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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Definition

3. Allgemeines

4. Sinus- Milieu
4.1. Allgemeines
4.2. Westdeutsche Milieus
4.3 Ostdeutsche Milieus

5. Pluralisierung

6. Milieuspezifika

7. Gesamtdeutsches Sinus- Modell

8. Abschlussbemerkung

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die bisher untersuchten Modelle sozialer Ungleichheit (Stand, Klasse, Schicht) konzentrierten sich auf „objektive“ Merkmale von Menschen oder Gesellschaften. Die individuellen Aspekte sozialer Ungleichheit, die immer mehr an Bedeutsamkeit gewann, wurden außer Acht gelassen.

Diese Schrift wird sich mit dem Modell der Milieu- Ansätze befassen, in dem „objektive“ sowie „subjektive“ Faktoren von Bedeutung sind. Sie soll einen Einblick darüber geben, was unter einem Milieu zu verstehen ist, wie die allgemeinen Gegebenheiten sind und welche Milieus es gibt. Darüber hinaus kommt es zu der Fragestellung der Trennung der Milieus in Ost und West. Ist es heute nicht mehr notwendig, Milieus nach Ost und West zu unterscheiden?

2. Definition

Um in das komplexe und vielseitige Thema der Milieus einzusteigen, ist es notwendig eine allgemeingültige Definition zu finden.

Dies erweist sich als schwierige Aufgabe, da unterschiedliche Auffassungen der einzelnen Sozialwissenschaftler (z.B. Michael Vester oder Gerhard Schulze) vorhanden sind. Hermann Korte und Bernhard Schäfers geben einen kleinen und übersichtlichen Einblick: “Hierbei versteht man unter Milieu die bei einer bestimmten Personengruppe typischerweise zusammentreffenden Grundwerte, Grundeinstellungen und Verhaltensmuster, z.b. die Verzahnung traditioneller Werte, politisch konservativer Einstellungen und Pflichtbewußtsein im konservativen Milieu. Das Leben in solchen Milieus prägt Menschen und lässt sie ihre jeweilige Um- und Mitwelt, z.b. das berufliche Umfeld, den Stadtteil oder die Nachbarn, in unterschiedlichst wahrnehmen und nutzen.” (Hradil, 1992, S. 161ff.)

In Milieu- Konzepten wird die Bevölkerung nach Unterschieden in ihren Lebenszielen, Lebenslagen und Lebensstilen unterschieden.

Die Milieuforschung ist ein sehr junger Zweig der Ungleichheitsanalyse. Bis Ende der 80er Jahre haben nur wenige Sozialwissenschaftler im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit mit Konzepten der Milieu- und Lebensstilforschung gearbeitet. Hierbei herrschte kaum Einigkeit darüber, was im engeren Sinne unter Lebensstilen und Milieus zu verstehen ist.

Selten wird der Milieu- und Lebensstilbegriff ausdrücklich voneinander getrennt. Gerhardt Schulze meint: “Statt von Milieus zu sprechen, könnte man auch andere Ausdrücke verwenden, etwa Lebensstilgruppen, Subkulturen, ständische Gemeinschaften, soziokulturelle Segmente, erlebbare gesellschaftliche Großgruppen.” (Schulze 1992, S.174) Da die Begriffe Milieu und Lebensstil oft in einem gleichen Zusammenhang genannt werden, müssen sie unterschieden werden. Der gewichtigste Gegensatz ist die zeitliche Veränderung. Soziale Milieus lassen sich nicht so leicht ändern wie Lebensstile. In den Milieus bestehen typische verankerte Wertehaltungen und Grundeinstellungen (z.B. Liberalismus oder Konservativität).

Diese Grundhaltungen ändern sich meist erst durch einschneidende Ereignisse (z.B. Arbeitsplatzwechsel, Heirat, Unfall, Krankheit etc.).

“Als Lebensstil bezeichnet man typische Regelmäßigkeiten in der Gestaltung des Alltags.”(Hradil, 1992, S.162) Lebensstile sind von den jeweils aktuellen Lebenszielen, Moden, derzeitigen Lebensformen, persönlichen Entscheidungen und den zur Verfügung stehenden aktuellen materiellen Gütern abhängig. So können sich Verhaltens- und Meinungsroutinen schnell ändern. Das aktuelle Lebensziel kann sich verändern und somit auch die Lebensweise.

3. Allgemeines

In der Regel wird davon ausgegangen, dass mit bestimmten Lebensbedingungen (z.B. die eines Langzeitarbeitslosen) auch eng bestimmte innere Haltungen (z.B. Pessimismus, Gefühl der Unbrauchbarkeit) einhergehen. Soziale Milieus und deren individuelle Lebensführungen (z.B. die Kindererziehung) werden zwar durch ihre äußeren Lebensumstände (z.B. die Einkommenshöhe) angeregt, begrenzt oder beeinflusst, aber keineswegs völlig geprägt. So kann die Kinderziehung in weniger reichen Familien genauso gut beziehungsweise genauso schlecht sein, wie in vermögenderen Elternhäusern. Einkommenshöhe, Bildungsstand und die berufliche Stellung können aber durchaus die Wertehaltung und Lebenseinstellung bestimmen. Die Struktur von Ober-, Mittel- und Unterschicht ist heute zwar immer noch zu erkennen, aber es kann nicht mehr an Hand der Lebensbedingungen einer Schicht eine Aussage über die Milieuzugehörigkeit getroffen werden.

