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Upgrading innerhalb der globalen Wertschöpfungskette am Beispiel der Schuhindustrie im Norden Portugals

Bachelorarbeit 2012 48 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Industriedistrikte, Cluster und die räumliche Dimension von Wissen
1.1 Allgemeine Begriffserklärung
1.2 Bedeutung von Wissen inner- und außerhalb eines Clusters

2. Globale Wertschöpfungsketten
2.1 Entstehung des Ansatzes und allgemeine Begriffserklärung
2.2 Governance und Typisierung von globalen Wertschöpfungsketten
2.3 Upgrading
2.3.1 Begriffserklärung und Arten von Upgrading
2.3.2 Empirische Befunde zu Upgradingmöglichkeiten
2.3.3 Downgrading und Sidestepping
2.3.4 Schwierigkeiten und Herausforderungen für lokale Firmen

3. Die portugiesische Schuhindustrie
3.1 Charakterisierung und internationaler Kontext
3.2 Räumliche Verteilung
3.3 Historische Entwicklung der Schuhindustrie in Portugal
3.4 Defizite und Herausforderungen für die zukünftige Entwicklung

4. Upgrading in der portugiesischen Schuhindustrie
4.1 Analyse anhand quantitativer Daten und Literatur
4.2 Analyse von Unternehmensstrategien der letzten zehn Jahre
4.2.1 Methodik
4.2.2 Befunde über Upgradingarten

5. Abschließende Diskussion und offene Fragen

6. Fazit

Anhang

Literatur

Internetquellen

Einleitung

Die portugiesische Schuhindustrie hat in den letzten Jahren hohe Wachstumsraten verzeichnet und konnte auch in Zeiten global sinkender Nachfrage den Wert der gesamten Produktion steigern. Das letzte Jahr war für die Industrie sogar eines der besten überhaupt, da die Exporte um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind (Jornal APICCAPS nr.185, 02/2012). Und das, obwohl die Schuhindustrie stark unter dem zunehmenden Druck der Globalisierung gelitten hat und seit Beginn der 1990er Jahre ein Abwandern großer ausländischer Niederlassungen in Niedriglohnländer stattgefunden hat (Bertram 2005).

Dieser Erfolg der stark im Norden des Landes konzentrierten Industrie soll im Mittelpunkt der folgenden Arbeit stehen. Die konkrete Fragestellung lautet: Inwiefern lassen sich die jüngsten Entwicklungen der Konzentration der Schuhindustrie im Norden Portugals mit dem Ansatz des Upgrading industrieller Cluster innerhalb der globalen Wertschöpfungsketten erklären? Zur Betrachtung dieser Frage soll anfangs ein kurzer theoretischer Hintergrund über industrielle Agglomerationen gegeben werden, um im Anschluss die Bedeutung von Wissen innerhalb und außerhalb dieser zu beleuchten. Anschließend soll eine Annäherung an den Ansatz der globalen Wertschöpfungsketten erfolgen, in dem die historische Entstehung des Begriffs, die Rolle der Governance und eine Typisierung von möglichen Arten von globalen Wertschöpfungsketten dargestellt werden. Danach soll das Upgrading im Zusammenhang mit den globalen Wertschöpfungsketten betrachtet werden, vor allem empirische Befunde anderer Studien darüber, Fallbeispiele über weitere mögliche “Bewegungen” innerhalb der Wertschöpfungsketten und die Herausforderungen für lokale Unternehmen zum Erlangen eines Upgradings.

Als nächstes wird die portugiesische Schuhindustrie beschrieben und dargestellt: Die Einbettung dieser in den nationalen und internationalen Kontext, die räumliche Verteilung, die historische Entwicklung bis heute und zuletzt die Schwachstellen und zukünftigen Herausforderungen der Industrie.

Der Versuch, die Entwicklung der portugiesischen Schuhindustrie mit dem Ansatz des Upgradings innerhalb der globalen Wertschöpfungsketten zu erklären, soll zuerst anhand von quantitativen Daten des gesamten Sektors sowie von wenigen Befunden aus der Literatur unternommen werden. Erst in einem zweiten Schritt sollen die Strategien zwischen den Jahren 2002 und 2012 im Detail mittels Sekundärliteratur bestimmt werden. Diese werden tabellarisch zusammengefasst, ausgewertet und mit den in der Literatur beschriebenen Upgradingarten in Zusammenhang gebracht. Die dabei getroffenen Aussagen sollen nicht konkrete, wissenschaftliche Befunde darstellen. Vielmehr geht es darum, mögliche Erklärungen und Zusammenhänge offenzulegen und Gedankengänge weiterzuführen. Dass meist nur Aussagen hypothetischer Natur getroffen werden können, liegt an der Oberflächlichkeit der vorliegenden Informationen über die insgesamt 38 analysierten Unternehmen.

