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Krise und religiöse Prophetie im Spätmittelalter. Ein Gegensatz?

Ein Erklärungsversuch am Beispiel differenzierter Reaktionen in Folge des Erdbebens von 1348

Seminararbeit 2011 31 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Das Erdbeben von 1348 im Fokus der Wahmehmungsgeschichte
1.2. Quellenlage
1.3. Forschungsstand und beigezogene Literatur
1.4. Zur Problematik der „Krise“ als Epochenbegriff
1.5. Die Suche nach der Frömmigkeit im Spätmittelalter
1.6. These und Fragestellung

2. Hauptteil
2.1. Textkritik und Textanalyse
2.1.1. Zu den Autoren und deren Intentionen
2.1.2. Art und Spezifikation der Quellen
2.1.3. Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte
2.1.4. Forschungsüberblick
2.1.5. Inhalt und Aufbau
2.2. Textinterpretation

3. Schlussteil

4. Quellen
4.1. Gedruckte Quellen
4.2. Darstellungen
4.3. Internetseiten

1. Einleitung

1.1. Das Erdbeben von 1348 im Fokus der Wahrnehmungsgeschichte

„Naturkatastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.“[1]

Diese aus der Feder Max Frischs stammenden Feststellungen schliessen im Vornherein eine alleinige naturwissenschaftliche Betrachtungsweise aus und richten den Blick gleichsam auf den menschlichen Umgang mit Ereignissen, die in einem vorliegenden historischen Kontext als Katastrophen berichtenswert erscheinen. Die Natur selbst ist also frei von jeglichem Empfinden, während dem der Mensch sich den Gefahren der Natur aussetzt, indem er sich in der Nähe von Flüssen oder in Gebieten niederlässt, die zuweilen seismische Aktivitäten aufweisen. Die im Spätmittelalter noch gänzlich ungebändigte Natur und deren Kräfte werden also erst dann zur Katastrophe, wenn Zeitgenossen das Ereignis als die Lebenswelt taxierendes Vorkommnis wahrnehmen, das einschneidende Veränderungen bewirken kann.[2]In der vorliegenden Arbeit soll es also weniger darum gehen, die Katastrophe von 1348 nach einer rein sozialwissenschaftlichen Perspektive nach Opferzahlen zu klassifizieren, auch der wenig aussagekräftige Versuch, das Erdbeben rein statistisch auszuwerten, scheint verfehlt.[3]Genüge getan ist einer Katastrophe mit einer mehr oder weniger aussagekräftigen und objektiven Statistik kaum. Erst über die Berücksichtigung menschlichen Empfindens und über die Beachtung der Wahrnehmung können Rückschlüsse auf Deutung und Bewältigung in einem zeitgeschichtlichen Kontext gezogen werden. Demzufolge mag es kaum überraschen, dass eine dem wissenschaftlichen Jargon entsprechende Definition des Begriffs „Katastrophe“ bisher kaum zufriedenstellend erläutert werden konnte und „vermutlich lässt sich auch gar keine allgemein gültige Definition finden.“[4]Die neuere Forschung, die die Wahrnehmung, Deutung und Bewältigung und deren Auswirkungen auf das menschliche Handeln untersucht, versucht anhand von sieben Kriterien (von denen drei im Katastrophenfall zutreffen müssen) die verschiedenen Aspekte der Katastrophenwahrnehmung zu erfassen.[5]Die Diskussion um allgemein gültige Kriterien zur Bestimmung der Wahrnehmungsfacetten würde aber der Thematik kaum hinreichend gerecht, weil das Erdbeben von 1348 im Spätmittelalter im Hinblick auf den historischen Kontext und den Denkhorizont der Zeitgenossen analysiert zu werden braucht. Unter diesen Gesichtspunkten interessieren vor allem die Punkte b), d) sowie f), die in der Zitation ausführlich dargestellt werden.[6]

Das Ereignis des Erdbebens von 1348 darf nicht isoliert betrachtet werden, da offenbar die Zeitgenossen davon ausgingen, dass zwischen dem Erdbeben und dem Ausbruch der Pest in Mitteleuropa nur wenige Wochen danach ein direkter Zusammenhang bestehe, und sie somit von beiden Ereignissen gemeinsam berichteten.[7]Um so erstaunlicher mutet es an, dass sich die Historiographie des 20. Jahrhunderts kaum mit dem Erdbeben von 1348 auseinander setzte, obgleich die vorschnell definierte allumfassende „Krise des Spätmittelalters“ auch und gerade die Naturkatastrophen in den Blick hätte nehmen sollen. Stattdessen meinen sowohl Ruggiero/Tenenti als auch Graus und Schuster aufzeigen zu können, dass alleine die Pestepidemie sowie die ökonomischen Turbulenzen als Indizien einer Krisenhaftigkeit des Spätmittelalters ausreichen würden.[8]

