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Risiko- und Katastrophensoziologie. Charles Perrows den Begriff „normale Katastrophen“ und seine Bedeutung für moderne Gesellschaften

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 20 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Normale Katastrophen
2.1. Der ganz normale Unfall
2.2. Komplexität, Koppelung und Katastrophe
2.3. Beispiel: Der normale Unfall von Three Mile Island

3. Mit Hochrisikosystemen leben
3.1. Weltrisikogesellschaft
3.2. Risikoanalyse

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Reaktorunglück im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, das am 11. März 2011 durch ein Erdbeben der Stärke 9.0 ausgelöst wurde, zeigt die Aktualität und Brisanz der von Charles Perrow in seinem Buch „Normale Katastrophen – Die unvermeidbaren Risiken der Großtechnik“ beschriebenen Risiken und Gefahren der modernen Weltgesellschaft.

Perrows Buch ist Grundlage dieser Hausarbeit, in deren Rahmen erläutert werden soll, wie genau der Begriff der „normalen Katastrophe“ begründet wird und inwiefern dies für moderne Gesellschaften charakteristisch ist. Anhand der Definition einiger zentraler Begriffe soll dargestellt werden, wie Systeme aufgebaut sind und worin sich das immense Risikopotential verbirgt. Da alle von Perrow behandelten Beispiele für normale Katastrophen weit über den Umfang einer Hausarbeit hinausgehen würden, beschränkt sich die Ausführung aufgrund der aktuellen AKW-Debatte nach dem Unglück in Fukushima auf die sog. Beinahe-Katastrophe des Kernkraftwerks Three Mile Island.

Zum Ende der Arbeit sollen - neben Perrows Risikoanalyse - die Einflüsse von Wirtschaft, Profitdenken und Fortschritt auf die Risiken der Großtechnik hervorgehoben werden, welche die „normalen Katastrophen“ so charakteristisch für unsere modernen Gesellschaften machen.

2. Normale Katastrophen

In diesem Abschnitt soll deutlich gemacht werden, wie Perrow den Begriff der normalen Katastrophe begründet.

2.1. Der ganz normale Unfall

Damit es zu einer Katastrophe wie dem Reaktorunglück von Fukushima, Tschernobyl oder Three Mile Island kommt, muss eine beträchtliche Anzahl verschiedener Faktoren gleichzeitig aufeinander treffen. Tatsächlich sind Katastrophen und Unfälle von so großem Ausmaß sehr selten. Doch bezeichnet Perrow all diese und noch viele weitere, in dessen Werk behandelte Systemunfälle als „normal“. Wie lässt sich nun dieser Begriff genau erklären?

Perrow zufolge haben die modernen Gesellschaften Systeme hervorgebracht, die höchst komplex und meist sehr eng gekoppelt sind. Auftretende Probleme sind „so beschaffen, daß kein Konstrukteur vorher daran gedacht hat“(Perrow 1992, S.17). Verschiedene Teile des Systems gehen unvorhergesehene Interaktionen mit umliegenden Teilen ein, sodass es zu Störungen kommt, mit denen Niemand zuvor gerechnet hat. Selbst das Einbauen von nachträglichen Redundanzen (Sicherheitssystemen) kann unter Umständen dazu führen, dass das System noch komplexer wird, und das Gegenteil von dem erreichen wozu es dienen soll, nämlich das System sicherer zu machen. Perrow fasst diese Eigenschaften unter dem Begriff Komplexität zusammen. Ein weiterer wichtiger Faktor beim normalen Unfall ist die enge Koppelung. Zwar sind nicht alle Systeme eng gekoppelt, doch ist dies besonders bei risikoreichen Systemen – etwa Atomkraftwerken – der Fall. Unter enger Koppelung versteht Perrow, dass es zwischen zwei miteinander verbundenen Teilen keine Pufferzone oder Elastizität gibt. Sämtliche Vorgänge des einen Teils wirken sich unmittelbar auf die Vorgänge des anderen Teils aus. Hinzu kommt noch die Undurchschaubarkeit der unvorhergesehenen und eng gekoppelten Interaktionen. Alle diese Eigenschaften tragen dazu bei, dass den modernen Großanlagen ein immenses Risikopotential immanent ist. Hierzu erklärt Perrow:

