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Die Macht der Diagnose. Macht die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" den von ihr Betroffenen erst krank?

Eine qualitative Durchführung, Darstellung und Interpretation zweier Interviews mit Menschen, die als "bipolar" diagnostiziert worden sind

Bachelorarbeit 2013 70 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" unter dem Gesichtspunkt des Labeling Approach
2.2 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" aus sozial-konstruktivistischer Sicht
2.3 Die Folgen von Stigmatisierung und Selbststigmatisierung aufgrund der Diagnose einer "psychischen Erkrankung"
2.4 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" aus personenbezogener Sicht
2.5 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" aus systemischer Sicht
2.6 Zusammenfassung und Ableitung der Hypothesen

3 Praxisteil: Welche Auswirkungen hat die Diagnose "bipolar" auf die von ihr Betroffenen?
3.1 Methodendarstellung und Interviewpartner
3.2 Ergebnisdarstellung
3.2.1 Umgang mit der Theorie der "genetischen Vorbelastung"
3.2.2 Persönliche Bedeutung der Diagnose und Selbstbild
3.2.3 Konsequenzen der Diagnose auf die berufliche Situation
3.2.4 Reaktionen anderer
3.2.5 Eigene Erklärungen der Probleme und ihrer Lösungsmöglichkeiten
3.3 Interpretation der Ergebnisse
3.3.1 Hypothese
3.3.2 Hypothese

4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

5 Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Eidesstattliche Erklärung

8 Appendix

1 Einleitung

"Es sind nicht die Menschen die sich ändern. Es sind die Labels. Nicht die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt zu, sondern die Bezeichnungen für sie" - so der US-Psychiater Allen Frances in einem Focus-Interview (2013, Nr. 18).

Jenes Zitat soll den Ausgangspunkt dieser Arbeit bilden, die sich mit der spannenden Frage beschäftigt, welche Auswirkungen die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" auf den Diagnostizierten hat. Welche Macht hat eine solche Diagnose - macht sie den Menschen vielleicht erst "krank", indem sie ihn für "krank" erklärt?

Im ersten Teil dieser Arbeit werden kurz relevante theoretische Ansätze angerissen, um deren Position zu psychiatrischen Diagnosen herauszuarbeiten. Zuerst wird die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" unter dem Gesichtspunkt des Labeling Approach untersucht - einer soziologischen Sichtweise, die die Entwicklungsmöglichkeiten eines Menschen durch die Etikettierung mit einer solchen Diagnose als stark eingeschränkt sieht. Anhand der sozial-konstruktivistischen Sicht wird die Diagnose als etwas, das Wirklichkeit erzeugt, vorgestellt. Daraufhin wird der Aspekt der Stigmatisierung, die zu Selbststigmatisierung führen kann, erläutert. Es folgt eine Auseinandersetzung mit personenbezogenen Sichtweisen - insbesondere der medizinischen - die eine "Störung" im Menschen verankert und somit die Diagnose als gerechtfertigte Kategorisierung, die für die Auswahl der "richtigen" Behandlung notwendig ist, sieht. Kritik wird dabei am defizitorientierten Klassifikationssystem ICD-10 und einer zu starken Fixierung auf "genetisch bedingte" Ursachen einer "psychischen Erkrankung" geübt. Zuletzt wird die systemische Sichtweise auf psychiatrische Diagnosen mit einbezogen - wobei deutlich wird, dass nach diesem Ansatz nicht der Einzelne als "krank" diagnostiziert werden kann, sondern als "krank" erlebtes Verhalten immer nur innerhalb eines bestimmten Kontextes betrachtet und erklärt werden kann.

Aufbauend auf dieser theoretischen Grundlage werden folgende Hypothesen abgeleitet: "Die Diagnose einer 'psychischen Erkrankung' schränkt bei dem 'Etikettierten' das Gefühl der Selbstwirksamkeit ein und hat deshalb einen negativen Einfluss auf Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl und die eigene Entwicklung", "In Familien, in denen die gleiche Diagnose mehrfach auftritt, wird nicht die 'Erkrankung' sondern die Diagnose weitergegeben" und "Die Diagnose 'bipolar' macht aus einem vorübergehenden Zustand eine chronische Erkrankung."

Den Ausgangspunkt für den daran anschließenden Praxisteil stellen zwei offene Interviews mit Menschen, die als "bipolar" diagnostiziert wurden, dar. Zunächst wird das methodische Vorgehen, das der Datenerhebung diente, sowie die Schwerpunktsetzung bei den Interviews beschrieben und begründet. In diesen Schwerpunkten spiegeln sich die fünf Kategorien wieder, die die darauf aufbauende Ergebnisdarstellung strukturieren: persönliche Bedeutung, die der Diagnose beigemessen wird; Umgang mit der Theorie der "genetischen Vorbelastung"; Konsequenzen für die berufliche Situation; Reaktionen anderer auf die Diagnose und eigene Erklärung der Probleme und ihrer Lösungsmöglichkeit.

Ausgehend von den Interviewergebnissen findet eine Interpretation dieser statt, deren Grundlage die praktische Anwendung, Präzisierung und Überprüfung der oben genannten Hypothesen darstellt.

Anschließend werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit thesenhaft zusammengefasst, wobei der Versuch unternommen wird, die Ausgangsfrage zu beantworten.

