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Die Quantified Self-Bewegung als Phänomen der Postmoderne nach Zygmunt Bauman

Hausarbeit 2013 21 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Moderne als Kampf gegen das Chaos
Ambivalenz als Produkt der Moderne
Körperlichkeit in der Moderne

Der Wandel zur Postmoderne
Identitätsbildung in der Postmoderne
Der postmoderne Körper
Postmoderne als Konsumgesellschaft
Die Rolle der Experten
Wissenschaft
und Technologie

Exkurs: die flüchtige Moderne

Die Quantified Self-Bewegung
Geschichte der Quantified Self-Bewegung
Motivationsgründe für Quantified Self
Das Individuum vor neuen Problemen

Der Selbstquantifizierer als Prototyp des postmodernen Menschens nach Zygmunt Bauman ..

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Zygmunt Bauman gilt als einer der renommiertesten Soziologen der Postmoderne und als derjenige, der diesen Begriff maßgeblich prägte. Für ihn ist das „Bedürfnis nach Rationalität“ (Bauman, 1992, S. 271) der zentrale Wesenszug der (Post-)Moderne - eine Rationalität, die fiktiv und unerreichbar ist, da im Zuge des Strebens nach ihr kontinuierlich neue Mehrdeutigkeiten entstehen, die nach rationalen Lösungen verlangen.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich eine Tätigkeit, der eine immer größere Gruppe von Menschen nachgehen und dessen Maxime „Self-knowledge through numbers“ lautet. Es geht um die totale Objektivierung des menschlichen Körpers, um die Rationalisierung einer der letzten Bastionen der Subjektivität. In meiner Arbeit möchte ich aufzeigen, inwiefern es sich in die Theorien Baumans einbetten lässt, beziehungsweise inwiefern es sich bei Quantified Self um ein prototypisches Phänomen der Postmoderne bei Bauman handelt.

In meiner Darstellung der Analysen Zygmunt Baumans stelle ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und gehe eher punktuell vor. Im Sinne des Umfangs meiner Arbeit und im Sinne des Bezugs auf meinen Analyseschwerpunkt gehe ich beispielsweise nicht auf den Holocaust an den Juden in Europa als Konsequenz der Moderne ein, ein Bereich, der im Lebenswerk Baumans einen großen Platz einnimmt. Dafür beleuchte ich innerhalb eines groben Abrisses über die Charakteristika der Moderne und der Postmoderne jeweils explizit das Individuum-Körper-Verhältnis, einen Bereich, der mich im Hinblick auf die Quantified Self-Bewegung, die sich der Übersetzung von Körperfunktionen in Zahlen verschrienen hat, besonders interessiert. Darüber hinaus skizziere ich aus eben jenem Grund die Rolle, die nach Bauman die Technologie und die Wissenschaft in der Postmoderne einnehmen.

Ich halte es für sinnvoll, in das Lebenswerk Baumans und die Konzepte, die hinter seiner Definition der (Post-)Moderne stehen am Anfang meiner Arbeit einzuführen. Im Anschluss gebe ich einen Überblick über die Quantified Self-Bewegung, während ich diese im letzten Abschnitt in Baumans Theorien eingliedere.

Die Moderne als Kampf gegen das Chaos

Bauman selbst beschreibt das, was er als Moderne bezeichnet, zuerst einmal als eine historische Periode, „die in Westeuropa mit einer Reihe von grundlegenden sozio- strukturellen und intellektuellen Transformationen des 17. Jahrhunderts begann und ihre Reife erreichte: (1) als ein kulturelles Projekt - mit dem Entstehen der Aufklärung; (2) als eine sozial vollendete Lebensform - mit dem Entstehen der Industriellen (kapitalistischen oder später auch kommunistischen) Gesellschaft“ (Bauman, 1992, S. 348). In seinen soziologischen Analysen interessiert er sich primär für die kulturelle Seite moderner Industriegesellschaften. Was den „Geist der Moderne“ für ihn ausmacht, ist zum einen das Hinarbeiten auf eine „rational fehlerlose und ästhetisch vollkommene Ordnung“ (Bauman, 1993, S. 10), das heißt das Streben nach einer perfekten harmonischen Welt, und zum anderen der „Drang, Grenzen zu überschreiten, die Dinge zu verändern und das Interesse, dies zu tun“ (Bauman, 1993, S. 3). War in der prämodernen Welt die Vorstellung der göttlichen Ordnung dominant, so setzte sich die Erkenntnis durch, die Welt könne verändert werden. Daraus ergibt sich, was sich für Bauman als Ausgangspunkt und gewissermaßen als ein Hauptcharakteristikum der Moderne darstellt: das Herstellen von Ordnung. Nach ihm ist die Moderne dem Kampf gegen das Chaos und gegen die Mehrdeutigkeit verpflichtet, indem sie klassifiziert und sprachlich einordnet. Sie agiert im Sinne einer häufig verwendeten Metapher als Gärtner, der in die Naturwüchsigkeit der Pflanzen eingreift, um mit bestimmten Methoden einen Zustand nach seinen Vorstellungen zu erreichen.