Zuletzt wird eine abschließende Diskussion über alle in der Arbeit betrachteten Aspekte geführt. Viele der bisher veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten über die Schuhindustrie im Norden Portugals (auch im Zusammenhang mit Upgrading in globalen Wertschöpfungsketten) haben den Schwerpunkt auf die Entwicklung ausländischer Niederlassungen gesetzt (z.B. Bertram 2005; Fonseca 2005). In der folgenden Arbeit hingegen soll die Entwicklung der heimischen Unternehmen analysiert werden.

Die Auswertung der Befunde bezieht sich vor allem auf die Klassifizierung über die Arten von Upgrading von Humphrey und Schmitz (2002) aus ihrem Beitrag “How does Insertion in Global Value Chains affect upgrading in industrial Clusters?” aus der Zeitschrift Regional Studies.

1. Industriedistrikte, Cluster und die räumliche Dimension von Wissen

1.1 Allgemeine Begriffserklärung

Schon zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden von Alfred Marshall die Besonderheiten von Agglomerationen von Unternehmen erkannt. Das Grundmodell des Industriedistriktes beschreibt eine Region, in der es eine räumliche Konzentration von kleinen, lokal geführten Unternehmen gibt, die eine Vorreiterrolle innerhalb der aktiven Branche spielen (Belussi, Sedita 2010).

Die Geschäftsbeziehungen untereinander zeichnen sich durch eine lange Bindung der Geschäftspartner aus und ermöglichen eine Arbeitsteilung, bei der jedes Unternehmen sich auf seinen Arbeitsschritt spezialisiert. Wichtige Eigenschaft des Industriedistriktes ist die Qualität des Arbeitsmarktes, da dieser als ein geschlossenes und dabei flexibles System angesehen wird.

Als in den 1970er Jahren, hervorgehoben durch eine immer stärkere Auslagerung der Industriefertigung von traditionellen Branchen, das fordistische Modell der Massenproduktion immer stärker an Aktualität einbüßte, bemerkte man in Italien Ballungen von unter sich vernetzten kleinen und mittelständischen Unternehmen, die der Niedriglohnkonkurrenz standgehalten hatten (Bathelt, Glückler 2003). Die folgenden Studien über die Schuhindustrie des Dritten Italien haben das Marshall Modell wieder aufgenommen und zu einem italienischen Industriedistrikt erweitert (Becattini 2004).[1]

Der Begriff des Clusters wurde Anfang der 1990er von Michael Porter aufgegriffen und wird seitdem als ein gängiger Ausdruck verwendet, um die räumliche Konzentration ökonomischer Aktivitäten von Unternehmen derselben oder auf identische Technologie gestützten Branchen zu beschreiben. Porters Bezeichnung wurde im Kontext einer Wettbewerbsanalyse verwendet und hatte primär den Fokus auf die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften gesetzt (Staudacher 2005). Deswegen ist in Porters Definition die räumliche Dimension recht wage definiert. Erst später, vor allem um die Jahrtausendwende, mehrten sich die Forschungsarbeiten um den Ansatz der Cluster, ergänzten und spezifizierten diesen in einem wirtschaftsgeographischen Umfeld.

Nach Porter spielt die geographische Nähe eine wichtige Rolle, jedoch kann die räumliche Dimension von einer einzelnen Stadt, bis hin zu einem Netzwerk benachbarter Staaten reichen. Neben der Konzetration von Unternehmen können in einem Cluster fernere, unterstützende Akteure beteiligt sein. Dies können Hersteller ergänzender Produkte, staatliche öffentliche Organisationen sein, die (Fort-)Bildung tätigen, Informationen und Infrastruktur zur Verfügung stellen und zuletzt nicht unwichtig privatorganisierte Gesellschaften und Verbände (Porter 1998).

