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Migrationskonzepte im kolumbianischen Film.

Eine Analyse der Filme "María, llena eres de gracia" und "Paraíso Travel".

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übergreifende Konzepte der Migration
2.1 Globalisierung
2.2 Der Film im Kontext der Globalisierung
2.3 Amerika: Mythenbildung vs. Realität
2.4 Migrationsrouten und die Metropole New York

3 Migrationskonzepte in „María, llena eres de gracia“
3.1 Identität
3.2 Territorialität
3.3 Gender: Migration oder Exil?

4 Migrationskonzepte in „Paraíso travel“
4.1 Territorialität
4.2 Nation
4.3 Stereotypen und Symbolik
4.4 Frauenbilder und Gender

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

Von

Darja Löschner

LAG Französisch/ Spanisch, 5. FS

1 Einleitung

Die Migration ist im Zeitalter der Globalisierung ein höchst aktuelles Thema – nicht nur in der Politik, sondern auch in der Literatur und in den Medien, unter anderem auch im Film – und gewinnt stetig an Bedeutung. Daher ist es fundamental, sich damit auseinanderzusetzen und die Hintergründe, sowie die Konzepte der Migration zu verstehen. Einige der möglichen Fragen lauten: Was genau ist Migration, und wie unterscheidet sich diese vom Exil? Inwiefern hat die Globalisierung Auswirkungen auf die Migration und auf das Medium Film? Wie sind die Konzepte Gender, Identität, Nation und Territorialität miteinander verknüpft? Und inwiefern beeinflussen sich Film und Realität gegenseitig? Diese Fragen wollen wir in dieser Arbeit zu beantworten versuchen.

Dafür werden wir unterschiedliche Migrationskonzepte aus zwei aktuellen kolumbianischen Filmen, welche die illegale Einwanderung in die USA thematisieren, anhand ihrer Handlung – einige auch anhand von Schlüsselszenen – analysieren. „Paraíso Travel“ ist eine kolumbianische Verfilmung von Simon Brand nach dem gleichnamigen Bestseller von Jorge Franco[1] und gewann, ebenso wie „María, llena eres de gracia“ von Joshua Marston, zahlreiche Preise.

Bevor wir zur Filmanalyse schreiten, werden wir uns mit den allgemeineren Konzepten der Migration beschäftigen: Mit der Globalisierung und mit dem Film in ihrem Kontext, mit dem Konzept der Diaspora und mit der Mythenbildung. Wir werden uns im Verlauf dieser Arbeit schrittweise anhand von wissenschaftlichen Definitionen an das jeweilige Konzept anzunähern versuchen, und dieses dann mit Beispielen aus dem jeweiligen Film belegen. Dabei werden Verbindungen und Parallelen zwischen den Konzepten und den Filmen aufgezeigt. Danach werden wir als Abschluss das Medium Film kritisch betrachten und seinen möglichen Einfluss auf Menschen und Gesellschaften betrachten.

2 Übergreifende Konzepte der Migration

2.1 Globalisierung

Heutzutage ist Globalisierung ein sehr häufig verwendeter Begriff, der jedoch sehr umfassend ist und in vielen unterschiedlichen Kontexten verwendet wird. Daher benötigen wir zunächst eine Differenzierung.[2] Der Terminus stammt ursprünglich aus der Wirtschaft und wurde 1983 von Theodore Levitt in „The Globalization of Markets“ eingeführt.[3] Die wirtschaftswissenschaftliche Definition von Globalisierung bezeichnet Safranski[4] zufolge den „Prozess, durch den Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern zunehmend voneinander abhängig werden infolge des grenzüberschreitenden Handelns mit Gütern, Dienstleistungen und Arbeitskräften und der Bewegung von Kapital und Technologie“. Die wirtschaftliche Definition umfasst also insbesondere die stärkere Vernetzung und die wachsenden Abhängigkeiten der Wirtschaften und Märkte voneinander.[5] Die Ausdehnung des Begriffs auf die Gesellschaft erfolgt erst in den 1990er-Jahren; so konkretisiert z.B. der Soziologe Mel van Elteren den Terminus folgendermaßen:

Globalisierung verweist auf diejenigen Prozesse, die sich in einem weltweiten Maßstab abspielen, über nationale Grenzen hinweggehen und dabei Gemeinschaften und Organisationen in neuen Raum-Zeit-Kombinationen integrieren und verbinden, wodurch die Welt objektiv und in der Erfahrung der Menschen stärker miteinander verbunden wird. Globalisierung bedeutet eine Bewegung weg von der klassischen soziologischen Idee der „Gesellschaft“, die als ein klar abgegrenztes System verstanden wurde – das geografisch mit dem Territorium eines Nationalstaates oder einer Region identifiziert wurde –, und deren Ersetzung durch eine Perspektive, die sich darauf konzentriert, „wie das soziale Leben über Zeit und Raum[grenzen hinweg] geordnet ist“.[6]

Ein ähnliches Bild von der Globalisierung zeichnet auch Román de la Campa, mit besonderem Bezug zum Terminus latinoamericano. Dabei bezieht er sich insbesondere auf das wachsende globalisierende Marketing und bringt als Beispiel die Musikindustrie, welche nicht zwischen den Latinos aus den USA, Spaniern, oder Lateinamerikanern unterscheidet. Laut de la Campa geht es gerade in den Medien um „confeccionar un performance gobernado por las técnicas y estéticas del crossover global“, was die Grenzen der Sprache oder der Kultur überschreitet.[7] Der neuartige globale Kapitalismus ist „incorporando formas culturales y mitos originarios en una nueva dinámica de mercado que no separa claramente la esfera económica de la cultural“.[8] Diese Verflechtung zwischen Kultur und Wirtschaft wächst zunehmend und betrifft auch immer mehr die Gesellschaft und den Menschen selbst:

[…] como si las posibilidades de pluralizarse escondieran en sí el secreto de una nueva utopia, quizá la única restante en una época tan incrédula. Ser muchas cosas, cambiar de identidades, hacer múltipels crossovers, lograr pensarse según el deseo y la occasion como si la mutación metafísica se hiciera possible a través de los productos a su alcance.[9]

Anhand dieses Zitates können wir erkennen, wie verflochten die Globalisierungsthematik mit der Identitäts- und mit der Mythenbildung ist, und was für einen starken Einfluss sie bildet.

2.2 Der Film im Kontext der Globalisierung

Der Film ist ein relativ junges Medium, welches im Gegensatz zu Literatur, Kunst und Musik keine Tradition besitzt, welche ohne den Einfluss westlicher Technologien geschaffen hätte sein können[10]:

Auch kulturbedingt unterschiedliche Entwicklungen gingen von technisch gleichen Ausgangsbedingungen aus und sind daher medientechnisch im Rahmen von Austauschbeziehungen zu analysieren. Der Film spiegelt insofern die globale Verteilung von Macht und Geld wider; authentische Formen gibt es in einer immer schon technisch (re)produzierten Kunst nicht.[11]

Daher sollte der Film grundsätzlich kritisch betrachtet werden, was die Authentizität der dargestellten Kulturen anbelangt, dazu mehr unter Punkt 4.3 dieser Arbeit. Des Weiteren ist der Film heutzutage dank Hollywood und der Mediatisierung ein Bestandteil eines weltumfassenden transnationalen Systems:

Heute gehört der Film zu einem enormen multinationalen System, das aus Fernsehgesellschaften, neuen Technologien der Produktion und der Distribution und internationalen Koproduktionen besteht. […] Durch diese transnationalen Prozesse der Filmproduktion, der Finanzierung und der Distribution, wird es zunehmend sinnvoll, von einem „Weltkino“ auszugehen.[12]

Um letzteres nachvollziehen zu können, müssen wir zunächst den Begriff „Weltkino“ definieren. Laut Ulfried Reichardt bezeichnet der Terminus „einerseits alle Filme aus der ganzen Welt, andererseits das Kino der nicht-westlichen Welt, manchmal auch alle Nicht-Hollywood-Filme“. Damit setzt sich der Begriff des „globalen Films“, in welchem insbesondere der Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen zu beobachten ist, von dem eher allgemein gehaltenen „Weltkino“ ab. Nicht zu verwechseln sind die beiden Kategorien mit dem „Globalisierungsfilm“, der explizit die Globalisierung zum Thema hat.[13]

Demnach können wir sowohl „María, llena eres de gracia“, als auch „Paraíso Travel“ zunächst in die Sparte „Weltkino“ einsetzen, da beide Filme kolumbianische Produktionen sind. Eine Präzisierung dieser Einordnung erfolgt im Blick auf den Plot: Beide Filme handeln von Migration und somit von dem Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen. Daher wären sie zudem in die Kategorie „globaler Film“ einzuordnen.

