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Der neoliberale Staat. Theorie, Kritik und Frage der aktuellen Relevanz

Zur Rolle des Staates und seiner Gesellschaft im Neoliberalismus am Beispiel der Theorien Friedrich A. von Hayeks

Hausarbeit 2014 20 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Begriff Neoliberalismus und der Bedeutung Hayeks

3. Die hayeksche Staats- und Gesellschaftstheorie
3.1 Epistemologischer Ansatz der Begrenztheit individuellen Wissens
3.2 Theorie der kulturellen Evolution
3.3 Zur Bedeutung von Markt, Wettbewerb und Preisen in der hayekschen Konzeption
3.4 Die spontane Ordnungstheorie
3.5 Zu Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit
3.6 Rolle des Staates in der neoliberalen Konzeption Hayeks

4. Kritik an der neoliberalen politischen Philosophie Hayeks
4.1 Inhärente Paradoxien
4.2 Konsequenzen für Staat und Gesellschaft aus der neoliberalen Konzeption

5. Fazit und Ausblick auf Relevanz des Neoliberalismus

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenige Begriffe sind offenbar sowohl in der (Sozial-)Wissenschaft wie auch in der breiten Bevölkerung derart mannigfaltig und divergierend konnotiert, wie der des „Neoliberalismus“. Die diffuse Interpretation reicht von bloßer Wirtschaftsordnung über historische Epoche bis hin zum häufig fallenden Schlagwort als universale Antwort auf die Frage der Ursache vorherrschender Krisen und gesellschaftlichter Ungleichheiten seitens der Kapitalismuskritiker (Kolev, 2013, p. 2).

Unbestritten jedoch ist die große Bedeutung eines Vertreters dieser Strömung: Friedrich August von Hayek. Anhand Hayeks Konzeption lässt sich herausarbeiten, was hinter dem vielschichtigen Begriff des Neoliberalismus verstanden werden kann. Schließlich definiert der Theoretiker nicht nur eine Wirtschaftsordnung, sondern auch die Rolle des Staates und seiner Gesellschaft, sowie Grundprinzipien wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Intention dieser Arbeit ist es folglich, auch unter Betracht der aktuellen Relevanz des Phänomens Neoliberalismus aufzuzeigen, dass dieser sehr viel mehr ist als eine ökonomische Theorie. Es handelt sich meiner Auffassung nach, aufgrund der oben angeführten vollzogenen Definitionen um eine politische Philosophie, welche somit einer politikwissenschaftlichen Analyse mehr als würdig ist.

Ziel eben dieser Analyse ist es, die neoliberale Konzeption am Beispiel der Theorien Friedrich A. von Hayeks aufzuzeigen[1], diese hinreichend, sowohl aufgrund inhärenter Paradoxien als auch anhand aus einer solchen Konzeption resultierender Konsequenzen für Staat und Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen, zu kritisieren[2] und abschließend eine Einordnung zur aktuellen Relevanz des Neoliberalismus vorzunehmen. Außerdem soll sich dem Leser durch Lektüre der Analyse Hayeks Konzeption ein klarer definiertes, wenn auch simultan breiteres, da interdisziplinäreres, Verständnis von Neoliberalismus auftun.

Um diese Ziele zu erreichen, soll zunächst knapp begründet werden, mit welchem Verständnis vom (sonst diffusen) Begriff „Neoliberalismus“ die Werke Friedrich A. von Hayeks analysiert werden und warum die Wahl bei einer Vielzahl von Theoretikern dieser Strömung auf eben diesen fiel. In einem nächsten Punkt soll die neoliberale Theorie Hayeks in ihrer Interdisziplinarität aufgezeigt werden. Hierfür scheint es unabdingbar zunächst das Axiom der hayekschen Philosophie, nämlich die epistemologische Auffassung des begrenzten individuellen Wissens, sowie die von Hayek entwickelte Theorie der kulturellen Evolution zu präsentieren. Um abschließend zu diesem Punkt eine Analyse zur Rolle des Staates und dessen Gesellschaft nach hayekscher Konzeption vollziehen zu können, sollen nach Klärung des Wissenstopos und der kulturellen Evolutionstheorie noch die Bedeutung von Markt, Wettbewerb und Preisen und die daraus abzuleitende Ordnungstheorie dargestellt werden.

