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Konzeptionen von Empfindsamkeit in Goethes "Werther" und Sophie von La Roches "Geschichte des Fräuleins von Sternheim"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 21 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ) Einleitung?

2. ) Terminologische Klärungen und Definitionsversuche
2.1) Der positiv konnotierte Begriff: Empfindsamkeit
2.2) Negativ konnotierte Konzepte: Empfindlichkeit, Empfindelei, Schwärmerei

3. ) Manifeste der Empfinsamkeit? La Roches Fräulein von Sternheim und Goethes Werther imVergleich
3,11 Sophie von Stemheim: Tugend. Vernunftund Empfindsamkeit
3.1.1) Charakterisierung der Sternheim
3.1.2) Sophie als Inkarnation des didaktisch-tugendhaften Empfindsamkeitsbegriffs
3,21 Goethes Werther: Ein empfindlicher Schwärmer?,,
3.2.1) Werther: Charakter, Handeln und Einflüsse
3.2.1) Empfindelei und Schwärmertum im Werther
3.4) Rolle. Darstellung und Auffassung von Sexualität

4.) Hauptunterschiede und ihre Implikationen

5.) Fazit

6.) Literaturverzeichnis

1. ) Einleitung?

Der Terminus „Empfindsamkeit“ wird im heutigen Sprachgebrauch meist in Bezug auf die literarische Epoche genutzt, deren Werke sich durch einen besonderen Fokus auf die Innenwelt des Menschen, seine Gefühlen und eben seine Empfindungen auszeichnen. Der Versuch, den Terminus in Bezug auf die Epoche zu definieren, erweist sich bereits als schwierig; weitaus komplexer wird es aber bei der Fragestellung wie nun nicht die Epoche, sondern das ihr zu Grunde liegende Konzept „Empfindsamkeit“ an sich zu definieren ist. Diese Arbeit hat zum Ziel, anhand von zwei für die Epoche als „klassisch“ angesehenen Werken - nämlich Johann Wolfgang von Goethes 1774 erschienenen Die Leiden des jungen Werther und Sophie von La Roches Geschichte des Fräuleins von Sternheim, erschienen im Jahr 1771 - zu zeigen, wie durchwachsen die Blüten sind, die die Empfindsamkeitsbewegung getrieben hat, und welch unterschiedliche und manchmal sogar miteinander in Konflikt stehenden Konzeptionen es von ihr gibt. Aufgrund der Komplexität des Konzepts „Empfindsamkeit“ ist es wichtig, zu zeigen, wie subjektiv es als Begriff und Charakterzug konzipiert sein und aufgefasst werden kann - Und auch, worin gewissermaßen ein Problem der dominanten Auffassung zeitgenössischer Autoren liegt. Da der Vergleich zweier Konzeptionen von Empfindsamkeit ein grundlegendes Verständnis der wichtigsten Begrifflichkeiten erfordert, werden zunächst unter Hinzuziehung zeitgenössischer Quellen gewisse, für den Vergleich der zwei Werke eine tragende Rolle spielenden Termini geklärt.

Gegenstand des Vergleiches werden zwei Hauptaspekte sein: Zum einen die unterschiedlichen Charaktere der Protagonisten Sophie und Werther, ihre Einflüsse und Ausprägungen sowie ihre Rolle als Paradigmen der Empfindsamkeit; zum anderen die unterschiedlichen Darstellungen der in beiden Romanen eine wichtige Rolle spielenden Darstellung und Auffassung von Sexualität und Liebe.

2. Terminologische Klärungen und Definitionsversuche

Dieses Kapitel der Arbeit ist gänzlich der Frage gewidmet, was „Empfindsamkeit“ denn nun genau bezeichenet - Eine Frage, mit der sich auch viele zeitgenössische Beobachter des Phänomens auf unterschiedliche Art befasst haben. Um von vornherein eine gewisse Struktur zu etablieren, muss gesagt werden, dass das Konzept Empfindsamkeit grundsätzlich mit positiven Charakterzügen verbunden war. Im Zuge verschiedener Definitionsversuche hat sich eine Reihe von Begriffen angehäuft, die hier erläutert werden sollen.

