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Posttraditionale Vergemeinschaftungsformen. Eine Analyse anhand des Fallbeispiels der Jugendszene-Graffiti

Seminararbeit 2012 20 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Lebensphase Jugend

3. Jugendkulturen und Jugendszenen

4. Posttraditionale Gemeinschaft

5. Merkmale von Szenen
5.1 Thematischer Fokus und eigene Kultur
5.2 Kommunikative und interaktive Teilzeit-Gesellungsformen
5.3 Szenen als soziales Netzwerk
5.4 Szenen als labiles und unstrukturiertes Gebilde
5.5 Dynamisch, Eventorientiert und Organisaltionseliten

6. Typen von Szenen

7. Der Austritt aus einer Szene

8. Die Jugendszene Graffiti
8.1 Geschichte
8.2 Thematischer Fokus
8.3 Einstellungen und Motive
8.4 Lebensstil und Kommunikation
8.5 Treffpunkte und Events
8.6 Geschlechterrollen und Struktur
8.7 Illegalität und Kriminalität

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„Me and my boys turn on the toys when we seek the trains they go insane that´s what it is the name of the game is graffiti. Fame“ (Domentat 1994, 7).

Jugendliche Lebenswelten, kurz Jugendkulturen oder Jugendszenen, sind Gruppen von jungen Menschen, die gemeinsame Interessen und Stile teilen. Unterschieden wird dabei, dass der Begriff Jugendszene eine soziale Gruppe beschreibt, die gleiche Interessen, wie Musik, Lebensstil, Religion oder auch politische Meinungen, vertritt. Eine Jugendkultur hingegen bezeichnet kulturelle Aktivitäten und Stile einer Gruppe sowie das eigentliche Netzwerk der Jugendlichen. Es gibt diverse Jugendszenen, die sich in verschiedene Richtungen orientieren können, beispielsweise musikalisch- (z.B. Hip Hop), sport- (z.B. Fußball) oder künstlerisch orientierte (z.B. Graffiti) Szenen.

In der Lebensphase ‚Jugend‘ muss der gesellschaftliche Wandel und die damit einhergehende Stellung der Jugendlichen in der jeweiligen aktuellen gesellschaftlichen Struktur berücksichtigt werden. Unter anderem fällt es der Jugend immer schwerer Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, da „mehr und mehr die Vorbilder (hingänglich) gelingender 'Normalbiographien' abhanden kommen“ (Hitzler 2010, 16).

In dieser Arbeit möchte ich mich insbesondere mit der Jugendszene Graffiti beschäftigen und die Geschichte, die Einstellungen und die Strukturen innerhalb der Szene näher beleuchten. Wie in vielen anderen Szenen besteht die Freizeit der Jugendlichen aus vielen szenebezogenen Aktivitäten, die einen großen Platz im Leben der Jugendlichen einnehmen. Insbesondere gehe ich auf die Graffiti-Szene in der brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam ein, da die Ambitionen der heutigen jungen deutschen Sprayer ganz anders zu sein scheinen, als die der amerikanischen Sprayer in den frühen 70er Jahren. Die Gedanken und Gefühle der jungen Graffiteure sollen ebenfalls zum Vorschein kommen und das genaue Bild einer Jugendszene in einer bestimmten Stadt vorgestellt werden. Dabei stütze ich mich auf die Aussagen eines jungen Potsdamer Sprayers, der unter dem Synonym 'der Ehrgeizige' auftritt. Was für Intentionen und Motivationen stecken hinter dieser Szene und inwieweit beeinflusst die Szene das alltägliche Leben?

Ich möchte versuchen Fragen wie diese zu beantworten und die Jugendszene Graffiti vorzustellen. Dabei werde ich jedoch von den Kunststilen der ‚Street Art’, des ‚Urban Style’ und den ‚künstlerischen Graffiti Aufträgen‘ Abstand nehmen und meinen Fokus ‚nur‘ auf die Jugendszene legen. Ein entscheidender Vorteil dieser Differenzierung ist, dass es möglich ist, einen Einblick in typisierbare, kleinere, soziale Lebenswelten zu geben und den Versuch zu unterlassen Jugendkulturen miteinander zu vergleichen. Aufgrund der rasanten Veränderung und Weiterentwicklung von Szene –Trends beziehe ich mich ebenfalls auf Informationen aus dem Internetportal der Seite ‚www.jugendszenen.com‘. Dadurch möchte ich die Aktualität meiner Arbeit sichern und mit den neusten Fakten sowie Statistiken der Jugendszene – Forschung arbeiten.