Ich möchte mich in den folgenden Ausführungen der umfassenden Quellenlage widmen, bevor ich den Forschungsstand und die für die Arbeit zugezogene Bibliographie vorstelle. Danach sollen die überaus komplexen Begrifflichkeiten der „Krise des Spätmittelalters“ und des „Christlichen Abendlandes“ erklärt werden und ein für diese Arbeit gültiger Krisenbegriff gefunden werden. Die Fragestellung und These schliessen die umfangreiche Einleitung ab. Die Quellenlage soll einen Überblick über die Quellen vermitteln, die im Zuge des Erdbebens von 1348 und unter dem Eindruck der Pestepidemie entstanden. Die Quellen des Conradus de Megenberg[9]und des Giovanni Villani[10]sind dann im Hauptteil genauer zu analysieren und zu interpretieren.

1.2. Quellenlage

„Über kein mittelalterliches Erdbeben liegen uns so viele Aussagen vor, mindestens achtzig.“[11]In der neueren Forschungsliteratur des 21. Jahrhunderts sind den Historikern an die 200 Quellen hierzu bekannt, „sicherlich begünstigt auch dadurch, dass das Erdbeben in vielen Fällen im Zusammenhang mit der Pest erwähnt wird, die wenige Monate nach dem Erdbeben die habsburgischen Länder erreichte.“[12]Neben den beiden häufigsten historiographischen Literaturtypen Annalen und Chroniken, die vornehmlich die Eindrücke der Augenzeugen verarbeiten, finden sich vor allem im späten 14. Jahrhundert Urkunden, die Aufschluss über die wirtschaftlichen Folgen und die getroffenen Massnahmen einzelner Städte geben.[13]Es soll hier nicht darum gehen, eine historisch-seismologische Abhandlung zu skizzieren, oder wirtschaftliche Schäden zu rapportieren, sondern es soll mit Hilfe der nachfolgenden Fragestellung ein kulturgeschichtlicher Zugang zu den Quellen hergestellt werden, da es primär um die Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen gehen soll.[14]

1.3. Forschungsstand und beigezogene Literatur

Der Aufsatz von Borst im Periodikum der Historischen Zeitschrift 1981 kann als eine der ersten Versuche gelesen werden, das Erdbeben von 1348 in Friaul und Kärnten im damaligen Krisenverständnis zu reflektieren. Der Erkenntnisgewinn ist quidem in neuerer Literatur umfangreicher, wobei dies vor allem für Arbeiten zutrifft, die sich dem starren Korsett des Krisenbegriffs entledigen. Überhaupt ist der Krisenbegriff und seine Verbandelung mit dem Spätmittelalter Bestand kontrovers geführter Diskussionen. Neu sind in dieser Hinsicht diejenigen Stimmen, die den Krisenbegriff zwar nicht ganz verschwinden lassen wollen, so doch die Krise zur „Ubiquität“[15]degradieren und sie als Illusion des 20. Jahrhunderts erkennen wollen.[16]Während dem die Auswirkung einer Vorverurteilung des Spätmittelalters also rege diskutiert wird, scheint für den Begriff des „Christlichen Abendlandes“ gerade das Gegenteil der Fall zu sein.[17]Erst wenige Publikationen nehmen sich einer Neujustierung der Begrifflichkeit an und diskutieren häufige Fehlannahmen (misconceptions).[18]Die dominante Vorstellung des Mittelalters als ein mehr oder weniger naiv religiöses Zeitalter wurde in der historischen Wissenschaft bislang bloss von einigen wenigen Historikern kritisiert.[19]Weltecke gelingt es in diesem Kontext, der Geschichtswissenschaft eine neue Richtung vorzugeben, die es lohnt, weiterverfolgt zu werden. In ihrer vielbeachteten Dissertation über „Unglauben“ und „Zweifel“ im Mittelalter bietet Weltecke eine neue Strategie an, „die [vorgefassten und gleichsam festgefahrenen] Konstruktionen vom gläubigen Mittelalter zu kritisieren.“[20]Der Arbeit Welteckes ist es zu verdanken, dass die Geschichte des Mittelalters neu verstanden werden kann und darf. Zu fragen wäre in diesem Zusammenhang, ob die Entmythifizierung nicht zu spät erfolgte, zumal das „Christliche Abendland“ schon längst Fuss innerhalb der öffentlichen Debatten gefasst hatte.

