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Die Produktionsfunktion von Leontief: Aktuelles Managementwerkzeug oder veraltetes Wissen?

Seminararbeit 2013 8 Seiten

BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Reflexion der theoretischen Annahmen einer Leontief-Produktionsfunktion

Moderne Unternehmensziele vor dem Hintergrund neoklassischer Annahmen

Moderne Unternehmensführung im Spannungsdreieck: Wirtschaftlichkeit, Transparenz und Flexibilität

Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse

Einleitung

Wassily Leontief war ein führender Wirtschaftswissenschaftler des 20. Jahrhunderts und ist vor allem für seine Input-Output Analyse bekannt. Die nach ihm benannten Leontief-Produktionsfunktionen haben einen breiten empirischen Geltungsbereich und lassen sich beispielsweise zur Produktionsplanung verwenden, wobei die den Funktionen eigenen limitationalen Prozesse in allen Unternehmungen auftreten.

Leontief entwickelte seine Modelle zu einer Zeit als die Betriebswirtschaft von den Ideen der neoklassischen Unternehmenstheorie geprägt war. In der neoklassischen Welt werden dem Unternehmer die Eigenschaften eines homo oeconomicus zugeschrieben, der auf vollkommenen Märkten agiert und durch Gewinnmaximierung das ökonomische Prinzip realisiert. Im Folgenden werden die theoretischen Annahmen von Leontief mit den heutigen Gegebenheiten in einer Unternehmung verglichen. Unter welchen Bedingungen sind die von ihm entwickelten Produktionsmodelle allgemein gültig und genügt die Gewinnmaximierung heute alleine als Handlungsmaxime zur erfolgreichen Unternehmensführung? Darüber hinaus wird der Aspekt der Wirtschaftlichkeit im Allgemeinen in das Spannungsfeld der unternehmerischen Herausforderungen eingeordnet.

Reflexion der theoretischen Annahmen einer LeontiefProduktionsfunktion

Die Produktion ist die zielgerichtete Herstellung von Gütern und Dienstleistungen, in einem Transformationsprozess unter Einsatz von Produktionsfaktoren. Dieser funktionale Zusammenhang wird durch die Produktionsfunktion abgebildet. Sie erläutert den Zusammenhang zwischen den effizienten Faktorkombinationen und der dazugehörigen Ausbringungsmenge. Eine besondere Produktionsfunktion ist die Leontief-Produktionsfunktion. Sie lässt sich für Ein- und Mehrproduktunternehmen, ein- und mehrstufige sowie ein- und mehrteilige Fertigung formulieren. Es handelt sich dabei um eine linear-limitationale Produktionsfunktion. Die eingesetzten Faktormengen stehen in einem festen Verhältnis zur hergestellten Endproduktmenge, wobei sowohl die Einsatzgüter als auch das Endprodukt eine konstante Qualität besitzen. Dieses effiziente Einsatzmengenverhältnis ist unabhängig von der Höhe der Ausbringungsmenge und wird durch die festen Produktionskoeffizienten1 charakterisiert, die bei Erhöhung der Produktion kontant bleiben. Diese Tatsache führt dazu, dass sich die Produktionsverfahren bei Leontief stets durch eine Prozessgerade abbilden lassen. Die Ausbringungsmenge erreicht eine Limitation, wenn ein Produktionsfaktor nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht. Der daraus resultierende lineare Verlauf der Gesamtkosten wird heute als Regelfall in industriellen Produktionsprozessen angesehen.2 Als Besonderheit gilt die Tatsache, dass die Faktormengen bei effizienter Produktion nicht unabhängig voneinander sind. Folglich schrumpfen die Isoquanten (Linien gleichen Outputs) auf einen einzigen Punkt zusammen und jeder Output x lässt sich nur mit einer festen Menge von Einsatzfaktoren r1(x) und r2(x) erzeugen. Diese technisch genau festgelegte Einsatzmenge jedes Produktionsfaktors bedeutet, dass eine größere Einsatzmenge des einen Faktors bei Konstanz des anderen vom Produktionsprozess nicht aufgenommen wird und eine geringere Einsatzmenge dazu führt, dass die restlichen Faktoren nicht voll eingesetzt werden können.3