Im abschließenden Ausblick wird die Gefahr angesprochen, dass durch die Entstehung von immer mehr Diagnosen auch mehr Menschen als "psychisch krank" diagnostiziert werden, obwohl die Auswirkungen einer solchen Diagnose verheerend für den weiteren Lebensweg sein können. Es werden offene Fragen aufgeworfen, die nur schwer zu beantworten sind; es werden Grenzen theoretischer Annahmen und der Diagnostik aufgezeigt, zudem Vorschläge erarbeitet, wie sinnvoll mit der Diagnose einer "psychischen Erkrankung" umgegangen werden kann.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" unter dem Gesichtspunkt des Labeling Approach

Der Labeling Approach - zu Deutsch "Etikettierungsansatz" - ist eine soziologische Sichtweise. Sie geht davon aus, dass bestimmte Verhaltensweisen erst dadurch entstehen - sich erst dadurch verfestigen - dass diese durch gesellschaftlich hierfür legitimierte Experten mit einem bestimmten Etikett versehen werden (vgl. Palmowski 2007, 65). Dies hätte Auswirkungen auf die gesellschaftliche Teilhabe und das Selbstbild, die Art und Weise, wie man sich selbst definiere (vgl. Becker, zitiert nach Keckeisen 1974, 38). Es entstehe ein "Rollen-Druck", der es einem fast unmöglich mache, sich anders zu verhalten, als es einem durch die Etikettierung gesellschaftlich zugeschrieben wurde (vgl. Schur 1974, 67 ff). "Im Sinne einer 'self-fulfilling prophecy' macht der Betroffene sich immer mehr die gesellschaftliche Zuschreibung zu Eigen [...] akzeptiert [diese] als Eigenschaft seiner Persönlichkeit" (Kriminologie-Lexikon ONLINE 2013).

Auch wenn der Labeling Approach ursprünglich der Erklärung "kriminellen Verhaltens" diente, so lässt sich hier ein Transfer herstellen - betrachtet man die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" als Etikett und einen Arzt als den "Experten", der einen mit diesem Etikett versieht. In diesem Sinne wäre eine solche Diagnose etwas, das die als "krank" diagnostizierten Verhaltensweisen aufrecht erhält - dies sei "der entscheidende Schritt in die langfristige Abweichung" (vgl. Palmowski 2007, 65). Man verhält sich entsprechend der Diagnose, weil diese mit einer gewissen Erwartungshaltung - nämlich der, dass man sich auffällig zeigt - verbunden ist. Und weil man sich auffällig verhält, scheint sich die Diagnose immer wieder selbst zu bestätigen. Ein Regelkreis, in dem sich Diagnose und auffälliges Verhalten gegenseitig bedingen (vgl. ebd., 66).

2.2 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" aus sozial-konstruktivistischer Sicht

Ähnlich ist diesem Ansatz auch die Idee des sozialen Konstruktivismus, in dem Sprache als formativ - also als etwas, das Wirklichkeit erzeugt - verstanden wird (vgl. Palmowski 2011, 42). Betrachtet man die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" unter diesem Gesichtspunkt, so könnte man zu der Überlegung kommen, dass diese erst dadurch entsteht, dass man sie als solche bezeichnet. Eine Diagnose würde bestimmte Symptome dann nicht nur durch Kategorisierung benennen, sondern diese durch ihre Benennung zu einer "Krankheit" machen. Dadurch, dass immer mehr Diagnosen, immer mehr Bezeichnungen für "psychische Erkrankungen", geschaffen werden, steigt die Gefahr, dass auch immer mehr Menschen als "psychisch krank" charakterisiert werden. In diesem Zusammenhang äußert der US-Psychiater Allen Frances in einem Interview mit der Berliner Zeitung (April 2013) "Aufmerksamkeitsdefizite bei Kindern werden jetzt drei Mal häufiger diagnostiziert und bipolare Störungen sogar 40 Mal öfter. [...] Ausgelöst wurde die Lawine durch das letzte Diagnose-Handbuch DSM-4", an dem er selbst noch mitwirkte. Das neue Diagnose-Handbuch DSM-5 betrachtet er aufgrund dieser Erkenntnis als sehr gefährlich - "I'm afraid that it will turn what we consider everyday normal problems of life, expectable parts of the human condition, into mental disorder", äußert er seine Bedenken in einem Interview mit Lateline 2013. Werden durch Diagnosen Wirklichkeiten - "Erkrankungen" - geschaffen, so würde das klar gegen eine Etikettierung und für eine depathologisierende Sprache sprechen (vgl. Palmowski 2011, 50).

2.3 Die Folgen von Stigmatisierung und Selbststigmatisierung aufgrund der Diagnose einer "psychischen Erkrankung"

In dem Artikel "Das Stigma psychischer Erkrankungen" (Rüsch u.a. 2004, 5ff) wird die Überlegung angestellt, dass die Diagnose selbst nicht zwangsläufig dazu führen muss, dass man sich ihr entsprechend verhält, sondern dass es eher die Stigmatisierung durch andere und eine Selbststigmatisierung sind, die negative Folgen haben können:

"Selbststigmatisierung liegt vor, wenn ein Mitglied einer stigmatisierten Gruppe die Vorurteile gegen die eigene Gruppe teilt und damit gegen sich selbst wendet. Auch Selbststigma basiert auf Stereotypen, Vorurteilen und Diskriminierung. Aus dem Stereotyp „Das stimmt, ich bin schwach und unfähig, für mich selbst zu sorgen, weil ich psychisch krank bin“ folgen häufig negative emotionale Reaktionen, insbesondere ein niedriges Selbstwertgefühl und geringe Selbstwirksamkeit. Weiterhin folgen aus dem Selbstvorurteil Verhaltensreaktionen. Z.B. wagen selbststigmatisierende Patienten oft auch nach ausgeheilter Erkrankung nicht, sich um Arbeit, eigenständige Wohnmöglichkeit, gesellschaftliche Kontakte oder Partnerschaften zu bemühen. Das Nichterreichen dieser Ziele liegt daher oft nicht an der psychischen Erkrankung selbst, sondern an dem selbstdiskriminierenden Verhalten der Betroffenen" (ebd., 5).

