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Oswald von Wolkensteins „Wol auf, wir wellen slaffen“. Die gattungstypischen Merkmale eines Trinkliedes oder Tageliedes?

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung. Zu Struktur und methodischem Vorgehen

2. Kl. 84 „Wol auf, wir wellen slaffen“. Eine Analyse

3. Kl. 84 „Wol auf, wir wellen slaffen“. Die gattungstypischen Merkmale eines Trinkliedes
oder Tageliedes?
3.1. Die Gattung des Trinkliedes. Eine Definition
3.2. Die Gattung des Tageliedes. Eine Definition

4. Schlusswort

1. Einleitung. Zu Struktur und methodischem Vorgehen

Im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit werde ich mich mit dem Lied Kl. 84 „Wol auf, wir wellen slaffen“ Oswalds von Wolkenstein näher beschäftigen.[1]

In einem ersten Schritt werde ich unter dem Gliederungspunkt 2. eine eigene, sehr textnahe Übersetzung der fünf Strophen darbieten. Dabei werde ich -in Anlehnung an das im Seminar verwendete Buch- den frühneuhochdeutschen Text nach Burghart Wachinger linksseitig und auf der rechten Seite meine neuhochdeutsche Übersetzung niederschreiben.[2] Zur Klärung problematischer Textstellen werden einiger Ausführungen verschiedener Philologen kritisch herangezogen werden. Anschließend werde ich den formalen Aufbau von Kl. 84 analysieren und nachfolgend den Inhalt jeder Strophe kurz zusammenfassen und erläutern.

In einem nächsten Schritt werde ich unter einem dritten Gliederungspunkt -in Verbindung mit der zuvor erarbeiteten inhaltlichen Analyse- die Gattung von Kl. 84 bestimmen. Innerhalb der Forschung wird Kl. 84 als Trinklied bestimmt, wobei der Beginn dieses Liedes als eine Umkehrung des Beginns eines Tageliedes angesehen wird.[3] Diesen Ansatz werde ich kritisch betrachten, indem ich untersuchen werde, ob Kl. 84 unter die in der Forschung vertretenen Kriterien der Gattung des Trinkliedes beziehungsweise der des Tageliedes gefasst werden kann.

2. Kl. 84 „Wol auf, wir wellen slaffen“. Eine Analyse

Oswalds von Wolkenstein Kl. 84 „Wol auf, wir wellen slaffen“ ist sowohl in den beiden großen Sammelhandschriften A und B als auch in der Streuüberlieferungshandschrift G1 tradiert.[4] Datiert wird es mittlerweile übereinstimmend auf die Jahre 1427/1428.

Kl. 84 besteht aus fünf Strophen, die sich wiederum jeweils aus acht Versen zusammensetzen.

Jede dieser Strophen weist das Versschemata 3wa 3wx 3mb│3wa 3mb│3wc 3wc 3mb auf. Dementsprechend bauen sich die Verse eins, zwei, vier, sechs und sieben aus jeweils drei Hebungen mit unbetonter letzter Sprechsilbe, also aus zwei aufeinanderfolgenden Jamben und einem Amphibrachys, auf.[5] Die übrigen Verse drei, fünf und acht sind jeweils über drei Hebungen mit stumpfer Kadenz, sprich drei Jamben, strukturiert.

Das zweistimmige Lied Kl. 84 „Wol auf, wir wellen slaffen“ Oswalds von Wolkenstein beschreibt den Aufbruch einer betrunkenen Gesellschaft nach einem fröhlichen Zechgelage. Der Fokus „(…) diese[r] „Lobeshymne auf den Wein (…)“ liegt dabei auf „(…) [der] komisierte[n] Verbindung von rauschhafter Trunkenheit und sexueller Lust (…)“.[6]

Wol auf, wir wellen slaffen! Wohl auf, wir wollen schlafen!

hausknecht, nu zünd ain liechtel, Hausknecht, nun zünd ein Lichtlein an,

wann es ist an der zeit, wenn es ist an der Zeit,

Da mit wir nicht verkaffen damit wir uns nicht wundern

(der letzt sei gar verheit!), (den letzten beißen die Hunde!),

Das laien, münch und pfaffen Dass Laien, Mönch und Priester

zu unsern weiben staffen, zu unseren Weibern gehen,

sich hüeb ein böser streit. [dann] erhebt sich ein böser Streit.

Die erste Strophe von Kl. 84 beginnt mit einer lebhaften Aufforderung, sich schlafen zu legen. Der Adressat dieses imperativischen Aufrufes bleibt hier noch ungeklärt, wobei eine Zechrunde entsprechend der Thematik anzunehmen ist. Als Verfasser und Sänger des Liedes identifiziert sich Oswald von Wolkenstein über den Gebrauch der ersten Person Plural als zu dieser Gesellschaft zugehörig.[7]

Den Weg soll ihnen der Hausknecht mithilfe eines Lichtes leuchten. Denn es scheint an der Zeit zu sein, den Heimweg anzutreten, Da mit wir nicht verkaffen.