2.3 Amerika: Mythenbildung vs. Realität

Die Mythenbildung hat schon in der Vergangenheit Amerikas eine große Rolle gespielt, und hält bis zum heutigen Tage an. Bereits in der Einführung seines Artikels „Norteamérica y sus mundos latinos: ontologías, globalización, diásporas“ weist Román de la Campa auf den irrealen und von Phantasie und Wünschen bestimmten Charakter von Nord- und Südamerika in der universellen Vorstellung der Menschen hin[14]:

El imaginario universal suele situar la idea de América entre la utopía y la nostalgia, contornos más bien efímeros que invariablemente se turban con las líneas del deseo y la fantasía. Ya se trate de poderes coloniales, esquemas republicanos, o conquistas individuales, América ha sido un signo más bien propenso a errores cartográficos e imprecisiones mitológicas: El Dorado, El Mayflower, y Calibán quizá sean los más conocidos. Los impulsos civilizatorios del siglo XIX buscaban una delimitación de diferencias constitutivas entre las Américas, pero solo lograron enmarcar un juego de oposiciones implacable – civilisación/ barbarie, anglo/ latino, norte/ sur, capitalismo/ caudillismo – que todavía inspira fábulas de identidad y ficciones republicanas.[15]

Anhand des Zitats können wir erkennen, wie er dabei insbesondere die klischeehaften Gegensätze, welche die Vorstellung von Amerika prägen, betont: Zivilisation vs. Barbarei, anglo- vs. latinoamerikanisch, Norden vs. Süden, Kapitalismus vs. Diktatur. Diese Gegensätze ziehen sich bis in den heutigen Wortschatz, wobei sie noch verallgemeinernder werden: „orden/ caos, posmodernidad/ neoliberalismo, sociedad civil/ sabrosura ingobernable“.[16] Diese Gegensätze spiegeln sich deutlich in beiden zu analysierenden Filmen wieder, wobei sie sich konsequent durch praktisch jeden einzelnen der Analysekapitel (z.B. Stereotypen, Frauenbilder/ Gender, etc.) ziehen.

[...]


[1] Cf. http://www.jorge-franco.com/fbd.php (Zugriff am 12.01.2013)

[2] Cf. Ulfried Reichardt:Globalisierung. Literaturen und Kulturen des Globalen. Berlin: Akademie Verlag, 2010, 13.

[3] Cf. Theodore Levitt:The Globalization of Markets, 1983, Zugang zum Volltext: URL: http://www.lapres.net/levit.pdf. (Zugriff am 06.01.2013)

[4] Rüdiger Safranski:Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch, München: Fischer, 2003, 16.

[5] Cf. Ulfried Reichardt:Globalisierung. Literaturen und Kulturen des Globalen. Berlin: Akademie Verlag, 2010, 11.

[6] Mel van Elteren: „Conceptualizing the Impact of US Popular Culture Globally“, in:Journal of Popular Culture 30.1, 1996, 54sq.

[7] Román de la Campa: „Norteamérica y sus mundos latinos: ontologías, globalización, diasporas”, in:Aves de paso. Frankfurt: Vervuert, 2005, 37ssq.

[8] Ibid.

[9] Ibid.

[10] Cf. Ulfried Reichardt:Globalisierung. Literaturen und Kulturen des Globalen. Berlin: Akademie Verlag, 2010, 188.

[11] Ibid.

[12] Shohini Chaudhuri:Contemporary World Cinema. Europe/ Middle East/ East Asia/ South Asia. Edinburgh: Columbia University Press, 2005, 2.

[13] Cf. Ulfried Reichardt:Globalisierung. Literaturen und Kulturen des Globalen. Berlin: Akademie Verlag, 2010, 188.

[14] Cf. Román de la Campa: „Norteamérica y sus mundos latinos: ontologías, globalización, diasporas”, in:Aves de paso. Frankfurt: Vervuert, 2005, 37.

[15] Ibid.

[16] Ibid.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656646518
ISBN (Buch)
9783656646501
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272909
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Migration Film Kolumbien Paraíso Travel María llena eres de gracia Gender Identität Nation Territorialität Globalisierung

Autor

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Titel: Migrationskonzepte im kolumbianischen Film.