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Verena Stefans "Häutungen". Eine Analyse hinsichtlich Ihrer Kritik am vorherrschenden heteronormativen Sexualitätsverständnis

Essay 2011 17 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. „ Beim schreiben bin ich auf die sprache gestossen “
2.2. „ Mich springen die blicke der männer an “
2.3. „ Eine all tägliche behandlung einer kolonisierten “
2.4. „ Nieder mit dem Koitus! “

3. Schlussteil

4. Quellen
4.1. Gedruckte Quellen
4.2. Darstellungen

1. Einleitung

Die spielarten des patriarchats sind vielfältig, doch überall richten sie sich gegen frauen und kinder alte und schwache, gegen alle die leben wollen, nicht nur überleben.1

Die Problematisierung eines als asymmetrisch verstandenen Machtverhältnisses, das sich insbesondere in der Konstruktion von Geschlechterdichotomien verselbstständigt, scheint im oben erwähnten Zitat Stefans als Topos eines Stark-Schwach-Gegensatzes ausgeleuchtet. Das Patriarchat, hier dargestellt als gleichsam usurpatorische Herrschaftsform, lässt Frauen, Kindern, Alten und Schwachen keine individuellen Gestaltungsräume, so dass „diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt ausser dem Gängel wagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften.“2 So hört der Gestaltungsraum, indem sich Frauen noch im 20. Jahrhundert bewegen dürfen, vor der Schwelle zum als vom Patriarchat öffentlich proklamierten Raum auf. Demnach ist gerade der politische Bereich - in bürgerlichen wie in linken Organisationen und Strukturen - überwiegend wenn nicht in Teilen sogar ausschliesslich Angelegenheit des phallischen Geschlechts.3 Hier vor allem setzt die Kritik einer sich akzentuierenden feministischen Literatur an, wobei sie den den Frauen zugedachte Ort innerhalb der „männlich dominierten“ Gesellschaft als Begrenzung des „weiblichen Lebenszusammenhanges“4 beschreibt. Sowohl der Ausschluss von Frauen aus dem Politischen wie auch die Tabuisierung privater Verhältnisse führten zu einer subversiven Politisierungs- und Veränderungspraxis, welche insbesondere Stefans publizistisches Schaffen prägte.5 Im Unterschied etwa zu Strucks „Klassenliebe“ kann „Häutungen“ als Bewegungstext verstanden werden, denn die Autorin kommt aus der aktiven Szene der Frauenbewegung und vollzieht in gewissem Sinne stellvertretend den allgemein ersehnten Schritt zur Selbstthematisierung und -reflexion.6 Das Patriarchat steht bei Stefan sinnbildlich für eine Herrschaftsform der Superiorität, dessen Legitimation sich aber in der Sprache Stefans im „genitalen ernst“7 eines sich rasch vollziehenden Koitus erschöpft. Aufgrund der Sensibilisierung für ein patriarchal „macht- asymmetrisches Sex-Gender-System“8 sollen nun folgende Fragen diskutiert werden:

Auf welche Weise wird das vorherrschende Sex-Gender-System kritisiert? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen und welche Deutungsansätze bieten postkoloniale Theorien? Welche subversiven Praktiken bieten sich für Stefan im „radikalen Subjektivismus“ an, um das zeitgenössische vergeschlechtlichte und heteronormative Sexualitätsverständnis zu kritisieren und zu hinterfragen?

2. Hauptteil

2.1. „ Beim schreiben bin ich auf die sprache gestossen “

9Stefans Umgang mit der deutschen Sprache, durch Verfremdung den alltäglichen Gebrauchssinn der gesetzten Wörter zu hinterfragen und auf die urtümliche, gleichsam etymologische, Bedeutung zu rekurrieren und durch Neuschöpfungen, insbesondere für die weibliche Körperlichkeit, neue Möglichkeiten für Gefühls- und Empfindungserlebnisse in Segregation zum vorherrschenden rassisierend-sexistischen Jargon zu finden, ist Ausdruck einer neo-feministischen Sprachkritik an der Sprache überhaupt.10 So sei Stefan „beim schreiben dieses buches, dessen inhalt hierzulande überfällig ist, [...] wort für wort und begriff um begriff an der vorhandenen sprache angeeckt.“11 Stefans Versuch, Distanz zur Alltagssprache zu gewinnen, stellt sie über eine optische Verfremdung - vor allem über metaphorische und lyrische Schreibweisen - her. Als Distanzierungsmittel ist die konsequente Kleinschreibung und die Trennung zusammengeschriebener Worte interpretierbar.12 Die Weiblichkeit als postulierte und problematisierte „Alterität“ neben der universalistischen Deutungs- und Diskurshegemonie des Maskulinen kann sich nicht in den vom männlichen Subjekt entwickelten Äusserungsformen bewegen, ohne selbst an dieser „Subjektskonstitution“13 der Frau teilzuhaben. Feminine Subjektivität wird bei Stefan also als „ andere Subjektivität“14 begriffen. Für die feministische Literatur allgemein wie für „Häutungen“ im Speziellen folgt hieraus, dass sich Schreibweisen weiblicher Subjektivität herauskristallisieren, die im Hinblick auf etablierte vergesellschaftete Diskursdispositive disparate Wahrnehmungsweisen befriedigen.15 So sind nämlich Alle gängigen ausdrücke - gesprochene wie geschriebene - die den koitus betreffen, brutal und frauenverachtend (bohren, reinjagen, stechen, verreissen, einen schlag hacken, mit dem dorn pieken usw.). der linke jargon drückt die machtverhältnisse unverändert aus, bezeichnet sie allenfalls eine spur unbeholfener. der linke 'schwanz' dringt in die linke 'möse' ein, und die personen 'bumsen' (lustvoll) miteinander. die vorgänge selber bleiben unangetastet. 'eindringen' anstelle von 'reinjagen' zu sagen, stellt den tatbestand selber nicht in frage. wenn eine frau anfängt, von ihrer 'möse' zu sprechen, hat sie lediglich die ausdrucksweise linker männer übernommen. der zugang zu ihrer vagina, zu ihrem körper wie zu ihr selber bleibt für sie verschlossen wie zuvor.16

