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Jugend im Wandel. Eine Frage der Generation

Zur Entwicklung der Wertorientierungen deutscher Jugend seit der Wiedervereinigung

Bachelorarbeit 2012 58 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugend, Jugendkulturen und deren Beziehung zur Gesellschaft
2.1. Zur Entstehung der Jugendphase und der Jugendkulturen
2.2. Jugendkulturen
2.3. Jugend in der Gesellschaft

3. Wertorientierungen im Wandel

4. Von der Generationenlagerung zur Generationengestalt

5. Die Jugend der Wendezeit

6. Die Jugend der 1990er Jahre

7. Die pragmatische Jugend

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Selbstständigkeitserklärung

1. Einleitung

Viele Menschen, die schon im Erwachsenenalter angekommen sind oder dieses bereits überschritten haben, denken gern an ihre Jugendzeit zurück. Erzählungen über Erinnerungen und Erfahrungen aus dieser Zeit werden oft mit Phrasen wie „Als ich noch jung war“, „Zu meiner Zeit“, oder auch „In meiner Generation“ eingeleitet. Dies verweist nicht nur darauf, dass die Jugendzeit eine subjektiv sehr wichtig empfundene Lebensphase ist, sondern auch, dass im Nachhinein oftmals die Empfindung vorherrscht, aufgrund der Umstände und einer bestimmten Lebensweise eben zu dieser bestimmten Jugend und nicht zu einer anderen gehört zu haben.

Subjektiv wird der eigenen Jugend oft eine enorme Bedeutung beigemessen. Einmal diese Entwicklungsphase überschritten, fällt es oft schwer, sich noch einmal richtig in einen Lebensabschnitt hinein zu fühlen, in dem sich Aufgaben wie Identitätsfindung, Ablösung vom Elternhaus und Berufsfindung nur so bündeln. Das Ineinklangbringen zwischen den Wünschen und Bedürfnissen sowie den eigenen Fähigkeiten und der Umwelt ist vor allem eine psychische Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. Das Streben nach Autonomie und Selbstverwirklichung, das Finden der eigenen Persönlichkeit und die Orientierung in einer vorgegebenen Welt sind prägende Erfahrungen, denen sich ein Individuum stellen muss, um sich in einer individualisierten Welt einen Platz zu verschaffen. Obwohl der Übergang zwischen Jugend und Erwachsenenalter, vor allem durch den möglichen verlängerten Verbleib im Bildungssektor, nicht eindeutig abgegrenzt werden kann, so weiß man in der Regel doch, wann man nicht mehr jugendlich ist, nämlich meist dann, wenn man sich zu der nachrückenden Jugendgeneration aufgrund seiner Denk- und Handlungsweisen, seiner Bedürfnisse oder Lebensstile nicht mehr zugehörig fühlt. Dann spricht man eben von der „Jugend heutzutage“ oder der „nächsten Generation“.

Aber auch von Seiten der Gesellschaft bekommt die Jugend eine hohe Relevanz zugeschrieben. Jugend steht häufig im öffentlichen Diskurs, wodurch oft neue Jugendbilder entstehen. Nicht nur Jugendgenerationen wie die „68er Generation“ hatten einen Einfluss auf das Denken und Erleben der Gesellschaft. Aufgrund ihres Entwicklungspotenzials gilt die Jugend als „Hoffnungsträger der Gesellschaft“ und seitens der Gesellschaft werden Erwartungen an die Jugend gestellt. Der Begriff der Jugend ist kulturell aufgeladen, man kann sogar von einem „hoffnungsvollen Projizieren sozialen Wandels auf die junge Generation“ sprechen (Walther et al. 2011, S. 7). Auch deshalb werden Begriffe wie Freiheits- und Erlebnisdrang, Entwicklung, Offenheit und Wandel mit Jugend assoziiert. In Anlehnung an Helmut Schelskys „skeptische Generation“ oder die 68er Studentenbewegung, eine Generation, welche maßgeblich zu einem sozialen Wandel beitrug, werden dazu häufig neue Generationen proklamiert. So tauchen oft neue Begrifflichkeiten wie „Generation Golf“, „Generation Praktikum“ oder ähnliches in den Medien auf. Dahinter steckt – trotz Individualisierung und Pluralisierung von Lebensweisen – die Vermutung, dass gesellschaftliche Strukturen das Wesen der aktuellen Jugend beeinflussen und die Herausbildung solcher Generationen bewirken.

Es finden sich deshalb zahlreiche Bemühungen, ein Bild von der jeweils aktuellen Jugend zu schaffen und zu schauen, was sich verändert hat. So gibt es zahlreiche Studien, welche ihr Augenmerk auf die Jugend richten, wie zum Beispiel die Shell Jugendstudien, die seit 1953 in regelmäßigen Abständen Untersuchungen zu Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen der Jugendlichen in der BRD durchführen. Das Interesse daran, die Jugend zu ergründen, zu verstehen und gesellschaftlich abzubilden ist groß. Trotz verschwommener Altersgrenzen und innerer Heterogenität wird diese eigenständige Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenalter als Gesamtbild von der Gesellschaft beobachtet und steht mit dieser in einem Wechselwirkungsverhältnis: Sozialisationsbedingungen in Familie, Schule, Ausbildung, Freizeit, Konsum und Medien prägen die Wertvorstellungen von jungen Menschen, welche ihrerseits mit gesellschaftlichen Verhältnissen in Wechselwirkung stehen und das gesellschaftliche Umfeld ebenso beeinflussen können. Aber die mögliche Gestaltung der Jugendphase wird auch durch historische und gesellschaftliche Prozesse und Vorgaben beeinflusst. Das heißt, dass gemeinsame prägende Erfahrungen ein gemeinsames Generationenbewusstsein hervorrufen können. Ein „kritisches Lebensalter“, wie der Jugend, ist prädestiniert dafür, dass eine durch bestimmte Umwelteinflüsse hervorgerufene Lebenspraxis langfristig verbindet und deshalb spezielle Wertvorstellungen ausprägt werden.

