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Hintergründe und Funktionsweise von systemischen Familienaufstellungen

Vermeintliche oder tatsächliche Wirksamkeit der Ansätze von Bert Hellinger

Studienarbeit 2014 19 Seiten

Psychologie - Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition „Systemaufstellung“

3. Familienaufstellung nach Hellinger
3.1 Funktionsweise einer Familienaufstellung nach Hellinger
3.2 Kennzeichen der Aufstellungsarbeit in Abgrenzung zu anderen Methoden
3.3 Begründungen für die Wirksamkeit von Aufstellungen
3.4 Ursprünge und ideologische Hintergründe der Aufstellungsarbeit
3.4.1 Die Externalisierung eines inneren Bildes – Jakob L. Moreno
3.4.2 Familienskulptur und Familienrekonstruktion – Virginia Satir
3.4.3 Morphogenetische Felder – Rupert Sheldrake
3.4.5 Konstruktivismus
3.4.6 Phänomenologie
3.5. Empirische Untersuchungen zur Wirksamkeit von Aufstellungen
3.5.1 Studie von Schlötter
3.5.2 Studie von Höppner
3.5.3 Studie von Langlotz
3.6 Organisationsaufstellungen innerhalb von Wirtschaftsunternehmen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bis etwa Mitte der 1990er Jahre waren Familienaufstellungen nur sehr wenigen Leuten bekannt. Seit diesem Zeitpunkt gab es eine rasante Verbreitung dieser Therapiemethode, die maßgeblich von Bert Hellinger entwickelt wurde. Besonderen Einfluss auf die zunehmende Verbreitung hatte vor allem die Publikation „Zweierlei Glück“ von Gunthard Weber im Jahr 1993. Mit den seit einigen Jahren existierenden Organisationsaufstellungen, die den Kontext der Familie sowie den therapeutischen Rahmen verlassen haben und im Arbeitsalltag Anwendung finden, hat sich nun das Spektrum der Aufstellungsarbeit zu einer Reihe systemischer Aufstellungen erweitert. Die Debatte um die Methodik der Aufstellungen wird allerdings äußerst kontrovers geführt, da Kritiker der Aufstellungsarbeit auf die mangelhafte Wissenschaftlichkeit verweisen. Verfechter der Aufstellungsarbeit führen dagegen empirische Untersuchungen an, die die Wissenschaftlichkeit dieses Ansatzes sowie die generelle Wirksamkeit dieser Methode ihrer Ansicht nach belegen. Die ideologischen Hintergründe von Familienaufstellungen bestehen primär in den familientherapeutischen Ansätzen von Virginia Satir, in der sogenannten Externalisierung des inneren Bildes nach Jakob L. Moreno sowie in den morphogenetischen Feldern nach Rupert Sheldrake. Auch die Konstrukte des Konstruktivismus und die Phänomenologie prägen die systemischen (Familien-) Aufstellungen.

2. Definition „Systemaufstellung“

Häufig wird der Begriff „Aufstellung“ mit dem Begriff „System“ kombiniert. Dadurch soll zum einen zum Ausdruck gebracht werden, dass es nicht nur das System „Familie“ Gegenstand von Aufstellungen ist, sondern beispielsweise auch politische Systeme (politische Aufstellungen) und Organisationen (Organisations-aufstellungen). Zum anderen soll dadurch unterstrichen werden, dass die Aufstellungsmethode mit dem systemischen Paradigma der Wissenschaft verknüpft ist. In dieser Perspektive werden strukturelle Eigenschaften des Systems anstatt von individuellen Merkmalszuschreibungen in den Mittelpunkt gestellt.[1]

Systemisches Denken bedeutet demnach, in Kreisläufen zu denken, anstatt in linearen Verläufen, mit dem Ziel Wechselwirkungen zwischen den Systemelementen zu berücksichtigen.[2]

3. Familienaufstellung nach Hellinger

3.1 Funktionsweise einer Familienaufstellung nach Hellinger

Seit den späten 1970er Jahren entwickelte Bert Hellinger seinen Ansatz der Familienaufstellungen. Er zeigte auf, „welche Wechselwirkungen in einem Familiensystem ablaufen, wie familiäre Bindungen sich über Generationen auf das Leben des Einzelnen auswirken können und wie ein Familiensystem sich neu strukturieren kann, wenn alte traumatische Erfahrungen gesehen und geachtet werden.“[3]

