Lade Inhalt...

Clara Zetkin. Die politische Transformation einer Enttäuschten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 31 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Zetkins Sozialisation im bürgerlichen und im proletarischen Milieu
2.1 Die Frage der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der bürgerlichen Familie und der bürgerlichen Ausbildung
2.2 Die protestantische Ethik bei Clara Zetkin
2.3 Die Sozialisation im proletarischen Milieu – neue Methoden, alte Werte

3 Zetkins Positionen Ende des 19. Jahrhunderts
3.1 Bourdieus Gruppensoziologie bei Zetkin – die Ideologie der „reinlichen Scheidung“
3.2 Die Gefahr der Mésalliance – Zetkin und die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen in Preußen

4 Fazit und Ausblick

5 Abkürzungsverzeichnis

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ad usum delphini, zu Nutz und Frommen des vermeintlich guten Zwecks, und um mich um so unwiderruflicher verdammen zu können, hat Mathilde Wibaut nach des alttestamentarischen Herrgotts Vorbild frei aus dem Handgelenk zwei Clara Zetkin geschaffen: Eine milde, philosophisch denkende Clara Zetkin mit größtem, duldsamem Verständnis für Meinungsunterschiede; eine andere Clara Zetkin, eine finstere, beschränkte, nichts begreifende und unbegreifliche Fanatikerin, ohne Selbständigkeit des Denkens und Handelns, ein blindes Werkzeug der moskowitischen ‚Götter, die dürsten‘, dürsten nach Blut. Die zweite Clara Zetkin hat offenbar vergessen, daß sie einmal die erste Clara Zetkin gewesen ist, denn wie anders sonst wäre ein solcher Bruch, ein so unversöhnlicher Gegensatz zwischen Vergangenheit und Gegenwart möglich?[1]

Die sarkastische Art, die Zetkin bezüglich des Bildes, welches Wibaut von ihr zeichnet, an den Tag legt, wirkt auf den heutigen Leser im doppelten Sinne ironisch, bleiben solche widersprüchlichen Evaluationen der Eigenschaften und des Wirkens der Sozialistin doch nicht nur auf deren Zeitgenossen beschränkt, sondern setzen sich bis heute in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Zetkin fort.

So konstruieren Autoren wie Tânia Puschnerat oder Peter Nettl ein Zetkin-Bild, in dem die Marxistin ihre Entscheidungen nicht sine ira et studio, also nicht innerhalb eines Rahmens politischer Vernunft, trifft, vielmehr ergebe sich ihr Handeln in Abhängigkeit von irrationalen Einflüssen wie einer erhöhten Emotionalität[2] oder einer ideologisch begründeten Radikalität.[3] In ähnlicher Weise ist Richard J. Evans Monographie „Sozialdemokratie und Frauenemanzipation im deutschen Kaiserreich“ zu verstehen: Zwar hebt Evans die bei Puschnerat und Nettl genannten Eigenschaften nicht explizit hervor, jedoch generiert der deskriptive Charakter der Monographie das Bild einer sukzessiven Radikalisierung der politischen Positionen Zetkins, wobei als Ursachen jener Entwicklung ideologisch begründete, nach innen und außen gerichtete (Macht-) Kämpfe sowie historische bzw. biografische, separat betrachtete Ereignisse in den Vordergrund gestellt werden. Während Puschnerat und Nettl also Wibauts zweite Clara Zetkin, „eine finstere, beschränkte, nichts begreifende und unbegreifliche Fanatikerin, ohne Selbständigkeit des Denkens und Handelns“, in den Fokus ihrer Betrachtung rücken, tendieren die Biografen Florence Hervé und Gilbert Badia zu Wibauts „milde[n], philosophisch denkende[n] Clara Zetkin mit größtem, duldsamem Verständnis für Meinungsunterschiede“. Die Radikalisierung Zetkins erscheint bei Hervé nicht als Produkt einer bloßen ideologischen Folgsamkeit, vielmehr bildet sie ein notwendiges Mittel zum Kampf für die ideellen Werte und Ideen, welche sich Zetkin infolge der Auseinandersetzung mit den marxistischen Schriften und Theorien zu eigen gemacht hat.[4] So zeigt etwa Setsu Ito, dass einige Positionen Zetkins tatsächlich an die Forderungen von Karl Marx, Friedrich Engels oder August Bebel anschlossen, ihre Gedankenkonstruktionen waren jedoch nicht durch die Ideen ihrer Vorgänger terminiert. So sieht Ito in Zetkins Ausführungen zum Schutz der Schwangeren sowie zur Kindererziehung eigenständige Ideen zu Themen, welche bei ihren Vorbildern keinen oder nur wenig Raum einnahmen.[5] Auch Badia relativiert das Bild der ideologisch durchdrungenen, radikalen Zetkin, indem er auf ihre Dialogbereitschaft gegenüber den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen und den innerhalb der proletarischen Bewegung ihr gegenüber opportunistisch eingestellten Frauen (Reformistinnen und Revisionistinnen) rekurriert, wobei Zetkin selbst dann noch für Gespräche offenstand, als sie die politische Trennung der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung mit Entschiedenheit einforderte und durchsetzte.[6]