Wenn Komplexität und enge Kopplung als Systemeigenschaften zwangsläufig Unfälle herbeiführen, dann können wir wohl mit einiger Berechtigung von einem normalen oder einem Systemunfall sprechen. Mit dem ungewöhnlichen Begriff normaler Unfall wollen wir deutlich machen, daß beim Vorliegen der genannten Systemeigenschaften vielfache und unerwartete Interaktionen zwischen Störungen des Systems zwangsläufig auftreten werden.

(Perrow 1992, S.18)

Des Weiteren ist darauf zu achten, dass der Begriff normal keineswegs bedeuten muss, dass etwas regelmäßig auftritt oder des Öfteren geschieht. Wie oben bereits erwähnt, sind Katastrophen selten, weswegen oft große Risiken in Kauf genommen werden. Vielmehr ist dieser Begriff „Ausdruck für eine immanente Eigenschaft des Systems und keine Häufigkeitsaussage. Es ist normal, daß wir sterben, aber wir tun es nur einmal“(Ebd., S.18).

Die normale Katastrophe zeichnet sich also durch Systemunfälle aus, die sich ereignen aufgrund der unvorhergesehenen und undurchschaubaren Interaktion von Störungen innerhalb eines komplexen Systems, welches meistens eng gekoppelt ist. Normal ist sie deshalb, weil das Risikopotential systemimmanent ist, das heißt im System selbst begründet ist und früher oder später Unfälle erzwingt.

2.2. Komplexität, Koppelung und Katastrophe

Um eine genauere Vorstellungen vom normalen oder Systemunfall zu bekommen, muss zunächst bestimmt werden, was eigentlich unter einem System zu verstehen ist und wie es sich im Einzelnen aufbaut. Da es ganz verschiedene Arten von Systemen gibt, unterteilt Perrow in seiner Analyse jedes System in vier Ebenen:

Betrachten wir z.B. ein Kernkraftwerk als System. Eines seiner Teile – etwa ein Ventil – gehört zur ersten Ebene. Es ist die kleinste Komponente des Systems […]. Ein funktional aufeinander bezogenes Ensemble von Bauteilen, z.B. ein Dampferzeuger, wird als Einheit bezeichnet und rechnet zur zweiten Ebene. Ein Aggregat aus Einheiten […] bildet ein Subsystem, in diesem Fall den Sekundärkreislauf. Diese Subsysteme stellen unsere dritte Untersuchungsebene dar; bei einem Atomkraftwerk sind es etwa zwei Dutzend. Alle zusammen verbinden sich auf der vierten Ebene zum Gesamtsystem, der Reaktoranlage. Was darüber hinausgeht, gehört zur Systemumwelt. (Perrow 1992, S.99)

Teile, Einheiten und Subsysteme bilden also ein System, welches sich von seiner Umwelt unterscheidet. Dieses Schema ist flexibel, was bedeutet, dass die Trennlinien zwischen den Ebenen keineswegs starr verlaufen. Innerhalb dieses Systems kann es nun auf den verschiedenen Ebenen zu Störungen kommen. Perrow spricht im Folgenden von Unfällen in Abgrenzung zu Störfällen. Ersteres liegt nur dann vor, wenn innerhalb des betreffenden Systems Schäden auf dritter oder sogar vierter Ebene auftreten. Ereignet sich ein Unfall, so ist das System nicht weiter funktionstüchtig. Störfälle hingegen, beziehen sich lediglich auf Defekte innerhalb der ersten und zweiten Ebene. Kommt es zum Störfall, sind zwar einzelne Teile zeitweise nicht mehr intakt, das System selbst ist jedoch nicht unbedingt in seiner Funktionsfähigkeit bedroht. Die genaue Definition lautet daher:

Ein Unfall ist ein Defekt in einem System oder in einem seiner Subsysteme, der mehr als eine Einheit beschädigt und dadurch die gegenwärtige oder zukünftige Funktion des Systems stört. Mit einem Störfall meinen wir einen Schaden, der sich auf Teile oder eine Einheit beschränkt, unabhängig davon, ob er eine Störung des Systemablaufs zur Folge hat oder nicht. Eine Störung liegt vor, wenn die Funktion völlig unterbrochen oder so stark beeinträchtigt wird, dass sofortige Reparatur-maßnahmen erforderlich sind. (Perrow 1992, S.99 f.)

Wir beschäftigen uns also beim normalen Unfall mit Störungen, die bereits Funktionen eines Subsystems oder gar des ganzen Systems erheblich beeinträchtigen. Nicht jeder Unfall ist aber gleichsam ein normaler Unfall. Der Systemunfall ist streng vom bloßen Komponentenunfall zu unterscheiden:

Komponentenunfälle bedeuten den Ausfall mindestens einer Komponente (Teil, Einheit oder Subsystem), dessen unmittelbare Folgeschäden aufgrund des Betriebsablaufs vorhersehbar sind.

Systemunfälle bedeuten den Ausfall mehrerer Komponenten, wobei zwischen den einzelnen Defekten Wechselwirkungen auftreten, die nicht vorhersehbar sind. (Perrow 1992, S.105)

Die Unterscheidung liegt also darin, ob die eingegangenen Interaktionen unvorhersehbar sind oder nicht. Beim Systemunfall sind diese Interaktionen jedoch nicht nur unvorhersehbar, sondern auch undurchschaubar. Perrow nennt diese Interaktionen komplex und grenzt sie von linearen Interaktionen ab:

Lineare Interaktionen treten im erwarteten und bekannten Betriebsablauf auf und sind für den Operateur gut sichtbar, auch wenn sie außerplanmäßig vorkommen.

Komplexe Interaktionen sind entweder geplant, aber den Operateuren nicht vertraut, oder ungeplant und unerwartet, und sie sind für das Bedienungspersonal entweder nicht sichtbar oder nicht unmittelbar durchschaubar. (Perrow 1992, S.115)

Die Komplexität der Interaktion kann dadurch entstehen, dass ein Teil mehrere Funktionen einnimmt - man spricht dann von einer sog. „Common-Mode-Funktion“ (Perrow 1992, S.108). Probleme bei der Erkennung und Bewältigung dieser komplexen Interaktionen können oftmals durch die Masse an Warn- und Kontrollinstrumenten bzw. deren Fehldeutung oder Nichtbeachtung auftreten. Besonders bei kybernetischen, also selbstregulierenden Systemen kommt es oft zu Komplikationen. Sie sind allerdings in manchen Systemen erforderlich, da andernfalls die Zeitspanne für die Reaktion des Bedienungspersonals zu kurz wäre (vgl. Perrow 1992, S.117). Komplexität ist, wie hier sehr gut deutlich wird, sowohl notwendig, als auch riskant.

Dies darf jedoch nicht zu der Annahme verleiten, dass es sich bei allen komplexen Systemen auch um Hochrisikosysteme mit Katastrophenpotential handelt. Universitäten sind ebenso komplexe Gebilde. Das Risikopotential verbirgt sich besonders in Transformations- oder Umwandlungsprozessen wie sie bei Atomkraftwerken, großchemischen Anlagen oder der Gentechnologie stattfinden. „Hierbei handelt es sich um Abläufe, die sich zwar beschreiben lassen, aber nicht wirklich verstanden werden“(Perrow 1992, S.124). Diese fehlende Kenntnis hat früher oder später, unvorhergesehene und undurchschaubare Interaktionen zur Folge. Das Risikopotential ist daher immanent.

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656652496
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273464
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
2,0
Schlagworte
risiko- katastrophensoziologie charles perrow begriff katastrophen gesellschaften

Autor

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