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Vergleich der Minnelieder "Lieber bote, nu wirp also" von Reinmar und "Under der linden" von Walther von der Vogelweide

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Reinmar: Lieber bote, nu wirbe also
II. 1 Das Frauenlied
II.2 Die Gestaltung der Frauenrolle

III. Walther: Under der Linden
III.1 Das Mädchenlied
III.2 Die Gestaltung der Frauenrolle

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I Einleitung

Im Dialog mit mediävistischen „Laien“ über mittelalterliche Literatur und Sprache kann man häufig feststellen, dass die Gattung Minnesang zwar erstaunlich vielen Zeitgenossen zumindest als Begriff „irgendwie“ geläufig ist, aber dass sich die Mehrheit jener Menschen eigentlich selten konkret mit Minneliedern auseinandergesetzt hat und sich daher die mittelalterlichen Minnesänger als Sänger, die am Fenster einer edlen Dame ihre Lieder vortrugen, vorstellt. Minnesang war im Mittelalter jedoch definitiv Aufführungskunst und es ist im Rahmen einer Interpretation leider nicht mehr möglich ist den realhistorischen Kontext zu rekonstruieren, da uns die Lieder lediglich als Texte vorliegen.[1]

Trotz der bereits genannten abenteuerlichen und romantisch verklärten Vorstellung von Minnesang und dessen Aufführungspraxis erscheint es mir dennoch bemerkenswert, dass im Vergleich mit den anderen höfischen literarischen Gattungen des Mittelelters sehr vielen Menschen ausschließlich die Existenz des Phänomens Minnesang bewusst ist. Möglicherweise liegt dies daran, dass Minnesang zumeist mit Liebeslyrik gleichgesetzt wird und das Interesse an Liebesgeschichten und Liebeslyrik in der Gesellschaft bekanntlich stets besonders ausgeprägt ist. Die Suche nach Liebe gehörte wohl schon immer zu den existentiellen Fragen des menschlichen Lebens, denn im Grunde genommen ist jeder Einzelne immer auf der Suche nach Liebe. Diese Suche nach Liebe kommt auch in dem Konsumieren von Liebesliedern und Liebesgeschichten zum Ausdruck.[2] Daraus erklärt sich vielleicht auch teilweise die Bekanntheit des Phänomens Minnesang in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Wer sich zum ersten Mal wirklich mit Minneliedern beschäftigt und beginnt diese zu lesen, stellt wohl fest (und ganz besonders wird dies wohl auf jene Menschen ohne germanistische Vorkenntnisse zutreffen), dass die Lieder auf den ersten Blick teilweise unverständlich, schwer zugänglich und kaum nachvollziehbar erscheinen, so dass sie keinesfalls in das vielleicht erwartete „klassische“ Schema von Liebeslyrik passen. Die meisten Minnelieder wirken auf den Leser des 21. Jahrhundert sicherlich erstmals recht befremdend:[3] so thematisiert Reinmar in dem Lied Lieber bote, nu wirp also nicht die Liebe im Sinne eines alles überragenden Gefühls, sonder den sich aus der Minnesituation ergebenden Konflikt zwischen minne und ere. Dies mag ein Grund dafür sein, dass sich die Bekanntheit eines Dichter wie Reinmar heutzutage überwiegend auf germanistische Fachkreise beschränkt, da fundierte Fachkenntnisse über das Mittelalter und die Gattung Minnesang notwendig sind um den Gedankengängen und Reflexionen in Reinmars Gedankenlyrik folgen zu können.

Etwas anders verhält es sich hingegen mit Walther von der Vogelweise. Der Name dieses Sängers und Spruchdichters sowie dessen Lindenlied erfreuen sich auch heute noch einem beachtlichen Bekanntheitsgrad, was auch daran liegen könnte, dass das Lindenlied zumindest leichter zu verstehen scheint, da Walthers Lied-Ich darin keine hypothetischen Gedankengänge formuliert, sondern auf besondere Art und Weise eine Liebesbegegnung nacherzählt.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich nun versuchen die bereits erwähnten Minnelieder Lieber bote, nu wirp also[4] von Reinmar und Under der linden[5] von Walther von der Vogelweide einander gegenüberzustellen und miteinander vergleichen, um zu schauen, ob die oben genannten Urteile beziehungsweise Vorurteile über die Lyrik der beiden Sänger sich bestätigen werden. Dazu werde ich zuerst jedes Lied gesondert betrachten. Im Rahmen dieser Betrachtung möchte ich die Lieder zuerst jeweils als Frauen- beziehungsweise Mädchenlied in die Gattung Minnesang einordnen und mögliche Besonderheiten, Schwierigkeiten und spezifische Probleme im Hinblick auf diese Textsorten und die damit verbundene Einordnung thematisieren. Anschließend werde ich dann jeweils die Minneauffassung des Lied-Ichs und die daraus resultierende Haltung zur Minne sowie die damit verbundene Gestaltung der Frauenrolle durch den Autor in den beiden Liedern betrachten. Zum Schluss möchte ich in einem Fazit die gewonnen Ergebnisse einander gegenüberstellen und so Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Lieder aufzeigen.