Eigenes Gewicht erhält die Problematisierung der Sprache als System, in dem patriarchale Werte- und Normengebote perpetuiert, gleichsam zementiert und auf Dauer gestellt werden. Stefan findet für ihre Erfahrungen weiblicher Sexualität im patriarchalen Jargon keine Worte.17 Aufgrund solcher Überlegungen erhält der Körper der Frau in „Häutungen“ eine wichtige Bedeutung für Schreibweisen weiblicher Subjektivität. Das weibliche Begehren findet gerade mit dem weiblichen Körper statt, eine Vermählung und Hybridisierung mit dem männlichen Körper wird auf radikale Weise zurückgewiesen.18 Indem Stefan klinisch- konnotierte Ausdrücke verwendet, „wenn [sie] über heterosexualität schreib[t], sie sind neutraler, weniger beleidigend, verfremdender“19, stellt sie das hegemoniale heteronormierte Geschlechterverständnis in Frage und zwingt die heteronormative Gesellschaft, metaphorisch gesprochen, in der Arztpraxis zur Selbstreflexion. Die Sprache als einer der wesentlichsten Aspekte „weiblicher Ästhetik“20 „versagt, sobald ich über neue erfahrungen berichten will. angeblich neue erfahrungen, die im geläufigen jargon wiedergegeben werden, können nicht wirklich neu sein“21, räsoniert Stefan. Stefan bleibt auf der Ebene der Sprachkritik an einzelnen Wörtern hängen. Problematisch ist dabei vor allem ihr Glaube an die befreiende Bedeutung neuer Wörter: „beziehungen, beziehungsschwierigkeiten, mechanismen, sozialisation, orgasmus, lust, leidenschaft - bedeutungslos. sie müssen durch neue beschreibung ersetzt werden, wenn ein neues denken eingeleitet werden soll.“22 So erweist sich der eingeschlagene Weg als ästhetisch naiv, lässt sich doch eine weibliche Sprache nicht aus dem Nichts konstruieren. „Die Utopie gerinnt zur banalen Idylle.“23 In der Kraft dieser Utopie entfaltet die „weibliche Subjektivität“24 als Glitzerwort des Feminismus bei Stefan eine Zugangsmöglichkeit zum eigenen weiblichen Körper. Denn „in Opposition zum männlichen, 'objektivierenden', von sich absehenden Denken“25 sind diejenigen Sätze entlarvend, „die mit 'als frau hat man [kursive Hervorhebung von mir] ja...' beginnen. 'man' hat als frau keine identität. frau kann sie nur als frau suchen.“26 Die Identitätslosigkeit des weiblichen Körpers manifestiert sich geradezu exemplarisch in der Verobjektivierung literarischer Imagination männlicher Autoren. Der weibliche Körper bleibt darin unkontrollierbar, aber als Wunschobjekt gleichsam in kontradiktiver Form festgeschrieben.27

2.2. „ Mich springen die blicke der männer an “

28Die Feststellung und anschliessende Frage an die Mitgenossin Stefans, dass nämlich

die männergesellschaft uns allen unter der haut sitzt. es erfordert eine ungeheure kraft, sie nicht jeden tag neu herzustellen mit vertrauten handgriffen, wünschen, tätigkeiten und reaktionen... warum schminkst du dich beispielsweise, wenn du aus der frauenwohnung weg zu einer verabredung mit einem mann gehst, während du in der wohnung ganz 'natürlich' bist?29

implizieren eine grundsätzliche Frage an die westliche, okzidentale Entschleierungskultur. Sozialisierungsmechanismen erfinden eine homogen-genormte Weiblichkeit:

obwohl ich zeitweilig ein gefühl dafür bekam, dass ich meinen körper rundum bewohnen konnte, wurde ich doch stückweise daraus ausquartiert. Der stolz auf den ersten büsten halter, den ersten hüft gürtel und den ersten lippenstift! anleitungsriten und vorbilder rückten von allen seiten an mich heran.30

Stefan stellt in diesen Passagen fest, dass ihre Blösse kaum etwas mit Natur und Freiheit zu tun hat, sondern Ergebnis kultureller Zwänge und Disziplinierungen ist, die sich im Laufe der abendländischen Geschichte wie eine zweite Haut um den entkleideten Körper der Frau gelegt haben. [...] Bevor der Ingeborg Bachmann gründlich kritisiert wurde.“ Vor allem in dem Erzählungenband „Das dreissigste Jahr“ und in den „Frankfurter Vorlesungen“.

