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Dystopie und Utopie bei Christian Kracht. „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, „Metan“ und „Imperium“

Bachelorarbeit 2014 41 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Metan.

III. Imperium

IV. Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
1. Dystopie – Parallelen zu Metan
2. Utopie – Parallelen zu Imperium
3. Kracht'sche Motivik

V. Fazit

Bibliographie

I. Einleitung

Diese Arbeit widmet sich dem Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten[1] im Zusammenhang von Metan und Imperium des viel diskutierten Autors Christian Kracht, wobei der Hauptfokus auf Ich werde hier sein liegt. Hauptgegenstand der Untersuchung ist hier die Analyse utopischer und dystopischer Elemente im Roman, wobei jeweils ein Vergleich zu Metan– hinsichtlich der Dystopie – und zu Imperium– hinsichtlich der Utopie – gezogen wird. Weiterhin sollen auch die (typisch) Kracht'schen Motiviken (v.a.) im Sonnenschein-Roman analysiert werden, wobei ein besonderes Augenmerk auf Krachts Sprachstil und seinen Erzählerinstanzen liegt. Alles in Allem soll diese Arbeit eine fundierte Analyse eines der bekanntesten Bestseller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur von einem der renommiertesten – und wohl auch provokantesten (und in vielerlei Hinsichtlich vielleicht auch schockierendsten) – Autoren unserer Zeit bieten.

Zu beachten ist, dass auch wenn Kracht oftmals als Autor und (Mitbe)gründer der deutschsprachigen Pop-Literatur bezeichnet wird (sein erster Roman Faserland gilt weithin als erster popliterarischer Text und soll dieser Richtung somit den Anstoß gegeben haben), seine Werke keines Falls alle dieser Gattungsrichtung zuzuordnen sind[2]. Zum Begriff der Pop-Literatur sei zunächst gesagt, dass es sich dabei um ein literarisches Verfahren am Ende des 20. Jahrhunderts handelt, welches darum bestrebt ist, die Demarkation von Populär- und Hochkultur zu nivellieren und „Thematik, Stil, Schreib- und Lebensweisen aus der Massen- und Alltagskultur in die Literatur einfließen“ zu lassen, wobei sich die jeweiligen Autoren meist durch ihr juveniles Alter hervortun[3]. Thematisiert werden oftmals aktuelle (und v.a. auch jugendliche) Sujets, wie bspw. der Besuch einer Discothek oder eines Konzertes, Partyszenerien, intrigante Affären und andere Konfliktsituationen, sowie Liebesszenarien und besonders auch subkulturelle Erscheinungen (z.B. Punker-, Raver-Cliquen, etc.); im Vordergrund stehen dabei stets sowohl die politischen, als auch die sozialen Ideologien der Jugendlichen, wobei allen Subkulturen eine hervorstechende und „klare Distanzierung zur bürgerlichen Norm“ gemein ist und v.a. ein Hang zum „Markenfetischismus“ (und damit zusammenhängend auch zur Trivialität), sowie eine überbordende Medienkultur herausstechen[4]. In diesem Sinne interagieren popliterarische Texte mit ihrem Umfeld, d.h. der jeweiligen Kultur, wobei beim Leser oftmals eine grundlegende Kenntnis spezifischer Merkmale vorausgesetzt wird, um entsprechende Textpassagen überhaupt deuten zu können[5]. Dementsprechend ließe sich Faserland mit der Erzählung „der Reise eines namenlosen, versnobten Protagonisten“, in deren „Mittelpunkt […] unzählige Parties“ und von der Markenkultur geprägte Szenerien stehen, tatsächlich als popliterarisches Werk apostrophieren[6]. Da Krachts weitere Werke hiermit zwar einige (stilistische) Gemeinsamkeiten aufweisen und ebenfalls eine gewisse Provokanz evozieren, sich jedoch lediglich Faserland eindeutig zur Pop-Literatur im beschriebenen Sinne zählen lässt, ist Kracht nicht einfach nur als „bloßer“ Pop-Literat zu bezeichnen. Oliver Jahraus nimmt in diesem Zusammenhang Kracht im Grunde komplett aus der Palette der Pop-Autoren indem er erklärt, dass seine „Sprache, der flapsige Ton, der kolloquiale Gestus“ in Faserland zwar „durchaus den stilistischen Konventionen des Pop entsprechen“, die Geschichte sich jedoch „meilenweit von der Pop-Literatur“ entfernt und Pop insofern für Kracht „lediglich Spielmaterial“ ist, bzw. war, „das er in Faserland reflexiv wendete“[7]. Insofern mag es für Faserland ja noch (zumindest in gewisser Weise) eine plausibel Zuordnung sein, (die natürlich immer auch ein Stück weit von der Interpretation des Lesers abhängt), aber spätestens für seine folgenden Werke 1979 und Ich werde hier sein ist diese Zuordnung nicht mehr treffend; seine Werke lassen sich differenten Texttypen – sowohl in der Domäne des Journalismus, als auch der Belletristik – zuordnen, wobei sich höchstens noch Anlehnungen an den Pop finden lassen[8]. Auch Kracht selbst sieht sich nicht als Autor des Pop, was aus einem Interview zur Publikation von Ich werde hier sein hervorgeht, indem er konstatiert, er wisse nicht einmal, was Pop eigentlich sei[9]. Unbestritten ist jedoch, dass er keine herkömmliche, an Konventionen gebundene Literatur schreibt, sondern sich den gegenwärtigen „normativen literarischen Diskursen“ fast gänzlich entzieht und die Erwartungen immer wieder neu unterläuft[10].

