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Platons Revision der Ideenlehre in seinen späten Dialogen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 23 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schein und Sein
2.1 Die Idee des Guten

3. Parmenides
3.1 Dramaturgischer Rahmen
3.2 Grundfrage und Ideenannahme
3.3 Mannigfaltigkeit der Ideen
3.4 Die Teilhabe-Problematik
3.5 Selbstprädikation
3.6 Ideen als Gedanke
3.7 Urbilder
3.8 Abgetrennte Ideen

4. Sophistes
4.1 Zwei logische Techniken
4.2 Hierarchie und Ordnung
4.3 Das eigentliche Problem
4.4 Reformierte Ideenlehre
4.5 Platons Lösungsansatz

5. Resümee

Literaturliste

Werkabkürzungen

1. Einleitung

Richtet man sein philosophisches Interesse auf den antiken Autor Platon, ist es unumgänglich, dabei auf die Begriffe Idee und Ideen- lehre zu stoßen. Platon hat seine Ideenlehre nicht in einem systema- tischen Zusammenhang dargelegt, sie muss daher aus verschiede- nen Stellen seiner Werke zusammengetragen werden. Die Ideen- lehre bildet das Fundament und den Kerngedanke des platonischen Denkens, und war für Platon selbst keineswegs selbstverständlich, was besonders in seinen Spätdialogen ersichtlicht wird.

Platon hat fast alle Bereiche der Philosophie diskutiert: Ethik, politische Philosophie, Metaphysik, Ontologie etc. Die Ideenlehre liegt allen Bereichen der Philosophie Platons zu Grunde. Sie ist kein unverändertes Ganzes, das als theoretisches Konzept in der gleichen Form durch die gesamte Philosophie Platons hindurch bestehen bleibt, sondern wird seinem Gedankengang entsprechend weiter entwickelt. Eines bleibt jedoch unveränderlich: Die Ideenlehre ist Platons Suche nach dem einzigen und einenden Grund zugleich.

Platons Ideenlehre beginnt früh. Aristoteles berichtet, dass sie aus einer Zusammenwirkung der Lehre Herakleitos und Sokrates enstanden ist (vgl. Met. 987a20-b10).

Platons Ideenlehre ist eng mit seiner Ethik und Erkenntnistheorie verbunden. In den sokratischen Dialogen fragt er nicht nach der Tugend des Einzelnen, sondern nach der Tugend selbst. Das ist die berühmte Was-ist-Frage. Im Charmides fragt er nach der Besonnen- heit, im Laches nach der Tapferkeit, im Euthyphron fragt er nach der Frömmigkeit. In diesem Dialog erwähnt Platon zum ersten Mal idea und eidos. Das griechische idea war schon vorphilosophisch eine gebräuchliche Bezeichnung für die äußere Gestalt eines Dings und für dessen Eigenschaften. Erstmals mit Demokrit fand der Begriff im philosophischen Sinne Verwendung, für dessen Beschreibung universaler, unteilbarer Grundbausteine der Welt (vgl. Meinhardt 1976, Sp. 55). Heute verbindet man diesen Begriff in philosophischem Kontext unmittelbar mit dem Gedankengut Platons. In der deutschen Umgangssprache hat das Wort Idee eher die Bedeutung eines Einfalls oder eines plötzlich konkret gewordenen Gedankens. Es ist verwunderlich, dass man in Platons überlieferten Werken die Vokabel idea keineswege so deutlich herausgestellt findet, wie man es vermuten möchte. Laut Meinhardt ist die Priorisierung des Idee- Begriffs erst später durch oder zumindest mit Cicero entstanden (vgl. ebd.).

Für das platonische Verständnis der Idee lassen sich keine klaren Definitionen aus den Dialogen herausschälen. Man findet dort verstreut nur Aussagen, Erwähnungen und teilweise auch nur Gedanken, die Ideen implizieren. Es steht also nicht nur zu Debatte, ob Platons Aussagen über Ideen eine reelle Wahrheit treffen, sondern auch immer schon der eigentliche Inhalt seiner Darlegungen und deren Status.

Platons Spätdialoge Parmenides und Sophistes haften in diesem Bezug eine Besonderheit an. Sie setzen sich in expliziter und kritischer Weise mit dem Konzept der platonischen Idee auseinander. Diese beiden Spätdialoge Platons sind die einzigen Dialoge, in denen Ideen nicht nur verwendet werden, um ein Argument zu unterstützen oder eine Erklärung zu leisten, sondern deren Existenz und damit verbundenen Folgen selbst im größeren Umfang Gegenstand der Diskussion sind.

Dies soll Inhalt meiner Hausarbeit sein, die eine Revision und Problematisierung der Ideenlehre in eben diesen beiden Spät- dialogen Parmenides und Sophistes thematisiert. Meine Hausarbeit will zunächst einen Einblick in das Konzept der Idee bei Platon geben, was sie ist, und warum sie für Platon notwendig wird. Dafür sind kurze Betrachtungen nötig, auch wie die Ideelehre allgemein verstanden wird. Anschließend werde ich auf die Spätdialoge Parmenides und Sophistes diesbezüglich in Hinsicht Kritik und Selbstkritik tiefer eingehen. Am Ende der Hausarbeit steht der Versuch eines Resümees an.