Nach gängiger Meinung innerhalb der Forschung sei verkaffen im Sinne von gaffen zu übersetzen, so dass der Aufbruch der Zechrunde über die zu so später Stunde sinnlose Gafferei begründet ist.[8] Nachschlagewerke jedoch „(…) kennen kaffen/kapfen mit dem Präfix ver- kaum anders als in der reflexiven Fügung sich vergaffen“.[9] Hinsichtlich meiner eigenen Übersetzung habe ich mich für die mögliche Übersetzung sich umsehen im Sinne von sich wundern um des Sinnzusammenhanges dieser Strophe willen entschieden: Schließlich verhindert nur die persönliche häusliche Anwesenheit den durch die klerikale Männerwelt erhofften Beischlaf mit der eigenen Ehefrau als humorvolle Anspielung auf die im Spätmittelalter vorherrschenden moralischen Verhältnisse und der lasterhaften Lebensweise des Klerus.[10]

Andernfalls würde der Letzte zum Gespött und ein böser Streit zwischen den Liebhabern der Frauen und den Zechern entstünde. Insofern stimme ich mit den Überlegungen Wilfried Schwanholz‘, „(…) daß jener, der als Letzter sein Glas geleert hat, die Schaden haben und von seinen Gefährten verspotten werden wird“ oder „(…) dass in den Schenken so lange gesoffen, geschrien und spektakelt wurde, bis der Wirt seine Gäste zur Türe herausjagte, wenn es zu spät geworden war“ nicht überein, da der Wortlaut dieser Strophe weder auf noch auszutrinkende Gläser noch auf einen herauszitierenden Wirt schließen lässt.[11]

Heb auf und lass uns trinken, Heb auf und lass uns trinken,

das wir also nicht schaiden dass wir also nicht Abschied nehmen

von disem gueten wein. von diesem guten Wein.

Und lämt er uns die schinken, Und lähmt er uns die Beine,

so müst er doch herein. so müsste er dennoch herein.

Her kopf, nu lat eu winken! Herr Becher, nun lasst Euch zuwinken!

ob wir zu bette hinken, Wenn wir zu Bett hinken,

das ist ain klainer pein. das ist ein kleiner Schmerz.

Trotz alledem fordert die Zechrunde in Strophe zwei von Kl. 84 erneut Gläser Wein an, Und lämt er uns die schinken. Denn das Abschiednehmen von disem gueten wein und sicherlich auch der damit verbundenen stimmungsvollen Szenerie scheint schwer.

Lambertus Okken und Hans-Dieter Mück erörtern meiner Ansicht nach richtigerweise, dass das Wort schinken als asymphatisierende Bezeichnung für „(…) Bein (…) und (…) Unterschenkel, Schienbein, Fuß (…)“ steht.[12] Auf welchen Teil des Beines es Oswald von Wolkenstein letztlich ankam, „(…) läßt sich nun einmal nicht mehr erfragen“.[13] Gemäß dem deutschen Sprichwort Je stärker der Wein, je schwächer das Bein habe ich mich für die Übersetzungsmöglichkeit Bein entschieden. Dieser heute noch gängige Gebrauch bringt -wie in Kl. 84 gemeint- eine von den möglichen Folgen unbeeindruckte Trinkfreude zum Ausdruck.[14]

[...]


[1] Oswald von Wolkenstein: Lieder. S. 119-122.

[2] Ebd.

[3] Oswald von Wolkenstein: Lieder. S. 342.

[4] Lambertus Okke/Hans-Dieter Mück: Die satirischen Lieder Oswalds von Wolkenstein wider die Bauern.

Untersuchungen zum Wortschatz und zur literarhistorischen Einordnung. S. 485;

Wilfried Schwanholz: Volksliedhafte Züge im Werk Oswald von Wolkenstein. Die Trinklieder. S. 273-274;

Johannes Spicker: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder. S. 19.

[5] Jost Schneider: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft. S. 82.

[6] Johannes Spicker: Oswald von Wolkenstein. Die Lieder. S. 70.

[7] Wilfried Schwanholz: Volksliedhafte Züge im Werk Oswald von Wolkenstein. Die Trinklieder. S. 274.

[8] Wilfried Schwanholz: Volksliedhafte Züge im Werk Oswald von Wolkenstein. Die Trinklieder. S. 278.

[9] Lambertus Okke/Hans-Dieter Mück: Die satirischen Lieder Oswalds von Wolkenstein wider die Bauern.

Untersuchungen zum Wortschatz und zur literarhistorischen Einordnung. S. 464.

[10] Wilfried Schwanholz: Volksliedhafte Züge im Werk Oswald von Wolkenstein. Die Trinklieder. S. 282-287.

[11] Wilfried Schwanholz: Volksliedhafte Züge im Werk Oswald von Wolkenstein. Die Trinklieder. S. 278.

[12] Lambertus Okke/Hans-Dieter Mück: Die satirischen Lieder Oswalds von Wolkenstein wider die Bauern.

Untersuchungen zum Wortschatz und zur literarhistorischen Einordnung. S. 465.

[13] Lambertus Okke/Hans-Dieter Mück: Die satirischen Lieder Oswalds von Wolkenstein wider die Bauern.

Untersuchungen zum Wortschatz und zur literarhistorischen Einordnung. S. 466;

Wilfried Schwanholz: Volksliedhafte Züge im Werk Oswald von Wolkenstein. Die Trinklieder. S. 293.

[14] http://www.abtswind.de/Wein/weinzitate.html zuletzt besucht am 30.03.2011 um 14:44 Uhr.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656654100
ISBN (Buch)
9783656654094
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272964
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Deutsche Sprache und Literatur I
Note
2,0
Schlagworte
oswald wolkensteins merkmale trinkliedes tageliedes

Autor

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