1.4. Zur Problematik der „Krise“ als Epochenbegriff

Nur schon die Charakterisierung des Spätmittelalters als Epoche bereitet zuweilen Kopfzerbrechen, wenn den Ausführungen von Graus Glauben geschenkt werden darf. Graus hält es insbesondere für möglich, dass jeder Einteilung der Geschichte bisweilen etwas Willkürliches anhafte, zumal eine Übereinkunft selbst über grundlegende „Zäsuren“ nur schwer zu erlangen sei.[21]Die Schwierigkeit besteht offenbar darin, sowohl Variablen und die Konstanten einer Epoche in ihrem ständigen Wandel im Auge zu behalten, als auch ungleichzeitige Änderungen einzelner Gebiete miteinander in Einklang zu bringen. Dennoch seien Eingrenzungen und Periodisierungen unumgänglich, „nicht nur aus praktischen Erfordernissen der Forschung und der Darstellung, sondern auch aus Gründen der Wertung, ohne die keine Geschichtsbetrachtung auskommt. [...]“[22]Anscheinend ist aber die Bezeichnung genauer Grenzdaten ebenso fragwürdig, wie Periodisierungsversuche in Grenzzonen.[23]Noch 1975 stellte Graus fest, dass rein willkürlich, meist nur aus „Bequemlichkeitsgründen“ gewählte Grenzmarken und der Begriff des Mittelalters reine Verlegenheitslösungen darstellten.[24]Ich würde ergänzen, derjenige Begriff des Spätmittelalters als Krisenepoche ebenso. Schuster sieht dementsprechend das Modell der Krise des Spätmittelalters als Epoche ins Leere laufen.[25]

Wenn sich nun die Krise nicht als Epochenbegriff begreifen lässt, so impliziert der Krisenbegriff nach Graus wenigstens eine Offenheit des Ausgangs, schliesslich müsse im Jargon einer mentalitätsgeschichtlichen Dimension ein „verbreitetes Krisengefühl“ vorhanden sein.[26]Die Krisendefinition von Graus verspricht eine erste willkommene Eingrenzung. Aber noch fallen sowohl die „weltimmanente Dauerkrise“, wie sie Richard Rothe schon 1837 formulierte: „die ganze christliche Geschichte überhaupt [ist] eine grosse kontinuierliche Krisis unseres Geschlechts,“[27]als auch die von Borst durchaus für möglich gehaltene „universale Krise der Geschichte,“[28]die er meint, im Spätmittelalter verorten zu können, unter den Beschrieb der von Graus vorgeschlagenen Krisendefinition. Um die Definition vorerst zu komplettieren, sei die Definition von Vierhaus angefügt: „Geschichtliche Vorgänge, die als Krise bezeichnet werden können, müssen zeitlich abgrenzbar sein. Von einer Krise ohne Ende, als Dauerzustand, zu sprechen, ist sinnlos.“[29]Wird nun die Begrifflichkeit der Krise in den Denkhorizonten und -kategorien des Spätmittelalters gedacht, so ist gleichsam sowohl der Ursprung des Begriffs „Krisis“ als auch die Definition desselbigen innerhalb theologischer Denkmuster zu suchen: „Durch diese Spannung [der Krisis], dass Gottes Gericht durch Christi Verkündung schon da ist, zugleich aber noch aussteht, wird ein Erwartungshorizont entworfen, der die kommende geschichtliche Zeit theologisch qualifiziert.“[30]Somit waren die Erwartungen, „die über alle bisherige Erfahrung hinauswiesen, nicht auf diese Welt bezogen. Sie richteten sich auf das sogenannte Jenseits, apokalyptisch angereichert auf das Ende dieser Welt insgesamt.“[31]Nach dieser Definition von Koselleck mag es nicht mehr schwerfallen, „in diesem Glauben an die bevorstehende Zeitverkürzung einen Wunsch der Leidenden und Unterdrückten zu sehen, das Elend so schnell wie möglich gegen ein Paradies auszutauschen.“[32]