Aber nicht nur Umwelteinflüsse, sondern auch historische Ereignisse können eine Lebenssituation und Lebenseinstellung beeinflussen. Ein großes historisches Ereignis in Deutschland war die Wiedervereinigung 1990, welche nicht nur gesamtgesellschaftliche Konsequenzen hatte, sondern für jedes Individuum folgenreich war. Geht man davon aus, dass sich eine Jugendgeneration durch einen gemeinsamen Erfahrungshorizont von einer anderen unterscheidet, so muss dies für die damalige Jugend aufgrund der Sozialisationserfahrungen in der DDR und der plötzlichen Veränderungen prägende Auswirkungen gehabt haben. Es stellt sich deshalb die Frage, inwiefern sich diese Jugend in ihren Wertorientierungen und Verhaltensweisen unterscheidet und welcher Entwicklungsverlauf sich bei der Jugend seitdem diesbezüglich abzeichnet.

Die Arbeit hat deshalb das Ziel, zu veranschaulichen, inwiefern sich in der BRD die heutige Jugendgeneration von der Generation der Wendezeit sowie der 1990er Jahre unterscheidet, und diese Veränderungen mit soziokulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in Verbindung zu bringen. So löste der Systemtransformationsprozess während der Wendezeit schockartige Veränderungen in den Alltagswelten der Jugendlichen aus, welche das Verhalten und die Einstellungen nachhaltig beeinflussten. Im weiteren Verlauf zeichnet sich das Bild einer unpolitischen Jugend, während aktuell vor dem Hintergrund von Globalisierung und Leistungsdruck, das Bild einer leistungsorientierten und pragmatischen Jugendgeneration entsteht.

Auf makrosoziologischer Ebene sollen die Veränderungen der Wertorientierungen und Verhaltensweisen der Jugendlichen anhand eines Vergleichs zwischen verschiedenen Jugendstudien seit der Wende sichtbar gemacht werden, und damit der Frage nachgegangen werden, wie und warum sich die Jugendkohorten voneinander unterscheiden. Dazu soll als erstes konkret auf das Wechselwirkungsverhältnis zwischen Jugend und Gesellschaft eingegangen werden. Eine Veränderung der Wertorientierungen Jugendlicher kann als ein Indikator eines sozialen Wandels gesehen werden, da Jugendliche in ihren Bedürfnissen besonders sensibel auf gesellschaftliche Missstände reagieren. Darauf aufbauend bieten Klages Überlegungen zum Wertwandel einen Hintergrund, um aufzuzeigen, wie es in Auseinandersetzung mit äußeren Umständen zu einem Schwanken von Wertorientierungen kommt. Bildet eine Jugendkohorte in Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Vorgaben eine spezielle Bewältigungsstrategie heraus, die eben in einer solchen Veränderung der Wertorientierungen, Einstellungen und Verhaltensweisen sichtbar wird, so spricht man von einer Genartionengestalt. Dies soll im darauffolgenden Kapitel verdeutlicht werden. Nach konkreten Betrachtungen der Jugendlichen, welche die Wende erlebt haben, den Jugendlichen der 1990er Jahre und denen der 2000er Jahre kann in Verbindung mit den theoretischen Überlegungen untersucht werden, welche Wertorientierungen und Bewältigungsstile sich entwickelt haben. Abschließend stellt sich die Frage, ob diese Alterskohorten auch unterschiedliche Generationen im Sinne eines gemeinsamen Generationenbewusstseins darstellen.

2. Jugend, Jugendkulturen und deren Beziehung zur Gesellschaft

2.1. Zur Entstehung der Jugendphase und der Jugendkulturen

Die Jugend gilt als eine „Lebensphase eigener Qualität“ (vgl. Hurrelmann 2007, S. 40). Dass dem so ist, ist vor allem historisch durch die Modernisierung bedingt. Mit einsetzender Industrialisierung und Wirtschaftswachstum sind nicht nur ökonomische, sondern auch politische, soziale und kulturelle Entwicklungen verbunden (vgl. Schröder 1995, S. 15). Die mit der Modernisierung einhergehende Individualisierung in westlichen Demokratien, also die Freisetzung des Menschen aus vorgegebenen traditionellen Gesellschaftsstrukturen bei gleichzeitigem Verlust traditioneller Sicherheiten, hat Auswirkungen auf Lebensläufe und Biographien dahingehend, dass neue Formen der sozialen Einbindung entstehen (vgl. Beck 1986, S. 206f.). Stabile Lebensläufe haben durch ihre sozialintegrative Wirkung an Bedeutung gewonnen, da sie eine Richtung aufzeigen und Sicherheit vermitteln. Dem Lebensalter als gesellschaftliches Strukturmerkmal wird damit eine besondere Bedeutung beigemessen, da mit ihm bestimmte Alterstypisierungen und Altersnormen verbunden werden, die Orientierung verleihen (vgl. Kohli 1978, S. 13ff.). Die Entstehung und Ausdifferenzierung der Lebensphase Jugend ist deshalb ein gesellschaftlich hergestelltes Phänomen und unterliegt Veränderungen in Abhängigkeit des gesellschaftlichen Wandels. Durch kulturelle, soziale und ökonomische Veränderungen können die verschiedenen Lebensphasen neu strukturiert werden. Die Gestaltungsmöglichkeiten einzelner Lebensphasen sind damit im Wesentlichen vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext abhängig. Beispielsweise trifft in vielen Entwicklungsländern das Bild des in einer Familie lebenden, eine schulische und berufliche Ausbildung absolvierenden Jugendlichen nicht zu; oft gehören Armut und Kinderarbeit zum Alltag. Die erheblichen ökonomischen, politischen, rechtlichen und kulturellen Unterschiede zwischen den Staaten und Regionen haben deshalb einen erheblichen Einfluss auf die Lebensbedingungen Heranwachsender und das jeweilige Verständnis von Jugend als Lebensphase (vgl. Scherr, 2009, S. 55). Unter der Voraussetzung einer modernisierten Gesellschaft und eines sich entwickelten materiellen Wohlstands konnte in Deutschland eine Jugendphase als Zeit der Identitätssuche und des Ausprobierens, entstehen.