Die oben zitierte Rezeption der Zetkin-Bilder Wibauts ist jedoch nicht nur insofern von Bedeutung, als dass sie dem Leser die kontroverse Auseinandersetzung mit der Person Zetkins, welche bereits zu Lebzeiten dieser stattfand, offenbart. Aus der Reaktion der Sozialistin sind bereits wichtige Impulse für die Beantwortung der Frage ableitbar, wie das Denken und Wirken Zetkins tatsächlich zu interpretieren ist. Sich selbst beschreibt sie wie folgt:

Meine politische Gegenwart ist die konsequente Entwicklung meiner politischen Vergangenheit, ist fest verwurzelte, betätigte Überzeugung, entsprechend den geschichtlich gegebenen Umständen. Meine Überzeugung kennt heute wie vor mehr als 40 Jahren nur ein Willensziel: die soziale Revolution, die allein den leiber- und seelenmordenden Kapitalismus niederzwingt und den Boden für einen Gesellschaftsbau freilegt, in dem voll und harmonisch entfaltetes Menschentum für alle wohnen kann. Diesem Willensziel diene ich gemäß der Erkenntnisse über die weltwirtschaftliche und weltpolitische Lage, die ich dem Marxismus verdanke, diene ich mit den Methoden und Mitteln des Kampfes, die mir unseres Altmeisters Forschungsmethode erscheinen läßt als die einzig zweckmäßige und erfolgreiche, ja als die einzig mögliche zur Überwindung der schmutz- und bluttriefenden Herrschaft des verfallenden, gewalttätigen imperialistischen Kapitalismus.[7]

Eine solche Selbstbetrachtung Zetkins widerspricht also jenen Beschreibungen, welche der Sozialistin eine Instabilität bezüglich ihrer Werte und Ideale unterstellen. Im Gegensatz dazu beansprucht Zetkin für sich eine durchgehende Prinzipientreue, wie sie beispielsweise auch von Badia extrahiert wurde.