2. Lebensphase Jugend

Das Alter des Heranwachsens ist eine der wichtigsten und prägendsten Phasen im menschlichen Lebenslauf(vgl. Hurrelmann 1985, 7). Diese Phase umfasst ca. 15 Lebensjahre, in der man sich mit geistigen, emotionalen, sozialen und körperlichen Veränderungen auseinandersetzen muss. Dabei fehlt den Jugendlichen oft ein Rückhalt, um verschiedene Veränderungen zu realisieren und zu verarbeiten. Um sich in dieser Phase zurecht zu finden helfen hierbei Gesellungsgruppen mit gleichaltrigen Mitgliedern. „Der Prozess der produktiven Auseinandersetzung mit der körperlichen und seelischen Innenwelt und der sozialen und gegenständlichen Außenwelt erfolgt in der Jugendphase meist in einer besonders intensiven und turbulenten Form“ (Hurrelmann 1985, 7).

Die ideale Vorstellung des zukünftigen Lebens spielt hierbei eine große Rolle. Laut Hurrelmann verschiebt sich die Jugendphase stetig weiter. Sie wird immer mehr dadurch ausgedehnt, dass der Beginn der Pubertät früher einsetzt und der Eintritt in das Erwachsenenalter nach hinten verlagert wird. Diese Verlagerung entsteht durch die verschiedenen Zukunftsvorstellungen, die von beruflichen und privaten Aspekten geleitet werden. „Soziologisch gesehen, ist das Jugendalter durch eine 'Statusinkonsistenz' - eine Ungleichzeitigkeit und Unausgewogenheit von sozialen Positionen und Rollen - charakterisiert“ (ebd. 8-9). Die Herausforderung dabei ist, sich in ein komplexes gesellschaftliches System einzubringen, welches unter anderem die Lebensbereiche Schule, Herkunftsfamilie, Partnerschaft, Konsum, Medien und Freundschaft umfasst. Um diesen Anforderungen des Erwachsenendaseins gerecht zu werden, durchläuft der Jugendliche eine Phase der beginnenden Eigenverantwortung und Autonomie, was unter anderem charakteristisch für die Jugendszenen ist.

„Bei der Bewältigung der Lebensanforderungen ist jede und jeder einzelne Jugendliche weitgehend auf sich selbst gestellt. Die Familie ist dabei nicht mehr die soziale Schutzzone […] und erfüllt im Jugendalter nur noch eingeschränkt eine erzieherische und sozialisatorische Funktion“(ebd. 9).

3. Jugendkulturen und Jugendszenen

Jugendkulturen sind altershomogene gesellschaftliche Teilkulturen, die zu den posttraditionalen Gemeinschaften zählen. Diese kann man in zwei Typen unterscheiden. Die eine Hauptgruppe der Jugendkultur ist fremdbestimmt (heterokephal), die andere selbstbestimmt (autokephal). Letzteres bedeutet, dass die Jugendlichen zum Beispiel in einer bestimmten Szene weitestgehend autonom handeln und eine eigenständige Ideologie entwickeln können. Zu der autokephalen Jugendkultur zählen jugendliche Subkulturen und Jugendszenen. Die Merkmale der Jugendszenen sind zum einen, dass die Gruppen überwiegend aus gleichaltrige Gruppenmitglieder bestehen und zum anderen, dass sie strukturlos und egalitär sind.

Definition Szene nach Hitzler:

„Unter einer Szene soll verstanden werden: Eine Form von lockerem sozialem Netzwerk; einem Netzwerk, in dem sich unbestimmt viele beteiligte Personen und Personengruppen vergemeinschaften. In einer Szene wird man nicht hineingeboren oder hineinsozialisiert, sondern man sucht sie sich aufgrund irgendwelcher Interessen selber aus und fühlt sich in ihr eine Zeitlang mehr oder weniger 'zu Hause'. Eine Szene weist typischerweise lokale Einfärbungen und Besonderheiten auf, ist jedoch nicht lokal begrenzt, sondern, zumindest im Prinzip, ein weltumspannendes“(Hitzler 2008, 56).