Folgt man dieser Betrachtungsweise, so ist es der Umgang mit der Diagnose einer "psychischen Erkrankung", der ausschlaggebend dafür ist, inwieweit man sich von dieser beeinflussen oder gar beeinträchtigen lässt. Die Diagnose muss sich dann nicht automatisch negativ auf die Entwicklung auswirken; sondern es sind vielmehr die Bedeutungen, die man ihr beimisst, die Bewertungen und Assoziationen, die man mit ihr verbindet, die eine solche Etikettierung für das Selbstbild und den weiteren Verlauf gefährlich werden lassen können. Laut Heinrich Wottawa und Rüdiger Hossiep hätte der Psychologe nur wenig Einfluss darauf, welche Konsequenzen der als "psychisch krank" Diagnostizierte aus der Diagnose zieht - sie räumen die Möglichkeit ein, dass eine solche Diagnose negative Folgen für sein Selbstbild, seine Studien- und Berufswahl oder die Gestaltung seiner sozialen Beziehungen haben kann, (vgl. 1987, 19) bieten hierbei aber noch keine Möglichkeit an, dem entgegenzusteuern. Ein Vorschlag von Rüsch u.a. ist es, den mit einer Diagnose versehenen Menschen durch eine kognitiv-behaviorale Psychotherapie dabei zu unterstützen, sich aufgrund der diagnostizierten "psychischen Erkrankung" nicht selbst aufzugeben (vgl. 2004, 9). Dies impliziert aber doch, dass die Diagnose eine enorme Gefährdung für den Selbstwert und die weitere Entwicklung darstellt und somit zu einer zusätzlichen Belastung werden kann. Das Risiko, dass durch die Diagnose neue Probleme entstehen, ist nicht zu unterschätzen - dass die Prozesse, die durch die Diagnose ausgelöst werden, selbst behandlungswürdig sind, lässt starke Zweifel an der Nützlichkeit dieser Etikettierung aufkommen.

2.4 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" aus personenbezogener Sicht

"Personenbezogene Menschenbilder und personenbezogene Erklärungsmodelle menschlichen Verhaltens lokalisieren die Gründe für eine bestimmte Verhaltensweise immer in der Person, die dieses spezifische Verhalten zeigt" (Palmowski 2007, 45).

Ein Beispiel für eine stark personenbezogene Sichtweise ist die medizinische, die "psychische Erkrankungen" häufig mit einer Störung des Gehirnstoffwechsels in Zusammenhang bringt. Aussagen, wie "Der Signalbotenstoff (Neurotransmitter) Dopamin kommt bei ADHS-Betroffenen seltener im Gehirn vor" (Onmeda-Redaktion 2012) oder "Bei Depressiven funktioniert der Gehirnstoffwechsel nicht so, wie er funktionieren sollte, was unter anderem dazu führt, dass es am Glückshormon Serotonin mangelt" (Dr. Georg Psota, in Stehrer 2011) demonstrieren diese Sichtweise. Genetische Faktoren würden zur Entstehung "affektiver Störungen maßgeblich beitragen [...] Familienstudien zeigen eine familiäre Häufung der Erkrankungen , Zwillings- und Adoptionsstudien weisen auf genetische Faktoren als Ursache des familiären Auftretens hin" (Nöthen u.a. 2004, 1).

Schenkt man solchen Studien und wissenschaftlichen Untersuchungen - die regelrecht nach Zusammenhängen zwischen "psychischen Erkrankungen" und einer "genetischen Vorbelastung" suchen - Vertrauen, so wäre die Chance sich völlig "normal" zu entwickeln für jemanden der aus einer Familie stammt, in der "psychische Erkrankungen" bzw. die Diagnose dieser bereits aufgetreten sind, von Geburt an gemindert. Liegt die Störung im Menschen - in der medizinischen Sichtweise im Gehirnstoffwechsel - so kann sie auch nur dort behoben werden (vgl. Palmowski 2007, 47). Nach dieser Logik stellt die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" in vielen Fällen den Ausgangspunkt für eine medikamentöse Behandlung dar - wobei diese dem von der Diagnose Betroffenen kaum andere Optionen lässt, selbst etwas an seinem Zustand zu ändern.

Dem ICD-10 - dem Klassifikationssystem, das die Grundlage für die psychologische Diagnostik darstellt - liegen ebenfalls personenbezogene Sichtweisen zugrunde. Anhand von aufgelisteten Symptomen - Defiziten - werden verschiedene "Krankheitsbilder" beschrieben. Erkennt der Diagnostiker mehrere dieser Symptome bei dem, der von ihm diagnostiziert wird, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dieser mit der entsprechenden Diagnose versehen wird.

Aussagen wie "Persönlichkeitsstörungen treten meist in der Kindheit oder in der Adoleszenz in Erscheinung und bestehen während des Erwachsenenalters weiter" (ICD-10 2013, F60) oder "die meisten affektiven Störungen neigen zu Rückfällen" (ebd., F30-F39) suggerieren, dass der Mensch bestimmte Eigenschaften, Veranlagungen oder eine bestimmte Persönlichkeit hat, anhand derer man Prognosen für den weiteren Verlauf erstellen könne, und wenn er diese - isoliert betrachtet - besitzt, bedeutet dies auch, dass seine Möglichkeiten, sich zu verändern begrenzt sind (vgl. Palmowski 2007, 188).

Der ICD-10 soll dazu dienen, eine "psychische Erkrankung" anhand gezeigter Symptome möglichst genau bestimmen zu können, da die Diagnose die Grundlage für die Finanzierung weiterer Hilfsangebote ist - "Psychotherapeuten, Ärzte und Kliniken müssen gegenüber den Krankenkassen eine ICD-10-Diagnose angeben, damit die Behandlungskosten übernommen werden" (Psychenet 2011). Auch sollen Diagnosen dazu dienen, die Erscheinungsform, Verursachung und Auslösung eines bestimmten Zustandes zu beschreiben, um ein geeignetes Behandlungsprogramm aufzubauen, mit dessen Hilfe Normalität angestrebt werden soll (vgl. Amelang; Schmidt-Atzert 2006, 2) - denn "um eine psychische Erkrankung behandeln zu können, ist eine genaue Diagnose erforderlich" (Landschaftsverband Rheinland). In jedem Falle stellt die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" in personenbezogenen Theorien den Ausgangspunkt für eine Veränderung des von der Diagnose betroffenen Menschen dar: in kognitiven Therapien durch eine Veränderung der Denkweisen, der Glaubenssätze und Bewertungen; in behavioristischen Therapien durch gezielte Veränderungen des Verhaltens; in psychoanalytischen Therapien durch das Erkennen und die Aufarbeitung des Unbewussten und Verdrängten; in medizinischen Sichtweisen i.d.R. durch eine medikamentöse Behandlung (vgl. Palmowski 2007, 54 ff).

