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Kritik der SKIP-Argumente im Bezug auf embryonale Stammzellenforschung

Seminararbeit 2014 19 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Biologische Grundlagen
2.1 Embryogenese
2.2 Totipotente und Pluripotente Stammzellen
2.3Embryonale Stammzellen gewinnen

3. Die SKIP-Argumente
3.1 Speziesargument
3.2 Kontinuumsargument
3.3 Identitätsargument
3.4 Potentialitätsargument

4. Konklusion

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Vorwort :

“One egg, one embryo, one adult—normality. But a bokanovskified egg will bud, will proliferate, will divide. From eight to ninety-six buds, and every bud will grow into a perfectly formed embryo, and every embryo into a full-sized adult. Making ninety-six human beings grow where only one grew before. Progress.“[1]

Gleich zu Beginn seines, mittlerweile zu einem der wichtigsten literarischen Werke gewordenen, Buches Brave New World beschreibt Aldous Huxley dem Leser den Bokanovsky Prozess. In der futuristischen neuen Welt wird dieser fiktive Prozess dazu verwendet menschliche Eizellen in vitro zu befruchten und bis zu 96 identische, verwertbare Embryonen aus einer Eizelle zu gewinnen. Aus diesen Embryonen werden gezielt verschiedene Menschenklassen gezüchtet, welche für unterschiedliche Arbeiten vorgesehen sind. In der neuen Welt wird dies als Fortschritt angesehen. Die Erstveröffentlichung von Brave New World liegt zum jetzigen Zeitpunkt mehr als 80 Jahre zurück. Die Aktualität dieses Zitates und des Fortschrittsgedanken im Bezug auf Stammzellen und Embryonenforschung könnte kaum aktueller sein.

Die Stammzellenforschung gilt als große Hoffnung um bisher unheilbare Krankheiten zu besiegen oder besser behandelbar zu machen. Hier seien Organausfälle oder Krankheiten wie Chorea Huntington und Parkinson als Beispiele genannt.[2] Ein weiterer denkbarer Punkt wäre allerdings auch die Verbesserung des Menschen aufgrund von Stammzellenforschung.

Gegner der Stammzellenforschung verwenden oft die sogenannten SKIP-Argumente, welche, unter anderem, auch in der Abtreibungsdebatte diskutiert werden, um den moralischen Status eines Embryos zu bestimmen. Das Akronym SKIP steht hierbei für Spezies, Kontinuum, Identität und Potentialität. Als erstes sollen die biologischen Grundlagen geklärt werden um dann mit einer Betrachtung und Prüfung der einzelnen Argumente fortfahren zu können. Ziel ist es hierbei, zu zeigen welche Argumente und/oder Teilargumente sinnvoll erscheinen um den embryonalen Würdestatus zu definieren.

2. Biologische Grundlagen

2.1 Embryogenese

Zuerst wird der, für diese Arbeit relevante Ablauf der embryonalen Entwicklung ab der Befruchtung skizziert.

Nach der Befruchtung entsteht aus den beiden Geschlechtszellen die Zygote. Die Zygote beginnt sofort sich zu teilen. Von einer Zygote spricht man im 1- bis 8-Zellstadium. Das nächste Stadium, mit 8 bis 32 Zellen heißt Morula. Sie ist quasi ein Zellhaufen aus gleichartigen Zellen.

Danach spricht man von einer Blastozyste. Sie teilt sich zum einen auf in den Trophoblast, welcher später die Plazenta bildet und andererseits den Embryoblast, der sich später in den eigentlichen Embryo entwickelt. Die Blastozyste bildet sich etwa vier Tage nach der Befruchtung. Sie nistet sich dann ungefähr am fünften Tag in die Gebärmutterschleimhaut ein.[3]