In der vorindustriellen Gesellschaft gab es diese Lebensphase noch nicht. Als gesellschaftliche Kategorie entwickelte sich die Jugend in Deutschland erst etwa Ende des 19. Jahrhunderts in bürgerlichen Schichten heraus. Neben den bürgerlichen und gebildeten „Jünglingen“, die vorwiegend aus Studentenvereinigungen bestanden, entstand im Zuge zunehmender Verstädterung das Bild des „Jugendlichen“, das vorerst stark negativ behaftet war. Dieses bezog sich auf die „Proletarierjugend“, welche in den Großstädten durch kriminelle Aktivitäten auffiel (vgl. Roth 1983, S. 13, 108). Der Begriff „Jugendlicher“ hatte seinen Ursprung in Gefängnissen und staatlichen Rettungshäusern, welche Jugendfürsorge betrieben, um den verwahrlosten Schulentlassenen die Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen (vgl. ebd., S. 112f.). Somit ist die Jugendzeit pädagogischen Ursprungs: Die notwendige Entstehung von Bildungs- und Erziehungsinstitutionen bewirkte, dass sich das negative Bild in ein positives verwandelte und die Jugend als eine Zeit betrachtet wurde, in der eine Entwicklung zu einem sich in die Gesellschaft integrierenden Bürger stattfand (vgl. ebd., S. 122). Aufgrund eines gesellschaftlich – zuerst noch kurzen - zugestandenen Schonraums zur Identitätsentwicklung entstand die Jugend als eine eigene gesellschaftliche Gruppe, die dem Schutz durch Erwachsene bedurfte. Die soziale Konstruktion der Jugendphase kann somit als eine „Erfindung“ mit dem Ziel der sozialen Kontrolle und als ein Prozess der Sozialdisziplinierung verstanden werden (vgl. von Trotha, 1982, S. 258). Diese geschieht durch den Entwurf des Bildes des Jugendlichen als höheren Schüler, der Normen, Werte und gesellschaftliche Ansprüche verkörpert. Die sich ausbreitende Pädagogisierung bewirkte, dass mit Hilfe einer sorgsamen Kontrolle der Umweltbedingungen eine Jugendzeit entsteht, indem der Jugendliche zu Selbstverantwortung erzogen wurde und diese selbst entwickeln konnte (vgl. ebd., S.265).

Das Einsetzen der Industrialisierung bewirkte so, dass Bildungs- und Erziehungsaufgaben nicht mehr ausschließlich der Familie oblagen. Durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und der damit verbundenen Vorstellung, dass Entwicklungen und Lernprozesse einem bestimmten Lebensalter angemessen sein und in Gleichaltrigengruppen erfolgen sollten, entstand die Institutionalisierung der Kindheit und später auch Jugend (vgl. Liebsch 2012, S. 14). Eine Ausdifferenzierung der Jugendphase bis in alle Bevölkerungsschichten hinein lässt sich aber erst um 1950 datieren (vgl. Hurrelmann 2012, S.16, Scherr 2009, S. 27). Die Schulzeit als ein vom Familienalltag abgekoppelter Bezugsrahmen, welcher zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit in der Jugendzeit beitrug, erweiterte sich nochmals seit der Einführung geregelter Ausbildungen und weiterer Bildungs- und Qualifikationsschritte. Auch die Notwendigkeit einer höheren Bildungsinvestition durch schlechte Konjunkturphasen sowie geburtenstarke Jahrgänge, welche den Erwerbssektor überforderten, führten zu einem weiteren längeren Verbleib in Bildungseinrichtungen. Durch diese strukturellen Veränderungen, die vor allem vom Erwerbssektor ausgingen, hat die Jugendphase eine zeitliche Ausdehnung erfahren, was zu Konsequenzen hinsichtlich des gesellschaftlichen Ansehens und der Eigenständigkeit dieser Entwicklungsphase führte. Dies begünstigte die Entstehung eines Lebensabschnitts, in dem einerseits noch keine Verantwortung für die Gesellschaft übernommen werden muss, andererseits aber vollwertig partizipiert werden kann (vgl. Hurrelmann/ Quenzel 2012, S. 16, 21ff.). Nicht nur spezielle Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, sondern auch die Etablierung gesellschaftlicher Institutionen wie beispielsweise das Jugendstrafrecht oder Jugendämter zeigen seitdem, dass die Jugend eine spezielle, wichtige und von anderen Entwicklungsstufen abgegrenzte Stellung besitzt. Als Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter bildete sich so eine Lebensphase heraus, in der Identitätsbildung und die Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt zur zentralen Aufgabe wird. Die in sich widersprüchliche Konstellation von ökonomischer und sozialer Abhängigkeit einerseits und der gesellschaftlich geschaffenen Freiräume für die Persönlichkeitsentwicklung andererseits ist Merkmal dieses Lebensabschnitts. Im Laufe der Jahre hat sich also ein Leitbild herausgebildet, an welches Vorstellungen und Erwartungen sowie ein positiver Sinn geknüpft ist (vgl. Mierendorff et al. 2010, S. 132).