Zu beachten ist weiterhin, dass auf Grund der Aktualität von Imperium (2012) der momentane Forschungsstand bezüglich dieses Romans noch nicht sehr weit ist und sich auch sonst der Großteil der bisherigen Forschungsliteratur zum Thema Christian Kracht primär mit seinen als Trilogie bezeichneten ersten drei Romanen (zu denen hier nur der Sonnenschein-Roman gehört) und der Figur des Autors als Mitbegründer der Pop-Generation beschäftigt, weshalb diese Arbeit eine detaillierte Analyse utopischer und dystopischer Motiviken (besonders auch in Roman-übergreifender Perspektive) bieten und die (fast schon) typischen Kracht'schen Thematiken analysieren soll. Zu diesem Zweck ist im Folgenden zunächst eine konzise biographische Beschreibung des Autors gegeben; die sich daran anschließenden zwei Kapitel sind der Analyse dystopischer Elemente in Metan und utopischer Elemente in Imperium gewidmet, wobei zu Beginn jedes Kapitels zunächst eine kurze Inhaltsangabe der Romane sowie jeweils eine einleitende Definition zu den Begriffen von Utopie und Dystopie steht. Das nachfolgende fünfte Kapitel ist dem Sonnenschein-Roman dediziert, wobei nach einer kurzen Inhaltsangabe ebenfalls eine Untersuchung der dystopischen und utopischen Elemente des Romans folgt, bei der ebenfalls jeweilige Parallelen zu den zwei zuvor analysierten Romanen herausgestellt werden. Weiterhin werden hier auch für Kracht typische Motiviken und Thematiken im Roman behandelt, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Erzähler-Instanz und sprachlichen Spezifika liegt.

Christian Eduard Kracht wird am 29. Dezember 1966 im Schweizerischen Saanen im Berner Oberland als Sohn von Uta und Christian Kracht, dem langjährigen Geschäftsführer und Redakteur im Axel Springer Verlag, geboren. Ab 1980 besucht er die Schule Schloss Salem in Deutschland, bis dahin wurde er überwiegend englisch- und französischsprachig sozialisiert. Seine erste Veröffentlichung Yellow Eddie erscheint 1983 in Guten Morgen. Journal für Kunst und Zuversicht, zwei Jahre später macht er sein Abitur und beginnt ein Studium in den USA, das er 1989 mit dem Bachelor of Arts beendet und woraufhin er eine Anstellung bei Tempo – welche 1995 (ein Jahr bevor das Magazin eingestellt wird) endet – erhält. Kurz darauf beginnt Kracht zu reisen und sowohl politische-, als auch Reisereportagen zu veröffentlichen. 1995 erscheint sein erster Roman Faserland und ein Jahr später beginnt er für den Spiegel u.a. Reisekolummnen zu schreiben, die 2000 als gesammeltes Werk unter dem Titel Der gelbe Bleistift erscheinen. Ein Jahr später wird sein zweiter Roman 1979 publiziert, der zusammen mit seinem ersten und dem Sonnenschein-Roman von 2008 als Trilogie gesehen wird. Von 2004 bis 2006 ist er der Herausgeber der Literaturzeitschrift Der Freund. 2007 veröffentlicht er zusammen mit Ingo Niermann Metan und 2008 wird er als Gründungsmitglied der Eiger Stiftung (eine Stiftung für die Förderung literarischer Projekte) geführt[11]. 2012 wird sein bisher jüngster Roman Imperium veröffentlicht.

