Lade Inhalt...

Wie viel Kontextualist steckt in Fogelin?

Eine epistemologische Untersuchung

Wissenschaftlicher Aufsatz 2014 26 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Fogelins Analyse der Gettier-Fälle

2. Fogelin gegen den Kontextualismus

3. Wie viel Kontextualist steckt in Fogelin?

4. Literaturverzeichnis

Siglen:

PR: Pyrrhonian Reflections on Knowledge and Justification (Fogelin, Robert J.)

Einleitung

Erkenntnistheorie ist eine philosophische Disziplin, deren Aufgabe darin besteht, die „Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis“ zu untersuchen.[1]

Einer gängigen Einteilung nach unterscheiden wir zwei Grundfragen der Erkenntnistheorie:[2] Die erste lautet „Was können wir wissen?“ Die zweite Grundfrage der Erkenntnistheorie ist eine begriffliche und sie lautet: „Was ist Wissen?“ Nun hat die Erkenntnistheorie als Antwort auf die zweite Grundfrage, nämlich was Wissen sei, eine Standarddefinition ausgebildet. Diese Standarddefinition definiert den Begriff Wissen als „wahre, gerechtfertigte Überzeugung“.[3] Das umstrittenste Element in der Standarddefinition ist die Rechtfertigungsbedingung. Es gibt hier grob zwei Lager:[4] Die Internalisten betrachten die Rechtfertigungsbedingung für Wissen als etwas, das dem epistemologischen Subjekt kognitiv zugänglich sein muss. Für die Externalisten hingegen ist die Rechtfertigungsbedingung etwas, das dem epistemologischen Subjekt nicht unbedingt kognitiv zugänglich sein muss.

Edmund Gettier hat mit seinem Aufsatz aus dem Jahr 1963 gezeigt, dass die Standarddefinition von Wissen als „wahre, gerechtfertigte Überzeugung“ unzureichend für den Wissensbegriff ist, da es sehr wohl möglich ist, eine wahre gerechtfertigte Überzeugung zu haben, die man aber dennoch nicht als Wissen bezeichnen würde. Das liegt daran, dass Gettier die Rechtfertigungsbedingung des Wissensbegriffs in der Standarddefinition einzeln gesehen zwar als notwendige Bedingung für Wissen ansieht. Allerdings ist die Rechtfertigungsbedingung zusammen mit den anderen Bedingungen des „Wahrseins“ und des „Überzeugtseins“ nicht hinreichend, um die Bedingungen dessen zu erfüllen, was wir als Wissen begreifen.

Den so genannten „Gettier-Fällen“, die zeigen sollten, dass die Standarddefinition von Wissen unzureichend ist, wurde versucht, mit den unterschiedlichsten Modifikationen der Standarddefinition zu begegnen. Einer der interessantesten und aussichtsreichsten Versuche, mit den Gettier-Fällen fertig zu werden, stammt in diesem Zusammenhang in jüngster Zeit aus dem Lager der Externalisten, genauer: aus dem der Kontextualisten.[5]

Eine der zentralen Thesen von Fogelins Buch „Pyrrhonian Reflections on Knowledge and Justification“ (PR) besteht darin, dass man allein durch Reflexion Irrtumsmöglichkeiten in epistemischen Prozessen ausschließen und somit verringern kann.[6] Fogelin hat sich in (PR) einer bemerkenswerten Analyse der Gettier-Fälle angenommen und kommt zu dem Schluss, dass die Gettier-Fälle die Standarddefinition nur angreifen können, weil sie einen undifferenzierten Begriff von Rechtfertigung besitzen oder auf einen undifferenzierten Rechtfertigungsbegriff abzielen. Fogelin repariert die Rechtfertigungsbedingung der Standarddefinition, indem er innerhalb der Rechtfertigungsbedingung zwischen zwei Arten der Rechtfertigung unterscheidet und so die Rechtfertigungsbedingung differenzierter begreift und begrifflich genauer bestimmt. Mit seinem modifizierten Rechtfertigungsbegriff ist Fogelin nun in der Lage, die Gettier-Fälle differenzierter zu begreifen und so die ursprüngliche Problematik der Gettier-Fälle aufzulösen.

Sowohl kontextualistische Ansätze als auch Fogelins eigener Ansatz können die problematischen Elemente der Gettier-Fälle adäquat erfassen und diese unproblematisch machen. Fogelin behauptet jedoch kein Kontextualist zu sein, da er den Wissensbegriff nicht durch Kontexte relativiert oder reduziert begreifen möchte.[7] Hier stellt sich bereits die Frage, wie ähnlich Fogelins Ansatz kontextualistischen Ansätzen ist, da ja beide Ansätze das Problem der Gettier-Fälle auflösen können. Welche Überschneidungen und Abweichungen treten bei einem epistemischen Vergleich einer kontextualistischen Position mit der Position von Fogelin auf? Kurz: Wie viel Kontextualist steckt in Fogelin?