1.2 Bedeutung von Wissen inner- und außerhalb eines Clusters

Dadurch, dass ein Cluster durch räumliche Nähe der Akteure gekennzeichnet ist, entsteht reger persönlicher gewollter oder ungewollter Kontakt, welches auch als Face-to-face-Kontakt beschrieben wird.

Besondere Bedeutung wird dem in einem Cluster kursierenden Wissen beigemessen. Diese Art impliziten Wissens[2] ist personengebunden und deswegen überwiegend räumlich immobil. Es geht vor allem um das Wissen, wie man etwas machen kann und wer etwas weiß oder wer es machen könnte (Know-how, Know-who) (Henry et al. 2003).

In der Clusterforschung wurde anfangs der Fokus auf die Beziehungen innerhalb und zwischen den Unternehmen genauso wie auf die Organisationen im Cluster gelegt. Insgesamt stand die Interaktion zwischen lokalen Partnern im Fokus. Der Bedeutung äußerer Akteure wurde wenig Interesse beigemessen und das Verhältnis zu ihnen überwiegend als Marktbeziehungen beschrieben, so dass der Einfluss dieser auf die Aktivität des Clusters als relativ gering gesehen wurde. Jedoch gibt es mehrere Beispiele, die dies widerlegen. So beeinflussen globale Strukturen und Standards genauso wie Handelsbeziehungen mit externen Partnern die Arbeitsweise und Organisationsform eines Clusters (Humphrey, Schmitz 2004a).

Bathelt und Koautoren (2004) analysieren die räumliche Dimension von Wissens(be)schaffung in Clusters. Neben dem lokal, innerhalb eines Clusters kursierenden Wissen nennen sie die Bedeutung von Informationsflüssen, die von außen in den Cluster fließen und keine geographische Nähe voraussetzen. Diese Wissenskanäle werden als Pipelines bezeichnet und vernetzen den Cluster mit der Außenwelt.

Die Art der Kommunikation der Pipelines unterscheidet sich von dem lokal kursierenden Wissen. Während der Informationsaustausch innerhalb eines Clusters vage, unstrukturiert, meistens „von selbst” und sehr häufig geschieht, wird bei den Pipelines ein potentieller Partner gezielt bevorzugt und überlegt, wie viel Informationen ausgetauscht und inwiefern die Aktivitäten des Geschäftspartners überwacht werden müssen. Deswegen hängt hier der Informationsaustausch sehr von dem Grad an vorhandenem Vertrauen zwischen den Geschäftspartnern ab. Der Aufbau und die Pflege dieser Vertrauensbeziehungen geschehen nur über einen längeren Zeitraum und nicht ohne einen hohen finanziellen Aufwand.

Der Nutzen von globalen Pipelines besteht darin, dass verschiedene Umfelder integriert bzw. verknüpft werden und daraus neue Potenziale entstehen. Dies erfolgt durch eine lokale (und meistens unterschiedliche) Interpretation und Anwendung von Wissen, welches vorher in einem anderen Ort generiert wurde.

Für die Dynamik des gesamten Clusters ist wichtig, dass je mehr Unternehmen innerhalb eines Clusters überregionale Informationsflüsse aufbauen, umso mehr Wissen über Märkte und Technologien wird in das lokale Netzwerksystem hineingepumpt. Davon profitieren letztendlich auch lokal agierende Akteure. Deswegen sind lokal kursierendes Wissen und von außen induzierte Informationen nicht voneinander zu trennen (Bathelt et al. 2004). Ferner wird argumentiert, dass externe Verbindungen langfristig für das Überleben eines Clusters von Bedeutung sind. Sie verhindern, dass lokal agierende Unternehmen verpassen, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen (Maskell, Malmberg 2007).

Auch ist die Teilnahme an internationalen Messen für die Wissensgenerierung von großer Bedeutung. Messen werden auch als temporäre Cluster bezeichnet, da ein ähnliches Phänomen wie in lokalen Clustern entsteht: es werden Produkte verglichen, Unternehmensstrategien der Konkurrenz analysiert und mit sich selber gemessen, zumal es sich hierbei meistens um den neuesten Stand der Branche handelt. Zusätzlich ermöglicht der persönliche Kontakt, Beziehungen zu überregionalen Akteuren aufzubauen, die Informationen über andere Märkte oder Wissenspools beschaffen können. Des Weiteren bietet sich die Möglichkeit, Kooperationen zwischen räumlich dispersen Firmen aufzubauen. Folglich sind Messen wichtige Orte für die überregionale Vernetzung von Unternehmen und somit auch für die Entstehung externer Pipelines (Bathelt et al. 2006).