2.5 Die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" aus systemischer Sicht

Anders als bei personenbezogenen Sichtweisen wird im Systemischen nicht davon ausgegangen, dass ein Mensch bestimmte festgelegte Eigenschaften und Charakterzüge oder die eine Identität hat; auch nicht davon, dass er sich in jeder Situation gleich verhält oder gar verhalten muss (vgl. Eggert 1997, 81). Nach diesem Ansatz ist der Mensch nicht so, wie er ist, sondern so, "wie es die jeweilige Situation, der jeweilige Kontext für [ihn] funktional erscheinen lassen" (Palmowski 2011, 30). Weil davon ausgegangen wird, dass jedes Verhalten in einem sozialen Kontext gelernt wird, so müsse es auch für symptomatisches Verhalten einen Kontext geben, in dem dieses eine Ressource war oder ist (vgl. Hubrig/Peter 2010, 105). Nach dieser Ansicht wäre es wenig sinnvoll, ein auffälliges Verhalten - ein "Symptom" - isoliert zu betrachten und den, der es zeigt als "psychisch krank" zu diagnostizieren, denn im systemischen Denken werden Symptome nicht dem Einzelnen zugeordnet, sondern als Beziehungsphänomene gesehen (vgl. Lehrmann 2006, 2). Ebenso wird davon ausgegangen, dass ein Mensch nie total von seinen Problemen beherrscht wird, sondern dass es immer auch Situationen gibt, in denen er sich kompetent verhält, nicht belastet ist (oder von anderen als Belastung empfunden wird) (vgl. Hubrig/Peter 2010, 103). Durch eine Diagnose, die besagt, dass der Mensch "krank"ist, könnte schnell der Eindruck entstehen, dass dies für alle Lebensbereiche und alle Situationen gilt, weil eine solche Aussage als statisch, als seine Eigenschaft zu verstehen ist. Wird im ICD-10 bspw. als Symptom der "emotional instabilen Persönlichkeit" angegeben, dass diese "eine Tendenz zu streitsüchtigem Verhalten und zu Konflikten mit anderen" hat (ICD-10 2013, F60.3), so würde man im Systemischen fragen, in welchen Situationen, gegenüber welchen Personen sich dieser Mensch "streitsüchtig" zeigt und welche Rolle dieses Verhalten innerhalb dieses Beziehungskomplexes spielt, welche Regelkreise und impliziten Spielregeln diesem Verhalten zugrunde liegen könnten (vgl. Palmowski 2011, 33). Würden Probleme nur in bestimmten Kontexten auftreten, so würden diese auch überflüssig werden, wenn sich die belastenden Kontexte - und nicht nur der Einzelne - ändern. Eine Diagnose könnte in diesem Fall immer nur für den jeweiligen Kontext gestellt werden, in dem sich als "krank" oder "unangemessen" verstandene Verhaltensweisen zeigen (vgl. Palmowski 2011, 103/ 2007, 188). Gesucht wird in systemischen Theorien also nicht nach einem Etikett, das versucht die Symptome, die ein Mensch vielleicht zeigt, auf einen Begriff zu reduzieren; sondern nach Bedingungen, die diese Symptome aufrechterhalten (vgl. ebd. 2007, 176). Erinnert man sich an den "Labeling Approach", so könnte die Diagnose selbst eine aufrechterhaltende Bedingung darstellen. Ein Grund dafür, dass "psychiatrische Diagnosen und Klassifikationen wie DMS, ICD und MAS [...] von vielen systemischen Therapeuten als für Menschen und Therapie schädlich empfunden und daher abgelehnt [werden]", wie Winfried Palmowski Spitczok von Brisinski (1999, 43) zitiert (2007, 190).

2.6 Zusammenfassung und Ableitung der Hypothesen

Die erste Hypothese lautet: "Die Diagnose einer 'psychischen Erkrankung' schränkt bei dem 'Etikettierten' das Gefühl der Selbstwirksamkeit ein und hat deshalb einen negativen Einfluss auf Selbstwahrnehmung, Selbstwertgefühl und die eigene Entwicklung." Diese Hypothese lässt sich unter anderem aus dem Labeling Approach ableiten, da durch eine solche Diagnose die Gefahr besteht, dass die "kranke" Identität angenommen wird, die von einem Arzt diagnostiziert wurde - in diesem Falle würde man sich selbst als "krank" erleben (Selbstwahrnehmung) und die Entwicklung nehmen, die einem durch die Diagnose prognostiziert wurde. Betrachtet man die Identität als das Gefühl, vollkommen in einer Rolle aufzugehen, die man in der Gemeinschaft zu spielen hat (vgl. Knoll 1991, 168), dann liegt die Idee nahe, dass man durch die Identifikation mit der Diagnose unbewusst ihr entsprechend handeln, fühlen und denken würde. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit wäre eingeschränkt, da die Diagnose als Resultat personenbezogener Sichtweisen die Störung im Menschen annimmt, die nur dort behoben werden kann - insbesondere dann, wenn man die Diagnose unter dem medizinischen Aspekt betrachtet, die meist von einer Gehirnstoffwechselstörung ausgeht, die medikamentös zu behandeln ist und somit nur schwer aus eigener Kraft heraus überwunden werden kann. Die Annahme, dass sich dieser Zuschreibungsprozess negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken kann, stützt sich auch auf die Gefahr der Selbststigmatisierung, die Rüsch u.a. ansprechen.

Eine zweite Hypothese ist die, dass innerhalb einer Familie in der die gleiche Diagnose bereits mehrfach aufgetreten ist, nicht die "Erkrankung", sondern die Diagnose weitergegeben wird - als Resultat von selektiver Wahrnehmung und Generalisierungsprozessen durch die Ärzte selbst. Diese Überlegung stellt einen Gegenentwurf zu wissenschaftlichen Studien, die von einer "genetischen Vorbelastung" und damit von einem erhöhten Risiko, dass, wer aus einer solchen Familie stammt, selbst "erkrankt", dar.