Beim Familienstellen nach Bert Hellinger wählt der Klient unter den Gruppenmitgliedern, die ihm in der Regel fremd sind, Stellvertreter für seine Familienmitglieder aus. So sucht der Klient beispielsweise eine Frau für seine Mutter, einen Mann für seinen Vater sowie eine Person für sich aus. Der Seminarleiter bestimmt hierbei, welche Familienmitglieder aufgestellt werden sollen. Anschließend werden diese Stellvertreter vom Klienten intuitiv im Raum platziert. Die Stellvertreter haben nur wenige Informationen über die Personen, für die sie stehen. Lediglich im Vorgespräch in der Gruppe werden bedeutsame Fakten (z.B. Todesfälle, Scheidungen, im Heim aufgewachsen, Alkoholiker etc.) zur Familienkonstellation genannt, es liegt hierbei im Ermessen des Seminarleiters, wie viele Informationen angebracht sind.[4]

Wenn die Stellvertreter aufgestellt sind, werden sie vom Seminarleiter befragt, wie sie sich selber in der aufgestellten Konstellation fühlen und welche Empfindungen sie hinsichtlich der Beziehung zu den anderen haben. Im weiteren Verlauf der Aufstellung verändert der Seminarleiter das Aufstellungsbild, in dem er seiner Intuition folgt. Durch das Aufstellungsbild und durch die geäußerten Gefühle der Stellvertreter bekommt der Seminarleiter ein Bild von der Dynamik innerhalb der Familie. Häufig werden auch ausgeklammerte Familienmitglieder in Form von weiteren Stellvertretern in die Aufstellung hinzugezogen.[5]

In der Aufstellungsart nach Hellinger dürfen sich die Stellvertreter mehr oder weniger frei bewegen, sofern sie einen inneren Impuls dazu verspüren. Der Klient, der von außen zusieht, kann nun sich selbst und seine Familie, die er sonst immer nur von innen erlebt hat, von außen wahrnehmen.[6]

Am Ende einer erfolgreichen Aufstellung ergibt sich ein sogenanntes Lösungsbild. Im Gegensatz zu der Konstellation zu Beginn der Aufstellung stehen die Beteiligten nun an für sie optimalen Plätzen, die ein Gefühl der Stimmigkeit vermitteln. Innerhalb dieser Lösungskonstellation fühlen sich die Stellvertreter meistens kraftvoll sowie voller Zuversicht und sehen neue Wege und Handlungsalternativen.[7]

Ein erstaunliches Phänomen bei der Aufstellungsarbeit sind die Rückmeldungen und die Körperwahrnehmungen der Stellvertreter, die sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Konstellation verändern. Es scheint so, als ob die Stellvertreter auf eine nicht erklärbare Weise Informationen über das aufgestellte System bekommen.

Eine repräsentative Wahrnehmung kann somit als Fähigkeit des Menschen angesehen werden, die Beziehung der dargestellten Systemelemente zueinander durch intuitive Veränderung der Körperwahrnehmung abzubilden. Demnach können Stellvertreter bei Aufstellungen wahrnehmen, was den Aufsteller seelisch bewegt. Selbst wenn ein Klient bestimmte Informationen nicht preisgibt, spüren die Stellvertreter, dass es noch etwas Wichtiges und Unausgesprochenes gibt.[8]

Innerhalb von Aufstellungen ist es nach Ansicht von Nelles (2003) geradezu gespenstisch, wie treffend völlig unbekannte Personen durch die Stellvertreter wiedergegeben werden. Aber nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für die Seminarleiter ist dieses Phänomen nicht wirklich verständlich. Aufgrund von vielfachen Erfahrungen wird dieses Phänomen als Tatbestand angesehen, auf den man sich verlassen und mit dem arbeiten kann.[9]

Die Stellvertreter können generell auch nicht mehr wissen als das, was in der Seele einer Person, die eine Aufstellung macht, an Informationen und Gefühlen vorhanden ist. Im Gegensatz zum Klienten sind die Stellvertreter aber in der Lage, auch die verdrängten und nicht-bewussten Seelenanteile auszudrücken und zu formulieren.[10]