Bereits in den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts etabliert sich der Begriff der Zärtlichkeit, der zunächst analog mit dem der Empfindlichkeit genutzt wird, um eine gewisse Rührung des Herzens auszudrücken.[1] Bald allerdings zeigt sich eine gewisse Problematik in Bezug auf den Begriff „Empfindlichkeit“, nämlich seine Ambiguität. Zudem verdrängt nach Lessings Übersetzung des Buchtitels „Yoricks sentimental joumey“ zu „Yoricks empfindsamer Reise“ dieser neue Begriff den der Empfindlichkeit ab 1768 maßgeblich . Verschiedene Auffassungen dazu, was Empfindsamkeit sei, wann sie in ihrer Ausprägung gut, und wann schlecht sei, verbreiten sich. Die wichtigsten oder bezeichnendsten dieser Auffassungen sollen nun hier vorgestellt werden.

2,1 Der positiv konnotierte Begriff: Empfindsamkeit

Wie bereits erwähnt wird die Empfindsamkeit per se als positiver Zug angesehen - Sofern gewisse Grundvoraussetzungen erfüllt sind. Eine der generellen Orientierung dienenden, recht allumfassende Definition gibt Karl Daniel Küster in seinem Artikel „Empfindsam“ von 1773:

"Der Ausdruck: ein empfindsamer Mensch, hat in der deutschen Sprache eine sehr edle Bedeutung gewonnen. Es bezeichnet: die vortreffliche und zärtliche Beschaffenheit des Verstandes, des Herzens und der Sinnen, durch welche ein Mensch geschwinde und starke Einsichten von seinen Pflichten bekommet und einen würksamen Trieb fühlet, Gutes zu thun"[2]

Samuel Johann Emst Stosch hingegen schreibt 1786 in „Empfindsam. Empfindlich“, man könne sich des Wortes empfindsam dann bedienen, „wenn man von einem Menschen sagen will, daß er geneigt sey, bey allerlei Gelegenheiten und Umständen, sehr lebhafte und rührende Empfindungen zu haben, woran das Herz einen zärtlichen Antheil nimmt“.[3] An diesen zwei Definitionsversuchen werden die Hauptcharakteristika der Empfindsamkeit bereits verdeutlicht: Es handelt sich beim „Empfindsamen“ primär um einen Menschen, der offenbar in der Lage ist, sehr starke und freuquente Emotionen zu empfinden, und der ein gutes Herz hat. Andererseits wird aber bei Küster auch deutlich, dass dies allein nicht ausreicht: Er spricht gleichermaßen das Herz, den Verstand und die Sinne an. Auch das Pflichtbewusstsein sowie der in vielen Auffassungen als entscheidend angesehene Faktor des Altruismus, beziehungsweise des „Gutes tun“, finden sich bereits in dieser Definition.

Küster spricht in seinem Artikel detailliert über die Wichtigkeit der Erziehung und darüber, wie sie erfolgen sollte, da sie von maßgeblicher Bedeutung für die Entwicklung der genannten Werte in jungen Menschen ist.

Diese Faktoren sind alle bezeichnend für eine Empfindsamkeitsauffassung, welche im Folgenden als didaktisch-tugendhaft bezeichnet werden soll. Sie ist beeinflusst von pietistischen Werten; Tugend, Mitgefühl und Pflichtliebe werden propagiert. Die Empfindsamkeit wird in dieser Definition als so christlich geprägt aufgefasst, dass die von Borries sie in Deutsche Literaturgeschichte, Band 2: Aufklärung und Empfindsamkeit, Sturm und Drang als „säkularisierte Form des Pietismus“ bezeichnen.[4] Auch der von Küster hervorgehobene Aspekt der Erziehung spielt eine große Rolle - die Vermittlung von Ratio und auch Werten im Sinne der aufklärerischen Tradition findet viel Beachtung in der dominanten Perzeption von Empfindsamkeit. Der richtige Ausgleich von Emotion und Verstand sowie Ebenmaß und Regulierung sind wichtige Indizien für einen empfindsamen Menschen. Hierzu zitiert Georg Jäger Heinrich Joachim Campe:

"Entweder steht die Empfindsamkeit ... mit der Ausbildung und Stärke aller übrigen Kräfte des Menschen, besonders der Vernunft und der Körperkraft, in richtigem Ebenmaße; oder nicht. Im ersten Falle ist es eine schöne, würdige und beseligende Eigenschaft... Im zweiten Falle hingegen [...] eines derverderblichsten Geschenke"

Hier wird, neben dem Aspekt der Proportionalität, auch bereits deutlich, dass es sich bei der Empfindsamkeit um ein zweischneidiges Schwert handelt: Gewisse Erfordernisse müssen erfüllt werden, da andernfalls eine Inversion ihrer positiven Natur erfolgt. Dies führt uns zum nächsten Punkt, nämlich der Klärung negativ konnotierter Verhaltensweisen und den zugehörigen Termini.