Die dritte Hypothese - wieder aufbauend auf den Labeling Approach - ist: "Die Diagnose macht aus einem vorübergehenden Zustand eine chronische Erkrankung." Sie entstand auch auf der Grundlage des sozialen Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass durch die Bezeichnung Wirklichkeit erzeugt wird - die Diagnose würde also in dem Fall die "chronische Erkrankung" erzeugen. Die Diagnose wird - wie in systemischen Sichtweisen - als eine aufrechterhaltende Bedingung verstanden, die durch ihre isolierte Betrachtungsweise von "Symptomen" Möglichkeiten außer Acht lässt, die das Verhalten als Resultat eines "kranken Kontextes" beschreiben und mit der Änderung des Kontextes ihr Weiterbestehen verhindern könnten.

3 Praxisteil: Welche Auswirkungen hat die Diagnose "bipolar" auf die von ihr Betroffenen?

3.1 Methodendarstellung und Interviewpartner

Im Sinne qualitativer Forschung wurden mündlich zwei offene Interviews mit M. (weiblich, 50 Jahre) und ihrem Sohn B. (27 Jahre) geführt, aufgezeichnet und transkribiert. Beide Interviewpartner haben im Rahmen ihres ersten stationären Aufenthaltes in einer psychiatrischen Einrichtung die Diagnose "bipolar" bekommen - M. im Alter von 27 Jahren nach 5 Wochen; B. im Alter von 23 Jahren, bereits nach einer Woche. M. war zu diesem Zeitpunkt als Fachkrankenschwester für Psychiatrie tätig, verheiratet und Mutter dreier Kinder; B. studierte zum Zeitpunkt der Diagnosestellung, um Berufsschullehrer zu werden und war in einer Beziehung.

Die Interviewpartner hatten sich - als sie von der Thematik dieser Arbeit erfahren haben - spontan und von sich aus dazu bereiterklärt, ihre Erlebnisse zu schildern. Sie waren unter Zusicherung von Anonymität dazu eingeladen, rückblickend von ihren Erfahrungen mit der Diagnose "bipolar" zu erzählen - dabei sollte insbesondere ihre persönliche Einstellung zur Diagnose, die Bedeutung, die sie ihr beimessen, erfahrbar werden. Im Vorfeld der Untersuchung wurden - ausgehend vom theoretischen Hintergrund und von den erstellten Hypothesen - Schwerpunkte festgelegt, aus denen sich ein Grundgerüst für die Fragestellungen ergeben hat, das sich in der Kategorisierung der Ergebnisdarstellung wiederspiegelt. Einen Schwerpunkt des Interviews bildeten der Umgang mit der Theorie der "genetischen Vorbelastung" - diese Fragestellung bot sich an, da die Diagnose "bipolar" in der Familie der Interviewpartner bereits mehrfach aufgetaucht ist. Desweiteren sollte erfahren werden, inwieweit die Diagnose Einfluss auf die Art und Weise hatte, wie sie sich selbst sehen; inwieweit sich diese auf ihre berufliche Situation auswirkte; wie sie selbst und andere auf die Diagnose reagierten - ob hier (Selbst-)Stigmatisierungsprozesse stattfanden. Es sollte auch erkannt werden, ob sie die Diagnose "bipolar" für sich selbst als sinnvolle Erklärung und Hilfestellung ansehen bzw. welche anderen Erklärungen sie für ihre Schwierigkeiten und deren Lösung haben.

Die Schwerpunkte dienten als Anregung, um die für diese Arbeit als relevant empfundenen Aspekte zur Sprache zu bringen - wobei die Schwerpunktsetzung natürlich auch das Gespräch lenkte und somit Einfluss darauf gehabt haben könnte, was gesagt wurde und was nicht. Dennoch wurde im Interview kein fertiger Fragebogen abgearbeitet, sondern die Gesprächsführung weitgehend offen gelassen, um mehr Freiräume und ein flexibleres Vorgehen zu ermöglichen.

Ausgehend von Humberto Maturanas Aussage, es gibt keine Beobachtung unabhängig vom Beobachter (vgl. 1982, 8) und der "Reflexive Grounded Theory" (Breuer 2009, 115 ff) kann die Interpretation der Ergebnisse nur auf Grundlage der eigenen Annahmen und Voreingenommenheit der Autorin und Interviewerin, die Teil des Forschungsprozesses war, erfolgen und Gültigkeit besitzen.

3.2 Ergebnisdarstellung

3.2.1 Umgang mit der Theorie der "genetischen Vorbelastung"

M. äußerte, dass sie zum Zeitpunkt der Diagnosestellung nicht wusste, dass diese Diagnose bereits bei ihrem Vater und anderen Verwandten gestellt wurde (Appendix, Interview mit M., 17 - 20)[1]. Somit waren auch die Diagnosesteller nicht darüber informiert, was gegen die Hypothese sprechen würde, dass nicht die "Erkrankung" sondern die Diagnose in einer Familie weitergegeben wird. Dieser Idee stimmt M. auch nicht zu - sie ist inzwischen davon überzeugt, dass es eine solche "genetische Vorbelastung" gibt. Dabei beruft sie sich darauf, dass es wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die "Erkrankung vererbbar" ist und sieht dies durch ihr heutiges Wissen, dass die Diagnose schon so oft in ihrer Familie aufgetaucht ist, bestätigt (299 - 307). Auch wenn sie sich vorstellen kann, dass Ärzte durch das Wissen um eine "familiäre Häufung" in ihrer Entscheidung beeinflusst werden können, sollten diese ihrer Auffassung nach darüber informiert sein - "damit sie die Diagnose besser stellen können und die richtige Entscheidung treffen können" (M., 295 - 297). Ein Problem sieht sie in der Diagnose, die mit einem chronischen Verlauf verbunden ist, nicht, auch dann nicht, wenn die "Symptome der Erkrankung" bei der Diagnosestellung erstmals auftreten. Vielmehr geht sie davon aus, dass ein chronischer Verlauf durch die Medikamente vielleicht verhindert werden kann (283 - 290). Somit wäre dieses Wissen für Ärzte eine positive Entscheidungshilfe.

