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Ästhetik der Ruinen

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Kirche in den Sibillinischen Bergen - ein passionierter Bau
1.2 Historie
1.3 Fragestellung

2. Hinterfragung dergängigen Definition
2.1 Ästhetik ist die Theorie der Kunst
2.2 Ästhetik ist die Theorie des Schönen
2.3 Ästhetik ist die Theorie der sinnlichen Erkenntnis

3. Ruinen als künstlerischerund geographischer Gegenstand
3.1 Gary, USA
3.2 Pripjat, Ukraine
3.3 Andrej Tarkovskij
3.4 Caspar David Friedrich

4. Urteile und Werturteile
4.1 Genuine Ästhetik
4.2 Psychische Distanz
4.3 Nonkognitivismus
4.4 Interesseloses Wohlgefallen

5. Die Ontologie derRuine
5.1 Materie und Vorstellung
5.2 Zwei Welten
5.3 Ontologische Kategorien
5.4 Abstraktion und Materie

6. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Brückenruine, Servigliano, Italien, 20П Matthias Jessen (Fotograf)

1.1 Ein passionierter Bau

Fährt man von Amándola, einer kleinen Stadt in der norditalienischen Region der Marken in Richtung Westen erreicht man einen meandernden Gebirgspfad in die Sibillinischen Berge. Durch die Gefahrvon Steinschlägen und Gerölllawinen ist ab 1000 Höhenmeter ein vorankommen mit dem Auto nicht mehr möglich und so muss man zu Fuß weitergehen. Gipfelkämme erheben sich ringsherum. Am Ende des Tals, hoch oben über dem, mit einem Mischwald bewachsenen Granithang erkennt man die Überreste einer kleinen Kirche. Im Alleingang hat ein Mann 33 Jahre seines Lebens dafür aufgewandt diese Kirche fernab eines Dorfes zu errichten. Heutzutage sind aufdem Gipfel lediglich nur noch Bruchstücke und Trümmerzu erkennen. Es gibt keine historischen Hinweise für Touristen oder eine Gedenktafel. Hier existiert für den Betrachter lediglich die Ruine. Um etwas über diese meisterhafte und passionierte Arbeit zu erfahren muss man sich schon mit den Einheimischen Bergsteigern unterhalten. Sie erzählen dann von derVergeblichkeit des Strebens, von der Vergänglichkeit des Bauwerks, von verblassenden Erinnerungen und der unbarmherzigen Gewalt der Natur.

1.2 Historie

Das Wort Ruine hat seinen Ursprung im lateinischen. Ruere steht dort für Zusammenstürzen, einstürzen oder sinken.[1] Im allgemeinen Bewusstsein steht das Sinnbild der Ruine für die Vergänglichkeit, für das Vanitasmotiv.

„Die Ruine ist ein durch Arbeit entstandenes Bauwerk, das der Zeit und den Kräften der Natur oder aber auch menschlicher Gewalt nicht standgehalten hat und das nun auch deren Spuren sichtbar zurSchau stellt. Insofern verdeutlicht sie drastisch die Brüchigkeit von (menschlicher) Macht und Herrschaft. Als Monument einer individuellen Geschichte repräsentiert sie zugleich eine kollektive, allgemeine Geschichte.“[2] Der Anblick einer Ruine erweckt in dem Betrachter ein höchst eigentümliches und einzigartiges ästhetisches Erlebnis. „Sie vermittelt den Eindruck des Desorganisierten und des Fragmentarischen.“[3] Nach dem Ende des dunklen, von Pest und todbringenden Kreuzzügen geprägten Mittelalters erfolgte in der Renaissance eine Hinwendung zur Antike. Durch die Flucht der Gelehrten aus Konstantinopel gelangte nahezu vergessenes, über tausend Jahre konserviertes Wissen zurück nach Europa. Fortan wurden antike Dichter, Wissenschaftler, Philosophen und Baumeisterwiederstudiert. Esfolgte eine Abwendung vom theozentrischen Weltbild. Von nun an stand der Mensch und seine Sichtweise auf das Leben im Diesseits im Mittelpunkt des Lebens. Es ist wohl kein Zufall dass die ersten Ruinengemälde aus dieser Zeit stammen.