[...]


1 Stefan, Häutungen, S. 41. Die in dieser Arbeit verwendete Anmerkungs- und Zitierweise sowie die im Essay auf den letzten Seiten vorzufindende Form des Quellen- und Bibliographieverzeichnisses sind vollumfänglich dem Grundlagenpapier IV/3: „Abfassung wissenschaftlicher Arbeiten“ des Historischen Seminars der Universität Zürich entnommen. Das Grundlagenpapier ist über <http://www.hist.uzh.ch/studium/bamastudium/grundlagenpapiere.html> [Stand: 07.11.2011] einsehbar.

2 Kant, Aufklärung, S. 482.

3 Vgl. Weigel, Medusa, S. 53 f. Insbesondere interessant ist in diesem Zusammenhang Anm. 1 S. 54, die aufzeigt, dass selbst in der Gesetzgebung der BRD die Erwerbstätigkeit der Frau nicht ohne Widerstände und nicht ohne Einschränkungen als autonomes Recht formuliert worden sei.

4 Prokop, Ulrike: Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt a. M. 1976, zit. nach Weigel, Medusa, S. 54.

5 Vgl. Ebd., S. 54.

6 Vgl. Ebd., S. 102 f.

7 Stefan, Häutungen, S. 46.

8 Dietze, Okzidentalismuskritik, S. 49.

9 Stefan, Häutungen, S. 4.

10 Vgl. Weigel, Medusa, S. 104.

11 Stefan, Häutungen, S. 3.

12 Vgl. Frei Gerlach, Geschlecht, S. 43.

13 Weigel, Medusa, S. 95.

14 Ebd., S. 95 f.

15 Vgl. Ebd., S. 95 f.

16 Stefan, Häutungen, S. 3.

17 Vgl. Frei Gerlach, Geschlecht, S. 43.

18 Vgl. Weigel, Medusa, S. 97. Weigel, Medusa, S. 105 sieht in der Naturmetaphorik eine strittige Perspektivierung, die Stefan anbietet: „ihre Andeutung einer anderen Lebensweise im Zusammenleben von Frauen, ihr positiver Rekurs auf matriarchale Mythen und ihr Plädoyer für ein neues Naturverhältnis und für ein positives Verhältnis zum weiblichen Körper.“ Frei Gerlach, Geschlecht, S. 44 sieht darin den Versuch Stefans, „im Rückgriff auf Naturmetaphorik aus einer noch heilen Welt und archaischen Matriarchatsmythen über die Schöpfung einer neuen Sprache eine als ursprünglich begriffene Ganzheit wiederzugewinnen. [...] Im Rekurs auf eine ursprünglich phylogenetische Einheit der Frau mit der Natur entwirft Stefan die weibliche Ontogenese als auf eine neue Natur-Einheit gerichtet und erzeugt damit die Illusion, die Aufhebung weiblicher Entfremdung sei [...] über die Gewinnung eines neuen Körperbewusstseins und einer daraus resultierenden neuen Sprache unmittelbar zu realisieren.“

19 Stefan, Häutungen, S. 3.

20 Weigel, Medusa, S. 104 f.

21 Stefan, Häutungen, S. 3.

22 Ebd., S. 4.

23 Frei Gerlach, Geschlecht, S. 44. Vgl. Weigel, Medusa, S. 104 f. „[...] ein Sprachoptimismus, der schon von

24 Weigel, Medusa, S. 94.

25 Wördemann, Johanna: Schreiben um zu überleben oder Schreiben als Arbeit, in: Alternative 108/109. Das Lächeln der Medusa, 1976, S. 115, zit. nach Ebd., S. 94.

26 Stefan, Häutungen, S. 4.

27 Vgl. Weigel, Medusa, S. 112.

28 Stefan, Häutungen, S. 37.

29 Ebd., S. 88.

30 Ebd., S. 10.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656658160
ISBN (Buch)
9783656658153
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273570
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Philosophische Fakultät Asien-Orient-Institut
Note
6.0
Schlagworte
Gender Queer Geschichte Frauenbewegung Emanzipation Subjektivismus Patriarchat Feminismus Vergeschlechtlichung Geschlecht Phallus Frauengeschichte Stefan Häutungen Verena Heteronormativität Postkolonialismus Frauen Männer Koitus Sex Biopolitik

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Titel: Verena Stefans "Häutungen". Eine Analyse hinsichtlich Ihrer Kritik am vorherrschenden heteronormativen Sexualitätsverständnis