2. Globale Wertschöpfungsketten

2.1 Entstehung des Ansatzes und allgemeine Begriffserklärung

Ausgehend von Hopkins und Wallersteins Arbeiten zu Warenketten wurde das Konzept der globalen Warenketten durch Gereffi und Kautoren (1994) im Kontext des stark zunehmenden Globalisierungsprozesses weiterentwickelt. Dabei lag der Fokus auf den Unternehmensstrategien in den entwickelten Wirtschaften, die die internationale Arbeitsteilung vorangetrieben haben (Sturgeon 2008). Das Konzept der globalen Warenketten an sich beschreibt eine aneinander gekoppelte Fragmentierung des Produktionsprozesses, die Haushalte, Unternehmen und Nationalstaaten miteinander vernetzt und diese in die Weltwirtschaft integriert. Hier kann ein Fertigungsschritt die Beschaffung eines Materialzusatzes, ein Arbeitsaufwand, Transport, Absatz oder den Endverbrauch bedeuten (Gereffi et al. 1994).

Diese Art von vertikaler Vernetzung weist drei unterschiedliche Dimensionen auf: (1) Eine Input­Output-Struktur, bei derjedes Segment einen Mehrwert produziert, (2) Territorialität - entweder eine Konzentration oder eine räumliche Streuung der Produktions- und Lieferungsunternehmen und zuletzt (3) eine Governance-Struktur, in der eine ungleiche Verteilung von Machtbeziehungen herrscht und die entscheidend für die Koordinierung der Abläufe ist (Gereffi 1994).

Zu einem späteren Zeitpunkt wurde eine vierte Dimension hinzugefügt, die den institutionellen Rahmen als Regelsystem von globalen Warenketten beschreibt (Bair 2009).

Man unterscheidet dabei zwei Arten von Hierarchien: herstellergesteuerte und käufergesteuerte Warenketten. Erstere stellen meist große, transnationale Unternehmen in kapital- und wissensintensiven Branchen dar. Diese spielen eine entscheidende Rolle in der Produktion des Rohmaterials bis zur Fertigung des Produktes und können somit Macht auf Akteure von vor- und nachgelagerten Prozessen ausüben. Bei den käufergesteuerten Warenketten haben nicht mehr die Produzenten die Macht, sondern meistens große Handelsketten oder Markenhersteller aus höherentwickelten Staaten, die arbeitsintensive Produkte in der Peripherie fertigen lassen. Dabei beschränkt sich die Arbeit der Leitfirmen lediglich auf hochwertige Aktivitäten (z.B. Design und Marketing) sowie die Koordinierung der dezentral errichteten Produktionsnetzwerke (Gereffi 1994).

Jedoch schien das Paradigma der globalen Warenketten, so wie Gereffi und Koautoren (1994) es definiert haben, zu einseitig, und zwar vor allem wegen der Beschränkung auf eine vertikale Verkettung der Abläufe sowie eine vereinfachte Einteilung in hersteller- und käufergesteuerte Warenketten. Governance scheint jedoch ein weit komplexeres Phänomen zu sein, welches intra- und intersektorale Verknüpfungen aufweist (Coe et. al. 2007). Ebenfalls ist die dichotome Einteilung lediglich eine statische Beschreibung gegebener Industrien, die jedoch in manchen Fällen zeitlich (innerhalb der Kette) veränderbar sind und Mischformen von Governance aufweisen können (Mahutga 2012).

Des Weiteren wurde kritisiert, dass zu sehr auf die Leitunternehmen der Warenkette fokussiert wurde und der institutionelle Kontext (z.B. Nationalstaaten und zivilgesellschaftliche Institutionen) unberücksichtigt geblieben ist. Genauso wenig Beachtung wurde der Nationalität der Firmeninhaber (vor allem der Differenzierung zwischen heimischen und ausländischen) gegeben, welche ein Schlüsselelement in der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung sein kann (Henderson et al. 2002).