Bei der Bearbeitung dieser Frage steht weder der Gedanke im Vordergrund, Fogelins Position einer eindeutigen kontextualistischen Position oder seine Position einer eindeutig kontextualistischen Wissensdefinition zuzuordnen. Das Ziel der Bearbeitung der Fragestellung ist bereits erreicht, wenn es gelingt zu zeigen, dass in Fogelins Position kontextualistische Elemente enthalten sind. Ich werde zu dem Ergebnis kommen, dass Fogelins pyrrhonische Position, wie z.B. sein Rechtfertigungsbegriff, seine Wissensdefinition sowie seine Methode der Rechtfertigung, durch kontextualistische Elemente konstituiert ist.

Dies versuche ich aufzuzeigen, indem ich zuerst eine Beschreibung des ersten Gettier-Falles vornehmen werde. Neben diesen stelle ich Fogelins Analyse des Gettier-Falles und bin durch die Gegenüberstellung von Gettier-Fall und Fogelins Analyse dessen in der Lage, Fogelins epistemische Position hinsichtlich der Standarddefinition von Wissen sowie vor allem seine Position hinsichtlich der Rechtfertigungsbedingung in der Standarddefinition näher zu bestimmen. Es wird sich zeigen, dass Fogelin über seinen Evidenzbegriff zwei Arten von Rechtfertigungsbedingungen unterscheidet, die als notwendige Bedingungen in seine Wissensdefinitionen einfließen. Möchte man im epistemischen Prozess Fogelins Rechtfertigungsbedingungen entsprechen, dann befindet man sich schon mitten in seiner Methode der Rechtfertigung, namentlich den „levels of scrutiny“. Neben Fogelins Wissensdefinition stelle ich im Weiteren Fortlauf eine kontextualistische Auffassung von Wissen und untersuche beide auf Gemeinsamkeiten. Abschließend betrachten wir Fogelins Argumente gegen den Kontextualismus vor dem Hintergrund seiner eigenen Position und kommen zum Ergebnis, dass Fogelin nicht mit Recht behaupten kann, kein Kontextualist zu sein.

1. Fogelins Analyse der Gettier-Fälle

1963 schrieb Gettier den nur dreiseitigen Aufsatz „Is Justified True Belief Knowledge?“. In diesem Aufsatz wendet er sich gegen die Standarddefinition von Wissen als „wahre, gerechtfertigte Überzeugung“. Dies tat er, indem er zwei Beispiele anführte, in denen das erkennende Subjekt eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung besitzt, die aber trotzdem nicht als Wissen gelten kann.[8] Gettiers Beispiele sollen zeigen, dass die Bedingungen der folgenden Standarddefinition von Wissen nicht hinreichend für Wissen sind:

S knows that P IFF (i) P is true
(ii) S believes that P, and
(iii) S is justified in believing that P.

Betrachten wir an dieser Stelle Gettiers erstes Beispiel:[9] Smith und Jones bewerben sich um eine Arbeitsstelle bei einer Firma. Nun erfährt Smith vom Chef der Firma, dass er Jones bei der Vergabe der Arbeitsstelle präferiere. Außerdem sieht Smith, wie Jones zehn Münzen in seine Tasche steckt. Die mündliche Ansage des Chefs sowie Smiths Beobachtung, dass sich Jones zehn Münzen in die Tasche steckt, sind der Grund dafür, dass Smith eine „starke Evidenz“ für folgende Proposition P hat: Der Mann, der die Stelle bekommen wird, hat zehn Münzen in seiner Tasche. Nun bekommt jedoch überraschenderweise Smith selbst den Job und nicht Jones. Und zufälligerweise hat Smith bei der Stellenzusicherung selbst zehn Münzen in seiner Tasche. Smiths Schluss, nämlich dass der Mann, der die Stelle bekommen wird, zehn Münzen in seiner Tasche hat, ist also wahr. Auch erfüllt sein Schluss die Bedingungen des Wissensbegriffs, d.h. Smiths Schluss ist eine „wahre, gerechtfertigte Überzeugung“. Allerdings würden wir in Bezug auf dieses Beispiel Smith kein Wissen zuschreiben, da sein „Wissen“ mehr auf Zufall als auf alles andere zurückzuführen ist. In diesem Beispiel hat Smith also eine wahre gerechtfertigte Überzeugung, d.h. die Bedingungen des Wissensbegriffs sind erfüllt, allerdings würden wir Smith kein Wissen zuschreiben und das bedeutet für die Standarddefinition von Wissen in letzter Konsequenz, dass die in ihr enthaltenen Bedingungen einzeln gesehen zwar notwendig für den Wissensbegriff sind, zusammen genommen jedoch nicht hinreichend für den Wissensbegriff sind. Gettiers Beispiele stützen sich auf zwei Annahmen:[10]

(a) First, in that sense of >>justified << in which S´s being justified in believing P is a necessary condition of S´s knowing that P, it is possible for a person to be justified in believing a proposition that is in fact false.
(b) Secondly, for any proposition P, if S is justified in believing P, and P entails Q, and S deduces Q from P and accepts Q as a result of this deduction, then S is justified in believing Q.