Dabei ist Ordnung als Konzept etwas, was im Zuge der Modernisierung überhaupt erst entstand und vorher unbekannt gewesen ist, beziehungsweise nicht existiert hatte. „Die Entdeckung, dass Ordnung nicht natürlich ist, war die Entdeckung der Ordnung als solcher “ (Bauman, 1992, S. 18).

Ambivalenz als Produkt der Moderne

Dem Streben nach Ordnung inhärent ist die Ambivalenz. Als „Möglichkeit, einen Gegenstand oder ein Ereignis mehr als nur einer Kategorie zuzuordnen“ (Bauman, 1992, S. 13), also als Klassifikationsproblem, ist sie für Baumann ein logisches Produkt des Versuches, Eindeutigkeit der Klassifikation im Sinne einer perfekten Ordnung herzustellen. Ambivalenz entsteht dort, wo eine Situation nicht nach den herkömmlichen sprachlichen Mustern differenziert werden kann, denn jedes Klassifikationssystem ist, bezogen auf die Realität, per se unvollständig. Durch das Anpassen der Klassifikationssysteme wird eine immer detailliertere und feingliedrigere Beschreibung der Welt möglich, allerdings hat dieser Prozess der „ Fragmentierung der Welt“ (Bauman, 1992, S. 26), also das Aufgliedern der „großen Vision der Ordnung“ in eine Fülle kleiner Probleme, vor allem den Effekt, dass an unzähligen neuen Fronten neue Ambivalenzen entstehen. „Probleme werden durch das Problem-Lösen geschaffen, neue Gebiete des Chaos werden durch die Ordnungs-Aktivität erzeugt. Fortschritt besteht zunächst und vorrangig im Veralten der Lösungen von gestern." (Bauman, 1992, S. 28). Die absolute Wahrheit, die Ordnung, die Gewissheit, nach der die Moderne nach Bauman strebt, wird in seinem Werk als Horizont versinnbildlicht, der, kontinuierlich zum zielgerichteten Gehen anspornend, doch immer in weiter Ferne bleibt.

Körperlichkeit in der Moderne

Die modernen Individuen glichen, so Bauman, Pilgern. Durch den Staat durch Verordnungen und Routinen standardisiert und vorhersehbar gemacht, waren sie dazu angehalten, sich ein festes Ziel zu setzen und dieses hartnäckig zu verfolgen um dann die Früchte der lebenslangen Arbeit genießen zu können. Das implizierte auch die Konformität des Körpers (Bauman, 1997, S. 182). Die Individuen sollten für die Gesundheit ihres Körpers sorgen, welcher klar durch die Tauglichkeit zur Arbeit und zum Kampf definiert war. Eine mangelnde Gesundheit der Bevölkerung wurde als eine Bedrohung der sozialen Ordnung empfunden (Moebius, 2006, S. 368)

Der Wandel zur Postmoderne

Die Bewusstwerdung des Staates über die Unmöglichkeit der selbst auferlegten Aufgabe, der Durchsetzung einer eindeutigen Ordnung, markiert den Übergang von der Moderne zur Postmoderne, der sich bei Bauman im 21. Jahrhundert vollzieht. Während der Staat an seine Grenzen stößt und seine Ordnungsansprüche nicht mehr durchsetzen kann, treten vermehrt andere alternative Klassifikationsversuche auf, an denen er sich messen muss. Der Verfall der strukturellen Macht der Moderne begin nt (Junge, 2006, S. 61). Allerdings ist festzuhalten, dass mit der Postmoderne die Moderne keineswegs an ihr Ende gelangt ist, was bedeuten würde, diese beiden Begrifflichkeiten als klar trennbare historische Perioden zu begreifen. Viel eher ist die Postmoderne als ein Bestandteil der Moderne, als „untrennbarer Zwilling“ (Junge, 2006, S. 79) zu begreifen. „Die Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts ist so modern wie die am Beginn des 20. Bestenfalls ist es eine andere Art der Moderne. Was sie von allen bisherigen Formen menschlichen Zusammenlebens unterscheidet und sie gleichzeitig mit der Moderne des letzten Jahrhunderts verbindet, ist die getriebene, obsessive, durchgängige und unaufhaltsame und ewig unvollendete Modernisierung, das überwältigende und unauslöschliche, nie zu stillende Streben nach kreativer Zerstörung“ (Bauman, 2000, S. 38). Das heißt, dass auch in der Postmoderne das Ambivalenzproblem besteht, nur haben sich die Mittel der Bewältigung geändert. Während die Moderne die Unordnung durch rationale Kontrolle und Planung bändigen wollte, wurde in der Postmoderne die Ambition zur Durchsetzung eines Klassifikationssystems zusammen mit dem „Glaube an ein Ende des Wegs, auf dem wir voranschreiten, an ein erreichbares Telos des historischen Prozesses“ (Bauman, 2000, S. 39) aufgegeben.