Nachdem die Grundzüge der Theorien Friedrich A. von Hayeks im vorhergegangen Punkt geklärt sein sollten, dient der folgende Punkt der vorliegenden Arbeit der Kritik eben dieser. Hierzu soll sowohl auf der Theorie inhärente Widersprüchlichkeiten eingegangen, als auch mögliche Konsequenzen aus der hayekschen Staats- und Gesellschaftskonzeption auf verschiedenen Ebenen präsentiert werden.

Im abschließenden Fazit dieser Arbeit soll ein Resümee zur Theorie Hayeks und der Kritik daran erbracht werden. Außerdem erfolgt final eine knappe Einschätzung der aktuellen Relevanz der neoliberalen Konzeption.

2. Zum Begriff Neoliberalismus und der Bedeutung Hayeks

Wie bereits in der Einleitung dargestellt wurde, handelt es sich beim Phänomen „Neoliberalismus“ um einen verschieden definierten, beziehungsweise um einen mannigfaltig konnotierten und daher nicht eindeutig zuordenbaren Begriff (Kolev, 2013, p. 4; Nicoll, 2013, pp. 14-16; Schui, et al., 1997, p. 53). Im Folgenden soll deshalb geklärt werden, welches Verständnis von „Neoliberalismus“ dieser Arbeit zugrunde liegt.

Der belgische Politologe und Ökonom Norbert Nicoll unterscheidet grob vier Interpretationen des Begriffes Neoliberalismus; nämlich zum Einen die Bezeichnung einer bestimmten ökonomischen Theorie, zum Anderen die reale Praxis, also das Vorherrschen einer speziellen Wirtschaftspolitik[3], welche auf eben dieser Wirtschaftstheorie basiert, sowie das Verständnis, Neoliberalismus synonym für eine Umorientierung weg vom nationalstaatlich-fokussierten und hin zum globalen Kapitalismus aufzufassen, oder zuletzt die Interpretation, Neoliberalismus als weiten Begriff, welcher nicht nur die drei erst genannten Verständnisse vereint, zu verstehen, sondern des Weiteren die Auffassung einer Theorieimmanenten Gesellschaftskonzeption inkludiert (Nicoll, 2013, pp. 14-16).

In Anlehnung an Nicoll spreche ich mich für das letztgenannte, weite Verständnis von „Neoliberalismus“ aus. Demzufolge stellt der Neoliberalismus eine Gesamtkonzeption dar, in welcher die oben beschriebenen Interpretationen, meiner Auffassung nach, als verschiedene Phasen der Implementierung des Neoliberalismus verstanden werden können. So kann die novellierte Fokussierung auf einen globalen Kapitalismus als finale Konsequenz aus aktiv geführter Wirtschaftspolitik im neoliberalen Sinne aufgegriffen werden, während diese Resultat der Existenz und Dominanz einer solchen ökonomischen Theorie ist.

Für die Ausarbeitung einer Theorie, und sei es auch der Auffassung nach eine ökonomische, bedarf es jedoch eines Ausgangsparadigmas, einer Definition der Rahmenbedingungen, in welcher sich die Theorie abspielen soll und somit zumindest in Grundzügen, einer Gesellschafts- und Staatskonzeption.

In diesem Sinne fasse ich das weite Verständnis des Neoliberalismus-Begriffes als einzig hinreichende Interpretation auf. Darüber hinaus erachte ich es als äußerst interessant und betrachte es als ein Ziel der vorliegenden Arbeit, den politischen Charakter einer oft rein ökonomisch verstandenen Theorie aufzuzeigen, was wiederum nur durch Analyse der neoliberal-theoretischen Rolle von Staat und Gesellschaft, und somit nur unter einer weiten Auffassung des Neoliberalismus-Begriffes möglich ist.