II. Metan

Metan lässt sich mit seinem ernüchternden Sprachstil und schonungslosen Beschreibungen wohl am ehesten zu den „Docu-Fiction[en]“ zählen, auch wenn er in zahlreichen Rezensionen irgendwo auf der langen Bandbreite zwischen Science-Fiction, Thriller und Pamphlet eingeordnet wird; nicht wenige bezeichneten Metan bei seiner Erscheinung als mehr schlecht als rechte Parodie eines äußerst beunruhigenden Sachbuchs[12]. Es wird also deutlich, dass Metan sich nicht eindeutig einem einzelnen literarischen Genre zuordnen lässt, eine Klassifizierung als dystopische Fiktion jedoch naheliegt (wie in Kapitel II deutlich wird).

In der Rahmenhandlung des Romans geht es zunächst um die lange und anstrengende Besteigung des Kilimanjaro (von der am Ende des Romans einige Fotos von Kracht zu finden sind). Zeitgleich handelt Metan von der Organisation der beiden Protagonisten Eugene Terre Blanche und Lyndon LaRouche, zum atomaren Bombardement des Kilimanjaro, mit dem Ziel der „Neuerschaffung des Menschengeschlechts“ durch den so einsetzenden (und erhofften) „nuklearen Winter“ (MT 66f)[13]. Sie sind davon überzeugt, dass ein „neuerlicher Ausbruch, gepaart mit der nuklearen Verseuchung Ostafrikas, […] eine neue, allen heutigen Menschen überlegene Rasse schaffen“ würde und die „genetisch erstarrten und kulturell degenerierten Völker […] [so] hinweggewischt“ würden und „eine neue Welt entstünde“ (MT 64). Es geht also um das visionäre Ziel des „bedingungslosen Fortschreitens der menschlichen Entwicklung“ (MT 66) nach deren Neuerschaffung, zu welchem Zweck jedoch zunächst deren Auslöschung erforderlich ist, d.h., quasi die Entstehung des „Menschen 2.0“, eine verbesserte, neue Version des „Alten“: „Eine neue Menschheit musste entstehen“ (MT64). Jener Prozess der menschlichen Neuerschaffung nimmt seinen Lauf mit Hilfe des titelgebenden Met(h)ans, das mehr oder minder die „inhaltliche >Meta-Ebene< des Geschehens“ bildet, wie Till Huber es beschreibt, da es als „Methangetüm“ (MT 15), wie Kracht und Niermann es nennen, quasi als ein weiterer Protagonist im Roman agiert, indem es als „eine Art unsichtbare Künstliche Intelligenz […] den Planeten beherrscht und ihn […] zu transformieren versucht“[14]. Zeitgleich produzieren wir selbst immer mehr des Gases allein schon dadurch, dass wir atmen. Auch entstand überhaupt erst aus „dem Methan […] das Leben“, es ist gleichsam „die Vorstufe irdischen Lebens“ (MT 26) und mithin das „Material“ aus dem der Mensch besteht, wie Kracht und Niermann es darstellen (Vgl.: MT 14). Grob zusammengefasst handelt Metan also von der Besteigung des Kilimanjaro und der Neuerschaffung (inklusive Verbesserung) des Menschen, alles im Zusammenhang der These der vollständigen „Methanisierung der Erde“[15]. In diesem Sinne kann Metan auch als vehemente und transzendental enthusiastische „Intervention […] zur Klimaentwicklung“ interpretiert werden, quasi als ein Appell, die „bislang als sakrosankt geltende[n] politische[n] Seilschaften […] dringendst zu überdenken“[16].