Aufgrund dieser Kritik wurde um die Jahrtausendwende der Versuch unternommen, eine allgemeingültige und -akzeptierte Terminologie zu finden. Daraufhin tauchte der Begriff der globalen Wertschöpfungsketten in diesem Zusammenhang erstmals auf und wurde in den Folgejahren zu einem wichtigen Analyseobjekt in der Forschung globaler Industrien (Bair 2009). Humphrey und Schmitz (2000) sehen auch deswegen einen Vorteil an dieser Terminologie, weil der Begriff die Aufmerksamkeit auf die Frage „Wer schöpft wo einen Wert innerhalb der Kette?“ richtet. Spätestens 2005, als Gereffi, Humphrey und Sturgeon ein Paper in der Review of International Political Economy über den Governance-Aspekt veröffentlichten, wurde eine klare Unterscheidung zwischen den Ansätzen der globalen Warenketten und der globalen Wertschöpfangsketten vollzogen (Bair 2009).

2.2 Governance und Typisierung von globalen Wertschöpfungsketten

Für das Konzept der globalen Wertschöpfungsketten ist der Begriff der „Governance” von zentraler Bedeutung. Für Gibbon und Koautoren (2008) erklärt der Begriff, dass die Aufteilung der Produktion und ihre Reintegration durch Kooperationen zwischen den Unternehmen weder spontan, automatisch noch systematisch erfolgt. Viel mehr deutet er auf gezielte Unternehmensentscheidungen und -strategien bestimmter Akteure hin. Meistens sind diese große Firmen, die den Marktzugang in entwickelten Ländern beherrschen, jedoch auch in immer größerem Maße in aufsteigenden Volkswirtschaften.

Er erklärt, dass einige Unternehmen innerhalb der Kette Anforderungen oder Standards durchsetzen, die andere Unternehmen einhalten müssen.[3] Humphrey und Schmitz (2004a) unterscheiden dabei drei Parameter:

1. Was wird produziert? ( inkl. Produktdesign- und Spezifikationen).
2. Wie wird produziert? Das betrifft vor allem den Produktionsprozess (z.B. die Verwendung bestimmter Technologien, Einhaltung von Qualitäts-, Arbeits- und Umweltstandards).
3. Wie viel wird wann produziert? (Zeiteinplanung und Logistik).

Diese Parameter zeigen, dass Governance innerhalb der Wertschöpfungskette stark mit der Ausübung von Kontrolle und Koordination verbunden ist.[4] Governance ist jedoch nicht nur eine Frage der Koordination, sondern auch die zusätzliche Aufgabe, Geschäftsmöglichkeiten zu identifizieren und Schlüsselakteuren ihre Rollen zuzuteilen (Kaplinsky 2000).

Governance kann auf verschiedener Weise ausgeübt werden, und innerhalb einer Wertschöpfungskette können an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Governance-Strukturen vorhanden sein. Würde in einer Wertschöpfungskette kein Ansatz von Governance vorhanden sein, wäre diese lediglich eine Aneinanderreihung von Marktbeziehungen. In diesem Fall wären auch die gegenseitigen Verpflichtungen geringer (Humphrey, Schmitz 2004b).

Der Grund, warum Firmen Parameter setzen, ist, dass sie ihr Produkt differenzieren wollen. Eine Standardware über reine Marktabwicklung zu produzieren würde auch möglich sein. Jedoch ist die Koordination wichtig, vor allem, wenn es sich um eine breitere Produktdifferenzierung handelt und das einzelne Produkt im Einklang mit der Gesamtstrategie des Unternehmens stehen muss.

(Humphrey, Schmitz 2004b).[5]

Gibbon, Bair und Ponte (2008) unterscheiden zwischen drei Interpretationsformen des Governance- Begriffs, so wie er zuvor dargestellt wurde. Zum einen wurde Mitte der 1990er mit dem Konzept der globalen Warenketten der dazu auftretende Ausdruck „Governance-Struktur“ im Sinne eines gezielten Antriebs eines Unternehmens gesehen (governance as driving). Ab der Jahrtausendwende und mit der Erweiterung des Konzeptes, vor allem angeregt durch die Arbeiten von Gereffi, Humphrey und Sturgeon, wurde Governance als eine Koordinationsform interpretiert (governance as coordination). Dies liegt vor allem daran, dass nach dem neueren Konzept nicht mehr ein einziges Unternehmen eine gesamte Wertkette kontrolliert, sondern der Fokus auf die Koordinationsart der Transaktionen zwischen Akteuren an einem bestimmten Punkt der Kette gelegt ist.

