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Bevölkerung und sozialer Wandel durch Migration

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erläuterung zentraler Begriffe

3. Wichtige Wanderungsbewegungen seit 1945
3.1 Arbeitsmigration von 1955 bis 1973
3.2 Migration ab 1980
3.3 Bilanz der Wanderungsbewegungen seit 1954

4. Auswirkungen der Migration auf die deutsche Bevölkerungsstruktur
4.1 Altersstruktur
4.2 Geschlechterstruktur

5. Ausblick auf die Bevölkerungsentwicklung bis 2060 in Hinblick auf Migration

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn nicht alles täuscht, werden Rückgang und Alterung der Bevölkerung in Zukunft zur wohl wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Herausforderung“ (Steinmeier 2001: 1). Zu dieser Einsicht kam der jetzige Bundesaußenminister und damalige Kanz- leramtschef bereits vor zwölf Jahren. Wie aktuell diese Thematik ist, zeigt sich allein durch ihre enorme Medienpräsenz. Zeitungen und Talkshows sind voll von Debatten über den demographischen Wandel mit seinen Auswirkungen und das politische Ge- schehen wird mitbestimmt durch Diskurse über Renteneintrittsalter und Fachkräfteman- gel. Die aktuelle Situation wird hierbei durchweg negativ bewertet sowie der Begriff des demographischen Wandels an sich mit Untergangsszenarien zum Beispiel in Bezug auf das Rentensystem in Verbindung gebracht.

Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich in Bezug auf den demographischen Wan- del mit drei grundlegenden Prozessen, die die Bevölkerungsstruktur beeinflussen: Ferti- lität, Mortalität und Migration. Diese sorgen dafür, dass Zusammensetzung und Größe der Bevölkerung sich ständig wandeln. Der räumliche Aspekt der Bevölkerungsbewe- gung, also die Migration, wurde in der Bevölkerungswissenschaft allerdings lange aus- geblendet, wenngleich sie seit jeher eine zentrale Wirkung auf den Bevölkerungsaufbau hat (vgl. Niephaus 2011: 105).

Deutlich wird dies, wenn man das Zusammenspiel aus Geburten- und Sterberate in Deutschland verallgemeinernd dahingehend beschreibt, dass bereits seit den 1970er Jahren kein natürliches Bevölkerungswachstum mehr gegeben ist, da sich seither die Zahl der Geburten jährlich unterhalb der Sterberate bewegte (vgl. Demographiebericht 2012: 76). Unter Berücksichtigung dieses Faktors sowie der Tatsache, dass die Bevöl- kerung Deutschlands nicht etwa seit ca. 40 Jahren durchgehend schrumpft, sondern die Bundesrepublik im Gegenteil mit etwa 80 Millionen Einwohnern weiterhin das bevöl- kerungsreichste Land der Europäischen Union ist, lässt sich bereits die Dimension der Bedeutung von Zuwanderung auf die absolute Einwohnerzahl des Landes erahnen. Bis 2003 war der Wanderungssaldo (also die Differenz zwischen Ein- und Auswanderun- gen) so positiv, dass er nicht nur den Trend der negativen natürlichen Bevölkerungsent- wicklung abmilderte, sondern sogar für ein Bevölkerungswachstum sorgte (vgl. Schimany 2007: 16). Die wachsende Zahl von Ausländern und Deutschen mit Migrationshinter- grund führt jedoch auch vermehrt zu Debatten über Integration zu und Angst vor Überfremdung, was die Einwanderungspolitik vor neue Herausforderungen stellt.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, sachlich darzustellen, welche zentralen Phasen von Mi- gration es in der Vergangenheit gab und inwiefern sich diese auf die jetzige Bevölke - rungs- und Sozialstruktur ausgewirkt haben, um zu vergleichen, in welcher Situation sich die Bundesrepublik Deutschland heute ohne derartige räumliche Bevölkerungsbe- wegungen befände. Darüber hinaus wird zu untersuchen sein, wie Wanderungsbewe- gungen sozialen Wandel produzieren, um letztlich einen Überblick über die Effekte des demographischen Prozesses der Migration sowohl in einer historischen, als auch in ei- ner auf aktuelle Probleme und Herausforderungen ausgerichteten Perspektive zu erhal- ten.