Vor der Analyse dystopischer Elemente in Metan sei im Folgenden zunächst eine kurze allgemeine Definition des Begriffs „Dystopie“ gegeben: Eine Dystopie – oftmals auch als negative oder „schwarze“ Utopie, also quasi als Anti-Utopie bezeichnet[17] – imaginiert eine fiktionale Gesellschaftskonstruktion einer oftmals in der Zukunft liegenden, und meist totalitären Staatsform und weist insofern auch Merkmale einer Utopie auf[18]. Im Unterschied zu einer utopischen, zieht eine solche dystopische Gesellschaftsform jedoch i.d.R. ein negatives Resultat mit sich, d.h., „das utopische Projekt“ wird letztendlich „als Schreckbild“ dargestellt[19]. In diesem Sinne fungieren literarische Dystopien durch das Aufzeigen einer solchen gescheiterten Sozialisationsform als eine Art Warnung und üben parallel eine Kritik an der gegenwärtigen Realität ihrer rezenten technischen und soziologischen Entfaltung aus[20] ; sie haben also eine „prognostische[...] Intention“, wobei zu beachten ist, dass die primäre Handlung (trotz der in der Zukunft liegenden, erhofften, idealen Gesellschaft) in der Gegenwart konzipiert ist, Dystopien insofern keine reinen „Zukunftsvisionen“ sind[21]. Thematisch behandeln literarische Dystopien – oder auch „Warnutopien“ – häufig die große Bandbreite von Szenarien im Zusammenhang mit Klima- oder Atomkatastrophen, was v.a. seit Beginn der 80er Jahre (vorwiegend bei deutschen Autoren) vermehrt thematisiert wird und der allgemeinen Angst vor einem erneuten Kalten Krieg durch die florierenden Spannungen zwischen den Nationen zuzuschreiben ist[22]. Oftmals entwickelt sich während des Handlungsverlaufs eine zentrale Kontroverse zwischen dem Protagonisten – mit dem der Leser i.d.R. weitgehend sympathisiert – und dem vorherrschenden System, während deren Verlauf der Protagonist (fast schon mit einer gewissen Selbstverständlichkeit) auf Grund eines einsetzenden Erkenntnissprozesses zu einer Art Außenseiter, einem Individualisten wird[23]. Weiterhin warten literarische Dystopien häufig mit einer so genannten alternative history auf, d.h., mit einer veränderten Vergangenheit, durch die die ebenfalls von der Realität abweichende Gegenwart bedingt ist, wobei zu beachten ist, dass auch jene alternative history meist durch eher negativ konnotierte Ereignisse, welche in der imaginierten Gegenwart kompensiert werden sollen, geprägt ist, jedoch schlägt auch diese fehl und scheitert so trotz möglicher positiver Gegenwartsstilisation[24]. In diesem Sinne ist v.a. die geradezu ernüchternd dokumentarisch angelegte Fiktion Metan zu den literarischen Dystopien zu zählen.

Das Vorhaben der beiden Protagonisten Eugene Terre Blanches und Lyndon LaRouches, das einstige „Ziel Südafrikas, den Kilimanjaro nuklear zu bombardieren“, nun endlich nachzuholen (MT 77), um so die notwendige „Neuerschaffung des Menschengeschlechts“ (MT 67) zu gewährleisten, ist die zu Grunde liegende utopische Vorstellung einer zukünftigen neuen Gesellschaft, die per definitionem Grundbestandteil jeder literarischen Dystopie ist. Auf den gerade einmal 88 Seiten des Romans wird jenes Vorhaben der beiden Protagonisten im Zusammenhang mit Krachts und Niermanns tatsächlicher Besteigung des Kilimanjaro geschildert, wobei sich bereits nach wenigen Seiten – parallel zur Neuerschaffung der Menschheit – „fast alles nur noch um Gase der Methanfamilie“ dreht[25], denn das Methan an sich agiert durch seine allgegenwärtige Präsenz und steuert somit fast alle Prozesse (MT 66). Methan wird nicht nur von jedem Menschen produziert, sondern Kracht und Niermann beschreiben auch, dass es im Grunde den Ursprung der menschlichen Existenz darstellt (wie bereits zuvor konstatiert). An dieser Stelle sei auch kurz auf die ungewöhnliche Schreibweise ohne >h< im Titel eingegangen: Dadurch, dass der Mensch atmet, produziert er mitunter Methan, welches zudem – ohne >h< – ein Anagramm des Wortes „Atem“ ist, aus dem es ja quasi entsteht[26]. Dieser Atem wiederum korrespondiere, wie die beiden Autoren beschreiben, mit dem Urklang, dem „Om“, welches wiederum seinen Ursprung im typischen Laut der Kuh (einer der wohl größten Methanproduzenten überhaupt) hat (Vgl. MT 16). Eine solche Bezugskette, deren einzelne Prämissen zwar gewiss als richtig klassifiziert werden können, im Ganzen jedoch einen (nahezu) völlig absurden Syllogismus konstruieren, durchziehen fast den gesamten Roman und unterstreichen die komplexen sprachlichen Strukturen, die Krachts Texten zu Grunde liegen[27].