Ich möchte anmerken, dass ich aufgrund der besseren Lesbarkeit in dieser Arbeit auf eine geschlechterneutralisierende Formulierung verzichten werde. Die Textdarstellung erfolgt in männlicher Form, was jedoch keine persönliche Wertung des Autors wiederspiegelt.

2. Schein und Sein

Um im späteren Teil der Arbeit auf die (Selbst-)Kritik Platons im Parmenides und Sophistes (samt einher gehender daraus resultierender, offener Fragen) eingehen zu können, bedarf es eines Ausgangspunktes.

Platon geht aus von einer grundlegenden Kritik der alltäglichen Erfahrung. Solange die Menschen unkritisch in der alltäglichen Erfahrung stehen, leben sie in einer Scheinwelt und wissen nichts vom eigentlichen Sein. Die Philosophie befreit den Menschen aus der Höhle des Scheins und führt ihn zur Sonne der Wahrheit. Damit steht eine zentrale Unterscheidung fest, die zwischen dem bloßen Schein, doxa, und dem wahren Sein, on. Dabei fasst Platon den Schein nicht nur als beliebigen, täuschenden Schein, vielmehr bezieht er durchaus den „richtigen Schein“, orthe doxa, auf das wahre Sein. Wie kommt Platon zu dieser Unterscheidung? Es lässt sich an einem Beispiel zeigen:

Ich sehe einen Hund. Was heißt das? Was nimmt man sinnlich wahr, wenn ein Hund gesehen wird? Ich sehe Farben, Formen, Gestalt und höre vielleicht ein Bellen. Platon nannte das, was sinnlich wahrgenommen wird, Erscheinung, phainomenon.

Diese sinnlichen Erscheinungen ändern sich ständig, denn sie bewegen sich, die Farben schatten sich ab, die Gestalt richtet sich auf, das Bellen verhallt. Dennoch gibt es etwas, was sich in diesem ständigen Wechsel sich ändernder Erscheinungen nicht verändert: dass es ein Hund ist, also dieses ein Hund. Die welchselnden, sich ständig ändernden sinnlichen Erscheinungen sind Erscheinungen eines Hundes. Wir sagen „Ich sehe einen Hund“, weil wir den ständigen sich ändernden Erscheinungen etwas zugrunde gelegt wissen, was sich im Wandel der Erscheinungen gerade nicht ändert. Dies ließe sich als das Wesen des Hundes benennen. Dieses Wesen des Hundes bleibt sich gleich. Aber es lässt sich nicht sehen, es lässt sich nicht sinnlich wahrnehmen, dieses Wesen des Hundes. Es ist selbst keine sinnliche Erscheinung, sondern es liegt den Erscheinungen zugrunde und kommt in ihnen zum Ausdruck.

In jeder Erfahrung gibt es diesen Unterschied. Jede Erfahrung enthält einerseits die ständig sich ändernde Erscheinung, die sinnlich wahrgenommen werden kann, andererseits enthält sie auch dieses nicht wandelbare, sind in den welchselnden Erscheinungen durchhaltende Wesen, das zwar erkennbar ist, aber nicht sinnlich wahrnehmbar. Daraus ergeben sich Fragen und Probleme, auf die ich später eingehen werde.

Inhalt der platonischen Ideenlehre ist also ein angenommenes Reich immaterieller, ewiger und unveränderlicher Wesenheiten, der Ideen (eídos, idéa).

Bei Platon gibt es eine Unterteilung zwischen dem Reich der Wahr- nehmung und dem Reich der Ideen. Das Reich der Wahrnehmung kann dabei auch als Sinneswelt bezeichnet werden. Über diese Welt können keine allgemeingültigen Aussagen getätigt werden, da sie mit den fünf Sinnen wahrgenommen wird. Diese Aussagen können auch nicht allgemeingültig sein, da sich die beschriebenenen Dinge stets verändern. Alles in der Sinneswelt Existierende besteht aus einem vergänglichen Material, welches sich mit der Zeit auflöst. Im Gegensatz dazu ist alles nach dem Muster einer Form gebildet, das zeitlos ist. Diese Urform ist also ein abstraktes, geistiges Musterbild, das, laut Platon, in einer Wirklichkeit hinter der Sinnenwelt besteht. Diese Wirklichkeit nannte Platon das Reich der Ideen. Über das Reich der Ideen kann man sicheres Wissen erlangen, allerdings nur, wenn man die Vernunft benutzt. Daraus ergibt sich, dass sich die Ideenwelt nur mit dem Verstand, nicht aber mit den Sinnen erkennen lässt.