„Leon Battista Alberti(1404 - 1472) und Antonio Francesco di Filarete (ca. 1400- 1469) etwa beschäftigten sich mit den Trümmern der späten Antike auf italienischem Boden, aberdas Interesse dieser Architekturtheoretiker galt den antiken Zeugnissen nicht weil, sondern obwohl letztere Ruinen waren.“[4] Lebensinhalte und Zielsetzungen der Menschen änderten sich, ebenso wie die Dichtung und die Philosophie. So entstanden gänzlich neue Sichtweisen und Interpretationsansätze für bereits bestehende und bisher nicht beachtete Verhältnisse.

„Bevor sie von den Humanisten beschrieben und von den Künstlern abgebildet wurden, waren sie nur nutzlose Trümmer. Anders gesagt sind die Ruinen Reste, denen man eine symbolische und ästhetische Würde zuschreibt“.[5]

Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Ruine als Motiv für eine Art Projektionsfläche des Malers und des Betrachters.

„Die Desorganisation, derUmstand daß die Ruine ihren ursprünglichen Verwendungszweck und damit ihren früheren Bedeutungszusammenhang eingebüßt hat, macht sie zu einem weißen, leeren Feld, in das der Melancholiker eine neue Bedeutung eintragen kann.“[6]

Später, nach der Etablierung als ästhetischer und atmosphärischer Gegenstand erfolgte in der englischen Gartenbaukunst die gezielte Platzierung von künstliche angelegten Ruinen.

„1788 - 1792 wurde von Heinrich Christoph Jussow im Park Wilhelmshöhe ein Aquädukt erbaut. (...) „Das Werk trägt das Gepräge eines mehr als tausendjährigen Alterthums so täuschend an sich, daß ein Erbauung Unkundiger es für die Ruine irgend einer von den Römern einst hierim Auslande angelegten Wasserleitung halten müßte“.[7]

Die Ruine hat sich als eine Allegorie derVergänglichkeit, der Unvollkommenheit, der Überlegenheit der Natur und dem ewigen Fortschreiten der Zeit etabliert. Zumindest trifft diese Beschreibung auf die Ruinen der Zeit vor dem 21. Jahrhundert zu.

„Die extreme Gegenposition zur traumatischen Ruine des beginnenden 21. Jahrhunderts ist die nostalgische Ruine des 19. Jahrhunderts. Die Ruinenromantik entstand in einer Zeit, als sich die alltägliche Lebensgewohnheiten und Wahrnehmungsbedinungen durch die Umstellung von Produktion, Kommunikation und Verkehr auf neue Maschinen wie Dampfwalze, die Rotationspresse und die Eisenbahn drastisch änderten.“[8]

1.3 Fragestellung

Forschungsgegenstand dieser Hausarbeit, die im Rahmen des Seminares „Philosophische Ästhetik“ entstanden ist, sind die sogenannten nostalgischen Ruinen. Erforscht werden sollen ihre ästhetische Wirkungsweise anhand der Methoden der philosophischen Ästhetik sowie ihre Deutungsmöglichkeiten für den Betrachter mithilfe unterschiedlicher Beispiele aus der Malerei, dem Film und der unmittelbaren Geographie. Ich definiere den Begriffder Ruine nicht nur mit dem verfallenen Bauwerk, sondern beziehe bei meinen Untersuchungen ebenfalls die natürliche Umgebung und die atmosphärischen Bedingungen wie Lage und Lichtverhältnisse mit ein. Ich möchte mit der Definition von Ästhetik beginnen und im Laufe der Hausarbeit aufzeigen, dass in diesem

Fall die geläufige Definition „Ästhetik ist die Theorie des Schönen und der Kunst“ weder ausreichend, noch zutreffend ist. Weiterhin möchte ich die ontologische Stellung der Ruine in den Geisteswissenschaften erörtern, die historische und vor letztendlich vor allem die ästhetische Wirkungsweise der Ruine aufzeigen. Maria E. Reicherführt in ihrem Buch „Einführung in die philosophische Ästhetik“ drei Definitionen an, die es zu untersuchen und zu hinterfragen gilt: 1. Ästhetik ist die Theorie der Kunst, 2. Ästhetik ist die Theorie des Schönen, 3. Ästhetik ist die Theorie der sinnlichen Erkenntnis.[9] Beginnen wir mit dem ersten Punkt.