Durch die stete Methanproduktion des Menschen, d.h. die globale Methanisierung, wird nicht nur die Erwärmung der Erdatmosphäre, sondern somit auch eine „Weltrevolution“ vorangetrieben, die zur Erschaffung eines utopischen neuen, verbesserten Menschengeschlechts, wie LaRouche und Blanche es sich erhoffen, führen soll, wobei durch das nukleare Bombardement des Berges der Methanisierungsprozess, ergo auch die Entstehung der neuen Rasse, vorangetrieben werden soll[28]. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass Kracht und Niermann das utopische Ziel der beiden Protagonisten ebenfalls als Ziel des personifizierten Gases darstellen, mehr noch LaRouche und Blanche so gesehen quasi als eine Art vom Methangetüm getriebene Marionetten darstellen, was besonders während der Planung des Bombardements des Berges deutlich wird: „Eugene Terre Blanche und Lyndon LaRouche kamen schnell überein […], den Kilimanjaro nuklear zu bombardieren […]. Das Methangetüm war zufrieden. Alles lief nach Plan“ (MT 77). Es wird hier suggeriert, dass die eigentliche Initiation vom Gas ausgeht, welches somit als „Hauptprotagonist“ interpretiert werden könnte. Weiterhin scheint sich jener „Umsturzgedanke“ durch die Konzentration auf die Bombardierung lediglich des Kilimanjaro zunächst allein auf Afrika zu fokussieren, doch lässt sich die Konzentration auf Afrika – fast schon eschatologisch – dadurch begründen, dass die verbesserte Menschenrasse zyklusartig (wie schon zuvor) am Fuße des Kilimanjaro entstehen soll: Eine neue Menschheit musste entstehen, dort, wo sie schon einmal entstanden war“ (MT 63f). Dabei ist zu beachten, dass dieser Prozess nicht nur mit Hilfe des Methans von statten gehen soll, sondern dass auch der neue Mensch – oder besser die neue Kreatur – vollkommen vom Methan abhängig wäre:

„Die nukleare Reaktivierung des Kilimanjaro würde […] den Vulkan auf Jahrzehnte hin zum Quell eines gigantischen […] Methanvorkommens machen. Statt abzukühlen, […] würde sich der Planet Erde nur noch schneller erwärmen. Die Terraformierung wäre nicht mehr aufzuhalten. Wie auf dem Saturn-Mond Titan bereits erreicht, würde ein reiner Methan-Wetterkreislauf entstehen – ganz ohne Wasser und Sauerstoff. Auch die neue, am Kilimanjaro entstehende Rasse würde dem Methan unterlegen sein“ (MT 82f).