Nachdem das der Analyse zugrunde liegende Verständnis von „Neoliberalismus“ geklärt wurde, soll angemerkt werden, dass auch in der neoliberalen Denkweise vielzählige, oft stark divergierende Strömungen vorherrschen und die Existenz des einen Neoliberalismus deshalb mehr als fragwürdig ist (Kolev, 2011, p. 4). Vielmehr könnte, auch wenn zahlreiche gemeinsame Annahmen, Grundvorstellungen und Ziele in der neoliberalen Denkweise vorliegen, von Neoliberalismen die Rede sein (Nicoll, 2013, p. 15; Thomasberger, 2012, p. 26).

Der prominenteste und gleichwohl auf zwei Arten bedeutendste Vertreter eines solchen Neoliberalismus ist Friedrich August von Hayek[4]. Zum Einen gilt FH in der neoliberalen Theorie mit seiner umfassenden Konzeption als der herausragende Autor im neoliberalen Credo, welcher den Neoliberalismus durch seine Schriften und seine Tätigkeit als Lehrender bedeutsam und nachhaltig prägte (Klausinger, 2013; Kolev, 2011; Schui, et al., 1997; Zeitler, 1995). Simultan gebührt ihm jedoch auch in der praktischen Implementierung der neoliberalen Schule, sei es durch die Gründung und Etablierung der Urvereinigung Neoliberaler, der sogenannten Mount Pèlerin Society [5] oder aber neoliberaler Think-Tanks, beziehungsweise durch die aktive Beeinflussung der Beratung von Regierungen im neoliberalen Sinne, wie beispielsweise im Fall Margaret Thatchers (Nicoll, 2013, p. 59)- kurz, durch das Erlangen der (kulturellen) Hegemonie (im Sinne Gramscis[6] ) qua Dominanz des Neoliberalismus (ibid. p. 46) im „Alltagsverstand“ (Gramsci, 1991, p. 1397) der Bevölkerung - die Anerkennung, maßgeblich für den Erfolg der neoliberalen Implementierung verantwortlich zu sein (Gould, 2013; Nicoll, 2013; Thomasberger, 2012). Folglich fiel die Wahl zwischen neoliberalen Theoretikern zum Einen aus Gründen der, unabhängig der politischen Couleur der Zugesteher, unbestrittenen Relevanz auf FH; zum Anderen war das aus seinen Theorien aufgrund deren Komplexität und Umfang, umfassend ableitbare Verständnis und die damit verbundene Möglichkeit der Präsentation des politischen Charakters, des Terminus Neoliberalismus entscheidend.

3. Die hayeksche Staats- und Gesellschaftstheorie

Auch wenn die hayeksche Theorie äußerst umfassend und komplex zugleich anmutet, enthält sie doch ein wesentliches Charakteristikum: die Begrenztheit des individuellen Wissens (Kolev, 2013; Tietzel, 1985). Dieses kann als basale Annahme der Konzeption FHs begriffen werden, auf welchem die Ausformulierungen zu Staat und Gesellschaft beruhen und auf welches die besondere Funktion des Marktes, beziehungsweise des Wettbewerbes in der hayekschen Konzeption zurück zu führen ist (Zeitler, 1995, pp. 161-167). Die große Bedeutung und folglich permanente Relevanz dieses Merkmales in FHs Philosophie, legen die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um das Axiom eben dieser handelt. Dementsprechend wird der Präsentation dieses Charakteristikums in dieser Arbeit die primäre Position eingeräumt.