In einer Szene existiert keine feste Mitgliedschaft, „da die Ränder der Szene ohnehin verschwinden, hat man in der Regel einen problemlosen Zugang zu ihr und kann sie ebenso problemlos auch wieder verlassen“ (Hitzler 2010, 56).

4. Posttraditionale Gemeinschaft

Eine posttraditionale Gemeinschaft gehört zu einer der vier verschiedenen Gesellungsformen. Man unterscheidet zwischen Gemeinschaft, Gesellschaft, situative Event-Gemeinschaft und der posttraditionalen Gemeinschaft. Diese vier Gesellungsformen werden unter anderem durch die Motive, Dauer und Art der Mitgliedschaft, der sozialen Beziehungskultur, der Reichweite des Nominierungsanspruchs sowie durch den dominierenden sozialen Handlungsmodus unterschieden.

In der neuen modernisierten Form gibt es gegenüber den alten traditionellen und traditionalen Gemeinschaften „eigene Regeln, Relevanzen, Routinen und Weltdeutungsschemata - allerdings mit Lebensbereichs-, Themen- und/oder gar situations- spezifisch beschränkter, also auf jeden Fall 'partieller', nicht-exkludierender Geltung“(Hitzler 2010, 18). Zu den eigenen Regeln und Relevanzen zählt zum Beispiel, dass die üblichen festen Bindungen sowie Verpflichtungen der traditionalen und traditionellen Vergemeinschaftung entfallen. Diese neue Form ist dadurch gekennzeichnet, dass Individualisten sich freiwillig, auf einen zeitlich begrenzten Raum, entscheiden können, ob sie sich zusammen mit anderen Gleichgesinnten mit einem thematisch fokussierten Interessenfeld mehr oder weniger intensiv auseinander setzen. Dabei steht diese Form laut Gebhardt „in der Tradition der sozusagen 'klassischen' Vergemeinschaftsformen“(Hitzler 2008, 64). Den Partizipierenden geben die posttraditionalen Gemeinschaften eine ‚Wärme‘, die durch die gleichen Neigungen, Vorlieben und Leidenschaften entsteht. „Die Sehnsucht richtet sich auf Nähe und Authentizität und gegen gesellschaftliche Kälte“(Stahnke - Jungheim 2000, 83). Jedoch bindet die posttraditionale Gemeinschaft die Gruppenmitglieder meistens nicht für lange Zeit aneinander, da die Übereinstimmungen häufig nur für einen kurzen Zeitraum zusammen passen.

„Im Unterschied zu 'echten' Gemeinschaften existieren posttraditionale Vergemeinschaftungen, solange die Mitglieder an ihre Existenz glauben und daran teilhaben. Mitgliedschaft beruht auf Attraktivität, nicht auf Zwang“(Prisching 2008, 36).

Die Mitglieder werden sowohl von sich selbst als auch von Anderen nicht nur als Individualisten verstanden, sondern auch als „juvenile Menschen in Gesellschaften im Übergang zu einer 'anderen' Moderne.“(Hitzler 2008, 57).

5. Merkmale von Szenen

5.1 Thematischer Fokus und eigene Kultur

Szenen sind thematisch fokussiert und werden auch ‚single-issue-Gruppierungen‘ genannt. Sie beziehen sich auf ein Interessenfeld, welches entsprechende Handlungs- und Umgangsweisen einbezieht. Der Gruppenalltag bezieht sich jedoch nicht nur auf das fokussierte Thema, sondern bestimmt vielmehr den thematischen Rahmen „auf den sich Gemeinsamkeiten von Einstellungen, Präferenzen und Handlungsweisen der Szenemitglieder beziehen“(Hitzler 2010, 20-21).

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656651857
ISBN (Buch)
9783656651840
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273218
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Schlagworte
Jugendszene postraditionale Gemeinschaftsformen Graffiti Jugendkultur Subkultur
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Titel: Posttraditionale Vergemeinschaftungsformen. Eine Analyse anhand des Fallbeispiels der Jugendszene-Graffiti