An dieser Stelle wird nicht nur erneut die präpotente – und in diesem Sinne vielleicht als gottgleich zu interpretierende – Macht des Gases unterstrichen, sondern lässt sich bereits hier eine dystopische Interpretation und Kategorisierung des Romans begründen: In einer solchen, im Grunde schon als methanverseucht zu bezeichnenden Atmosphäre könnte keine Kreatur, die sich auch nur im Entferntesten zu den Hominiden zählen lässt, überleben, geschweige denn überhaupt erst entstehen, weshalb das für literarische Dystopien erforderliche Scheitern der utopischen Wunschvorstellung bereits vorprogrammiert und in diesem Sinne unumgänglich ist. Dies wäre auch eine mögliche Interpretation für Krachts und Niermanns Bezeichnung der erhofften neuen Kreaturen als „Rasse“ und nicht als „Menschheit“. Auch das Ende des Romans akzentuiert noch einmal die Dystopie durch den Tod des mit der Bombardierung beauftragten Jet-Piloten und des Menschenaffen, welche hier quasi stellvertretend für den Untergang der gesamten Menschheit stehen:

„[...] die beiden Atombomben lösen sich vom Unterbauch des Jets. Eine Sekunde, zwei Sekunden, dann sieht er [...] einen hellen, weißen, zischenden Blitz. Der Jet verdampft. *** Am Fuße des Kilimanjaro liegt ein Wasserloch [...], Trinkwasser. Ein Menschenaffe nähert sich […], als ihn das Fauchen eines Säbelzahntigers erschreckt. Der Tiger nähert sich gefährlich, [...] der Menschenaffe weicht ängstlich zurück […]. Er sieht hilfesuchend gen Himmel, in diesem Moment bebt es tief in der Erde. Der Säbelzahntiger vernimmt das warnende Grollen des Vulkans, schnuppert und verschwindet mit einem Satz Richtung Savanne. Der Menschenaffe starrt gebannt auf die Explosion des Berges über ihm; rotglühende Gesteinsbrocken werden emporgeschleudert, kochende Lava beginnt aus dem Vulkanschlund des Kilimanjaro in alle Richtungen zu fließen, auch in die des kleinen Wasserlochs. Der Menschenaffe hebt die Arme und brüllt aus tiefster Kehle: ,Mmmm!'“(MT 87f.).

Zusätzlich zur Zerstörung der Menschheit findet sich im Bezug auf das Wasserloch auch ein „vorzivilisatorisches Bild“, welches mit dem beinhalteten Trinkwasser (mehr oder weniger) als „Versprechen auf Leben“ (für den Menschenaffen) interpretiert werden könnte, das jedoch (noch vor der Bombardierung) durch das Auftauchen des Säbelzahntigers zerstört wird; alleine schon die „Beschreibung dieses Reaktionsschemas“ macht deutlich, „dass die Idee eines Neuanfangs der Menschheit nicht denkbar ist“[29]. Zusammen mit dem ängstlichen und hilfesuchenden Blick des Menschenaffen gen Himmel, als Ausdruck eines Glaubens „an eine höhere Instanz“ zeigt sich hier, dass solch grundlegende Gegebenheiten (wie bspw. Angst und Glaube) „auch in der neuen Welt zu den konditionierten Verhaltensformen des Menschenaffen [...] gehören, die sich in nichts von denen der Menschen unterscheiden“, weshalb „sich die nach der Auslöschung neu entstandene Lebenswelt lediglich als eine Wiederholung der alten Geschichte“ ankündigt, allerdings haben Kracht und Niermann für „die sich selbst atomar auslöschende Menschheit“ in diesem Szenario gar „keinen Neuanfang vorgesehen; zwar gibt es einen kosmischen Neubeginn, aber dieser bleibt von Menschen entleert“[30]. In diesem Sinne könnte man hier sogar eine Art doppelte Dystopie interpretieren, da die (utopische) Vorstellung der erhofften neuen Rasse einerseits insofern scheitert, als dass durch die atomare Bombardierung und die damit verbundene Methanisierung, im Grunde gar keine neue Lebensform entstehen kann, bzw. wenn überhaupt – und hierin begründet sich andererseits das zweifache Scheitern – lediglich eine nicht hominide und die Menschheit somit in jeglicher Form ihr Ende findet. Metan kann hier demnach als mögliche (visionäre) Darstellung des letzten „Kapitel[s] der Geschichte des menschlichen Verschwindens“ gesehen werden; zudem sei angemerkt, dass jener revolutionäre Zerstörungsgedanke, dem die beiden Autoren hier nachgehen, im Grunde genommen die Weiterführung einer längeren „Denktradition […] philosophischer [Entwürfe] und literarischer Imaginationen von nihilistischen Weltvisionen und Dystopien“ ist[31].