Diese Annahmen sind unter bestimmten Voraussetzungen universell anwendbar. Dennoch ist auf ein paar besondere Aspekte zur kritischen Betrachtung hinzuweisen. Die Beschreibung eines Produktionsprozesses anhand der Merkmale Input und Output bedingt, dass diese Gütermengen messbar sind. Während Ausbringungs- und Einsatzmengen von Werkstoffen meist unproblematisch durch physikalische Größen gemessen werden können, bringt die Messung des Einsatzes von Betriebsmitteln und menschlicher Arbeitskraft größere Probleme mit sich. Bei den Produktionskoeffizienten handelt es sich nicht um beobachtbare Parameter der Realität, sondern vielmehr lassen sie sich aus den realen Einsatz- und Ausbringungsmengen ableiten. Somit sind die Anwendungsbedingungen von Leontief (lineare Limitationalität) vor allem dann überprüfbar, wenn feste Relationen zwischen Einsatz und Ausbringung vorliegen, wie etwa bei Leistungsangaben von Produktionsmaschinen. Konstante Faktorproportionen können auch dann angenommen werden, wenn Arbeitskräfte, Betriebsmittel und Werkstoffe aus Gründen der Fertigung in einem engen Verhältnis zu einander stehen. Liegt zwischen den Ressourcen ein substitutives Verhältnis vor, kann diese Tatsache vom Leontief-Produktionsmodell nur schwer abgebildet werden. Auch veränderte Input-Output Beziehungen stellen das Modell vor Herausforderungen. Beispielsweise könnte die Unternehmensführung durch verbesserte Planung und Kontrolle (Veränderung des dispositiven Faktors) die Produktion steigern, obwohl die sonstigen Produktionsfaktoren gleich bleiben. Das Modell von Leontief zeigt sich hier als zu starr.4

Moderne Unternehmensziele vor dem Hintergrund neoklassischer Annahmen

Welches Fertigungsverfahren betriebswirtschaftlich das sinnvollste ist, kann nicht allgemein gesagt werden. Für eine Beurteilung verschiedener Produktionsverfahren müssen je nach Situation die als wesentlich erachteten Kriterien herangezogen werden. Das können beispielsweise sein:

-Der wirtschaftliche Aspekt (Kosten der Produktion)
-Der technische Aspekt (Rationalisierung, technischer Fortschritt)
-Der soziale Aspekt (Arbeitsgestaltung, Humanisierung der Arbeit)
-Die Risikobereitschaft (hohe Fixkosten, Flexibilität)

Mit der Auswahl des geeigneten Produktionsverfahrens wird das Entscheidungsproblem angesprochen, welche Möglichkeit der Faktorkombination das Unternehmen zur Erzeugung der Produkte verwenden soll. Der Sinn der betrieblichen Tätigkeit besteht in der Leistungserstellung, also in der Produktion von Gütern oder der Bereitstellung von Dienstleistungen, die von anderen Wirtschaftssubjekten nachgefragt werden. Allein die Leistungserstellung stellt dabei keinen Wert dar, sondern sie ist stets an dem Ziel ausgerichtet die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen.5 Marktwirtschaftliche Unternehmen, wie sie auch von Leontief betrachtet werden, orientieren sich bei ihrer Produktion folglich an den Absatzmöglichkeiten. Versucht das Unternehmen hierbei seinen Gewinn zu maximieren, spricht man von dem erwerbswirtschaftlichen Prinzip. Durch die bewusste Entscheidung für eines der möglichen effizienten Kombinationsverfahren, versucht das Unternehmen, dem Rationalprinzip entsprechend, das Verhältnis von Produktionsergebnis und Produktionseinsatz so zu optimieren, dass ein möglichst günstiges Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag realisiert werden kann. Die neoklassische Unternehmenstheorie strebt vor allem nach der Reduktion der Transaktionskosten und folglich einer obligatorischen Minimierung der Leistungserstellungskosten. Daher müssen die Kosten der Leistungserstellung minimiert werden. Die gegebene Gütermenge soll also mit dem geringstmöglichen Faktoreinsatz hergestellt werden. Diese unternehmerische Entscheidung wird als Minimumprinzip bezeichnet.6 Gemäß diesem Prinzip muss angenommen werden, dass die Gesellschaft als Ganzes am besten versorgt wird, wenn jedes einzelne Wirtschaftssubjekt seine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgt. Die Gesellschaft selbst plädiert die letzten Jahre allerdings immer mehr dafür die Wirtschaftssubjekte stärker zu kontrollieren und zu reglementieren. Als Beispiel hierfür kann die Diskussion über die Rekommunalisierung der Wasser- und Stromnetze genannt werden. Es ist also stets zu prüfen, ob alle möglichen Verfahrenskombinationen auch gesellschaftlich umsetzbar sind. Darüber hinaus ist darauf zu achten, ob sich aus der übergeordneten Unternehmenspolitik weitere Ziele ergeben, die für die Ausführung der betrieblichen Teilaufgaben und die damit in Verbindung stehenden Funktionen ebenso bedeutsam sind. So können in marktwirtschaftlichen Unternehmen neben der Gewinnmaximierung beispielsweise die Erreichung einer angemessenen Rentabilität, die Sicherung oder Verbesserung des Marktanteils, sowie die Anpassung an die Wettbewerbsmaßnahmen der Konkurrenten als alternative Ziele in Frage kommen und im Vordergrund der Unternehmenspolitik stehen.7 Sollten andere Ziele neben der klassischen Gewinnmaximierung vorliegen, so sind die Verfahren gesondert auf diese Ziele hin zu prüfen. Leontief wird stets zur Wahl desjenigen Verfahrens raten, dass zur größten Gewinnmaximierung führt.