Seitens der Gesellschaft gibt es jedoch altersbezogene Erwartungen, welche als Entwicklungsaufgaben bezeichnet werden. Neben der Aufgabe der psychischen und biologischen Identitätsentwicklung stehen aus soziologischer Perspektive während der Jugendzeit folgende Anforderungen im Vordergrund: Kompetenzerwerb für die gesellschaftliche Mitgliedsrolle eines Berufstätigen und Familiengründers sowie Kompetenzerwerb für die gesellschaftliche Mitgliedsrolle als Konsument und außerdem auch eines partizipierenden Bürgers (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 37). Während die beiden letzten Fähigkeiten aufgrund spezifischer Jugendangebote früher erlernt werden, haben sich das Erlernen der Berufsfindungs- und Familiengründungskompetenz nach hinten verschoben. Im Zuge der Destandardisierung kommt es seit den 1980er Jahren insofern zu einem Strukturwandel der Jugendphase, dass diese an inhaltlicher Struktur und Gestalt zu verlieren scheint (vgl. Mierendorff 2010, S. 135). Wichtige Ereignisse, wie zum Beispiel der Berufseintritt oder die Heirat, die Mitte des 20. Jahrhunderts den Übergang zum Erwachsenenalter markierten, sind mittlerweile individualisiert und unterliegen einer Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten. So lassen beispielsweise der Besuch weiterführender Bildungseinrichtungen oder das Beschreiten eines sekundären Bildungswegs sowie die Pluralisierung von privaten Lebensformen Übergänge verschwimmen und eine mögliche Verortung in der Jugendphase bis zum 27. Lebensjahr zu.

Als konstitutives Merkmal der Jugendphase gilt die Orientierung an Gleichaltrigen-Gruppen, auch Peer Groups oder Peer Gruppen genannt. Die Peer Gruppe als bedeutungsvolle Instanz für das Aufwachsen von Jugendlichen findet sich unter anderem in Schulklassen, Nachbarschaften, Freundkreisen und Jugendvereinen. Sie dienen der „wechselseitigen Vergewisserung über ein geteiltes Verständnis von Regeln, Normen und der Wirklichkeit schlechthin“ (vgl. Breidenstein 2004, S. 922) und stellen somit eine wichtige Ressource für die Subjektbildung dar. Nicht nur die Identitätsbildung, sondern auch ein Wir-Gefühl und das Vorhandensein einer Gruppendynamik können sich so ausbilden. Peer Gruppen stellen damit einen Übergangs- und Aushandlungsraum dar, in welchem Jugendliche sich wechselseitig austauschen und in Differenz und Übereinstimmung erproben können. Jugend als eine Zeit zwischen Kindheit, die mit einer starken Einbindung in den Familienalltag verbunden ist und dem Erwachsenenalter, das stark von einem Berufsalltag geprägt ist, bietet insgesamt einen größtmöglichen Raum zur freien Entfaltung. Die Abkoppelung der Jugend von der wirtschaftlichen Reproduktion der Gesellschaft führt zu einer erhöhten Verfügbarkeit von Freizeit, die in Aktivitäten im Konsum-, Medien- und Freizeitsektor investiert werden kann (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012, S.24). Dies verweist sowohl auf die Möglichkeit zur Bildung von Jugendkulturen als auch auf deren Verbreitungsmöglichkeiten.

2.2. Jugendkulturen

Mit dem Begriff Jugendkultur ist nicht etwa eine Kultur im Sinne von Tradition und geistigem Bildungsgut gemeint, sondern die Schaffung eines Lebensraums, eines sozialen Treffpunkts und die kulturelle und soziale Orientierung in einer Gruppe durch die Jugendlichen selbst. Obwohl das Bildungssystem als Werte- und Kulturvermittler ein wichtiger Bezugspunkt bleibt, sind Jugendkulturen eher freizeitbezogen, vermitteln Stile und Lebensweisen und stellen eine Lebens- und Handlungspraxis dar (vgl. Baake 2007, S. 143ff.). Kultur meint in diesem Fall eine Schaffung von Stilen über Medien. Merkmale von Jugendkulturen sind Selbstbehauptung und Autonomie in Gleichaltrigengruppen (vgl. Ferchhoff, 2007, S. 61). Somit schaffen Jugendkulturen einerseits eine Lebenswelt, in der eine Abgrenzung von Bildungseinrichtungen und Erwachsenen stattfinden kann. Andererseits dienen Jugendkulturen auch zur Stärkung eines Gemeinschaftsgefühls unter den Jugendlichen.