In diesem Sinne sind Kracht und Niermann nicht nur Vertreter einer dystopischen Literatur, sondern auch solche einer „Kritischen Theorie“, nach der „jegliche totalitäre Ideologie […] in der Zerstörung der Zivilisation […] enden müsse“; so gesehen unterbreiten sie mit Metan auch eine „Kritik an der Rationalität eines sich gegen sich selbst richtenden Ideenkonstruktes“, das nach Walter Benjamin im in der Katastrophe fundierten Fortschritt kulminiert[32]. Diese Kritik verdeutlicht sich ebenfalls am ehesten in jenem bereits analysierten, ohne den Menschen stattfindenden Neuanfang. Weiterhin ist zu beachten, dass auch Metan eine gewisse alternative history zu Grunde liegt, da Kracht und Niermann mit der Fülle alternativ-politischer und -globalgeschichtlicher Informationen „das 20. Jahrhundert quasi noch einmal neu“ erzählen, wobei „die geopolitischen Zusammenhänge“ grundlegend vom Methangetüm beeinflusst sind, so ist Japan in diesem Szenario bspw. „Global Player“ und auch „Australien mischt munter mit“, weshalb Metan von einigen mitunter als „Weltverschönerungsfantasie[...] im Pop-Comic-Format“ à la Thomas Pynchon (auch seine Werke – wie bspw. Against the day – sind von einer nahezu enzyklopädischen und doch oftmals veränderten Informationsfülle und einem bravourösen Sprachstil geprägt)[33] in nahezu „grausam nüchterner Wikipedia-Prosa“ deklariert wird[34]. Abgesehen davon ist die schon zuvor angesprochene Zyklus-Motivik (Entstehung des Menschen in Afrika) in gewisser Weise auch als Rahmenstruktur des Romans zu sehen, da der Ausruf des Menschenaffen bei seiner Auslöschung („Mmmm“, MT 88) am Ende dem anfänglichen Genusslaut der Mongoloiden zu Beginn des Romans entspricht (Vgl. MT 11). Ob diese Wiederaufnahme der anfänglichen Konstruktion als „Ausblick“ auf das so gesehen von vorneherein feststehende und „unverrückbare[...] Ende“ gesehen werden kann, sei hier offen gelassen, da es eine stark interpretationsabhängige Auslegung ist[35].

[...]


[1] Auf Grund der Länge des Titels werden im weiteren Textverlauf die Abkürzungen „Sonnenschein-Roman“ und Ich werde hier sein verwendet.

[2] Vgl.: Wenzel, Edgar Armin: Der deutsche Poproman zur Jahrtausenwende (Diplomarbeit). Wien 2011. S.26.

[3] Ebd., S.12.

[4] Ebd., S.17.

[5] Vgl.: Bassler, Moritz: Das Zeitalter der neuen Literatur. In: Caduff, Corina/Vedder, Ulrike (Hg.): Chiffre 2000 – Neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München 2005. S.194f.

[6] Wenzel, Edgar Armin: Der deutsche Poproman zur Jahrtausenwende (Diplomarbeit). Wien 2011. S.26.

[7] Jahrhaus, Oliver: Ästhetischer Fundamentalismus. Christian Krachts radikale Erzählexperimente. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D. (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.21.

[8] Hagestedt, Lutz: Die absolute Freiheit und der Schrecken. Erinnerungskultur und Gegenwartsbezug bei Christian Kracht. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D. (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.131-136.

[9] Vgl.: Literapedia Bern. Das Lexikon der Berner Schriftstellerinnen und Schriftsteller: Kracht, Christian. Universität Bern. <http://www.literapedia-bern.ch/Kracht,_Christian> [Letzter Aufruf: 13.02.2014]. S.04.

[10] Schumann, Andreas: >>das ist schon ziemlich charmant<<. Christian Krachts Werke im literarhistorischen Geflecht der Gegenwart. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D. (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.162.

[11] Vgl.: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D.: Christian Kracht – Leben und Werk. Eine Chronologie. In: Ders. (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.271-278.