2.1 Ästhetik ist die Theorie der Kunst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Altes Zementwerk in Itzehoe, Deutschland, 2007, Matthias Jessen (Fotograf)

Ganz gleich ob es sich um die eingestürzte Kathedrale, das verlassene Zementwerk, das zerbrochene Aquädukt oder die mit Rost überwucherte Fabrikanlage handelt, alle diese Bauwerke haben ihren Zweck und ihren einstigen, vom Architekten angestrebten und von den Bauherren umgesetzten Glanz verloren. Das Material ist verwittert und hat nachgegeben, die Farbe ist abgeblättert, tragenden Elemente sind eingestürzt oder instabil, Spuren von Vandalismus und Zweckentfremdung durch Obdachlose und Straßenkünstler haben den architektonischen Sinn entfremdet, die Natur hat die angestrebte Verteidigungsgrenze überschritten und die klinische Reinheit und artifizielle Souveränität verunstaltet, sie hat sich ihren geraubten Platz zurückerobert. Das Bauwerk an sich mag als Kunstwerk angesehen werden und für sich alleine eine ästhetische Wirkung entfalten, wobei im kollektiven Bewusstsein sicherlich die Kathedrale über der Fabrik im Hinblick auf eine ästhetische Erfahrung anzusiedeln ist. Doch nach dem Zusammenbruch und dem Verlassenwerden, nach dem Vergessen und dem Versinken in die Natur verliert die Architektur ihre ursprüngliche Form. Der schöpferische Geist des Architekten und die Hände des Baumeisters sind in den Konturen und Bruchstücken noch zu erahnen, aber dennoch hat „etwas anderes“ das Erscheinungsbild geprägt. Was womöglich einmal ein Kunstwerk gewesen ist, wurde durch die Zeit und durch die Natur in seinem Charakter grundlegend verändert. Was als ästhetisch gesehen und bewertet wird ist nicht das ursprüngliche Bauwerk, welches tatsächlich sogar in gänzlicher Weise unästhetisch anmuten kann, sondern das transformierte Gebäude im Nachklang des menschlichen Strebens und Schaffens. Kein bewusst oder planvoll vorgehender Künstler hat in diesem Fall seinen Einfluss ausgeübt um ein künstlerisches oder ästhetisches Erscheinungsbild zu entwerfen.

„Die Ruine des Bauwerks aber bedeutet, dass in das Verschwundene und Zerstörte des Kunstwerks andere Kräfte und Formen, die der Natur, nachgewachsen sind und so aus dem, was noch Kunst in ihr lebt, ein neues Ganzes, eine charakterische Einheit geworden ist.“[10]

Verantwortlich für das Erscheinungsbild ist lediglich das voranschreiten der Zeit, die Witterung und die Einflüsse der natürlichen Umgebung. Die Definition „Ästhetik ist die Theorie der Kunst“ ist somit viel zu eng, da es Naturphänomene wie beispielsweise die Alpen, einen Wüstensturm oder Polarlichter nicht mit einschließt, geschweige denn den natürlichen Prozess der „Ruinierung“, welcherfrei von einer Autorenschaft und bewussten Gestaltung ist.