3.2 Kennzeichen der Aufstellungsarbeit in Abgrenzung zu anderen Methoden

König (2004) analysiert die Weiterentwicklung der Aufstellungsarbeit gegenüber ihren Vorläufern in Psychodrama und Familienrekonstruktion. Die wesentlichste Weiterentwicklung liegt demnach darin, dass die Aufstellungsarbeit sowohl eine Gegenstandstheorie, das heißt eine Theorie der Familie, als auch eine spezifische Vorgehensweise formuliert. Diese beiden Elemente sind eng aufeinander bezogen. Darüber hinaus verlebendigt eine Aufstellung nicht nur das innere Bild eines Protagonisten, sondern in ihr wird zugleich eine Systemebene sichtbar, die über das Wissen des Protagonisten hinausgeht. Beim Psychodrama, aber auch bei der Familienrekonstruktion spielt die Spontaneität des Protagonisten eine große Rolle. In der Aufstellungsarbeit erhält die Arbeit einen deutlicheren Rahmen und es gibt einen starken Bezug zu den familiären Strukturen und Prozesse. Die Veränderungen werden hierbei nicht vom Protagonisten vollzogen, sondern vielmehr von den Stellvertretern, die seine Familie repräsentieren. Der Leiter führt diese Veränderungen auf Basis seines Wissens über familiäre Strukturen und auf Grundlage der Wahrnehmungen und Rückmeldungen der Stellvertreter zurück. Der Protagonist nimmt dann seinen Platz in der veränderten Aufstellung ein und erst zu diesem Zeitpunkt findet die Arbeit an und mit Gefühlen statt. Hieran wird die Weiterentwicklung der Aufstellungsarbeit gegenüber ihren Vorläufern deutlich. Denn diese Trennung der Arbeit und Strukturen im Stellvertretersystem einerseits und der Arbeit an den emotionalen Prozessen und Stellnahmen des Protagonisten innerhalb und gegenüber den Beziehungen in diesen Strukturen andererseits ist ein wesentliches Charakteristikum der Aufstellungsarbeit. Auch gegenüber dem familientherapeutischen Ansatz der Familienskulpturen gibt es wichtige Änderungen. In einer Familie, die therapeutische Hilfe in Form von Familienskulpturen in Anspruch nehmen möchte, wird sicherlich jedes Familienmitglied sein eigenes Bild von der Familie haben. Das Veränderungspotenzial liegt dann vor allem darin, dass ein Kennen lernen der gegenseitigen Bilder geschieht. Der Erfolg der Therapiemethode „Familienskulptur“ ist also darin zu sehen, dass die Familienmitglieder in ihren individuellen Bildern ähnlicher werden bezüglich auf die familiären Aufgaben. Diese Methode ist zum einen zwar wirklichkeitsnäher, zum anderen wird die Arbeit mit Familien stärker an die Beharrungskräfte dieser Wirklichkeit gebunden. Eine Familienaufstellung mit Stellvertreten bietet stattdessen die Möglichkeit eines größeren Veränderungspotenzials für den einzelnen Protagonisten und dieser muss dafür höchstens an seinen eigenen Beharrungskräften arbeiten und nicht an denen der ganzen Familie.[11]

[...]


[1] vgl. Ruppert, Franz, Trauma, Bindung und Familienstellen, Verlag Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2005, S.217

[2] vgl. Rädiker. Stefan, Systemische Aufstellungen mit Studierenden im Praktikum, Diplomarbeit im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg, April 2002, S.7

[3] Tillmetz, Eva, Familienaufstellungen, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2012, S.3

[4] vgl. Nelles, Wilfried, Das Hellinger-Prinzip, Verlag Herder, Freiburg 2003, S.30 ff

[5] vgl. Langlotz, Robert, Die Aufgaben des Therapeuten beim Familien-Stellen, in:

Weber, Gunthard (Hrsg.), Praxis des Familien-Stellens. Beiträge zu Systemischen Lösungen nach Bert Hellinger, Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1998, S.93 ff

[6] vgl. Nelles, Wilfried, Das Hellinger-Prinzip, Verlag Herder, Freiburg 2003, S.34 ff

[7] vgl. Rädiker. Stefan, Systemische Aufstellungen mit Studierenden im Praktikum, Diplomarbeit im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Philipps-Universität Marburg, April 2002, S.34 f

[8] vgl. Ruppert, Franz, Trauma, Bindung und Familienstellen, Verlag Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2005, S.218 f

[9] vgl. Nelles, Wilfried, Das Hellinger-Prinzip, Verlag Herder, Freiburg 2003, S.37

[10] vgl. Ruppert, Franz, Trauma, Bindung und Familienstellen, Verlag Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2005, S.218 f

[11] vgl. König, Oliver, Die Weiterentwicklungen der Aufstellungsarbeit, in: Praxis der Systemaufstellung, Heft 2/2004, S.75 f

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656657194
ISBN (Buch)
9783656657187
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273523
Note
Schlagworte
hintergründe funktionsweise familienaufstellungen vermeintliche wirksamkeit ansätze bert hellinger
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