Eine dritte Sichtweise auf das Konzept der globalen Wertschöpfungsketten weitet das Umfeld der einflusshabenden Akteure aus. Diese, meistens von außerhalb der Wertschöpfungskette agierend, setzen Normen und Standards für die Praktiken in der Wertschöpfungskette fest. Governance wird dabei eine normative Funktion zugeteilt (governance as normalization) (Knorringa et al. 2011; Gibbon et al. 2008).

Auf Grundlage empirischer Arbeiten definierten Gereffi, Humphrey und Sturgeon. (2005) fünf verschiedene Steuerungsformen industrieller Organisation. An den Extremen befinden sich die vertikale Integration von Unternehmen(-sstrukturen) und die marktübliche Anordnung. Dazwischen gibt es drei Mischformen von Wertschöpfungsbeziehungen: die modularen, die relationalen und die kaptiven.

- Märkte - Marktverbindungen müssen nicht wie in vollkommenen Märkten vorübergehend sein. Abwicklungen können über eine Zeit lang stattfinden und sich wiederholen. Wichtig ist jedoch, dass die Kosten für die Suche neuer Geschäftspartner für beide Seiten sehr gering sind. Dadurch sind Transaktionen einfach kodifizierbar und leicht zu koordinieren. Die Spezifität des Produktes bleibt dabei relativ gering, so dass Zulieferer wenig Input des Käufers brauchen, um das Zwischenprodukt herstellen zu können und somit selber die Preise festlegen.
- Modulare Wertschöpfungsketten - Zulieferer fertigen ein mehr oder weniger kundenspezifisches (Zwischen-)Produkt, welches von einem Schlüsselproduzenten abgenommen und weiterentwickelt wird. Dieses meist große Unternehmen besitzt das technische und kaufmännische Wissen sowie die finanzielle Ausstattung, das Produkt in Kontakt mit dem Endabnehmerunternehmen kundenspezifisch und konsumbereit zu gestalten (Gereffi et al. 2005; Schamp 2008).
- Relationale Wertschöpfungsketten - Dies sind Netzwerke, bei denen die Akteure komplexe Geschäftsbeziehungen führen. Diese sind durch gegenseitige Abhängigkeit und Vertrauen gekennzeichnet, wobei dies durch familiäre Beziehungen oder andere persönliche Bindungen begünstigt wird. Geographische Nähe kann den Aufbau von Vertrauen fördern, ist jedoch keine Voraussetzung, zumal familiäre Bindungen räumlich dispers sein können und die Zusammenarbeit über einen längeren Zeitraum ebenfalls bedeutsam ist (Gereffi et al. 2005).
- Kaptive Wertschöpfungsketten - In dieser Art von Netzwerk stehen kleine Zuliefererunternehmen in Abhängigkeit zu großen Abnehmern, da für erstere der Wechsel zu einem anderen Geschäftspartner mit einem immensen finanziellen Aufwand verbunden ist 6. Die Käuferunternehmen konzentrieren sich auf die Monitoring- und Kontrollfunktion (Gereffi et al. 2005). Diese Art von Netzwerken entspricht der käufergesteuerten Machtasymmetrie in dem oben genannten Ansatz der globalen Warenketten (Schamp 2008).
- Hierarchische Machtbeziehungen - Es gibt eine vertikale Integration der Abläufe, bei der die Firmenzentrale die Vorgaben an den im Ausland ansässigen Unternehmenseinheiten erteilt (Gereffi et al. 2005; Schamp 2008).

Zuvor hatten Humphrey und Schmitz (2004b) eine ähnliche, nur weniger spezifische Typisierung vorgenommen: marktübliche Beziehungen, Netzwerke, Quasi-Hierarchie, Hierarchie.[6]

Diese Einteilung ist kein statisches System, denn die Art der vorhandenen Beziehungen kann sich im Laufe der Zeit ändern. Dies passiert beispielsweise, wenn Leitfirmen bestimmte Tätigkeiten aufgeben und diese von lokalen Firmen übernommen werden. Dabei verändern sich die Machtverhältnisse: vorher stark asymmetrische Beziehungen verwandeln sich in netzwerkartige, ebenere Beziehungen (Humphrey, Schmitz 2002).