1.5. Die Suche nach der Frömmigkeit im Spätmittelalter

Die Problematik der Begrifflichkeit des „Christlichen Abendlandes“ kann mitunter in vielerlei Weise mit der Problematik der „Krise“ als Begriff einer spätmittelalterlichen Epoche verglichen werden. Sowohl die „Krise“ als auch das „Christliche Abendland“ sind gegenwärtige Vorstellungen, die der Komplexität der mittelalterlichen Denktaxonomien in keiner Weise gerecht werden und nachweislich zu einem falschen Bild des Mittelalters beitragen. So sehen es Ruggiero und Tenenti als erwiesen an, dass dies um so mehr für eine Epoche gilt, in der [...] Frömmigkeit und Religion eine Einheit bildeten und in der das christliche System unbestritten herrschte, indem es die gesamte Gesellschaft durchdrang.“[33]Bezeichnenderweise halten sich die Vorstellungen über das Mittelalter als Epoche homogen christlich denkender Individuen seit der europäischen Renaissance.[34]Unmissverständlich äussert sich in diesen Belangen Weltecke, und findet für die vorherrschende Stigmatisierung deutliche Worte: ,,[...] Ich habe die Vorstellung von einer naiven, frommen Kultur kritisiert, deren gesamte Lebenswelt vom Christentum durchtränkt gewesen sei, demgegenüber sich die Moderne durch Intellektualität und Wissenschaft absetzt. Dieses Narrativ ist ein Mythos.“[35]Wenn der Fokus nun auf die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Individuen im Mittelalter gelegt werden soll, so muss auch hier konstatiert werden, dass nach Ansicht Dormeiers „differenzierte und alles andere als gleichförmige“[36]Denkweisen vorzufinden waren. So sehr Ruggiero und Tenenti also die Gleichförmigkeit betonen,[37]so sehr befeuern sie ein vorhandenes Narrativ, von dem heute davon ausgegangen werden kann, dass „it is wrong to deduce from this cultural dominance the idea that all the individuals in any given medieval culture were equally pious and equally orthodox.“[38]Offensichtlich können unter diesen Gesichtspunkten die Kirchenzucht und Sonntagsruhe als neuzeitliche Entwicklungen angesehen werden, auch wenn die zwei oben genannten Phänomene meist auf das Mittelalter projiziert werden.[39]

1.6. These und Fragestellung

Um auf die These meiner Arbeit überzuleiten, sei kurz auf Graus verwiesen, der über seine Arbeit kritisch reflektierend richtigerweise anmerkt, dass „nur eine Diskussion [...] helfen kann, Fragestellungen zu klären - nicht sie zu beantworten (das wäre zweifellos viel zu vermessen). Nur als Grundlage einer Diskussion [ist] die folgende These gedacht.“[40]Und auch die „historische Detailkenntnis [...] ist seit langem vorhanden; ich [möchte] sie nur in Erinnerung rufen,“[41]um Welteckes Worte zu bemühen. So liegen meines Wissens Arbeiten über das „Krisenbewusstsein“ in den Schriften des Konrad von Megenberg ebenso vor[42]wie Untersuchungen über die „Vielschichtigkeit von Wahrnehmungs-, Deutungs- und Bewältigungsmustern.“[43]

Wir haben es bei der Betrachtung der Erklärungsversuche der Zeitgenossen im Nachgang des Erdbebens von 1348 nicht mit gleichförmigen, hingegen mit differenzierten Reaktionen mit je eigenen Deutungs- und Bewältigungsstrategien zu tun. Wenn hierbei endzeitliche Interpretationshilfen herangezogen werden, so bloss aus Mangel an plausiblen Alternativen. Eschatologische Erklärungsversuche sind eben gerade nicht Ausdruck einer im Spätmittelalter so oft georteten Frömmigkeit, sondern Ausdruck der Ratlosigkeit angesichts der Extremsituation.

Zu fragen wäre nun im Nachgang der Thesenbeschreibung:

Wie nahmen die zeitgenössischen Autoren das Erdbeben von 1348 wahr und mit welchen Stilmitteln versuchten sie das Ereignis in ihr jeweiliges Weltbild einzuordnen?