Mit der vorliegenden Hausarbeit soll dieser Antagonismus in den Forschungsergebnissen durch die folgende Annahme aufgelöst werden: Die sich widersprechenden Zetkin-Bilder und damit auch die sich widersprechenden Antworten auf die Frage nach der Prinzipientreue Zetkins sind primär dem Umstand geschuldet, dass das Handeln und Wirken Zetkins von zwei (methodisch) unterschiedlichen Standpunkten aus betrachtet wird. Badia als Vertreter des prinzipientreuen, ersten Zetkin-Bildes betrachtet die Radikalisierung des Handelns Zetkins unter der Prämisse eines statischen Katalogs von Idealen und Werten, welcher sich trotz der Parteiübertritte Zetkins und der Variationen in bestimmten politischen Positionen nicht bzw. nicht signifikant ändert. Die Befürworter des zweiten Zetkin-Bildes sehen hingegen eine Interdependenz zwischen dem politischen Handeln und den Idealen und Werten der Sozialistin, wobei die Zunahme der Radikalisierung beider Gegenstände entlang der zeitlichen Dimension proportional anwächst. Dieses Modell geht also von einem dynamischen Wertekatalog aus. Eine Ausnahme hierbei bildet die Zetkin-Biografie von Puschnerat, welche durch die Konstruktion einer Bildungsreligiosität einen stabilen, bürgerlichen Teilhabitus zugrundelegt.[8] Die selektive Festsetzung von Werten bei Puschnerat führt jedoch dazu, dass die hiervon nicht betroffenen Werte Zetkins nach wie vor als dynamisch angesehen werden und Puschnerat somit zu einem ähnlichen Ergebnis gelangt wie Nettl. Das Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist eine umfassendere Fixierung von Zetkins Werten, welche durch eine soziologische Betrachtung wesentlicher Sozialisationsmerkmale und Charakteristika Zetkins erreicht werden soll. Hierfür werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit zunächst die verschiedenen Einflüsse auf das inkorporierte Kulturkapital Zetkins, d. h. sowohl die Einflüsse auf ihr Wissen und ihre Positionen als auch diejenigen Faktoren, aus denen sich Zetkins Habitus generiert, dargelegt. Die Arbeit legt den zeitlichen Schwerpunkt der Betrachtung der Einflüsse auf die Jahre vor dem Tod Ossip Zetkins, welcher Zetkins erster Ehemann war, sowie ihrem zweiten Eintritt in die SPD (1889). Im ersten Teil des dritten Kapitels wird anschließend anhand ausgewählter politischer Gegenstände geschildert, wie sich die statischen Elemente in Zetkins Charakter und Werten in den statischen politischen Grundhaltungen und Idealen Zetkins manifestieren. Die Arbeit geht somit von Badias Prämisse eines statischen Wertekatalogs aus. Sie unterscheidet dabei zwischen politischen Grundhaltungen, d. h. Idealen und Werten, und politischen Handlungen Zetkins, wobei Letztere inhaltlich durchaus variieren und damit dynamisch sind. Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, als dass sie von den Vertretern des zweiten Zetkin-Bildes nicht oder nicht ausreichend getroffen wird, weshalb die Autoren sowohl in den Grundhaltungen als auch im Handeln Zetkins Radikalisierungstendenzen erkennen. Die Arbeit hingegen argumentiert, ausgehend von den statischen Grundhaltungen, dass die Radikalisierung des politischen Handelns als Reaktion auf die Enttäuschung Zetkins darüber zu sehen ist, dass sie mit ihrem Handeln zu einem bestimmten Zeitpunkt bzw. den ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen keine Abbildung ihrer Grundhaltungen auf die (proletarische) Frauenbewegung erreichen konnte. Als Fallbeispiele hierauf sind die Parteiwechsel Zetkins sowie die Verschärfungen der Flügelkämpfe innerhalb der jeweiligen Parteien anwendbar. Aufgrund des geringen Seitenumfangs der Arbeit ist nur die Betrachtung eines konkreten Fallbeispiels möglich. Daher soll im zweiten Teil des dritten Kapitels genauer betrachtet werden, wie die „reinliche Scheidung“ der proletarischen und der bürgerlichen Frauenbewegung, deren soziologische Grundlagen bereits im ersten Teil identifiziert werden, in den 1890er Jahren realpolitisch durch Zetkin umgesetzt wurde. Der exemplarische Schwerpunkt der Betrachtung wird hierbei auf die radikalen, bürgerlichen Frauenrechtlerinnen in Preußen gelegt, wobei insbesondere auf das Verhältnis Zetkins zu Minna Cauer und Lily von Gizycki eingegangen wird. Abschließend soll als Fazit evaluiert werden, inwieweit die Ausgangsannahme eines statischen Wertekatalogs für Zetkin zulässig ist, wobei nicht nur die in der Arbeit geleistete Argumentation zusammengefasst werden soll, ebenso wird kurz auf weitere politische Felder verwiesen, in denen die Werte Zetkins als statisch identifizierbar sind.

2 Zetkins Sozialisation im bürgerlichen und im proletarischen Milieu

2.1 Die Frage der sozialen Gerechtigkeit innerhalb der bürgerlichen Familie und der bürgerlichen Ausbildung

Wie später noch näher zu erläutern sein wird, begriff Zetkin spätestens 1889 die Frage nach der Gleichberechtigung der Frau nicht als eine spezifische Frauenfrage, sondern als ein Problem, welches nur in der gesamtgesellschaftlichen Beantwortung der sozialen Frage gelöst werden kann. Dies wird unter anderem aus ihrer Rede „Für die Befreiung der Frau!“ vom 19. Juli 1889 auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris deutlich:

Wir erkennen gar keine besondere Frauenfrage an – wir erkennen keine besondere Arbeiterinnenfrage an! […] Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.[9]