Übereinstimmend in der Literatur wird der Anfang einer Jugendkultur in Deutschland in das Kaiserreich gesetzt, in dem die Vorstellung einer jugendkulturellen Bewegung erstmals im „Wandervogel“ zum Ausdruck kam, einer Gemeinschaft bürgerlicher Heranwachsender, die das Ziel hatte, gemeinsam die Natur zu erkunden. Hierbei wurde erstmals der Impuls für Jugendbewegungen gesetzt und die Jugendzeit als einen eigenständigen Lebensabschnitt angesehen. Zunächst entstanden neben dem Bildungssystem weitere außerschulische und jugendspezifische Angebote, welche die Funktion eines wichtigen Bezugs- und Orientierungspunkts für die Vermittlung traditionellen kulturellen Wissens darstellten. Das Aufkommen medialer Unterhaltungsangebote seit den 1920er Jahren begünstigte weiterhin die Entstehung einer jugendlichen Populärkultur, die sich von Amerika aus nach Europa ausbreitete. Musik, Mode, Stars und Körperkultur bestimmten fortan das Freizeitverhalten Jugendlicher und Lebensfreude wurde zum Leitbild der Jugendkultur (vgl. Ferchhoff 2007, S. 50ff.). Im Zuge einsetzenden Wohlstands in der Bundesrepublik seit den 1950er Jahren entstand in Anlehnung an das amerikanische Leitbild des „Rock´n Roll – Teenagers“ zunehmend ein Markt für Jugendliche, der sich durch billigere Kleidung und Kosmetika auszeichnete (vgl. Baake 2007, S. 11). So konnten sich junge Menschen von ihrem Taschengeld verschiedene Produkte leisten und sich in einem bestimmten Stil kleiden, woraufhin das gesellschaftlich produzierte Bild eines Teenagers entstand. Hier wird der Charakter von Jugendkultur als freizeitbezogene Absetzbewegung gegenüber den Erwachsenen auf kultureller Ebene deutlich (ebd., S. 145).

Die Bildungsexpansion und die Zunahme von frei verfügbarer Zeit führten in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer Ausweitung von Jugendkulturen. Diese differenzierten sich immer weiter aus und es erfolgte zunehmend eine Pluralisierung von Jugendkulturen. Im Bereich der Jugendkulturen lassen sich deshalb Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte feststellen. So ist beispielsweise der Anteil der in Sportvereinen organisierten Jugendlichen gestiegen, während der Anteil an konventionellen oder politischen Jugendverbänden gesunken ist. Verstärkt sind Jugendliche Mitglied einer Clique, was unter anderem daran liegt, dass soziale Netzwerke und Freundschaften unter Gleichaltrigen früher an persönlicher Wichtigkeit gewinnen und Treffpunkte für Jugendliche immer besser ausgestattet sind (vgl. Baake 2007, S. 17).

Als entscheidend für Jugendkulturen sind die Gruppenzugehörigkeit und das Erleben einer gemeinsamen Handlungspraxis. Szenen dagegen sind bestimmt durch eine überschaubare, aber lose Zusammengehörigkeit und stellen in ihrem Ausdruck und ihrer Lebensweise häufig eine intensivere Absetzbewegung gegenüber der Gesellschaft dar. Zudem beziehen sie sich häufig auf bestimmte gesellschaftliche Ereignisse und Hintergründe (vgl. Baake 2007, S. 169f.). So gibt es zahlreiche Szenen, die ihre speziellen Gesinnungen, Symbole und Anschauungen zum Ausdruck bringen, sich dadurch deutlich von den Erwachsenen unterscheiden und sich gegenüber anderen Szenen abgrenzen. Manche Jugendliche wechseln eine Szene mehrmals, andere sind nie Mitglied irgendeiner Szene. Gemeinsam ist allen Szenen jedoch der Wunsch nach Gemeinschaft, sozialer Verortung und Netzwerken. Zum Teil werden Geschmacksübertretungen, die Erfindung neuer Stile und Provokationen dazu genutzt, um die Erwachsenen zu schockieren. Das jugendkulturelle Exklusivitätsverhalten gegenüber der Lebenswelt der Erwachsenen ist dabei mittlerweile gesellschaftlich anerkannt und legitimiert, so dass eine Veralltäglichung und damit eine Entdramatisierung stattfand (vgl. Ferchhoff 2007, S. 54,60).

Zwar orientiert sich ein Großteil der Jugendlichen an den durch Familie und Schule vorgegebenen Orientierungsmustern. Dennoch suchen einige nach jugendkulturellen Ausdrucksmöglichkeiten, welche die Schranken des sozialen Herkunftsmilieus überschreiten und eine Orientierung in einem herkunftsneutralen Angebot erlauben (vgl. Baake 2007, S. 45). Jugendkulturen erfüllen damit zweierlei Funktionen: Einerseits stellen sie spezifische Formen der Organisation sozialer Kontakte dar, welche eine eigene soziale Kontrolle ausüben; andererseits meint Jugendkultur die Normen, Werte, Vorstellungen und daraus resultierenden Verhaltensweisen, die sich von denen der Erwachsenen systematisch unterscheiden (vgl. Reinhold et al. 2000, S. 320). Baake geht in seiner Definition noch einen Schritt weiter und bezeichnet Jugendkulturen als Teile einer Population, „die für das Jugend-Selbst-Verständnis einer bestimmten Epoche oder eines ungefähr angebbaren Zeitraums Leitbilder setzen und auch von den Erwachsenen und „Erziehungsberechtigten“ als diejenigen wahrgenommen werden, die aufgrund ihrer scharf konturierten Eigenarten mit oft herausforderndem Charakter für die ältere Generation in besonderer Weise Irritationen darstellen.“ (2007, S. 227). Folglich setzen sich Jugendkulturen in verschiedenster Weise mit der älteren Generation auseinander und positionieren sich damit innerhalb der Gesellschaft.