In der Arbeit konzentriere ich mich vor allem auf die Beschreibungen von Giovanni Villani[44]und ziehe die mir vorliegende Quelle des Konrad von Megenberg[45]jeweils bei Beschreibungen heran, wo dies für einen Vergleich der zwei Quellen sinnvoll oder nötig erscheint.

[...]


[1] Frisch, Max: Der Mensch erscheint im Holozän, Frankfurt a. M. 1979, S. 271, zit. nach Rohr, Extreme Naturereignisse, S. 50.

[2] Vgl. Rohr, Extreme Naturereignisse, S. 50.

[3] Vgl. Borst, Das Erdbeben von 1348, S. 533 f. „Beginn des Erdbebens: 25. Januar 1348 um 16 Uhr. Dauer der ersten Erschütterung: bis zu 2 Minuten. Zahlreiche Nachbeben, bis zu 20je Tag, wahrscheinlich bis 5. März 1348 anhaltend. Epizentrum: in oder nahe bei Villach. Hauptschadenszone: zwischen dem Gerlitzen am Ossiacher See und der Wasserloenburg am Gailtal, Länge: etwa 25 Kilometer. Geschätzte Magnitude: 7. Intensität: XI. [...] Zahl der Toten, nach den nüchternsten Angaben: in Villach um 5000, bei Arnoldstein rund 3000, in Krain über 1500, zahlreiche in Friaul, insgesamt schätzungsweise 10 000. Durchmesser des Schüttergebiets: über 600 Kilometer, wenigstens von der Pfalz bis nach Ungarn, von Ravenna bis Prag.“

[4] Rohr, Extreme Naturereignisse, S. 50.

[5] Vgl. Rohr, Extreme Naturereignisse, S. 56-61. Rohr gibt hierbei sieben Kriterien an, die ich hier kurz ausführe. a) Mangel an Hilfskräften: Gerade wenn viele Menschen getötet oder verletzt werden, kommt es zu einer Verknappung an Hilfskräften. b) Erklärungsmuster und „soziale Gewissheit“: Aufgrund des Ausmasses verfällt der Mensch in Ratlosigkeit, was in der Folge zur Hinwendung zu religiös­theologischen Deutungsmustern führen kann. Auch Schuldzuweisungen sind Ausdruck dieser Unsicherheit, die aus dem Fehlen von Erklärungen resultiert. c) Direkte oder indirekte Betroffenheit: Bei einer Direktbetroffenheit entsteht für die Überlebenden eine persönliche Katastrophensituation. Naturkatastrophen können aber auch indirekt Menschen in grosse Krisen stürzen, zuweilen eine ganze Gesellschaft. d) Unerwartetheitversus Alltag: Das wichtigste Kriterium aus kulturgeschichtlicher Sicht ist das unerwartete Eintreten eines elementaren Ereignisses. In diesem Zusammenhang gewinnt der Aspekt der Erfahrung eine zentrale Bedeutung. Vgl. auch Borst, Das Erdbeben von 1348, S. 531 f. e) Häufung schwerer Naturereignisse in kurzer Zeit: Ein einzelnes extremes Naturereignis liess sich in vormodernen Gesellschaften zumeist noch einigermassen bewältigen, wenn aber mehrere Gewalten innerhalb kurzer Zeit wirksam wurden und eine Kettenreaktion auszulösen vermochten, zeitigte dies deutlich katastrophalere Auswirkungen. Vgl. hierzu Borst, Das Erdbeben von 1348, S. 540 und 558. sowie de Megenberg, DasBuchder Natur, S. 107-113. f) SymbolischeKonnotationen: EinNaturereignismusste nicht unbedingt materiellen Schaden anrichten, es kann auch durch seinen Symbolgehalt ein Katastrophenszenario auslösen. Vor allem Ereignisse, die im Sinne der Bibel hinweisenden Charakter auf dasjüngste Gericht und den apokalyptischen Jenseitsgedanken aufweisen, sind gemeint. Vgl. hierzu Koselleck, Krise, S. 618 f. und Koselleck, Begriffsgeschichten, S. 204 und 213 f. sowie Ruggiero/Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt, S. 96 f. und Fried, Aufstieg aus dem Untergang, S. 42 f. g) Allgemeine Krisenstimmung: Die Wahrnehmung extremer Naturereignisse als Katastrophe ist schliesslich in Zeiten intensiver, die allgemein als Krisen zu bezeichnen sind. Insbesondere Borst meint zeigen zu können, dass das Erdbeben von 1348 in eine Zeit der „universalen Krise der Geschichte“ fiel. Vgl. hierzu Borst, Das Erdbebenvon 1348, S. 558.