2. Erläuterung zentraler Begriffe

Um sich dem Thema der Migration zu nähern, ist es entscheidend, die Definition zen- traler Begrifflichkeiten aus dem amtlichen Datenmaterial zu kennen, um Effekte der Un- schärfe zu vermeiden. „Von Migration spricht man, wenn eine Person ihren Lebensmit- telpunkt räumlich verlegt, von internationaler Migration, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht" (Migrationsbericht 2012: 10). Da für die gesamtdeutsche Bevölke- rungsentwicklung nur die Außenwanderung eine Rolle spielt (vgl. Baade 2005: 37), wird diese Arbeit sich auf die Betrachtung der internationalen Migration beschränken und das Hauptaugenmerk auf die Einwanderung von Ausländern legen. Entscheidend für die Statistik der Zu- und Fortzüge ist jeweils das An- bzw. Abmeldeverhalten der Mi - granten. Welche Ungenauigkeiten entstehen können, wenn dieses nicht ordnungsge- mäß ist, wurde zuletzt bei dem Zensus 2011 deutlich, als klar wurde, dass in Deutsch - land etwas 1,5 Millionen Menschen weniger leben als zuvor angenommen (vgl. Zensus 2011).

Migranten werden in die Kategorien Aus- und Inländer eingeteilt. Dies ist insofern pro - blematisch, als im Ausland geborene Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die nach Deutschland immigrieren, als Inländer erfasst werden. In Deutschland geborene Personen ohne deutschen Pass hingegen werden als Ausländer geführt, obgleich sie nicht immigriert sind (vgl. Schimany 2007: 25). Es muss entsprechend zwischen zugewanderten und nicht zugewanderten Ausländern unterschieden werden. Ingesamt machen Personen ausländischer Staatsangehörigkeit vier Fünftel der Wanderungsvolumens aus (vgl. Schimany 2007: 163), weshalb das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf den Migrationsbewegungen dieser Gruppe liegen wird.

Der Status der deutschen Staatsbürger mit Migrationshintergrund, die in der amtlichen Statistik überhaupt erst seit dem Mikrozensus 2005 gesondert geführt werden, ist ebenfalls nicht einfach zu definieren: Hier muss differenziert werden zwischen zugewander - ten Personen, die bei ihrer Immigration entweder bereits die deutsche Staatsbürger - schaft besaßen oder eingebürgert wurden und nicht zugewanderten Personen, die eingebürgerte Ausländer sind oder bei denen mindestens ein Elternteil zugewanderter Deutscher, Ausländer oder Eingebürgerter ist (vgl. Schimany 2007: 31). Bürger, die in zweiter Generation von den eben genannten Gruppen abstammen, tauchen in der amtlichen Statistik nicht mehr gesondert auf, was es erschwert, mehrere Generationen umfassende Entwicklungen wissenschaftlich zu untersuchen.

3. Wichtige Wanderungsbewegungen seit 1945

Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Symptome des demographi- schen Übergangs in Deutschland in Form fallender Geburtenanzahlen. Die Forschung beharrte jedoch mehrere Jahrzehnte auf dem Überbevölkerungsparadigma, welches seit Jahrhunderten Gültigkeit hatte. Gegenläufig zur heutigen Problemstellung herrsch- te damals die Angst vor einem zu schnellen Bevölkerungswachstum vor, welches Mas - senarmut mit sich bringen würde. Einher ging diese Phase mit restriktiven Heiratsbe- schränkungen, die vor allem auch Zugezogene betrafen (vgl. Langwiler 2007: 189). Einwanderung war zu dieser Zeit nicht erwünscht während Auswanderer sogar aktiv fi- nanziell unterstützt wurden (vgl. Langwiler 2007: 191). Ein Einfluss von Migration auf die Bevölkerungsstruktur fand somit in erster Linie über Emmigration statt.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte sich in der deutschen Bevölkerungswissen- schaft endgültig das Paradigma der Überalterung durch, welches bis heute die Debat- ten bestimmt. Es baut auf einer geringen Geburtenrate auf, die unter dem Reprodukti onsniveau liegt und somit eine schrumpfende und im Durchschnitt älter werdende Be völkerung nach sich zieht (vgl. Lengwiler 2007: 199). Bereits in der Weimarer Republik war dieses Paradigma verbreitet und ging mit teils sogar zu pessimistischen Schätzun - gen der Bevölkerungsentwicklung einher (vgl. Lengwiler 2007: 198). Jedoch ist die Be- urteilung der Gegenmaßnahmen in den politisch turbulenten Folgejahrzehnten, beson- ders zu Zeiten des Dritten Reiches, komplex und wird im Rahmen dieser Arbeit nicht vorgenommen.