Im Zuge der Individualisierungs-, Subjektivierungs- und Pluralisierungstendenzen verlieren Jugendkulturen ihren bindenden Charakter (vgl. Hitzler 2001, S. 13). Die vielfältigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und wählbaren Erlebniswelten führen in einer komplexer werdenden Welt jedoch dazu, dass das Bedürfnis nach Orientierung in Sozialisationsagenturen besteht. Die Orientierung wird in unverbindlichen „posttraditionalen Vergemeinschaftungsformen“ gefunden, deren Wähl- und Abwähloptionen geringe Kosten verursachen (vgl. ebd., S.15). Dies hat zur Folge, dass eher partielle Mitgliedschaften bevorzugt werden, deren Ziel es ist, die eigene Subjektivität in gegenüber anderen Lebensbereichen autonomen freizeitlichen Sozialräumen zu erleben. Dies entspricht dem Bedürfnis nach einem überschaubaren Netzwerk. Damit entwickeln sich Jugendkulturen äquivalent zur Gesellschaft, das heißt, individualisierte und pluralisierte Lebensformen finden sich in der Entwicklung der Jugendkulturen wieder.

Doch die Gesellschaft beeinflusst nicht nur die Jugend. Vor allem in den letzten Jahrzehnten findet auch eine retroaktive Sozialisation statt (vgl. ebd., S. 246). Das bedeutet, dass die Stilisierung der Jugendphase und die positive Konnotation mit dem Merkmal „jugendlich sein“ dazu führt, dass auch Eltern Stile ihrer jugendlichen Kinder annehmen und sich auf deren Habitus einlassen. Gesellschaftlich heißt das weiterhin, dass auch Erwachsene sich an den Merkmalen der Lebensphase Jugend orientieren. Die Entstehung von Jugendkulturen wurde nicht nur durch eine wachsende Optionsvielfalt im Sinne von einer Pluralisierung von Lebensformen begünstigt, sondern die Experimentierfreude Jugendlicher hinsichtlich neuer Stile und Lebensweisen sowie die Kritik an bestehenden Normen haben auch zu einer Toleranz und Vielfalt an Lebensweisen geführt. Die Jugend hat somit eine gesellschaftliche Vorreiterfunktion (vgl. Schröder 1998, S. 27). Auch das Meistern der Anforderungen an den Umgang mit Unsicherheiten wird nun auch für andere Lebensphasen wichtig. Hurrelmann/Quenzel sprechen sogar von einer Juvenilisierung der Erwachsenenwelt (vgl. 2012, S. 51). Das heißt, dass die Orientierung am Lebensmuster der Jugendlichen zunehmend wichtig für die Erwachsenen wird und somit einen wichtigen Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Lebens- und Verhaltensweisen ausübt.

2.3. Jugend in der Gesellschaft

Shelsky bezeichnete die Jugend als eine Lebensphase zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“ (1958, S. 16ff.) und hob damit den Charakter der Jugend als Übergangsphase in den Vordergrund. Die Eigenqualität der Jugendphase steht dem jedoch gegenüber. Hier zeigen sich zwei verschiedene Perspektiven, auf die insbesondere Reinders (2003) eingegangen ist: Die Perspektive der Jugend als Transition und als Moratorium. Das Transitionskonzept hebt den Charakter der Jugend als Zwischenposition hervor. Betont wird hierbei auf entwicklungspsychologischer Basis der ziel- und zukunftsorientierte Erwerb von Kompetenzen der Erwachsenen. Jugend bedeutet hier also eine „Zukunftsorientierung an den Standards der Erwachsenengeneration“ (Reinders 2003, S. 24). Dem steht das Konzept der Jugend als Moratorium, einer Verweilzeit, gegenüber. Aus der Autonomie der Jugendlichen und der daraus folgenden Abgrenzung zur Erwachsenenwelt ergibt sich ein Schonraum, in dem Heranwachsende sich von der älteren Generation segregieren können. Jugend als Moratorium hebt demzufolge die Eigenheit der Phase Jugend hervor, bei der Abgrenzung zur älteren Generation, Ausprobieren und dem Finden eigener Werte und Ideale im Vordergrund stehen, und bezieht sich somit auf eine eher gegenwartsorientierte Sichtweise (vgl. ebd., S. 27). Reinders kritisiert die Gegenüberstellung dieser beiden Theoriekonzepte dahingehend, dass beides – Zukunftsorientierung und Autonomiegedanke – sich in der Jugendphase nicht ausschließen. Nach ihm entscheiden sich Jugendliche individuell zwischen Transition und Moratorium und verknüpfen beide Leitgedanken nach individuellen Vorstellungen und gegebenen Bedingungen. Aus der Kombination beider Entwicklungsmöglichkeiten und Orientierungen lassen sich zwei Dimensionen ableiten: das Zeitbewusstsein und generationale Orientierung. Je nach Bedürfnissen und Wertorientierungen wird die Jugend eher als Übergangsphase oder als Schonfrist gesehen. Familie und Schule wirken auf verstärkte Zukunftsorientierung, die auch einen sozialen Druck ausüben können. Dagegen dienen Gleichaltrige als Ressource für gegenwartsorientierte Entfaltung. Der Jugendliche ist demzufolge ein Akteur, der nicht nur seine Biographie plant, sondern auch diesen Lebensabschnitt ausdehnen möchte. Folglich entsteht sowohl ein assimilatives als auch ein segregatives Generationenverhältnis gegenüber den Erwachsenen (vgl. ebd., S. 41f.), weshalb die Jugend eine Sonderstellung in der Gesellschaft einnimmt. Jedoch müssen sich Jugendliche auf dem Weg ins Erwachsenenalter heute mehr denn je mit ernsthaften Problemen beschäftigen. Der gesellschaftlich geschaffene Schonraum fällt durch Ausbildungsplatzsuche, Trennung der Eltern oder schulischen Leistungsdruck immer mehr auseinander (vgl. Münchmeier, 1998, S. 7). Jugend ist damit einerseits eine biographische Lebensphase der Entwicklung und des Lernens, andererseits ist sie aber auch eine gesellschaftlich bestimmte Lebenslage.