Ideen sind also intelligibel, sie sind allgemein, objektiv und nicht an ein Subjekt gebunden, sie sind ewig und unveränderlich. Ideen sind hierarchisch geordnet, sie sind vollkommen und ideal. Sinnesdinge sind durch die Sinne wahrnehmbar, sie sind Abbilder der Ideen als Urbilder (und somit haben sie eine sekundäre Existenz), sie sind konkret und an ein Subjekt gebunden, sie sind vergänglich, veränderlich, sie sind vereinzelt und ohne Zusammen- hang, sie sind unvollkommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung I: Platons Ideenlehre

2.1 Die Idee des Guten

Ausgangspunkt und zentraler Punkt der platonischen Philosophie ist agath ó n, die Idee des Guten. Sie nimmt als Ziel und Ursprung alles Seins eine Schlüsselposition ein. Das Gute ist der Wurzelgrund aller übrigen Ideen, aus ihm erst ziehen die Ideen Sein und Wert. Graeser sagt dazu (1993, S. 158): „ Der Sonderstatus der Idee des Guten, die Platon als wichtigstes Lehrstück und wichtigsten Gegenstand philosophischer Erfahrungüberhaupt ansieht, ist darin begründet, dass sie (I) den Gegenständen der Erkenntnis Wahrheit und Erkennbarkeit verleiht, (II) dem erkennenden Subjekt die Möglichkeit der Erkenntnis dieser Gegenstände gewährt, (III) den Gegenständen der Erkenntnis Sein und Seiendheit verleiht und (IV) selbst nicht mit Seiendheit identisch ist, sondern als Würde und Bedeutung nochüber Seiendheit hinausragt. “

Platon grenzt die Idee des Guten scharf von den übrigen Ideen ab, und weist ihr eine Vorrangstellung zu. Alle anderen Ideen verdanken ihr Sein dieser einen Idee, und sind ihr somit ontologisch untergeordnet. Die Idee des Guten ist das oberste Prinzip und die Ursache des Seins und der Gutheit von allem. Nur durch Teilhabe an ihr sind die anderen Ideen gut und damit wertvoll (vgl. Szlezák, 2003, S. 111f). (Zur Teilhabe später mehr.)

Die Idee des Guten ist zugleich das Prinzip der Ordnung, durchdringt den gesamten Bereich des Seins und verleiht ihm seine Ordnung. Der ontologische Status der Idee des Guten ist dabei umstritten. Grundlage dafür bietet das Sonnengleichnis Platons (Pol., 508a-509d) und deren Auslegung. In diesem wird festgestellt, das Gute sei nicht die ousia, sondern jenseits der ousia und übertreffe sie an Ursprünglichkeit und Macht. Ousia bedeutet wörtlich Seiendheit, und wird von Platon in seiner Bedeutung sowohl als Sein oder Wesen genutzt.

Dies führt zu folgendem Problem: Wird ousia als Sein benutzt, ist jenseits der ousia im Sinne einer absoluten Transzendez zu verstehen, da die Idee des Guten dem unwandelbaren und vollkommenen Sein der rein geistigen Wirklichkeit übergeordnet wäre. Sie würde anderem zwar Sein verleihen, selbst aber nicht dem Bereich des Seins angehören, da sie diesen übersteigt. Sie wäre also überseiend. Wird ousia hingegen als Wesen gemeint, so könnte sie innerhalb des Bereichs der Ideen verortet werden, und wäre nicht überseiend, sondern lediglich ein besonderes Sein, das sich vom Sein der anderen Ideen unterscheidet.

3. Parmenides

Ausgehend von den allgemeinen Betrachtungen der Ideenlehre im ersten Teil der Arbeit, möchte ich nun auf zwei der Spätdialoge Platons kommen, samt der in ihr enthaltenden kritischen Überlegungen.

Im Parmenides (und im Sophistes) spielt die Idee des Guten seltsamerweise kaum noch eine Rolle, wie sie es in der Politeia getan hat. Allein daran lässt sich sehen, wie sehr sich Platons Gedanken im Alter bezüglich seiner Ideenlehre aufeinander aufbauend verändert haben. Diese drei Spätdialoge Platons lassen sich als Triologie sehen, deren Teile durch viele Anspielungen untereinander verbunden sind.

3.1 Dramaturgischer Rahmen

Am philosophischen Diskurs beteiligen sich der junge Sokrates (um die 18-20 Jahre alt), der schon alte Parmenides und dessen bedeutenster Schüler Zenon von Elea, sowie, als Jüngster in der Runde, Aristoteles von Antiochis. Das Gespräch des ersten Teils (127a8-135c7), und damit auch der Anfang des eigentlichen Inhalts, beginnt nach einer Vorlesung von Zenons Schrift. Die daraus entstehenden Überlegungen über Ideen werden hauptsächlich von Parmenides und Sokrates geführt. Im Übergang (135c8-137c3) zum zweiten Teil identifiziert Parmenides das eigentliche Problem von Sokrates mit der fehlenden praktischen Übung und wird daraufhin überredet eine derartige Gymnastizierung des Geistes einmal am Einen-an-sich vorzuführen. Der Dialog endet etwas abrupt direkt nach der Übung, und ohne einen weiteren abschließenden Kommentar.

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Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656653592
ISBN (Buch)
9783656653530
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272997
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
platons revision ideenlehre dialogen

Autor

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