II Reinmar: Lieber bote nu wirp also

II.1 Das Frauenlied

In dem Lied Lieber bote, nu wirp also artikuliert in allen sechs Strophen durchgängig ein weibliches Lied-Ich seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen, so dass es sich bei dem Minnelied um einen reinen Frauenmonolog handelt.[6]

In der mediävistischen Forschung werden alle Lieder, in denen ausschließlich ein weibliches Lied-Ich spricht, als Frauenlieder bezeichnet.[7] Für die Zugehörigkeit eines Liedes zu der Gattung Frauenlied ist also stets ein formales und nicht ein thematisches Moment konstitutiv.[8] Charakteristisch für die Mehrzahl der Frauenlieder und Frauenstrophen des deutschen Minnesangs ist es, dass ein in der Regel männlicher Dichter[9] und Sänger ein weibliches lyrisches Ich in elegischem Ton über seinen Schmerz, seine Sorgen und Wünsche sowie Hindernisse der minne sprechen lässt.[10] Im Hinblick auf eine Interpretation kann daher in der Regel hinterfragt werden, ob tatsächlich die genuin weibliche Anschauung der Frauen jener Epoche zum Ausdruck kommt oder ob nicht vielmehr ein männlicher Sänger spezifisch männliche Wünsche auf einen weiblichen Charakter projiziert.

Im Falle von Reinmars Lyrik verhält es sich so, dass dieser seine Frauenlieder als Antwort auf seine Manneslieder beziehungsweise auf seine Minneklagen, in denen ein männliches Lied-Ich spricht, konzipiert hat.[11] In Lieber bote, nu wirp also zeigt Reimar sehr deutlich die Gedanken, Gefühle und Empfindungen[12] seiner artifiziellen Minnedame und nicht diejenigen von irgendeiner frouwe aus der Gesellschaft. Reimar versucht nicht die Geschichte einer beliebigen Frau oder Bekannten nachzuerzählen, sondern entwirft ein Bild einer Dame, das komplementär zu seinen Mannesliedern sein soll. Im Hinblick auf das Verständnis von Reinmars Gesamtoeuvre wird dadurch deutlich erkennbar, wie es tatsächlich im Inneren seiner artifiziellen Minnedame ausgesehen hat und es wird eine Erklärung gegeben für ihr unnahbares Verhalten, unter denen das männliche Lied-Ich in den Werbeliedern so sehr leidet.[13] Allerdings ist diese Komplementarität eben auf das Gesamtoeuvre Reinmars beschränkt und kann daher nicht verallgemeinert und auf sämtliche Frauenlieder angewandt werden. Schließlich setzte jeder Sänger in seinem Sang eigene Akzente und hat sich folglich in den Frauenliedern und Frauenstrophen seine eigene Minnedame und sein spezifisches weibliches lyrisches Ich geschaffen, sofern er sich überhaupt dem Genre Frauenlied als Untergattung des Minnesangs bediente.

Ebenso wichtig für das Verständnis des Frauenlieds Lieber bote, nu wirp also ist die Tatsache, dass es sich bei den Frauenliedern um Rollenlyrik handelt.[14] Es wird also nicht, was im Übrigen auch für die Manneslieder gilt, die konkrete Wirklichkeit abgebildet, sondern es wird in den Frauenliedern ein zu den Mannesliedern komplementäres Frauenbild entworfen. Dabei handelt es sich um einen poetologischen Kunstgriff des Dichters, der es den Rezipienten sowohl im Mittelalter als auch heute ermöglicht das Verhalten der Frau aus den männlichen Minneklagen besser nachzuvollziehen.

In dem Frauenlied Lieber bote, nu wirp also stellt Reinmar den inneren Konflikt, in welchem sich seine Minnedame befindet und unter dem sie leidet, sehr anschaulich dar.[15]