Eine solche Bindung zwischen der sozialen Frage und der Frage der Frauenemanzipation bestand für Zetkin jedoch nicht von Anfang an. Während ihrer Kindheit wurde Zetkin durch ihr Elternhaus sowohl für die soziale Frage als auch für das frauenrechtlerische Engagement der Bürgerinnen sensibilisiert. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Strömungen und Problematiken war durch die unterschiedlichen Herkunftsmilieus der Eltern bedingt: Als Sohn eines Tagelöhners entsprang ihr Vater, Gottfried Eisner, sehr einfachen Verhältnissen.[10] Durch die eigene Herkunft sensibilisiert, bemühte sich der Vater um die Herstellung von Bildungs- und Verteilungsgerechtigkeit, indem der Dorfschullehrer kostenlose, fakultative Unterrichtseinheiten anbot, welche die Jungen von Wiederau auf das Gymnasium vorbereiten sollten.[11] Von Zetkins Vertrauten und Biografin Gertrud G. L. Alexander wissen wir, dass auch Zetkin diese Einheiten besuchte, weshalb sie überwiegend unter Jungen aufwuchs, sodass die geschlechterspezifische Trennung innerhalb von schulischen und freizeitlichen Aktivitäten in ihrem Fall teilweise aufgehoben war. Weiterhin schreibt Alexander über Zetkins Lesewut, wobei sie sich neben den Werken der großen Autoren wie Schiller, Goethe oder Shakespeare auch solchen historischen Monographien aus dem Besitz des Vaters annahm, welche große gesellschaftliche Umbrüche thematisierten, etwa die Geschichte der französischen Revolution, kirchliche Erhebungen gegen das Papsttum oder die Schweizer Befreiungskriege.[12] Puschnerat interpretiert die väterliche Erziehung Zetkins als Versuch, die Tochter für die Problematik der sozialen Frage und deren Auswirkungen auf ihre unmittelbare Erfahrungswelt zu sensibilisieren und gleichzeitig Wege aufzeigen, wie durch das eigene Handeln bestimmte Folgen gemildert werden können.[13] Tatsächlich hebt Zetkin gegenüber Alexander in der Rückschau auf ihre Jugendjahre die sozialen Ungerechtigkeiten in Wiederau und Umgebung hervor:

Sie [Clara Zetkin] selbst erzählt, daß das soziale Milieu, in dem sie aufwuchs, einen tiefen Eindruck auf sie gemacht hat. […] Das Elend war groß, und noch heute hat Clara lebhafte Erinnerungen an die Eindrücke jener Tage, wie zum Beispiel oft die Frauen beim Krämer für einen Dreier Heringslake kauften, um die Kartoffeln damit zu ‚würzen‘.[14]

Neben der theoretischen und lebensweltlichen Auseinandersetzung mit der sozialen Frage wurde Zetkins frühe Sozialisation vor allem durch das Engagement ihrer Mutter für die Gleichberechtigung der Frau geprägt. Josephine Vitale, welche als Mitglied einer italienisch-französischen Kaufmannsfamilie[15], als Tochter eines französischen Offiziers sowie als Gattin eines Leipziger Arztes (in ihrer ersten Ehe, d. h. vor Eisner) lange Zeit im bürgerlichen Milieu sozialisiert wurde bzw. gelebt hatte[16], wird von Götze und Badia als liberale Bürgerliche beschrieben, die mit den Idealen der französischen Revolution aufgewachsen ist und auch in den späteren Jahrzehnten die Forderungen der Revolution von 1848 / 1849 vertrat.[17] Im Mittelpunkt ihrer liberalen Anschauungen stand das Individuum, welches sich durch das permanente Arbeiten an der eigenen Person verwirklichen und verbessern sollte. Aus diesem Grund forderte sie, die Restriktionen in den Bereichen der Bildung und der Arbeit, welche die Möglichkeiten der weiblichen Selbstverwirklichung einschränkten, aufzuheben.[18] Für Zetkins Sozialisation war weiterhin von Bedeutung, dass Vitale in Wiederau einen Frauenverein gründete, welcher mit dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) in Verbindung stand.[19] Folglich unterhielt Zetkins Mutter eine persönliche Beziehung zu den Gründerinnen des ADF, Auguste Schmidt und Louise Otto-Peters, wobei zumindest für Otto-Peters gesichert ist, dass Vitale von ihren programmatischen Schriften zur Lage klein- und mittelbürgerlicher Frauen Kenntnis genommen hat.[20]

Das Drängen der Mutter auf die wirtschaftliche Selbstständigkeit Zetkins sowie die besseren Chancen auf eine Berufsausbildung für sie und ihre Geschwister veranlassten die Familie 1872 zum Umzug nach Leipzig.[21] Aus den Verbindungen Vitales mit dem ADF ergab sich für Zetkin die Gelegenheit zur Teilnahme an dem von Auguste Schmidt geleiteten Lehrerinnenseminar. Für Zetkin bedeutete die Ausbildung eine Vertiefung der humanistischen Bildung, welche sie bereits durch ihr Elternhaus erfahren hatte.[22] Insbesondere führte der Kontakt zu Schmidt als Lehrperson sowie die Auseinandersetzung mit frauenrechtlerischen Schriften (wie beispielsweise denen von Louise Otto-Peters) dazu, dass die Tendenz der Fokussierung Zetkins auf die Frage nach der Gleichberechtigung der Frau und den bürgerlichen Liberalismus zulasten des vom Vater vermittelten inkorporierten Kulturkapitals bezüglich der sozialen Frage zunahm. Vielmehr scheint sie bis 1878 geglaubt zu haben, dass die soziale Frage mittels der liberalen und bürgerlichen Forderungen gelöst werden könne.[23] Neben ihrer Mutter, welcher Zetkin Dornemann zufolge aufgrund der verwandteren Persönlichkeit ein höheres Maß an Zuwendung zukommen ließ als ihrem Vater[24], existierte mit Schmidt eine weitere Frau in Zetkins Leben, welche die bürgerlich-liberalen Ideale vertrat und Zetkin selbst dann noch als Vorbild diente, als sie ihre Ideale nicht mehr teilte. So schrieb sie in Erinnerung an ihre alte Lehrerin:

[...]


[1] Zetkin, Clara, Für den Schutz der Oktoberrevolution von 1917. Clara Zetkin an Mathilde Wibaut 1922, 2007 < http://www.die-linke.de/fileadmin/download/geschichte/oktoberrevolution/briefwechsel_zetkin_wibaut.pdf> (26.03.2014), S. 5.

[2] Vgl. Nettl, Peter, Rosa Luxemburg. Köln / Berlin 1965, S. 443 ff. .

[3] Vgl. Puschnerat, Tânia, Clara Zetkin. Bürgerlichkeit und Marxismus. Essen 2003, S. 11 ff. .

[4] Vgl. Hervé, Florence, Clara Zetkin oder: Dort kämpfen, wo das Leben ist. Berlin 2007.

[5] Vgl. Ito, Setsu, Clara Zetkin in ihrer Zeit – für eine historisch zutreffende Einschätzung ihrer Frauenemanzipationstheorie, in: Ulla Plener (Hrsg.), Clara Zetkin in ihrer Zeit. Neue Fakten, Erkenntnisse, Wertungen. (Manuskripte, Bd. 76) Berlin 2007, S. 22-27, hier: S. 24-26.

[6] Vgl. Badia, Gilbert, Clara Zetkin, féministe sans frontières. Paris 1993.

[7] Zetkin, Für den Schutz der Oktoberrevolution von 1917, S. 5 / 6.

[8] Vgl. Puschnerat, Clara Zetkin, S. 39.

[9] Zetkin, Clara, Für die Befreiung der Frau! Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress zu Paris – 19. Juli 1889, in: Institut für Marxistische Studien und Forschungen (Hrsg.), Arbeiterbewegung und Frauenemanzipation 1889 bis 1933. (Neudrucke zur sozialistischen Theorie und Gewerkschaftspraxis, Bd. 3) Frankfurt / Main 1973, S. 7-12, hier: S. 12.

[10] Vgl. Badia, Clara Zetkin, S. 13.

[11] Vgl. Götze, Dieter, Clara Zetkin. Leipzig 1982, S. 5.

[12] Vgl. Alexander, Gertrud G. L., Aus Clara Zetkins Leben und Werk. Berlin 1927, S. 4.

[13] Vgl. Puschnerat, Clara Zetkin, S. 25.

[14] Alexander, Aus Clara Zetkins Leben und Werk, S. 3.

[15] Vgl. Dornemann, Luise, Clara Zetkin: ein Lebensbild. 4. Aufl. Berlin 1962, S. 13.

[16] Vgl. Beuys, Barbara, Die neuen Frauen – Revolution im Kaiserreich: 1900-1914. München 2014, S. 43.

[17] Vgl. Badia, Clara Zetkin, S.13 / 14 sowie Götze, Clara Zetkin, S. 5 f. .

[18] Vgl. Puschnerat, Clara Zetkin, S. 25.

[19] Vgl. Riepl-Schmidt, Maja, Wider das verkochte und verbügelte Leben: Frauen-Emanzipation in Stuttgart seit 1800. Stuttgart 1990, S. 162.

[20] Vgl. Puschnerat, Clara Zetkin, S. 25.

[21] Vgl. Alexander, Aus Clara Zetkins Leben und Werk, S. 4.

[22] Vgl. Badia, Clara Zetkin, S. 15.

[23] Vgl. Puschnerat, Clara Zetkin, S. 28.

[24] Vgl. Dornemann, Clara Zetkin: ein Lebensbild, S. 29.

Details

Seiten
31
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656646563
ISBN (Buch)
9783656646556
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272910
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Geschichte
Note
Schlagworte
clara zetkin transformation enttäuschten

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Clara Zetkin. Die politische Transformation einer Enttäuschten