[6] Siehe Anm. 5.

[7] Vgl. Rohr, Extreme Naturereignisse, S. 131. Wie noch zu zeigen sein wird, ist diese Korrelation vor allem bei Conradus de Megenberg und seinem Buch der Natur ausführlich behandelt und interpretiert worden.

[8] Vgl. Ruggiero/Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt, S. 9-43. In ähnlicher Weise argumentiert Graus, Vom „Schwarzen Tod“ zur Reformation, S. 10-22., der vor allem die Herrschaftsformen, eine Gesamtübersicht über die Ökonomik der Städte und Landesherrschaften sowie die Beziehung zwischen Bauern und Stadtbevölkerung beleuchtet. Beim Versuch, dem Krisenbegriff eine allgemein gültige Definition für das Spätmittelalter aufzuzwingen, scheitern sowohl Graus als auch Schuster, Letzterer legt die „Krise des Spätmittelalters“ zwar m. E. korrekt als „Imagination des 20. Jahrhunderts“ aus, widersteht aber letztlich der Versuchung nicht, die These mittels Indikatoren zu verifizieren, die für das 20. Jahrhundert sicherlich zutreffend wären, für das Mittelalter aber den Zweck nicht erfüllen. Vgl. hierzu Graus, Pest - Geissler - Judenmorde, S. 529-550. und Schuster, Die Krise des Spätmittelalters, S. 42 f. und 53.

[9] Vgl. de Megenberg, Das Buch der Natur, S. 107-113.

[10]Vgl. Villani, Cronica, S. 183-185.

[11]Borst, Das Erdbebenvon 1348, S. 534.

[12]Rohr, ExtremeNaturereignisse, S. 131.

[13]Vgl. Ebd., S. 131.

[14]Vgl. Rohr, ExtremeNaturereignisse, S. 132. Rohr gehtauf grundsätzliche Problemsituationenund Schwierigkeiten bei der Fragestellung ein, wobei unterschiedliche Erfahrungshorizonte mit berücksichtigt werden müssen.

[15]Schuster, Die Krise des Spätmittelalters, S.41.

[16]Vgl. Ebd., S. 53.

[17]Vgl. Ruggiero/Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt, S. 92 und 96.

[18]Vgl. Drout, Everyone Was an Orthodox, Educated Roman Catholic, S. 54-59. ähnlich auch Dendle, „The Age of Faith“, S. 49-53. sowie Raiswell, The Age Before Reason, S. 124-134.

[19]Vgl. Weltecke, Der Narr spricht, S. 85 f.

[20] Ebd., S. 467.

[21] Vgl. Graus, Pest - Geissler - Judenmorde, S. 552.

[22] Ebd., S. 552.

[23] Vgl. Ebd., S. 555. Graus konzediert, dass eine gewisse Übereinstimmung bloss in der Annahme herrsche, kaum genaue Grenzdaten ziehen zu können. Nur Grenzzonen seien erkennbar, eine Anschauungsweise, die sich allgemein bei allen modernen Periodisierungsversuchen feststellen lasse.

[24] Vgl. Graus, Vom „Schwarzen Tod“ zur Reformation, S. 13. Vergleiche in besonderer Weise auch die Arbeit von Ruggiero/Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt, S. 80., denen womöglich der Text von Graus vorlag: „So überflüssig es auch scheinen mag, es muss doch hervorgehoben werden, dass die Gliederung der geschichtlichen Entwicklung in einzelne Abschnitte, die Periodisierung der Geschichte also, in den meisten Fällen ein Akt geistiger Bequemlichkeit ist. [...] Die Unterteilung der menschlichen Wirklichkeit in aufeinanderfolgende Epochen kann nur der Vereinfachung dienen.“

[25] Vgl. Schuster, Die Krise des Spätmittelalters, S. 40.