Im Zuge dieses ernüchternden Prozesses („Postmoderne, so könnte man sagen, ist Moderne ohne Illusion“ (Bauman, 1993, S. 55)) zieht sich der Staat als „autoritäre Ordnungsinstanz“ (Moebius, 2006, S. 372) zurück und überlässt dem Individuum die Verantwortung für die soziale Ordnung. Statt Bürger werden jetzt Konsumenten ausgebildet, statt Autorität herrscht in der Postmoderne Privatisierung und Deregulierung (Bauman, 1997, S. 182). Für das Individuum bedeutet dies eine Abnahme an individueller Sicherheiten und eine Zunahme der Entscheidungsfreiheit, was in eine Bewegung der Ambivalenz vom Kollektiv ins Private resultiert. „Ambivalenz ist aus der öffentlichen Sphäre in die private übergegangen, weil keine weltliche Macht mehr die Neigung zeigt, sie auszulöschen. Sie ist jetzt im Großen und Ganzen eine persönliche Angelegenheit. Wie so viele andere globale gesellschaftliche Probleme muss dieses jetzt individuell angepackt und, wenn überhaupt, mit individuellen Mitteln gelöst werden“ (Bauman, 1992, S. 239).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Moderne und Postmoderne nach Bauman; Quelle: Junge & Kron, 2007, S. 301

Individuelle Ohnmacht entsteht aus den unzählbar vielen Alternativen, aus denen das Individuum wählen kann und in dem Moment, in dem es sich für eine entscheidet, wird es sich schmerzhaft der unendlich vielen ungenutzten Möglichkeiten bewusst. Das ist, was Bauman als „Unbehagen in der Postmoderne“ (1999) bezeichnet, wohingegen er „Unbehagen in der Moderne“ spiegelbildlich als Resultat aus der Konfrontation mit einem Übermaß an Ordnung (also Unfreiheit) skizziert (Junge, 2006, S. 74).

Um einen Überblick über die Moderne und Postmoderne bei Bauman zu erhalten, zeigt Abbildung 1 eine Gegenüberstellung, wobei ich in der vorliegenden Arbeit aufgrund des begrenzten Umfanges auf einige Wesenszüge nicht eingehen werde.

Identitätsbildung in der Postmoderne

Identität ist nicht (mehr) etwas, was über das gesellschaftliche Umfeld zugeschrieben wird, sondern sie muss jetzt von jedem einzelnen durch seine individuelle Lebensplanung selbst geschaffen werden. „Individuelle Selbstkonstruktion“ bedeutet aber auch, dass die Angst vor Versagen und Ungewissheit unmittelbar auf dem Einzelnen lastet und einzig durch individuelles Handeln abgewehrt werden kann. Baumann vergleicht das postmoderne Individuum mit einem Bergsteiger, der befürchtet, vor dem Gipfel zu scheitern, zugleich aber auch unter der Furcht leidet, den Gipfel irgendwann erreicht zu haben, weil er dann nirgendwohin mehr klettern kann (Bauman, 1997, S. 194). Es legt Wert auf die Vermeidung von Festlegungen und Bindungen und die Betonung offener Optionen, das heißt der postmoderne Mensch ist im Prinzip kontinuierlich auf der Flucht: auf der Flucht vor der Ambivalenz und auf der Flucht vor der Festlegung (Junge, 2006, S. 75).

Hier gibt es klare Parallelen zu anderen populären soziologischen Gegenwartsdiagnosen; Peter Gross formuliert in seiner Analyse der „Multioptionsgesellschaft“ eine Gesellschaft, in der der „Heterogenisierung der Lebensstile und dem Mix von Lebensstilen aus heterogenen Elementen“ (Gross, 1994, S. 59) keine Grenzen gesetzt sind und somit durch das „ unendliche Begehren nach Mehr “ (Gross, 1994, S. 62) in zunehmendem Maße „Realisierungsdruck“ entstehen lässt.

Der postmoderne Körper

Der Einzelne muss ausreichend flexibel sein, um in seinem Leben so viel wie möglich empfinden und erfahren zu können, was sich wiederum im Verhältnis zum Körper ausdrückt. Es liegt in der Verantwortung des Individuums, seinen Körper fit zu halten. „Der postmoderne Körper ist vor allem ein Empfänger von Empfindungen, er trinkt und verdaut Erfahrungen, die Fähigkeit, stimuliert zu werden macht ihm zu einem Werkzeug der Lust.

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Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656656852
ISBN (Buch)
9783656656883
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273490
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
quantified self-bewegung phänomen postmoderne zygmunt bauman

Autor

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