3.1 Epistemologischer Ansatz der Begrenztheit individuellen Wissens

Um den Ansatz der konstitutiven Unwissenheit FHs nachvollziehen zu können, ist es zunächst nötig, auf die soziale Fokussierung des Theoretikers hinzuweisen. FH versteht sich als Vertreter des Individualismus (Hayek, 1976, p. 15; Klausinger, 2013, pp. 27,117), genau genommen des sogenannten methodologischen Individualismus, welcher sich durch die Annahme, dass die Ausformung der gesellschaftlichen Ordnung Resultat eines nicht vorhersehbaren, dementsprechend ungeplanten und folglich spontanen evolutionären Prozesses[7] ist, auszeichnet (Zeitler, 1995, p. 30).

Auf der methodologisch-individualistischen Herangehensweise FHs basiert seine entscheidende Annahme der konstitutiven Unwissenheit. Dieser zufolge ist das einzelne Individuum nicht in der Lage eine Kenntnis hervorzubringen, wie sie „sämtlichen weiteren Mitgliedern der Gesellschaft zusammengenommen bekannt ist“ (Hayek, 1976, p. 27). FHs epistemologischer Ansatz der Begrenztheit individuellen Wissens charakterisiert sich also durch die Vorstellung, dass Wissen in der Gesellschaft verstreut vorliegt (Hayek, 1980, p. 30; Hayek, 1976, pp. 103-104; Zeitler, 1995, p. 164) und der einzelne Person die Fähigkeit natürlich vorenthalten ist dieses in seiner Gänze zu verwerten (Hayek, 1976, p. 104). In der modernen Gesellschaft verhalten sich laut H. die Gegebenheiten so, dass jedes einzelne ihrer Mitglieder nur über einen geringen Bruchteil des (gesamtgesellschaftlich vorhandenen) Wissens verfügt und „jeder deshalb in Unkenntnis der meisten Tatsachen ist, auf denen das Funktionieren der Gesellschaft beruht“ (Hayek, 1980, p. 30). Darüber hinaus liegt für den Theoretiker ein beachtlicher Teil des Wissens in Form „stillen Wissens“ vor (ibid.).

[...]


[1] Mit Verweis auf den Umfang dieser Arbeit kann dies leider nur knapp und in Grundzügen erfolgen. Dass allein die Darstellung der hayekschen Konzeption- ohne Kritik daran- weit größeren Ausmaßes würdig ist, beweist bspw. Christoph Zeitler in seiner Dissertation zu diesem Thema (Zeitler, 1995.)

[2] Selbiges wie zur Präsentation der Theorie Hayeks gilt für die Kritik daran. Auch diese könnte in weit größerem Umfang erfolgen (vgl. hierzu bspw. Schui, et al., 1997 oder Thomasberger, 2012).

[3] etwa im Sinne von Margaret Thatcher‘s oder Ronald Reagan’s prominenten Wirtschaftspolitiken (vgl. hierzu bspw. Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Harvey, 2005 oder The Truth behind the Free Market, Gould, 2013.)

[4] Im Folgenden, ohne inhärente Wertung, nur noch FH.

[5] FH rief diese, bis heute existente, Vereinigung ins Leben und fungierte als Präsident. Mitglieder waren unter Anderem die prominenten liberalen Ökonomen Ludwig von Mises oder Milton Friedman (Zeitler, 1995)

[6] Zur ausführlicheren Beleuchtung von Gramsci’s Hegemoniebegriff, welche leider aufgrund des Umfanges dieser Arbeit ausbleiben muss, empfiehlt sich beispielsweise die Lektüre von Antonio Gramsci: Hegemonie- Zivilgesellschaft- Partei (Neubert, 2001).

[7] Zur näheren Erläuterung eben dieses evolutionär-theoretischen Ansatzes FHs vgl. 3.2 Theorie der kulturellen Evolution

Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656654209
ISBN (Buch)
9783656654223
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273056
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
staat theorie kritik frage relevanz rolle staates gesellschaft neoliberalismus beispiel theorien friedrich hayeks

Autor

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