B. hingegen kannte die Theorie der "genetischen Vorbelastung" zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bereits - unter anderem durch seine Mutter. Beim diagnostischen Prozess wurde diese auch abgefragt, wodurch er die Entscheidung der Ärzte beeinflusst sah. Die Idee, nicht die "Erkrankung", sondern die Diagnose würde weitergegeben werden, findet er spannend (Appendix, Interview mit B., 24). Ob die Schwierigkeiten, die zur Diagnose führten, nun Veranlagung sind, von der Mutter abgeguckt wurden oder dadurch entstanden sind, dass er als Kind permanent damit konfrontiert war, kann er nicht sagen (78 - 81). Besonders belastend war es für ihn, dass ihm die Ärzte bei der Diagnosestellung (bipolar II) bereits vorausgesagt haben, dass er in ein paar Jahren genau die "Erkrankung" seiner Mutter (bipolar I) - verbunden mit einer schwerwiegenderen Ausprägung - bekommen würde (52 - 53). Aufgrund des Glaubens an eine "familiäre Vorbelastung" prognostizierten sie ihm einen chronischen Verlauf, obwohl seine Schwierigkeiten in dieser Zeit erstmals aufgetreten sind. B. war verärgert, dass er die "Krankheit" von seiner Mutter "geerbt" hat (28 - 29), was impliziert, dass er zu diesem Zeitpunkt selbst an eine "genetische Vorbelastung" glaubte.

Welche Auswirkungen diese Annahme haben kann, wird in der Interpretation der Ergebnisse untersucht.

3.2.2 Persönliche Bedeutung der Diagnose und Selbstbild

M. hatte bereits vor der Diagnose den Verdacht "bipolar" zu sein, da sie nach ihrer Aussage seitdem sie 12 Jahre alt war jedes Jahr zwei "Krankheitsphasen" hatte. In ihrer Ausbildung zur Fachkrankenschwester für Psychiatrie und Neurologie lernte sie das "Krankheitsbild" kennen und erkannte sich selbst darin wieder (Appendix, Interview mit M., 14). Für sie war die Diagnose das "Beste was ihr passieren konnte," weil sie dadurch den Beweis hatte, dass sie "kein Versager" - nicht "einfach nur faul" - sei, sondern eine "richtige Krankheit" hatte (44 - 47). Ebenso fand sie es positiv, dass sie durch die Diagnose merkte, mit ihren Problemen nicht allein zu sein, weil es noch andere gibt, denen es genauso geht wie ihr. Mit anderen Betroffenen konnte sie erstmals über ihre Probleme sprechen, fand auch eine Selbsthilfegruppe, die ihr einen Austausch über gemeinsame Probleme ermöglichte (47 - 52). Sie erhoffte sich durch die Diagnose Verständnis und sah diese als Möglichkeit, endlich durch Medikamente Hilfe zu bekommen (53 - 57). Eine andere Option, außer einer medikamentösen Behandlung, hat ihr die Diagnose aber damals (Jahr 1990) nicht eröffnet - in ihrer Ausbildung hat sie gelernt, dass diese Krankheit nur mit Medikamenten behandelt wird und Psychotherapie sogar als kontraproduktiv angesehen wird (62 - 65). Dass es noch andere Möglichkeiten gibt, hatte sie erst später erfahren.

Mit der Diagnose konnte sie sich vollends identifizieren - alles, was sie über die "bipolare Erkrankung" gelesen hat, hat auf sie zugetroffen, es gibt nichts, worin sie sich nicht wiedererkannt hat; was sie "einfach nur toll" gefunden hat (193 - 198). Die Diagnose stellte für sie eine volle Bestätigung und auch Entlastung - in dem Sinne, dass sie "krank" ist und nicht einfach nur "schlechte Eigenschaften" hat - dar.

Ganz anders sieht B. die Diagnose "bipolar." Er assoziiert mit ihr all das, was er in seiner Kindheit bei seiner Mutter als "krank" erlebt hat: ständige Stimmungsschwankungen, permanente Müdigkeit, traurig sein, viel Weinen, unzufrieden sein, sensibel sein, unfähig sein, tagelang irgendetwas zu schaffen, ein Leben lang Medikamente nehmen, einen Schwerbehindertenausweis bekommen, nicht mehr arbeiten können (Appendix, Interview mit B., 67 - 70/ 128 - 130). Die Krankheit seiner Mutter zu haben bzw. zu bekommen - wie ihm die Ärzte das vorausgesagt hatten - war das Letzte, was er wollte (60 - 62). Durch die Diagnose waren für ihn im Kopf Familie und eine Beziehung abgehakt, weil er das, was er in seiner Kindheit erlebt hat, seinen Kindern nicht antun wollte (73 - 93). "Eigentlich [war] mein schönes Leben vorbei, in dem Moment wo die gesagt haben: 'Sie kriegen das, was Ihre Mutter hat'", äußerte B. (61 - 62). Alles, was er sich für sein Leben vorgenommen hatte - unter anderem sein Ziel Berufsschullehrer zu werden - schien für ihn nicht mehr erreichbar zu sein. "Bipolar" zu sein, bedeutete für ihn, so zu sein, wie seine Mutter es war. Die Diagnose beschreibt er wie einen "Stempel", der besagt hat: "Dein Leben hat keinen Zweck mehr, weil du jetzt die Krankheit hast" (B., 127 - 128) - wodurch er nach seiner Aussage "mutlos und willenlos" wurde, in einer "Scheiß-egal-Stimmung" war und "erst recht keine Lust mehr hatte weiterzuleben" (115 - 117/ 132). Er konnte sich selbst aufgrund der Diagnose nur noch als "Kranken" sehen, fühlte sich "nicht mehr so stark", glaubte der Prognose der Ärzte, dass es mit ihm immer schlimmer werden würde, er sein Leben lang Medikamente nehmen müsse und dass es für ihn keine Möglichkeit gäbe, selbst etwas an diesem "neuen Lebenslauf", den ihm die Diagnose prophezeite, zu ändern (86 - 93).

Während M. durch die Diagnose "bipolar" entlastet wurde, stellte sie für B. eine enorme Belastung dar - in der Interpretation der Ergebnisse wird untersucht, woraus diese unterschiedlichen Einstellungen resultieren könnten.

