nachfragergruppe anziehen. Nich t sel­ten werden diese als „Gentrifier“, also Singles mit überdurchschnittlichen Ein­kommen oder sog. „Dinks“ (double income no kids) oder „Yuppies“, bezeich­net. Diese verfügen überweitaus mehr Kapital als die ursprünglich ansässige Bevölkerungsgruppe. Mit dem Zuzug der ersten Gentrifier kommt es zu einem weiteren Wandel inderInfrastruktu r, sowerden bspw.ehemals„hippe“Se- condhand-Läden, durch Antiquariate ersetzt. Die Verdrängung der beiden Gruppen setzt durch die ansteigenden Miet- und Bodenpreise ein, es ist unat­traktiv für d ie bisherigen Anwohner in diesem Stadtteil zu bleiben. Diese Gruppen werden durch neue Gentrifier ersetzt, zudem werde n vermehrt Miet­wohnungen in Eigentumswohnungen überführt. Diese Aufwertung erfolgt nicht einheitlich, sondern zunächst selektiv, meist auch nur in einzelnen Gebäuden. (vgl. FALK, 1994). Dieidealtypische Schlussfolgerung derGentrifizierung ist, dass die Bevölkerungletztlich zweimalausgetauschtwurd e undaus einem Gebiet ein Wohnviertel für die wohlhabende Bevölkerungsschicht entstanden ist. Man kann im Wesentlichen also zwei Entwicklungen erkennen:

1. Die Verdrängung einer statusniedrigen Bevölkerungsgruppe durch ei­ne ökonomisch potentere Gruppe.
2. Durch aufwendigeBau maßnahmen undModernisierungen kommtes zu einerAufwertung der Bausubstanz und der Lage des betroffenen Stadtviertels. Ebenso wird ein Verfallprozess von innenstadtnahe n Quartieren vermieden.

Im folgenden Abschnitt sollen die Gründe von Gentrifizierung näher beleuchtet werden.

2.1.3 Gründe der Gentrifizierung

Nach GAEBE gibt es verschiedene Ursachen für die Gentrifizierung:

1. Der Wunsch, in der Stadt und in älteren Gebäuden zu leben
2. innenstadtnahe Lage
3. vernachlässigte ältere, architektonisch interessante Bausubstanz (Deindustrialisierung)
4. Veränderung der Wohn- Tätigkeitsformen und der Lebensstile
5. günstige Entwicklungsperspektiven des Wohngebiets

Von diesen fünf Aspekten ausgehend findet man eine Erklärung dafür, wie es zu einem Bevölkerungsaustausch in einem bestimmten Viertel kommen kann. Ziehen zunächst einzelne Gentrifier in ein bestimmtes Gebiet, so werden die­sen aufGrund von strukturellen Veränderungen und zunehmenden Investitio­nen weitere folgen. Als Folge haben „Zuzüge und Investitionen [...] Signalwir­kung fürandereWohnungssuch ende undInvestoren “ (GAEBE2004, S.159/160).

Entscheidungen von bereits in ein Quartier eingezogene Gentrifier haben also verstärkende Auswirkungen auf d as Entscheidungsverhalten der ihn en Fol­genden und damit auch auf den Ablaufder Invasions- Sukzessions-Prozesse. Dabei kommen Immobilienfirmen, Makler, Banken etc. eine wichtige Rolle zu, da siemaßgeblich anderAufwertungvon Quartieren beteiligt sind. Sie be­schäftigen sich bspw. mit der Frage, welche Investitionen in welcher Höhe wo getätigt werden. So können erst diese Immobilien für statushöhere Schichten interessant werden. Vor diesem Hintergrund gibt es für den Prozess der Gent­rifizierung auch ökonomische Erklärungsansätze, welche im folgenden Kapitel kurz erläutert werden.

2.2 Alternative Gentrifizierungs- Ansätze

Hierbei lassen sich zwei Arten von theoretischen Zugängen unterscheiden:

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656659860
ISBN (Buch)
9783656659853
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273658
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
sozial-räumliche folgen gentrifizierung beispiel münchen berlin

Autor

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Titel: Sozial-räumliche Folgen der Gentrifizierung