Anschaulich wird der bevölkerungspolitische Gegensatz zwischen den Paradigmen bei dem Vergleich des Ausländeranteils an der Bevölkerung Deutschlands im ausgehen- den 19. beziehungsweise beginnenden 20. Jahrhundert mit jenem nach Ende des Zweiten Weltkriegs (siehe Abbildung 1 und 2). Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigt der Anteil der Ausländer über 1%, um sich in den 1930er Jahren dieser Marke wieder anzunähern. Ab 1951 kommt es zu einem schnellen Anstieg in den hohen ein- stelligen Prozentbereich, der sich in den folgenden beiden Jahrzehnten vollzieht. In den letzten Jahren liegt der Anteil ausländischer Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung konstant bei etwa 9%.

Abbildung 1: Anteile ausländischer Bevölkerung 1871-1933

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Niephaus 2007: 125.

Abbildung 2: Anteile ausländischer Bevölkerung 1951-2008

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Niephaus 2007: 126.

Im folgenden Teil der Arbeit wird aufgeschlüsselt, wie der enorme Anstieg der ausländi - schen Bevölkerung sowie der noch hinzukommende Anstieg des Anteils der Personen deutscher Staatsbürgerschaft mit Migrationshintergrund auf über 10% (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: 2011) zustande kommt. Hierzu werden die Wanderungsbewegungen in der Querschnittperspektive betrachtet, es wird also die Migration Deutschlands in bestimmten Jahren beschrieben. Untersucht werden sowohl der Umfang der zentralen Wanderungsbewegungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich grob in die beiden Phasen der Arbeitsmigration von 1955 bis zum Anwerbestopp 1973 und der Migration ab 1980 einteilen lässt, als auch Gründe dafür, dass Deutschland zu einem Einwanderungsland geworden ist (vgl. Mau 2009: 113). Wichtige Migrationswellen, wie die Flüchtlingsströme unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sowie die aus der Deutschen Demokratischen Republik werden im Folgenden keine Rolle spielen, da es sich dabei nicht um internationale Migration handelt.

3.1 Arbeitsmigration von 1955 bis 1973

Mitte der 1950er Jahre setzte in Deutschland eine starke Arbeitsmigration ein. Die Ur - sache für diese Entwicklung kann in der florierenden deutschen Ökonomie gesehen werden. Die starke Konjunktur in der Zeit, die als „Wirtschaftswunder" in die Geschichte eingegangen ist, führte, in Kombination mit Faktoren wie beispielsweise dem kriegsbedingten Ausfall deutscher Arbeitskräften, den in der Babyboomgeneration und dem traditionellen Rollenbild an den Haushalt gebundenen Müttern, aber auch einem früheren Renteneintrittsalter sowie sinkenden Arbeitszeiten, zu einem Arbeitskräftemangel in diversen Sektoren (vgl. Münz 1999: 43).

Auf Drängen der Arbeitgeber wurden daraufhin Anwerbeverträge mit diversen Staaten geschlossen. Den Beginn der Phase der Arbeitsmigration markierte 1955 der Anwerbe- vertrag mit Italien, auf den in den nächsten 15 Jahren weitere Abkommen, vor allem mit südeuropäischen und nordafrikanischen Staaten folgten (vgl. Müller 2005: 16). Die Par- teien, die die Verträge unterzeichneten, erhofften sich jeweils die Behebung der Proble - me des eigenen Arbeitsmarktes, denn während in Deutschland Arbeitskräfte, oftmals in wenig prestigeträchtigen und schlecht bezahlten Segmenten, fehlten, gab es in den Partnerländern teils hohe Arbeitslosigkeit (vgl. Müller 2005: 16). Aufgrund dieser rein ökonomisch motivierten Migration, kann die Phase neoklassisch beschrieben werden (vgl. Niephaus 2011: 111f.),

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Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656656166
ISBN (Buch)
9783656656142
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273376
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
Schlagworte
Migration Demographie Demographischer Wandel Deutschland Sozialstruktur Bevölkerung

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Titel: Bevölkerung und sozialer Wandel durch Migration