Von besonderer Bedeutung fur die unterschiedlichen Typen von globalen Wertschöpfungsketten ist die Verteilung von Wissen und Kompetenzen (Schamp 2008). Dabei werden drei Variablen differenziert, die Einfluss auf die Machtverhältnisse und Koordinationsformen haben: Die Komplexität von Transaktionen, die Fähigkeit, Informationen zu kodifizieren und die Kompetenzen des Zuliefererpools (Gereffi et al. 2005).

2.3 Upgrading

2.3.1 Begriffserklärung und Arten von Upgrading

Die Diskussion über Upgrading im Zusammenhang mit globalen Warenketten begann in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, als die Diskussion über post-fordistische Modelle in vollem Gange war (Gibbon 2004). Gereffi selber trug dazu bei, indem er eine empirische Arbeit über industrielles Upgrading und organisationales Lernen in internationalen Handelsnetzwerken am Beispiel der ostasiatischen Bekleidungsindustrie verfasste (Gereffi 1999). Auch zu Beginn der 2000er Jahre lag der Fokus der Arbeiten über Upgrading auf empirischen Beobachtungen in weniger entwickelten Volkswirtschaften (Gibbon, Ponte 2005). So zum Beispiel über die Tabakindustrie in Brasilien (Vargas 2001), die Möbelindustrie in Südafrika (Kaplinsky et al. 2002) oder die Automobilindustrie in Brasilien und Indien (Humphrey 2003).

Allgemein wird in der Literatur Upgrading definiert als die Fähigkeit, bessere Produkte herzustellen, diese effizienter zu produzieren oder in neue, qualifiziertere Segmente einzusteigen (Bazan, Navas-Alemán 2005).

Gereffi (2005) beschreibt im Kontext der globalen Wertschöpfungsketten industrielles Upgrading als einen Prozess, in dem wirtschaftliche Akteure (Volkswirtschaften, Firmen oder Arbeiter) von niedrig- zu höherwertigeren Aktivitäten innerhalb globaler Produktionsnetzwerke wechseln. Pietrobelli und Rabellotti (2004) wiederum sehen einen Zusammenhang zwischen Innovation und Upgrading, weil letzteres als eine Art, innovativ zu sein (um einen Mehrwert zu erzeugen), definiert wird.

[...]


[1] Auch wenn die Konzentration der Schuhindustrie in der Region um Säo Joäo da Madeira, in Norduportugal, Eigenschaften eines Industriedistiktes aufweist, taucht in der Literatur fast ausschließlich der Begriff “Cluster” auf. Deswegen wird Letztere, als allgemeinere Bezeichnung, fortan in dieser Arbeit verwendet, um die Art von Agglomeration von Firmen im Norden Portugals zu beschreiben. Die Untersuchung ob es sich tatsächlich um ein Industriedistrikt handelt, soll nicht Bestandteil dieser Arbeit sein.

[2] Auch tacit knowledge genannt (engl. = stilles, stillschweigendes Wissen)

[3] Deswegen könnte man den Begriff “Governance” in diesem Zusammenhang auch mit Steuerung gleichsetzen.

[4] Erstere beiden können auch von wertschöpfungskettenexternen Akteuren vorgegeben werden. Z.B. setzen oft staatliche Institutionen und internationale Organisationen Sicherheitsstandards zum Produkt (Zusammensetzung und Design) oder zum Produktionsprozess (z.B. arbeits- und umweltgerechte Herstellung).

[5] Ein Beispiel dafür ist ein Modehaus, dass die Kompetenzen des Produktdesigns bei sich behält, um die einzelnen Produkte in Einklang miteinander zu bringen und sich als Ganzes gegenüber Konkurrenten abzusetzen.

[6] Die Begriffe „Netzwerke“ und „Quasi-Hierarchien“ werden deswegen genannt, weil sie im theoretischen Abschnitt zum Upgrading erneut vorkommen.

Details

Seiten
48
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656663898
ISBN (Buch)
9783656664932
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273647
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Institut für Geographie
Note
1,3
Schlagworte
Globale Wertschöpfungsketten Industrielle Cluster Schuhindustrie Upgrading in globalen Wertschöpfungsketten Schuhindustrie in Nordportugal Schuh Industrie Portugal

Autor

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Titel: Upgrading innerhalb der globalen Wertschöpfungskette am Beispiel der Schuhindustrie im Norden Portugals