2,2 Negativ konnotierte Konzepte: Empfindlichkeit, Empfmdelei. Schwärmerei

Der Begriff der Empfindlichkeit, obgleich zu Anfang ebenso benutzt wie Zärtlichkeit, wies, wie bereits erwähnt, ein gewisses begriffliches Problem auf: Er ist negativ behaftet. So finden sich 1793 in Johann Christoph Adelungs Wörterbuch zu „Empfindlich“ folgende Einträge:

,, 1) Fähig, leicht zu empfinden, besser empfindsam; 2) Wirklich Empfindungen habend, doch nur (!) in engerer Bedeutung, Empfindungen des Zorns, des Unwillens habend“[5] Die Auffassung, dass „empfindlich“ mit Emotionen negativer Natur konnotiert sei, findet sich auch bei Samuel Johann Ernst Stosch und Heinrich Joachim Campe - Hier ist die Rede von Unwillen, Missvergnügen und einem Gefühl des beleidigt seins (Stosch)[6] oder leicht reizbarem Unwillen oder Zorn (Campe)[7]. Es wird also deutlich, dass die zwei Begriffe „empfindsam“ und „empfindlich“, welche ursprünglich gemeinsam mit dem Begriff der Zärtlichkeit ähnliche Konzepte umschrieben, nun konträr zueinander stehen.

Ein weiterer häufig anzutreffender Begriff ist der der „Empfindelei“. Hierin wird in der Regel ein übersteigertes, lächerliches Maße oftmals gekünstelter und affektierter Emotionalität bezeichnet. Campe versucht, die drei Begriffe logisch voneinander abzugrenzen und definiert sie wie folgt: Die Empfindsamkeit zeichnet sich aus durch eine proportionierliche Ausbildung der Empfindniskraft; bei der Empfindlichkeit hingegen ist diese Ausbildung unproportional, und bei der Empfindelei schließlich ist sie „albern“.[8] Diese Abgrenzung erscheint zunächst sinnvoll und schafft es, eine Vielzahl der Meinungen und Artikel kurz und prägnant zusammen zu fassen.

Der letzte mit der Empfindsamkeit in Verbindung stehende und etwas verrufene Terminus, der in diesem Kapitel behandelt werden soll, ist der der „Schwärmerei“. Das Wesen der Schwärmerei, so Emst Platner 1784, liegt im ständigen Streben nach sinnlich starken Ideen sowie einer ausgeprägten Phantasie. Es findet eine „hyperbolische Übertreibung“ der empfindbaren Eigenschaften statt.

Es wird also schnell klar, wie zahlreich und different die den Mythos „Empfindsamkeit“ umschwirrenden Begrifflichkeiten im Grunde sind - trotz ihrer augenscheinlichen Ähnlichkeit. Festzuhalten ist auch, dass die Empfindsamkeit per se, wie oben als „didaktisch-tugendhaft“ definiert, grundlegend als ein positiver Charakterzug angesehen wird; es sei denn, sie ist in Ausmaß oder Ausprägung nicht mehr angemessen und wandelt sich somit zu Empfindelei oder Empfindlichkeit. Die Schwärmerei ist lediglich ein verwandtes Konzept.

3. Manifeste der Empfinsamkeit? La Roches Fräulein von Sternheim und Goethes Werther im Vergleich

Goethes Die Leiden des jungen Werther von 1774 zählt zu den wohl bekanntesten Werken der Empfindsamkeit - was, wie im Laufe dieses Kapitels gezeigt werden soll, durchaus in einem gewissen Maße paradox ist. Ein weiteres kanonisches Werk ist Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim von Sophie von La Roche aus dem Jahre 1771. Im folgenden werden beide Werke im Hinblick auf wichtige Charakteristika untersucht und und analysiert, um den späteren Vergleich zu ermöglichen. Auch die Einstellung der Protagonisten zu Sexualität sowie deren Darstellung sind von Bedeutung für die Konzeption von Empfindsamkeit und sollen in diesem Kapitel untersucht werden.