3.2.3 Konsequenzen der Diagnose auf die berufliche Situation

M. war aufgrund der Diagnose mit vielen Vorurteilen konfrontiert, die dazu führten, dass sie auf ihrer Arbeit als Krankenschwester von den Kollegen gemobbt wurde. Das ging so weit, dass Patienten über ihre Diagnose informiert wurden, die sich von "einer Verrückten" nicht behandeln lassen wollten. Sechs Jahre nach der Diagnose war sie dazu gezwungen, eine Abfindung zu unterschreiben und ihren Beruf, der ihr viel bedeutet hat, aufzugeben. Sie bekam einen Schwerbehindertenausweis und erhält seitdem sie 33 Jahre alt ist Erwerbsunfähigkeitsrente (Appendix, Interview mit M., 121 - 127). "So schlimm krank - also dass ich dann laufend in die Klinik musste - bin ich erst geworden als ich die Arbeit verloren hatte und zuhause war. Das würde ich als Auslöser sehen", schilderte sie (M., 136 - 138). Sie war daraufhin fünf Jahre lang "ganz oft" und "fast das ganze Jahr lang nur krank und in der Klinik", weshalb sie auch glaubte, nicht mehr arbeiten zu können bzw. angibt, dass sie aufgrund dieser Entwicklung nicht mehr in der Lage war zu arbeiten (137 - 142). An diesem Zustand änderte auch die medikamentöse Behandlung nichts. Die Frage, ob dieser Verlauf auch ohne den Verlust ihrer Arbeitsstelle - wegen dem sie sich weniger wert gefühlt hätte - so gekommen wäre, bleibt (für sie) offen und im Nachhinein nicht mehr überprüfbar (142 - 143).

Fest steht, dass es ihr, nachdem sie sich zehn Jahre später wieder einen Beruf (Minijob) suchte, besser ging (153). Hier lässt sich klar ein Zusammenhang zwischen Berufstätigkeit, Selbstwertgefühl und Gefühlslage erkennen.

Da B. glaubte, dass er mit der Diagnose ohnehin keine Zukunft mehr hat, ist er nicht mehr arbeiten und nicht mehr an die Uni gegangen. Er hat versucht den ganzen Tag nur zu schlafen - hat Schlaftabletten genommen, um "nichts mehr vom Leben mitzukriegen" (Appendix, Interview mit B., 117 - 119). Die Diagnose hat dazu geführt, dass er seinen Studiengang gewechselt hat, da er ja glaubte mit dieser "Erkrankung" kein Lehrer werden zu können. Auch deshalb, weil die Ärzte ihm gesagt haben, dass psychische Diagnosen im Lebenslauf erscheinen, wenn man sich irgendwo bewirbt, dass dies nachgefragt wird und er mit der Diagnose einer psychischen Erkrankung kein Beamter werden kann (45 - 49). Seine Berufschancen sah er dadurch deutlich vermindert, weshalb er seine beruflichen Ziele nicht mehr verfolgte. Heute würde er seine Entscheidung gern rückgängig machen, wofür es seiner Meinung nach inzwischen aber zu spät ist. Weil er die berufliche Qualifikation - aufgrund der durch die Diagnose beeinflussten Entscheidung, seinen Studiengang zu wechseln - nicht erwerben konnte, kann er seinen Traumberuf als leidenschaftlicher Berufsschullehrer für Gartenbau nicht ausüben kann (412). Er beklagt, dass er ohne diesen Wechsel sein Studium bereits vor einem Jahr beendet hätte und dann das hätte machen können, was er eigentlich wollte. Stattdessen studiert er jetzt Fächer, die ihn nicht interessieren und von denen er seiner Aussage nach "keine Ahnung" hat (288 - 292).

Hieran wird erkennbar, welche extremen Auswirkungen die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" für die Zukunftsplanung eines jungen Menschen haben kann.

Vergleicht man die Geschichten von M. und B., so wird deutlich, dass beide aufgrund der Diagnose "bipolar" daran gehindert wurden, den Beruf auszuüben, der ihnen wichtig war. Während M. ihren Beruf als Folge der Stigmatisierung durch andere aufgeben musste; gab B. seinen Beruf auf, weil er sich durch seine Diagnose selbst stigmatisierte.

3.2.4 Reaktionen anderer

M. hatte sich aufgrund ihrer Diagnose Verständnis durch andere erhofft, deshalb erzählte sie in der Anfangszeit jedem davon (Appendix, Interview mit M., 119 - 121). Durch die Diagnose hatte sie schließlich einen Begriff, der ihr Verhalten als etwas, an dem sie keine Schuld trägt, erklärt. Sehr bedauert sie, dass ihre Mutter ihr nicht geglaubt hat, dass sie "krank" ist - dass sich durch die Diagnose nichts daran änderte, dass diese ihrer Meinung nach ihre Probleme herunterspielte und dachte, sie sei faul und müsse sich einfach nur mal zusammenreißen (309 - 321). Ihr Mann wollte sie aufgrund ihrer Diagnose entmündigen lassen, auch von ihm bekam sie wenig Verständnis, wobei sie eingesteht: "andererseits verstehe ich es aber auch, dass man für sowas wenig Verständnis haben kann ... Also, wenn ich jetzt an der Stelle wäre und der Partner wäre dauernd krank, weiß ich nicht, ob ich da auch so viel Verständnis haben könnte" (M., 166 - 168).

Bei Kollegen, die M. nicht so gut kannten, hatte sie den Eindruck, dass sie ihr gegenüber aufgrund der Diagnose misstrauischer waren - sie vermutete, dass sie sie genauer beobachten, nach dem Motto: "Was macht die Verrückte jetzt wieder als nächstes?" (M., 169 - 170). Die Auswirkungen, die das auf ihre berufliche Situation hatte, wurden bereits beschrieben.