Nach dieser Einnistung bildet der Embryoblast zwei Blässchen, die Amnionblase und das Dottersackblässchen. Dort wo sie aufeinander treffen entstehen der Epiblast und der Hypoblast. Etwa nach zwei Wochen beginnt im Epiblast die Entwicklung des Embryonalkörpers und es bildet sich der Primitivstreifen.[4] Bis zu diesem Zeitpunkt ist eine Mehrlingsbildung noch nicht ganz ausgeschlossen, da bei der Bildung von zwei Primitivstreifen sich Zwillinge entwickeln würden.[5]

2.2 Totipotente und Pluripotente Stammzellen

Eine Stammzelle ist „[…] jede noch undifferenzierte Zelle eines Organismus […], die sich in ihrem undifferenzierten Zustand über einen langen Zeitraum hinweg vermehren und reifere Tochterzellen bilden kann, also die Fähigkeit zur Differenzierung in bestimmte Zell- oder Gewebetypen besitzt.“[6]

Zellen der Zygote sind noch totipotent, das heißt sie sind dazu in der Lage, einen Embryo zu bilden. Spätestens nach dem 8-Zell-Stadium (Morula) sind die einzelnen Zellen nur noch pluripotent, was bedeutet, dass sie noch verschiedene Zelltypen bilden können, jedoch keinen ganzen Embryo. Die Zellen des Embryoblast sind ebenfalls weiterhin pluripotent und können somit Stammzellen liefern.[7]

2.3 Embryonale Stammzellen gewinnen

Das Hauptaugenmerk soll in dieser Arbeit auf embryonalen Stammzellen liegen, die aus Embryonen, welche in vitro (lat. ‚im Glas‘) künstlich erzeugt wurden, gewonnen werden. Embryonale Stammzellen werden aus der Blastozyste gewonnen. Bei der Gewinnung wird der Embryo zerstört.[8] Die Embryonen die hierbei zerstört werden, waren ursprünglich für eine künstliche Befruchtung vorgesehen, dürfen allerdings nicht mehr eingesetzt werden, oder werden nicht mehr gebraucht.[9] Nach geltendem deutschem Recht ist diese Methode verboten[10], allerdings ist es erlaubt embryonale Stammzellen aus dem Ausland einzuführen, wenn sie vor dem 1. Mai 2007, für die künstliche Befruchtung, gewonnen wurden.[11]

3. Die SKIP-Argumente

In der Debatte um Stammzellen und allgemein um den moralischen Status von Embryonen sind es vor allem die SKIP-Argumente die vorgebracht werden, um zu begründen, warum der Embryo einen starken moralischen Status inne hat. Natürlich gibt es auch noch genügend andere Argumente, wie zum Beispiel das Vorsichtsargument. Auf diese wird hier jedoch nicht eingegangen.[12] Es wird ebenfalls innerhalb des Begriffs der Menschenwürde argumentiert, auch wenn einige Befürworter der Stammzellenforschung genau diesen angreifen. Begonnen wird hier mit dem Speziesargument.

3.1 Speziesargument

Das Speziesargument lässt sich wie folgt darstellen:

(1) Jedes Mitglied der Spezies Mensch hat Würde M[13].
(2) Jeder menschliche Embryo ist Mitglied der Spezies Mensch.Also:
(3) Jeder menschliche Embryo hat Würde M.[14]

Die logische Korrektheit des Arguments ist gegeben, daher kann es als gültig angesehen werden. Um das Argument zu entkräften muss sich eine der beiden Prämissen als falsch erweisen. Die zweite Prämisse dieses Arguments ist nahezu unangreifbar, denn das ein menschlicher Embryo zur Spezies der Menschen gehört ist, außer in besonderen Fällen, unstrittig. Sonderfälle, in welchen Embryonen erzeugt werden, die menschliche und tierische Zellen haben, seien hier außenvorgelassen. Daher ist die erste Prämisse der Betrachtungsgegenstand in diesem Kapitel.