3,1 Sophie von Stemheim: Tugend, Vernunft. Empfindsamkeit

Um verstehen und erkennen zu können, wie Empfindsamkeit bei Sophie von La Roche konzipiert wird, ist eine eingehende Analyse von Sophie, der Protagonistin des Romans, erforderlich. Zwar finden wir bei La Roche unterschiedliche Briefautoren sowie Zusätze einer Freundin der Protagonistin und des Herausgebers, doch Sophie selbst wird so detailliert portraitiert wie kein anderer Charakter. Auch ist eine Konzentration auf sie von Vorteil, da somit ein direkter Vergleich mit Goethes Protagonisten Werther besser möglich ist. Einleitend zur Analyse beginnt dieses Kapitel mit einem Charakterisierungsversuch der Sophie von Sternheim.

3,1.1) Charakterisierung der Sternheim: Einflüsse und Eigenschaften Anders als bei Goethe finden wir bei La Roche - wie bereits angemerkt - sowohl Passagen, in denen die Protagonisitin sich durch Aussagen oder Handlungen selbst charakterisiert, als auch solche, in der andere Charaktere dies tun, was einen Eindruck von größerer Objektivität und Authentizität vermittelt. Zunächst sollen also einige Passagen, in denen der Leser Informationen über Sophie erhält, vorgestellt werden. Die erste entsprechende Information stammt vom Herausgeber und lautet wie folgt:

"Die naive Schönheit ihres Geistes, die Reinigkeit, die unbegrenzte Güte ihres Herzens, die Richtigkeit ihres Geschmacks, die Wahrheit ihrer Urteile, die Scharfsinnigkeit ihrer Bemerkungen, die Lebhaftigkeit ihrer Einbildungskraft und die Harmonie ihres Ausdrucks mit ihrer eigenen Art zu empfinden und zu denken, kurz, alle ihre Talente und Tugenden.."[9]

Auch Lord Rich und Lord Seymour, die beide fast ebensolche Inkarnationen der schönen und guten Empfindungen darstellen wie Sophie selbst, sprechen von ihr in den höchsten Tönen. So bezeichnet Lord Rieh sie als „Urbild des wahren weiblichen Genies, und der übenden Tugenden ihres Geschlechts“[10], und Lord Seymour sieht in ihr „anbetungswürdige Güte und die feinste Empfindsamkeit der Seele“[11] Allerdings fällt es dem Leser anhand dieser Aussagen immer noch schwer, sich ein klares Bild von Sophie zu machen. Entscheidend für ihre Charakterisierung sind ihre Einflüsse und Eigenschaften: Erstere bestehen hauptsächlich in der Beziehung zu ihren Eltern, sowie deren Erziehung und Maximen; und auch in den wiederholten Schicksalsschlägen, denen Sophie sich zu stellen hat, und die sie prägen. Allerdings ist der zweite Punkt, ihre Eigenschaften, auch von immenser Wichtigkeit, da Sophie eine essenzielle Gutheit innewohnt und es wichtig ist, zu betrachten, worin diese sich äußert und wie sie dargestellt wird.

Der erste und wichtigste Einfluss Sophies besteht, wie erwähnt, in der Erziehung ihrer Eltern, sowie den von ihnen vermittelten Werten. Oberst Sternheim insbesondere, in den ersten neun Lebensjahren der Protagonistin aber auch seine Frau Sophie, vermitteln dem Kind Werte und Lehren, für die sie später dankbar sein wird und die sie extrem prägen. Sophie genießt „die vortrefflichste Erziehung für ihren Geist und ihr Herz“. Sie wird von ihrem Vater in Sprachen, Geschichte und Philosophie unterrichtet. Er ist es auch, der ihr nach dem Tod ihrer Mutter zeigt, „wie man das Unglück tragen müsse“[12] - nämlich mit Fassung. Es wird also deutlich, dass bei Sophies Erziehung das richtige Maß and Vernunft und Bildung, gewissermaßen aufklärerischen und rationalen Elementen, eine große Rolle spielt. Auch scheint eine gewisse Authentizität wichtig zu sein, da die Erziehung nach Sophies Aussage ihre „Empfindungen und Vorstellungen von Vergnügen, mehr auf das Einfache und Nützliche lenkte als auf das Künstliche und nur allein Belustigende"[13] Die genossene Erziehung ist in späteren Phasen von Sophies Leben immer wieder ein entscheidender Faktor. Ihr widerfahren einige Schicksalsschläge, mit welchen sie auf bemerkenswerte Weise umgeht: Obwohl das Schlechte, dass ihr geschieht, durch Fremdeinwirkung und Betrug verursacht wird und sie ganz klar die Opferrolle einnimmt, reflektiert sie stets über ihre Situation, sucht sogar noch die Fehler bei sich, die dieses (stets als gottgebenen anegesehene) Schicksal hervorgerufen haben könnten - So zum Beispiel ihre „Eigenliebe“.[14] Auch verliert sie in den schlimmsten Situationen ihres Lebens weder ihren unerschütterlichen Glauben an Gott und das richtige Verhalten, noch ihren (sie stark auszeichnenden) Drang, anderen Gutes zu tun:

Eigensinn und Unvorsichtigkeit hatten mich, ungeachtet meiner redlichen Tugendliebe, dem Kummer, und der Verächtlichkeit entgegengeführt; ich hatte vieles verloren, vieles gelitten; aber sollte ich deswegen das genossene Glück meiner ersten Jahre vergessen, um die vor mir liegende Gelegenheit, Gutes zu tun, mit gleichgültigem Auge betrachten, um mich allein der Empfindlichkeit meiner Eigenliebe zu überlassen? [...]; die Kräfte meiner Seele und meine guten Neigungen haben ihr Maß behalten; und ich habe noch das Vermögen, Gutes zu tun"[15]

Sie lässt außerdem durchblicken, dass die Wohltaten anderen gegenüber zu einer Verbesserung des eigenen Wohlbefindens führen - Selbst in Krisensituationen ("Suche deinem Nebenmenschen Gutes zu tun: so wird gewiß die Traurigkeit von dir weichen“).[16] Hier wird auch deutlich, dass Sophie durch eine gewisse Bedachtsamkeit ausgezeichnet ist, die durchaus mit dem von Campe genannten Ebenmaß oder der Proportionierlichkeit in Einklang steht.

Was Sophie weiterhin auszeichnet, ist ihr starkes Tugendbedürfnis und eine Zuneigung zum Echten, Einfachen, und Ungekünstelten, welche sich in ihrer Antipathie gegenüber dem Putz und der Künstlichkeit des höfischen Lebens zeigt. Ihre Tugendhaftigkeit manifestiert sich auf verschiedene Weise: So zum Beispiel ihre ausgeprägte Empathie, der sie anscheindend beherrschende Drang, Gutes zu tun sowie die damit verbundene Nächstenliebe, und die Freude an der Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber sich selbst und Anderen. Auch hat sie ein stark ausgeprägtes Bild von Recht und Unrecht - Sie kann beispielsweise keine höfischen Festlichkeiten genießen, wenn sie der Armut und des Hungers der einfachen Bevölkerung gewahr ist. Der Begriff der „Tugend“ selbst ist Sophies Leitmotiv und findet wohl so häufig wie kein anderer Begriff Verwendung im Zusammenhang mit der Protagonistin.

[...]


[1] Jäger, Georg. EmpfindsamkeitundRoman. Kohlhammer: Stuttgart (u.a.) 1969. S. 16-17

[2] Sauder. Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. S.39

[3] Sauder. Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. S.42

[4] Von Borries, Emst; Von Borries, Erika: Deutsche Literaturgeschichte. Band 2: Aufklärung und Empfindsamkeit, Sturm undDrang. 6.Aufl. Deutscher Taschenbuchverlag: München2009. S.32

[5] Jäger. EmpfmdsamkeitundRoman. S.19.

[6] Sauder. Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drangs. S.42

[7] Sauder. Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drangs. S. 46

[8] Jäger. Empfindsamkeit und Roman. S.22.

[9] Becker-Cantarino, Barbara (Hrsg) : Sophie von La Roche. Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Reclam: 2011. S. 16

[10] Ebd. S. 346

[11] Ebd. S. 91

[12] Ebd. S.51

[13] Ebd. S.107

[14] Ebd. S.227

[15] Ebd. S. 236 - 237

[16] Ebd. S. 2f7

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656644484
ISBN (Buch)
9783656695523
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272788
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Schlagworte
Werther Sternheim Empfindsamkeit Empfindelei

Autor

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