Die erste Annahme (a) besagt, dass der Sinn von “justified” nicht hinreichend für den Wissensbegriff ist, d.h., dass man bei einer falschen Annahme trotzdem gerechtfertigt sein kann. Daraus folgt für Gettier, dass Rechtfertigung zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Wissen ist. Die zweite Annahme (b) wird als Geschlossenheitsprinzip bezeichnet, da in ihr die Rechtfertigung von P auf Q übertragen wird.[11] Das Geschlossenheitsprinzip besagt also, dass, wenn S darin gerechtfertigt ist, P zu glauben und S den logischen Zusammenhang von P und Q dahingehend erkennt, dass Q aus P folgt, dann ist S darin gerechtfertigt, Q zu glauben. Während viele Kritiker Gettiers zweite Annahme (b) angriffen, beschäftigte sich Fogelin näher mit der Kritik an der ersten Annahme (a), da er davon überzeugt war, dass Gettiers Beispiele hauptsächlich mit dieser ersten Annahme funktionieren. Fogelin versucht nun Gettiers Gedanken (a), wie es möglich ist, dass eine Person in einer falschen Annahme gerechtfertigt sein kann, zu reparieren, indem er ihn reformuliert und den Evidenzbegriff in den Mittelpunkt stellt:

Gettier […] at the time he wrote his essay, he presumably had something of the following in mind. Suppose we were to insist that in order for S to be justified in believing that P is true, S´s evidence for P must entail the truth of P.[12]

S ist also in Fogelins Reformulierung von Gettiers Rechtfertigungsbegriff genau dann gerechtfertigt, wenn aus S´s Evidenz für P die Wahrheit von P folgt. Der Evidenzbegriff ist somit in Fogelins Wissensbegriff eine notwendige Bedingung. Evidenz bedeutet in diesem Zusammenhang Gründe angeben zu können, die rechtfertigen, dass S P weiß. Allerdings dürfen das keine induktiven Gründe sein, da aus induktiven Gründen kein sicheres Wissen abgeleitet werden kann.[13] Deduktive Gründe finden wir jedoch außerhalb von Logik und Mathematik sehr selten. Da sich die Epistemologie generell mit Wissen und nicht nur speziell mit logischem oder mathematischem Wissen beschäftigen will, müssen nach Fogelin induktive Gründe als Rechtfertigung zugelassen werden – nicht allein schon deswegen, weil der Großteil unseres Wissens empirisches Wissen ist und empirisches Wissen ausschließlich mit induktiven Gründen operiert. Das bedeutet nun für Fogelins Programm folgendes: Annahme (a) muss in seiner jetzigen Form aufgegeben oder zumindest modifiziert werden und es müssen induktive Gründe im Rechtfertigungsprozess zugelassen werden. Diese beiden Punkte in Fogelins Programm können allerdings nur erfüllt werden, wenn der Rechtfertigungsbegriff differenzierter begriffen wird. Exakt dieser differenzierte Rechtfertigungsbegriff steckt bereits in Fogelins Reformulierung von (a), wenn er bei der Rechtfertigungsbedingung davon spricht, dass „S´s evidence for P must entail the truth of P“. Fogelin ist mit seinem Evidenzbegriff in der Lage, innerhalb der Rechtfertigung zwei Arten von Rechtfertigungen zu unterscheiden, indem er zwei Sätze anführt, die jeweils auf einen unterschiedlichen Rechtfertigungsgegenstand abzielen:

[...]


[1] Vgl. Gabriel, 2008, S. 10.

[2] Vgl. Ernst, 2012, S. 8f.

[3] Es wird zwischen drei Arten des Wissens unterschieden: Propositionales Wissen (Wissen, dass), praktisches Wissen (Wissen, wie) und phänomenales Wissen (Wissen, wie etwas ist) Vgl. Bernecker, 2003, S. 151.

Diese Unterscheidung der Wissensarten braucht uns hier nicht zu interessieren, da die begrifflichen Bedingungen der Standarddefinition für alle drei Wissensarten gleich gelten.

[4] Vgl. Ernst, 2012, S. 102f.

[5] Vgl. Brendel, 2009, S. 310.

[6] Vgl. Fogelin 1994, S. 93 u. S. 99 sowie Fogelin, 2000, S. 48.

[7] Vgl. Fogelin, 1994, S. 96.

[8] Vgl. Gettier, 1963, S. 121ff.

[9] Vgl. Gettier, 1963, S. 122.

[10] Gettier, 1963, S. 121.

[11] Vgl. Ernst, 2012, S. 117f.

[12] Fogelin, 1994, S. 16.

[13] Vgl. Fogelin, 1994, S. 16.

Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656650669
ISBN (Buch)
9783656650652
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272998
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Schlagworte
kontextualist fogelin eine untersuchung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Wie viel Kontextualist steckt in Fogelin?