I. Kasten kritisiert an Lieber bote, nu wirp also und weiteren Frauenliedern Reinmars,[16] dass er die Frau in Abgrenzung zu dem Manne als schwach,[17] verführbar,[18] unentschlossen[19] und ohne jegliches Maß an Selbstbestimmung auftreten lässt.[20] Sie bemängelt, dass er somit in seinen Frauenliedern keine Leitbilder von selbstbewussten und selbstbestimmten Frau liefert, an denen sich die Frauen des Mittelalters hätten orientieren können.[21] Wahrscheinlich jedoch entsprang Reinmars Motivation für das Verfassen der Frauenlieder nicht der Intention Leitbilder für die Frauen zu seiner Zeit zu entwerfen, sondern vielmehr dem Wunsch sowohl die männliche als auch die weibliche Seite der Minne, aus denen sich seine Kunst zusammensetzt, aufzuzeigen. Zudem war Reinmar außerordentlich von der weiblichen Psyche fasziniert und daher bestrebt diese in seinen Frauenliedern künstlerisch darzustellen.[22] Es erscheint folglich plausibel, dass es nicht in Reinmars Intention lag detailliert die konkrete Wirklichkeit abzubilden oder Leitbilder für die Frauen zu entwerfen. Außerdem ist es ein bemerkenswerter poetologischer Kunstgriff, dass der Dichter den Rezipienten im Rahmen seines Gesamtoeuvres beide Seiten seines(!) Minneverständnisses vorführt, so dass Frauenlied und Manneslied erst zusammen ein Gesamtbild des Minnesangs und des Minneverständnisses des Sängers ergeben.[23] Allerdings kann man I. Kasten darin zustimmen, dass die Darstellung der Frau tatsächlich sehr durch die männliche Perspektive des Autors geprägt ist. Im Hinblick darauf, dass die Lieder im Mittelalter primär Vortragskunst waren, eröffneten sich dem Dichter und Sänger somit interessante Spielräume, um den Hörern beide Seiten der Minne vorzuführen und je nach Publikum und Auswahl der Lieder, die im Rahmen eines Vortrags gespielt wurden, bestimmte Akzente zu setzen und so unter Umständen die Rezipienten in ihrem Verständnis zu beeinflussen oder ihre Gedanken und Assoziationen in eine bestimmte Richtung zu lenken.

[...]


[1] Hahn, Gerhard: da keiser spil. Zur Aufführung höfischer Literatur am Beispiel des Minnesangs, in: Grundlagen des Verstehens mittelalterlicher Literatur. Literarische Texte und ihr historischer Erkenntniswert, hg. von Gerhard Hahn, Hedda Ragotzky, Stuttgart 1992, S. 88.

[2] Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens, München, 67. Auflage, 2008, S. 11.

[3] Hahn, Gerhard [Anm. 1], S. 86.

[4] MF. 178, 1.

[5] MF. 91, 11.

[6] Schweikle, Günther: Minnesang, Stuttgart, Weimar, 2. Auflage 1995, S(lg) M 244, S. 128.

[7] Kasten, Ingrid: Das Frauenlied. Reinmar: Lieber bote, nu wirp also, in: Gedichte und Interpretationen, hg. von Helmut Tervooren, Stuttgart 1993 S. 117.

[8] Kasten, Ingrid [Anm. 7], S. 117.

[9] Im Mittelalter war der Anteil an Frauen, die sich im mittelhochdeutschen Sprachraum literarisch betätigten, sehr gering. Vgl. Kasten, Ingrid: Weibliches Rollenverständnis Reinmars und der Comtessa de Dia. GRM 37 (1987), S. 131.

[10] Kasten, Ingrid [Anm. 7], S. 117.

[11] Kasten, Ingrid: Weibliches Rollenverständnis in den Frauenliedern Reinmars und der Comtessa de Dia. GRM 37 (1987), S. 136.

[12] So sagt die Minnedame beispielsweise in MF. 178, 12 sehr deutlich, dass sie dem Werbenden von Herzen zugetan sei.

[13] Kasten, Ingrid [Anm. 7], S. 126.

[14] Reinmar. Lieder. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch (RUB. 8318[5]), S. 31.

[15] MF. 178, 15 – 178, 21; 178, 27-28; 178, 29-30.

[16] Zu diesen weiteren Frauenliedern zählen die Lieder MF. 177, 10; MF. 186, 19; 192, 25, da sie sich zu einer Art Sequenz zusammen fassen lassen, die thematisch um dasselbe Thema kreist: den inneren Konflikt der Minneherrin. Vgl.: Kasten, Ingrid [Anm. 11], S. 133-134. Vgl. dazu auch: Schweikle Günther: Die frouwe der Minnesänger. Zu Realitätsgehalt und Ethos des Minnesangs im 12. Jahrhundert, in: Minnesang in neuer Sicht, hg. von Günther Schweikle, Stuttgart, Weimar 1994, S. 53.

Hingegen gilt E. Schmitts Zyklustheorie von einem Minneroman (Vgl. Stange, Manfred: Reinmars Lyrik. Forschungen und Überlegungen zu einem neuen Verständnis Reinmars des Alten, Amsterdam 1977 (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 32), S. 61-62.) in der Forschung inzwischen als überholt und unhaltbar.

[17] MF. 178, 29-30; MF. 178, 33-34.

[18] MF. 178, 12-14; MF. 178, 19-21.

[19] MF. 179, 1-2.

[20] Kasten, Ingrid [Anm. 11], S. 135-136.

[21] Kasten, Ingrid [Anm. 11], S.143.

[22] Jackson, William E.: Reinmar’s Women. A Study of Women’s Song (“Frauenlied” and “Frauenstrophe”) of Reinmar der Alte, Amsterdam 1981 (German Language and Literature Monographs 9), S. 44.

[23] Schweikle, Günther [Anm. 6], S. 129.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656641285
ISBN (Buch)
9783656641254
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272638
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
2, 0
Schlagworte
vergleich minnelieder lieber reinmar under walther vogelweide

Autor

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