Eine Freundin von ihr hätte es hingegen "ganz toll" gefunden, dass sie eine "Verrückte" kannte und damit in der Kleinstadt angeben konnte - die Sonderstellung, die ihr durch die Diagnose zukam, hat aus M. für andere eine Art "Attraktion" gemacht, was sie anfangs lustig fand (155 - 158). Anderseits begegnete sie vielen Vorurteilen und Ungerechtigkeiten, die Auswirkungen auf die ganze Familie hatten - so durften andere Kinder beispielsweise nicht mehr mit ihren Kindern spielen (110 - 111).

Durch diese negativen Erfahrungen, die sie durch die Reaktionen anderer machen musste, erzählt sie heute niemandem mehr von ihrer Diagnose. Mehrfach betonte sie, dass das ein großer Fehler war und nur Nachteile bringt und dass sie es jedem, der eine solche Diagnose bekommt, empfiehlt, nicht darüber zu sprechen (121 - 122/ 250).

B. erzählte - wie seine Mutter - allerdings auch jedem von seiner Diagnose, sagte aber auch jedem, wie "doof er das fand" (Appendix, Interview mit B., 135 - 137). Die Reaktionen anderer auf seine Diagnose waren der Versuch ihn zu trösten, was ihn noch mehr genervt hätte. Er hatte das Gefühl, dass ihm jeder helfen wolle, war den ganzen Tag "nur noch am Telefonieren", weil ständig jemand anrief, um sich zu erkundigen, wie es ihm gehe - mit den meisten Anrufen konnte er nichts anfangen (137 - 145).

Seine Mutter (M.) hat die Nachricht - dass er jetzt auch die Krankheit hat - seiner Auffassung nach - "freudig" aufgenommen. Ihm kam es so vor, als ob seine Mutter sich durch das gemeinsame Schicksal erhofft hatte, wieder einen besseren Kontakt - der zu diesem Zeitpunkt nicht gut gewesen ist - zu bekommen. Die ständigen Vergleiche seiner Mutter mit ihm haben ihm aber überhaupt nicht geholfen, weshalb er den Kontakt erst recht nicht mehr herstellen wollte (154 - 163). Das wird verständlich, betrachtet man seinen Ärger darüber, die "Krankheit" von seiner Mutter "geerbt" zu haben und die negativen Assoziationen mit der Diagnose, die er durch das, was er bei seiner Mutter erlebt hat, hatte.

Geholfen haben ihm die Gespräche mit seinen Großeltern (den leiblichen Eltern seiner Mutter), da sie seinen Zustand nicht als "Krankheit" gesehen haben, sondern ihm zuhörten, mit ihm über seine Gefühle und bestimmte Situationen, die ihm Probleme bereiteten, sprachen, dabei überlegten, wie er sich vielleicht anders verhalten kann (163 - 173).

Während M. die Reaktion ihrer Mutter, dass diese ihr nicht glaubte, dass sie "krank" ist, als fehlendes Verständnis und Belastung erlebte, war es für B. hilfreich, dass M.s Mutter ihn darin bestärkte, dass er nicht "krank" sei, sondern mit ihm nach Lösungsmöglichkeiten suchte.

3.2.5 Eigene Erklärungen der Probleme und ihrer Lösungsmöglichkeiten

M. glaubt, dass die "bipolare Erkrankung" sehr stark von einem gestörten Gehirnstoffwechsel abhängt. "Grade in den manischen Phasen, da bist du ja wie unter Drogen. [...] da muss ja irgendwas passieren im Gehirn - sowas kommt ja nicht von selbst, also ... da bist du ja, wie wenn du Koks genommen hättest, oder sonst welche Drogen. [...] Ich denke, da schüttet das Gehirn schon irgendwelche Botenstoffe aus oder irgendwas, was das dann bewirkt, diesen Rausch", erklärt sie (Appendix, Interview mit M., 90 - 94). Aber sie äußert auch den Gedanken, dass man nicht alles auf den Gehirnstoffwechsel schieben kann - wie dies zur Zeit ihrer Diagnosestellung noch geglaubt wurde: "Heutzutage weiß man ja auch dass bestimmte Lebensereignisse oder auch Gedanken solche Phasen auslösen können" (M., 78 - 79). Als Auslöser für "Krankheitsphasen" kann sie sich den Verlust ihrer Arbeit, ihre schwierige Ehe und Kindheit vorstellen (153 - 158/ 74 - 77). Dennoch sind ihre Reaktionen auf solche Auslöser gegenüber "gesunden" Menschen viel zu extrem und deshalb "nicht mehr normal" (148 - 149). Da es ihr nach ihrer Aussage in den letzten Jahren deutlich besser geht, sie sich gar nicht mehr als "krank" sieht, lag die Frage nahe, wie sie sich diese Besserung erklärt. Als Gründe dafür gibt sie an, dass sie ihr Leben durch die Scheidung und die neue Arbeit verändert hat. Ebenso erklärt sie es sich durch die "guten Medikamente", die sie jetzt bekommt. Einen hohen Stellenwert misst sie der analytischen Therapie - dem "katatymen Bilderleben"[2] - bei, die ihr sehr dabei geholfen hat, ihre Kindheit aufzuarbeiten und ihr Leben verändert hat (219 - 221). Außerdem beruft sie sich auch hier auf wissenschaftliche Studien, die besagen, "dass die Krankheit bei vielen im Alter ausbrennt" (M., 243).

[...]


[1] Die Zahlenangaben beziehen sich auf die Zeilen des jeweils transkribierten Interviews, aus denen die zugrundeliegenden Informationen entnommen wurden.

[2] Ein tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren, bei dem mit Hilfe von Imaginationen und Tagträumen systematisch und methodisch therapeutisch gearbeitet wird. Eingeführt von Hanscarl Leuner 1954 (vgl. Bahrke/ Nohr 2013, 1f).

Details

Seiten
70
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656647430
ISBN (Buch)
9783656647409
Dateigröße
841 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273037
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Schlagworte
Diagnose psychische Erkrankung bipolar Psychologie systemisch Charlotte Fritsch manisch-depressiv Stigmatisierung Selbststigmatisierung Labeling approach Konstruktivismus Interview Ettikettierung chronische Erkrankung qualitative Untersuchung Palmowski

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Titel: Die Macht der Diagnose. Macht die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" den von ihr Betroffenen erst krank?