„Träger der Menschenwürde ist der Mensch nicht erst in einem bestimmten Zustand oder Stadium, nicht erst mit bestimmten Ausprägungen oder Merkmalen, sondern der Mensch als solcher, der Mensch, der heute als Embryo und morgen als geborener, heute als jugendlicher und morgen als erwachsener Mensch lebt. Weil dieser Mensch in jeder Phase seiner Lebensgeschichte Würde besitzt, kommt ihm diese auch in der Zeit zu, in der er als 8-Zeller existiert.“[15]

Dieses von Eberhard Schockenhoff stammende Zitat bezieht sich zwar auf die PID[16], kann aber ebenso gut für die Stammzellendebatte verwendet werden. Schockenhoff ist sowohl Gegner der Stammzellenforschung als auch Mitglied im Deutschen Ethikrat. Auch er stütz sich auf die Spezieszugehörigkeit des Embryo um dessen Würde zu begründen. Diese Begründung stützt sich auf ein bestimmtes biologisches Attribut (Zugehörigkeit zur Spezies Mensch) und leitet daraus eine Norm ab (hat Würde M). Hier liegt ein Sein-Sollen-Fehlschluss vor. Hieraus kann man zwar noch nicht das Gegenteil ableiten, nämlich, dass ein Embryo Würde M nicht besitzt, man kann damit allerdings auch nicht begründen warum er nur weil er zur Spezies Mensch gehört, diese Würde haben muss.

[...]


[1] Huxley, Aldoux. Brave New World. S. 3f.

[2] Vgl. Brewe, Manuela. Embryonenschutz und Stammzellgesetz. Rechtliche Aspekte der Forschung mit embryonalen Stammzellen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim, hrsg. Von Haverkate, Görg/ et al., S. 1 f. oder Deutsche Forschungsgemeinschaft. Forschung mit embryonalen Stammzellen. S. 1.

[3] Vgl. Rohen, Johannes W. ;Lütjen-Drecoll, Elke. Funktionelle Embryologie. Die Entwicklung der Funktionssysteme des menschlichen Organismus. S. 27-29.

[4] Ebenda. S. 43 ff.

[5] Ebenda. S. 173.

[6] Brewe, Manuela. Embryonenschutz und Stammzellgesetz. Rechtliche Aspekte der Forschung mit embryonalen Stammzellen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim, hrsg. Von Haverkate, Görg/ et al., S. 3 f.

[7] Vgl. Rohen, Johannes W.;Lütjen-Drecoll, Elke. Funktionelle Embryologie. Die Entwicklung der Funktionssysteme des menschlichen Organismus. S. 27.

[8] Deutsche Forschungsgemeinschaft. Forschung mit embryonalen Stammzellen. S. 8.

[9] Brewe, Manuela. Embryonenschutz und Stammzellgesetz. Rechtliche Aspekte der Forschung mit embryonalen Stammzellen, in: Veröffentlichungen des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim, hrsg. Von Haverkate, Görg/ et al., S. 5.

[10] § 2 Abs. 1. Embryonenschutzgesetz: „Wer einen […] menschlichen Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zeck abgibt, erwirbt oder verwendet, wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafen bestraft.“ Aus: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/eschg/gesamt.pdf.

[11] § 4 Abs. 2. Stammzellgesetz. Aus: http://www.bmbf.de/pubRD/stammzellgesetz.pdf.

[12] Vgl. Damschen, Greogor; Schönecker, Dieter. Der moralische Status menschlicher Embryonen. S.250 ff.

[13] Würde M, Menschenwürde und Würde werden in dieser Arbeit synonym verwendet.

[14] Damschen, Greogor; Schönecker, Dieter. Der moralische Status menschlicher Embryonen. S.3.

[15] Schockenhoff, Eberhard. Guter Hoffnung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 15.09.2010.

[16] Präimplantationsdiagnostik

Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656655060
ISBN (Buch)
9783656655053
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273268
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
Schlagworte
kritik skip-argumente bezug stammzellenforschung

Autor

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Titel: Kritik der SKIP-Argumente im Bezug auf embryonale Stammzellenforschung