Eisenstadt ging davon aus, dass bei Jugendlichen der Kontrast zwischen der emotionalen Zuneigung der Sozialisationsinstanz Familie auf der einen Seite und den leistungsbezogenen, neutralen gesellschaftlichen Prinzipien in den übrigen gesellschaftlichen Bereichen auf der anderen Seite, dazu führt, dass Jugendliche vorzugsweise nach dem Kontakt zu Gleichaltrigen streben, um die vorhandenen Identitätsprobleme zu bewältigen. Diese Kollektivorientierung und Identifikation mit altershomogenen Gruppen erschwert jedoch aufgrund der Disharmonie mit den bestehenden Werten der Erwachsenen die Integration in das soziale System und steht diesem deshalb gegenüber (vgl. Eisenstadt 1966, S.43, 245). Das Peer Group Verhalten Jugendlicher reicht dabei von Cliquenbildung über Subkulturbildung bis hin zur Bildung von Protestgruppen. Hier wird das Potenzial der Jugend, der Motor eines sozialen Wandels zu sein, deutlich: Die Jugendkulturen drücken nicht nur die innere Realität der Jugendlichen aus, sondern erfüllen als Gegenposition zur Erwachsenenwelt durch das besondere Gespür für gesellschaftliche Missstände auch gesellschaftliche Funktionen. Die Figur der Jugendbewegung stellt deshalb insofern ein zentrales Merkmal dar, dass sie „ein entfaltete(s) Autonomiebedürfnis der jungen Generation, der Kampf um das Recht der eigenen Lebensgestaltung, der Entwicklung der eigenen Kräfte, der Findung eines eigenen Lebensplanes und der selbstständigen Einarbeitung in eine kulturelle Traditionen darstellt“ (Fend, 1988, S. 190f.). Damit stellt die Jugendbewegung bzw. Jugendkultur ein Leitbild dar, welches das Jugendmoratorium als Gegenentwurf zum gesellschaftlichen Normalentwurf darstellt (vgl. Fend, 1988, S. 191).

Dieses Leitbild des gesellschaftlichen Gegenentwurfs ist aber auch ein Ergebnis der gesellschaftlichen Beobachtung und wird nicht selten vorschnell pauschalisiert. Im Spiegel der Gesellschaft und der Medienöffentlichkeit wird die Jugend oft allzu schnell mit Generationenbegriffe, z.B. „Generation Golf“, „Generation Internet“ usw. erfunden und die Jugend mit pauschalisierten Eigenschaften wie „skeptisch“, „politisch“, „egoistisch“ etikettiert (vgl. Ferchhoff 2007, S. 114ff.). Doch das Versehen der Jugend mit Etikettierungen und Jugendbildern erfüllt eine gesellschaftliche Funktion. Jugendbilder entstehen als „Beschäftigungs- und Hinwendungsversuche der Erwachsenen an die Jugend“ (vgl. Hafenegger 1995, S. 62). Sie sind als eine Antwort auf die Differenziertheit und Vielfalt von Jugend insofern, dass sie ein „Orientierungsangebot in der Strukturierung von Biographien und für das Verstehen von Realität“ (ebd., S. 63) darstellen. Zudem erinnern sie an die Differenz zwischen Jugend und Erwachsenen und prägen dadurch auch den Beziehungsmodus der Generationen. Die von den Erwachsenen entworfenen Jugendbilder korrespondieren aber auch mit deren Selbststilisierungen, dem Selbstverständnis und den Ansprüchen der Jugendlichen. Der Wechselwirkungscharakter wird hierbei dadurch verdeutlicht, dass ein wissenschaftlich produziertes Bild von Jugend aber auch deren Verhalten beeinflusst (vgl. Abels 1993, S. 18).

Zusammengefasst stehen jugendtypische Verhaltensmuster mit der Gesellschaft insofern in Verbindung, dass die Jugend als nachrückende Generation sowohl gesellschaftlichen Wandel beeinflusst als auch in Abhängigkeit von der Gesellschaft bestimmte Werte, Normen und Verhaltensmuster entwickelt. Dies lässt sich durch das „Badewannenmodell“ von Coleman erklären. Ein gesellschaftliches Makrophänomen wirkt auf die Akteure, in dem Fall die Jugendlichen, indem es Rahmenbedingungen des Handelns setzt. Die jugendlichen Akteure handeln in einer bestimmten Art und Weise und lösen dadurch wiederrum ein gesellschaftliches Phänomen aus (vgl. Coleman 1991, S. 10ff.). Damit ist Jugend auch „eine gesellschaftlich institutionalisierte und intern differenzierte Lebensphase, deren Abgrenzung und Ausdehnung sowie deren Verlauf und Ausprägung wesentlich durch soziale (sozialstrukturelle, ökonomische, politische, kulturelle, rechtliche, institutionelle) Bedingungen und Einflüsse bestimmt ist“ (vgl. Scherr 2009, S. 24). Trotz der gesellschaftlichen Anerkennung der Jugendphase und der Jugendkulturen, steht die Jugend also in einem speziellen, wechselseitigen Verhältnis zur Gesellschaft.