2. 2 Ästhetik ist die Theorie des Schönen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Fabrikgelände,Lägerdorf, Deutschland, 2007 Matthias Jessen (Fotograf)

„Nicht alle Kunstwerke sind schön“ schreibt Reicher in ihrem Buch. Tatsächlich kann die Wirkungsweise einer ästhetischen Erfahrung durchaus wesentlich komplexer sein als der Anblick einer eindimensional schönen Sache. „Aber es gibt auch andere Eigenschaften von Gegenständen, die uns ästhetisch berühren können“.[11] Bei der Suche nach einem passenden ästhetischen Prädikat für die Ruine stößt man immer wieder auf den Begriffder Melancholie. Der Anblick einer ruinierten Stätte erzeugt ein melancholisches Spannungsfeld zwischen dem Subjekt (dem Betrachter) und dem Objekt (der Ruine und ihrer Umgebung).

Melancholie ist ein romantischerZustand des sehnsüchtigen Verlangens, der andächtigen Wertschätzung und der ohnmächtigen Einsamkeit. Beruft man sich auf ursprüngliche Definitionen des Wahren, des Guten und des Schönen, so treffen diese düsteren Seelenzustände nicht in die These „Ästhetik ist die Theorie des Schönen“. Eher ist es eine kräftezehrende, aber dennoch erbauende Grenzerfahrung für Körper, Geist und Seele, da der Mensch sich in einer melancholischen Stimmung ernsthaft seinen tiefsitzenden Bedürfnissen aussetzt und ebenfalls unterdrückte Träume und Leidenschaften ins Konfliktfeld des Bewusstseins fördert.

Bei einer weiterführenden Betrachtung des melancholischen Charakters lässt sich eine tiefgreifende Störung zwischen dem Subjekt und seiner Umwelt erahnen, woraus sich letztendlich die euphorische Faszination für die ruinierte Landschaft erkennen lässt.

„Die Zukunft ist versperrt, die Selbstentfaltung der Persönlichkeit kommt zum Stillstand. Basal ist die Hemmung des Werdedranges, woraus letztendlich die Symptome Denkhemmung, Willens- und Gefühlshemmung, Wahn und Zwang hervorgehen. (...) Die Hemmung des Werdens ist zugleich eine Hemmung des Existieren-Könnens. Dies ist ein Dasein im Leeren.“[12]

Diese substanzlose Heimatlosigkeit ist es wohl, die der Betrachter als vertrautes und heimisches Element in einem entfremdeten und unheimlichen (im Sinne von nicht heimlich) Gebäude sieht. Somit ist die ästhetische Wirkungsweise ein wesentlich komplexerer Prozess als lediglich der Anblick einer schönen Sache, da die seelische Obdachlosigkeit durch das transzendentale Vertrauen der Ruine legitimiert und gemindert wird. Georg Simmel schrieb dazu

„Der ganze geschichtliche Prozess der Menschheit ist ein allmähliches Herrwerden des Geistes über die Natur, die eraußersich - aber im gewissen Sinne auch in sich - vorfindet.“[13]

[...]


[1] Vgl. Stadler, Ulrich: Ruinenbilder S. 271.

[2] Stadler, Ulrich: Ruinenbilder S. 271,272.

[3] Stadler, Ulrich: Ruinenbilder S. 272.

[4] Stadler, Ulrich: Ruinenbilder S. 272.

[5] Makarius, Michel: Ruinen S. 9.

[6] Stadler, Ulrich: Ruinenbilder S. 273.

[7] Zimmermann, Reinhard - Künstliche Ruinen S. 117.

[8] Assmann, Gomille, Rippl: Ruinenbilder S. 7.

[9] Reicher, Maria E.: Einführung in die philosophische Ästhetik S. 13.

[10] Georg Simmel: Die Ruine S. 2

[11] Reicher, Maria E.: Einführung in die philosophische Ästhetik S. 15.

[12] Schmitt: Zur Phänomenologie und Theorie der Melancholie S. 24.

[13] Simmel, Georg: Die Ruine S. 1

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656653318
ISBN (Buch)
9783656653271
Dateigröße
4.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273220
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Ästhetik Ruinen Kulturwissenschaften Caspar David Friedrich Andrej Tarkowski Ukraine Pripyat Tschernobyl Ontologie Philosophie Kunst Natur Kultur Gary USA Bauwerke Architektur

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