[12] Vgl.: Conter, Claude D.: Christian Krachts posthistorische Ästhetik. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D.(Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.32.

[13] Auf Grund der Häufigkeit werden für die drei Primärtexte folgende Siglen verwendet: MT = Metan, IP = Imperium, IWH = Ich werde hier sein....

[14] Lettow, Fabian: In der Leere des Empire. Notizen zu Christian Krachts 'Metan'. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D. (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.242.

[15] Ebd., S.243.

[16] Wenk, Dieter: Der Duft der großen weiten Welt. Textem. Texte und Rezensionen vom 09.03.2007. <http://www.textem.de/index.php?id=1242> [Letzter Aufruf: 05.03.2014].

[17] Ricklefs, Ulfert (Hg.): Fischer Lexikon Literatur. Band 3. Frankfurt a.M. 1996. S.1943.

[18] Vgl.: Anonym: Merkmale klassischer Dystopien. Ein Überblick. Dystopische Literatur. <http://dystopischeliteratur.org/merkmale-von-klassischen-dystopien/> [Letzter Aufruf: 10.03.2014].

[19] Ricklefs, Ulfert (Hg.): Fischer Lexikon Literatur. Band 3. Frankfurt a.M. 1996. S.1944.

[20] Vgl.: Anonym: Merkmale klassischer Dystopien. Ein Überblick. Dystopische Literatur. <http://dystopischeliteratur.org/merkmale-von-klassischen-dystopien/> [Letzter Aufruf: 10.03.2014].

[21] Ricklefs, Ulfert (Hg.): Fischer Lexikon Literatur. Band 3. Frankfurt a.M. 1996. S.1944.

[22] Vgl.: Gnüg, Hiltrud: Utopie und utopischer Roman. Stuttgart 1999 (Reclam Universal-Bibliothek Nr. 17613). S.229.

[23] Vgl.: Anonym: Merkmale klassischer Dystopien. Ein Überblick. Dystopische Literatur. <http://dystopischeliteratur.org/merkmale-von-klassischen-dystopien/> [Letzter Aufruf: 10.03.2014].

[24] Vgl.: Ricklefs, Ulfert (Hg.): Fischer Lexikon Literatur. Band 3. Frankfurt a.M. 1996. S.1943.

[25] Woznicki, Krystian: Christian Kracht, Ingo Niermann: Metan. Pynchon light. Fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung vom 20.07.2007. <www.fluter.de/de/wasser/buecher/6124/> [Letzter Aufruf: 12.03.2014].

[26] Vgl.: Lettow, Fabian: In der Leere des Empire. Notizen zu Christian Krachts 'Metan'. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D. (Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.243.

[27] Vgl.: Ebd.; auf die sprachlichen Besonderheiten als typische Kracht'sche Motivik wird im Kapitel IV.3. Näher eingegangen.

[28] Woznicki, Krystian: Christian Kracht, Ingo Niermann: Metan. Pynchon light. Fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung vom 20.07.2007. <www.fluter.de/de/wasser/buecher/6124/> [Letzter Aufruf: 12.03.2014].

[29] Conter, Claude D.: Christian Krachts posthistorische Ästhetik. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D.(Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.34f.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Woznicki, Krystian: Christian Kracht, Ingo Niermann: Metan. Pynchon light. Fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung vom 20.07.2007. <www.fluter.de/de/wasser/buecher/6124/> [Letzter Aufruf: 12.03.2014].

[34] Hartwig, Ina: Wir riechen (uns). Kracht + Niermann auf Bergtour. Frankfurter Rundschau vom 14.03.2007. <http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/metan-r.htm> [Letzter Aufruf: 05.03.2014].

[35] Conter, Claude D.: Christian Krachts posthistorische Ästhetik. In: Birgfeld, Johannes/Conter, Claude D.(Hg.): Christian Kracht. Zu Leben und Werk. Köln 2009. S.36.

Details

Seiten
41
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656654070
ISBN (Buch)
9783656654056
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273270
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Christian Kracht Metan Imperium Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten Ingo Niermann Dystopie Utopie Krachtsche Motivik

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Titel: Dystopie und Utopie bei Christian Kracht. „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, „Metan“ und „Imperium“