[26] Vgl. Graus, Pest - Geissler - Judenmorde, S. 537. „Ich schlage daher vor, als „Krise“ das Zusammenfallen verschiedenartiger Erschütterungen (sog. Teilkrisen) objektiver Art (qualitative Umbrüche, Trendeinbrüche, Trendwenden) zu bezeichnen, sofern sie von Erschütterungen (drohenden Verlusten) bisher kaum bestrittener Sicherheiten (Werte) begleitet sind, deren man sich bewusst ist. Die Einzelbestandteile sind meist unterschiedlich stark ausgeprägt; sie weisen zuweilen die Tendenz gegenseitiger Potenzierung auf. Begleitet werden Veränderungen von einem umfassenden Gefühl der Verunsicherung.“

[27] Rothe, Richard: Die Anfänge der christlichen Kirche und ihre Verfassung, in: Peter Meinhold (Hg.): Geschichte der kirchlichen Historiographie, München, Freiburg 1967, S. 221, zit nach Koselleck, Krise,

S. 648 f.

[28] Borst, Das Erdbebenvon 1348, S. 558.

[29] Vierhaus, Rudolf: Zum Problem historischer Krisen, in: Karl Georg Faber/Christian Meier (Hg.): Historische Prozesse, München 1978, S. 320 f (Beiträge zur Historik 2), zit. nach Schuster, Die Krise des Spätmittelalters, S. 37.

[30] Koselleck, Krise, S. 618 f.

[31] Koselleck, Vergangene Zukunft, S. 361.

[32] Koselleck, Begriffsgeschichten, S. 214.

[33] Ruggiero/Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt, S.92.

[34]Vgl. Dendle, „The Age ofFaith“, S. 49. „Ever since the European Renaissance, which largely defined itself by denigrating the European Middle Ages, the medieval era has been stigmatized as one of closed- minded credulity - a period of unquestioned superstitions, entrenched religiosity, and a childlike acceptance of received doctrines.”

[35] Weltecke, Jenseits des „Christlichen Abendlandes“, S. 24.

[36] Dormeier, Pestepidemienund Frömmigkeitsformen, S. 22.

[37]Vgl. Ruggiero/Tenenti, Die Grundlegung der modernen Welt, S. 96. „Die Frömmigkeit der Gläubigen, an deren Gehorsam und dogmatischer Einstellung kein Zweifel zu hegen ist. [...]“

[38] Drout, Everyone Was an Orthodox, Educated Roman Catholic, S. 54.

[39]Vgl. Weltecke, Jenseits des „Christlichen Abendlandes“, S. 23 f. AufSeite 24 beschreibt Stefan von Landskron in humoristischem Einschlag iml5. Jahrhundert den normalen, der Kirche halbwegs wohl gesonnenen, bürgerlichen Zeitgenossen, der sich weder den feindlichen Spöttern, den andersreligiösen Minderheiten noch den häretischen Konventikeln in der Stadt nahe fühlte, folgendermassen: „sol er zuo derpredigt geen, so hat er anders zu schaffen, sol er dabey bleiben, so ist esjm summer zu heyßjm winter sofriertjn. So derprediger an hebt zuopredigen, so hebt er an zuo schlaffen oder ettwas anders gedencken, hat es nitpald ein end, so geet er auch, sol er selber lesen, so thuotjm das haubt wee, soll er zuohören, so istjm es zuo lanck. Sol er fragen, das schämt er sich, soll er dauon gedencken so verdreust esjn. Ist erpey einer predigt so versaumpt er dye ander oder drey oder vier oder sy getjm zuo einem oren ein zuo dem andern wider auß.“ Stephan von Landskron, Die Hymelstrasz, Mit einer Einleitung und vergleichenden Betrachtungen zum Sprachgebrauch in den Frühdrucken, hg. von Gerardus Johannes Jaspers, Amsterdam 1979, fol. 2 (Quellen und Forschungen zur Erbauungsliteratur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 13), zit. nach Weltecke, Jenseits des „Christlichen Abendlandes“, S. 24.

[40] Graus, Vom „Schwarzen Tod“ zur Reformation, S. 11.

[41] Weltecke, Jenseits des „Christlichen Abendlandes“, S. 25.

[42] Vgl. Krüger, Krise der Zeit, S. 844.

[43] Rohr, ExtremeNaturereignisse, S. 53.

[44] Vgl. Villani, Cronica, S. 183-185.

[45] Vgl. de Megenberg, Das Buch der Natur, S. 107-113.

Details

Seiten
31
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656658238
ISBN (Buch)
9783656658269
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273591
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Philosophische Fakultät Historisches Seminar
Note
5.5
Schlagworte
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