Trotz der gesellschaftlichen Anerkennung der Jugendphase und der Jugendkulturen steht die Jugend also in einem speziellen, wechselseitigen Verhältnis zur Gesellschaft. Die Beziehung zwischen der Darstellung eines Gegenpols zur Erwachsenenwelt und Integrationsversuchen, der wechselseitige Einfluss gesellschaftlicher Gegebenheiten als auch der Ausprägung von Jugendkulturen sowie das Nebeneinanderstehen der Sichtweisen der Jugend als Transition und Moratorium erklärt das Interesse der Forschung und Gesellschaft an dieser Entwicklungsphase. Der Jugend wird auch deshalb besondere Aufmerksamkeit gewidmet, weil auf sie die Hoffnung auf einen sozialen Wandel projiziert wird. Gerade deswegen erlebte die Kindheits- und Jugendforschung seit der Wendezeit einen enormen Zuwachs. Man glaubte, dass sich die Transformationsprozesse unter Jugendlichen schneller entwickeln würden, da diese schon eher auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren können als Kinder, die in ihrer Persönlichkeit jedoch noch nicht so gefestigt sind wie Erwachsene und somit am schnellsten auf Wandlungsprozesse reagieren können (vgl. Merkens 2010, S.379). Darauf bezogen gibt es seitdem zahlreiche Studien, welche anhand der Wertorientierungen der Jugendlichen Veränderungen der Lebenskonzepte aufzeigen. Im folgenden Abschnitt soll deshalb genauer auf die Veränderungen der Wertorientierungen in Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt Jugendlicher eingegangen werden.

3. Wertorientierungen im Wandel

Jugendkulturelle Stile sind heute in hohem Maße unübersichtlich, verändern sich ständig oder entwickeln sich weiter. Damit verfolgen sie eine ähnliche Entwicklung wie sie auch in anderen Lebensphasen und Lebensbereichen sichtbar ist. Pluralismus und Variation sind Stichworte, die nicht nur auf Jugendkulturen zutreffen. Jugendtypische Verhaltensmuster sind unter anderem von gesellschaftlichen Gegebenheiten abhängig. Beispielsweise ist es in einer Gesellschaft, in der aufgrund unsicherer Lebenslagen hohe Anforderungen an Flexibilität bestehen, nicht verwunderlich, dass auch die Jugendlichen flexibler leben, sich wandlungsfähig an verschiedene jugendkulturelle Stile anpassen können und diese ausprobieren möchten. Da Jugendliche die Stärken und Schwächen der Realität besonders sensibel wahrnehmen und als Angehörige einer neuen Generation besonders unvoreingenommen auf die Gesellschaft blicken können, gelten sie in Fragen der Wertorientierung als Trendsetter (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2012, S. 202). An den unterschiedlichen Wertorientierungen kann ein kultureller und sozialer Wandel sichtbar werden, welcher eine Jugendgeneration von einer anderen unterscheiden lässt.

Wie die Reaktion auf gesellschaftliche Gegebenheiten einen Wandel von Wertorientierungen bewirken kann, hat Klages (1984) umfangreich beschrieben. Unter dem Begriff versteht er „innere Führungsgrößen des menschlichen Tun und Lassens, die überall dort wirksam werden, wo nicht biologische „Triebe“, Zwänge oder „rationale“ Nutzenerwägungen den Ausschlag geben.“ (ebd., S. 9). Dabei grenzt er insbesondere Werte von dem Begriff der Bedürfnisse und Handlungsorientierungen ab: „Es ist davon auszugehen, dass „Werte“ den Charakter „innerer Dispositionen“ haben und daß „Bedürfnisse“ (oder „Aspirationen“) die in konkreten situationsbezogenen Handlungszusammenhängen wirksam werdenden, gewöhnlich mit Wünschen, Zielen und Absichten, wie auch mit Überlegungen über Erreichbares und Realisierbares verbundenen „Handlungsorientierungen“ sind.“. Gemeint ist damit, dass Werte zwar beständig vorhanden sind, unter der Herausforderung der Anpassung an äußere Situationen aber wechselnden Aktualisierungsniveaus unterliegen, also nicht allgegenwärtig sind. Werte sind des Weiteren innere Wertungs-, Bevorzugungs- und Motivationspotenziale, während Bedürfnisse die auf der Handlungsebene aktualisierten Werte darstellen (1984, S. 12). Der Verweis auf die Anpassung der Bedürfnisse an äußere Umstände zeigt den Zusammenhang zwischen der Bildung einer Jugendgestalt im Hinblick auf gesellschaftliche vorgefundene Vorgaben auf. Dabei kommen Werte in allen Lebensbereichen zum Tragen, sowohl in der politischen Kultur als auch in Bereichen der Technik, Arbeit und Freizeit und im Umgang mit Mitmenschen und der Gesellschaft (vgl. Klages et al. 1992).

Dies wird im Hinblick auf die Entwicklung der Werte deutlich. Die Veränderung des Wertesystems in der BRD im 20. Jahrhundert ist ebenfalls durch die Modernisierung bedingt. Eine zunehmende Säkularisierung, durch die ein einheitliches, vorgegebenes Wertsystem zerbrach, und die damit verbundene einsetzende Individualisierung bewirkten, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts traditionale Werte wie Disziplin und Pflichterfüllung vorerst an Bedeutung gewannen. Die Turbulenzen und Belastungen der industriellen Entwicklungen brachten tiefgreifende Veränderungen bis in den Lebensalltag mit sich, weshalb das Verfolgen traditioneller Werte Stabilität und Durchhaltevermögen bewirkten. Unter anderem durch den einsetzenden technischen Fortschritt, welcher innovatives Denken notwendig macht, entstand eine zunehmende Auflockerung der traditionellen Werte und führte zu einem Wertwandel (vgl. Klages 1984, S. 14)

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Details

Seiten
58
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656646723
ISBN (Buch)
9783656646716
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v273017
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
jugend wandel eine frage generation entwicklung wertorientierungen wiedervereinigung

Autor

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Titel: Jugend im Wandel. Eine Frage der Generation