Es werden in den sozialen Milieus Gruppen mit gleicher Gesinnung zusammengefasst, Gesinnung in Bezug auf ähnliche Wertehaltung, Lebensgestaltung, Beziehung mit Menschen und vieles mehr. Die Umgebung wird von den Angehörigen eines bestimmten Milieus ähnlich erfasst, interpretiert oder gestaltet, und somit erfolgt eine Unterscheidung zwischen den sozialen Milieus.

Milieuanalysen sind inzwischen ein gut erforschtes Mittel, um sozialen Aufbau und Wandel zu untersuchen. Sie geben Aufschluss über die Stabilität einer Sozialstruktur und können Hinweise darauf geben, wie Menschen Veränderungsprozesse verarbeiten. Die Untersuchung von Lebensstilen und Milieus ist ein relativ neuer Forschungsansatz, er erweitert Untersuchungen zu Klassen und Schichten. Beide Begriffe sind mit einer langen Tradition behaftet und wurden seit Max Weber in unterschiedlicher Art eingesetzt. Es gibt verschiedene Modelle der Milieus. Die in der BRD gegenwärtig wohl am bekanntesten und am häufigsten angewandten Milieukonzepte sind zum einen die Harmoniemilieu, Integrationsmilieu, Unterhaltungsmilieu und Niveaumilieu), zum anderen das Modell der Sinus- Milieus, auf das hier der Schwerpunkt gelegt werden soll.

4. Sinus- Milieu

4.1. Allgemeines

Ursprünglich wurde das Sinus- Modell für Zwecke der Politik- und Marktforschung entwickelt. Es ging darum zu erforschen, welche bestimmten Vorlieben ein spezielles Milieu besitzt, zum Beispiel welche Autotypen, Medien oder Reiseziele bevorzugt werden. Das Sinus- Modell fand aber auch Interesse unter den Soziologen und wurde von ihnen aufgegriffen und angewandt. (Vester, Heitmeyer, Hradil)

Ende der 70er Jahre basierten die Sinus- Milieus ausschließlich auf außergewöhnlich großen Stichproben aus qualitativen Interviews. Es wurden 1400 Interviews in allen Teilen der Bevölkerung durchgeführt. Erste quantitative Überprüfungen und Validierungen gab es 1982. Die Untersuchungen beziehen sich bis 1990 auf Westdeutschland. Ein eigenständiges ostdeutsches Modell entstand 1991. Diese Trennung in Ost- und Westmilieus erfolgte bis 1999. Ein erstes gesamtdeutsches Modell gab es im Jahr 2000.

Das Heidelberger SINUS-Institut ermittelte, dass es 1997 in den alten Bundesländern noch neun bis elf gesellschaftliche „Großmilieus“ gab, die sich in ihren Moralsystemen und Alltagsethiken voneinander abgrenzten.

Diese Milieus lassen sich wie folgt beschreiben: (Hradil, 1999, S.421ff.)

4.2. Westdeutsche Milieus

Das konservativ technokratische Milieu (10% der Bevölkerung in Westdeutschland) besitzt ein überdurchschnittlich hohes Bildungs- und Einkommensniveau. Es setzt sich aus leitenden Angestellte, höheren Beamten und Selbstständigen zusammen. Beruflicher und materieller Erfolg durch Leistung, Zielstrebigkeit, Führungs- und Gestaltungsbereitschaft gehören mit zu den wichtigsten Lebenszielen. Sie empfinden sich als der gesellschaftlichen Elite zugehörig, haben ein ausgeprägtes Status- und Machtbewusstsein und besitzen das Bedürfnis nach Exklusivität. Finanzielle Unabhängigkeit und ein intaktes Familienleben sind ebenso wichtig. Oft erfolgt hier eine Abgrenzung nach unten.

Mit überwiegend Hauptschulabschlüssen und abgeschlossener Berufsausbildung bildet sich das kleinbürgerliche Milieu (14% der Bevölkerung). Es sind meist kleinere bis mittlere Angestellte, Beamte, kleine Selbstständige und Landwirte mit kleinem bis mittlerem Einkommen. Im Vordergrund steht hier das Festhalten traditioneller Werte wie Disziplin, Ordnung, Pflichterfüllung und Verlässlichkeit. Wichtig ist auch die materielle und wirtschaftliche Absicherung, geordnete Verhältnisse und wenn möglich eine Erhöhung des Lebensstandard. Selbstbeschränkung, Verzichtbereitschaft, Konventionalität und Anpassung sowie eine unauffällige Lebensweise sind in diesem Milieu vermehrt zu finden.

Hauptsächlich die in industriellen Branchen (Facharbeiter, an- oder ungelernte Arbeiter) beschäftigten Menschen kennzeichnen das traditionelle Arbeitermilieu (5% der Bevölkerung). Sie haben ein kleines bis mittleres Einkommen. Ihre Lebensziele sind ein gutes Auskommen, ein befriedigender Lebensstandard und eine materielle Absicherung im Alter. Das traditionelle Arbeitermilieu spiegelt sich in Sparsamkeit, bescheidenen Konsumansprüchen, Skepsis gegenüber modischen Neuerungen und einer einfachen Lebensweise.

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Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638293945
Dateigröße
376 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27311
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Politikwissenschaft
Note
zwei
Schlagworte
Milieu-Ansätze

Autor

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Titel: Milieu-Ansätze