Moderne Unternehmensführung im Spannungsdreieck: Wirtschaftlichkeit, Transparenz und Flexibilität Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Produktionsfunktion von Leontief in einer Zeit entwickelt wurde, in der Güter knapp waren und die Nachfrage groß. Heute allerdings finden wir auf den Märkten eine Fülle von Angeboten die der Nachfrage gegenübersteht.

Der heutige Kunde hat sich von den romantischen Vorstellungen der frühen Serien- und Massenproduktion befreit und erwartet seine Produkte zum niedrigsten Preis bei gleichzeitig höchster Qualität zum schnellst möglichen Liefertermin. Die drei Produkteigenschaften hängen immer mehr zusammen und das eine lässt sich immer weniger zu Gunsten der beiden anderen variieren. Mit der Forderung nach einer gesteigerten Termintreue kommen neue Elemente zur Planung der Produktionsprozesse hinzu. Liefertermine lassen sich zwar planen, aber Zwischenfälle können den Produktionsablauf stören und verhindern die termingerechte Fertigstellung von Produkten. Es gilt verspätete Lieferungen mit allen Mitteln zu vermeiden und alternative Konzepte zu entwickeln um verzögerte Aufträge doch noch pünktlich fertig zu stellen. Um solche Alternativen auch unter wirtschaftlichen Randbedingungen entwickeln zu können, muss das Fertigungsunternehmen über Flexibilität verfügen. Heute lassen sich die drei wichtigsten Eigenschaften eines Fertigungsbetriebes: Wirtschaftlichkeit, Termintreue und Flexibilität als symbolische Dreiecksbeziehung darstellen, wobei diese drei Eigenschaften gegenläufige Ziele beschreiben. Je höher die Termintreue und die Flexibilität sein müssen, umso schwieriger wird es, bei vorgegebenen Preisen wirtschaftlich zu produzieren. Wenn die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund steht, wird es immer schwieriger, gleichzeitig termintreu und flexibel zu fertigen. Niedrige Preise sind durch einen möglichst kontinuierlichen Ablauf von Vorgängen ohne Umrüstungen und Produktwechsel bedingt.

[...]


1 Der Produktionskoeffizient gibt diejenige Menge eines Produktionsfaktors an, der zur Herstellung einer Produkteinheit des Erzeugnisses benötigt wird

2 Walter, Wolfgang; Wünsche, Isabella: Einführung in die moderne Kostenrechnung - Grundlagen - Methoden - Neue Ansätze. 4. Aufl. Wiesbaden: Springer Gabler Verlag, 2013, S.68

3 Berndt, Ralph; Cansier, Adrienne: Produktion und Absatz. 2. Aufl. Berlin : Springer Verlag, 2007, S. 88 ff

4 Fandel, Günter: Produktion I - Produktions- und Kostentheorie. 6. Aufl. Berlin: Springer Verlag 2005, S. 194 ff. 4

5 Fandel, Günter: Produktion I, a.a.O., S. 6

6 Wöhe, Günter; Döring, Ulrich : Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. 25. Aufl. Berlin: Vahlen 2013, S. 34

7 Fandel, Günter: Produktion I, a.a.O., S. 9

Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656655817
ISBN (Buch)
9783656655794
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273328
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Institut für Unternehmensentwicklung
Note
1,0
Schlagworte
produktionsfunktion leontief aktuelles managementwerkzeug wissen

Autor

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