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Parasoziale Beziehungen des Quality-TV

Warum der Serienmörder Dexter unser Freund ist

von Marlene Mertsch (Autor)

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Quality-TV: Definition und Entwicklung

3. Parasoziale Interaktion in Bezug auf Quality-TV Serien am Beispiel „Dexter“
3.1 Parasoziale Interaktion.
3.2 Die Quality-TV Serie „Dexter“ und der Serienmörder in Film und Fernsehen
3.3 Unser Freund der Serienkiller Dexter

4. Resümee

1. Einleitung

Auch wenn man sich nicht ausgiebig mit Fernsehserien beschäftigt oder auseinandersetzt und nur etwas Medienaffin ist, wird einem der Begriff der Quality-TV Serie schon einmal über den Weg gelaufen sein. Vielleicht sind einem Seriennamen wie „Game of Thrones“, „Dexter“, „Sopranos“ oder „Sex and the City“ geläufig und man hat sogar schon mal eine Folge der Serien gesehen. Vielleicht verbringt man jedoch auch jede freie Minute damit eben genau diese Serien zu schauen um serientechnisch auf dem neusten Stand zu bleiben. Auch wenn man das nicht tut fällt einem, als ab- und-zu-Gucker, auf, dass die oben genannten Serien und weitere sich irgendwie von anderen, bisher gesehenen Serien, unterscheiden. Irgendwie wirken sie anders auf den Zuschauer und das Erscheinungsbild wirkt hochwertiger und aufwendiger, eben mit mehr Qualität. Aber was macht den Unterschied? Ich persönlich bin ein Viel- Serien-Schauer und schaue mir die Staffel einer Serie auch gerne mal an einem verregneten Tag am Stück an. Ich informiere mich über neue Serien der Saison und bin offen für jedes Genre, solange die Serie in das Quality-TV Schema passt. Deutsche Serien, wie „Tatort“ oder deutsche Daily Soaps, wie „Gute Zeiten Schlechte Zeiten“ kommen für mich genau so wenig in Frage, wie amerikanische Sitcom-Serien, wie „How I Met Your Mother“ oder „The Big Bang Theory“. Die Serie, die mein Interesse weckt, untersteht einigen bestimmten Eigenschaften, die anscheinend eine andere Wirkung auf den Rezipienten haben, als jedes andere Serienformat vor ihr. Ganz besonders faszinierend ist dabei die Quality-TV Serie „Dexter“, bei der es um einen Serienmörder geht, der im „normalen Leben“ Polizist ist. Paradoxerweise entwickelt man als Zuschauer der Serie so etwas wie Sympathie für den Hauptdarsteller Dexter, obwohl einem bewusst ist, dass er Spaß daran hat Menschen zu töten.

Auf den nächsten Seiten möchte ich mich intensiv mit dem Quality-TV auseinandersetzen. Welche Merkmale besitzen Quality-TV Serien, seit wann gibt es sie und was unterscheidet sie von anderen Serienformaten? Ich möchte untersuchen welche Wirkung die Quality-TV Serien auf den Rezipienten haben und dabei die Beobachtungen von Donald Horton und R. Richard Wohl zur parasozialen Interaktion mit einfließen lassen. Gibt es vielleicht eine Art Geheimrezept für Quality-TV Serien, das man befolgen muss, um Erfolg mit der Serie zu haben und was machen Quality- TV Serien mit dem Rezipienten anders als andere Serien? Insbesondere: Warum ist uns der Serienmörder Dexter so sympathisch und hat das vielleicht etwas mit dem Format des Quality-TV zu tun? Oder was macht Dexter anders als die Serienmörder vor ihm?

2. Quality-TV: Definition und Entwicklung

ÄQuality-TV is best defiened by what it is not. It is not ‚regular‘ TV“1

Der Medienwissenschaftler Robert J. Thompson verfasste 1996 ein Buch über das Phänomen Quality-TV. Er ging davon aus, dass das Goldene Zeitalter der Fernsehserien in den 50er und 60er Jahren stattgefunden hat und nun, seit Mitte der 80er Jahre und fortlaufend, eine Renaissance dieses Zeitalters zu verzeichnen wäre. Fernsehserien der 50er und 60er Jahre thematisierten Shakespeares Stücke, wie „Macbeth“ oder „Julius Caesar“ und es gab Serien mit Titeln wie „The Pulitzer Prize Playhouse“. Fernsehserien waren seriöse serielle Unterhaltung für seriöse Personen.

Der Abstieg, so Thompson, begann spätestens Anfang der 70er mit Serien wie „Me and the Chimp“ (Ich und der Schimpanse). Die Serien dieser Zeit waren sogenannte Episodenserien. Bei einer Episodenserie spielt es für den Rezipienten keine Rolle wann er in die Serie einsteigt, ob er wieder aussteigt und wie regelmäßig er die Serie verfolgt. Die Episodenserie erzählt pro Episode eine Handlung, die am Ende der Episode abgeschlossen wird. Es gibt keine Cliffhanger oder offenen Fragen, auch die Charaktere entwickeln sich nicht weiter und behalten ihre Charakterzüge. Beziehungen, zwischen den Protagonisten, bleiben ändern sich nicht und neue Informationen über, zum Beispiel die Vergangenheit eines Charakters, sind selten. Es ist egal, wann man als Zuschauer in die Serie einsteigt, da kurz gesagt, sowieso jede Folge gleich ist.2 Die 80er seien dagegen der Beginn eines neuen Goldenen Zeitalters oder die Renaissance eines Goldenen Zeitalters. Die Serien wurden wieder ernsthafter und anspruchsvoller und der Begriff Quality-TV kam zum ersten Mal auf. „Hill Street Blues“, eine Polizeiserie aus den USA, von 1981, wird von Thompson als die erste Quality-TV Serie bezeichnet. Die Serie spielt an einem undefinierten Ort irgendwo im Norden von Amerika und das Leben von Polizisten einer Polizeistation und dessen Familien sind der Mittelpunkt der Handlung. Spannend zu betrachten ist jedoch nicht die Handlung an sich, sondern wie die Handlung innerhalb einer Staffel verläuft. Eine Episode besteht nicht nur aus einer Handlung, die am Ende der Folge aufgelöst und abgeschlossen wird, sondern verschiedene Handlungen verschiedener Charaktere ziehen sich unterschiedlich lang durch beliebig viele Episoden einer Staffel. Gegensätze und Konflikte wurden realistisch dargestellt und behandelt, um einen möglichst realen Zustand herzustellen. Weitere Serien sollten zu dieser Zeit, nach diesem Vorbild, folgen.

Zeitgleich entstand eine Diskussion über genau solche Serien und wie man sie Definieren könne. Robert J. Thompson stellte 1996 in seinem Buch „The Television’s Second Golden Age“ 12 Punkt zur Definition des Quality-TV auf, die seither Maß für die Einordnung von Quality-TV Serien sind.

1. Quality-TV Serien sind keine gewöhnlichen Serien. Quality-TV Serien brechen mit allen vorrangegangenen Normen des Fernsehens um etwas Besonderes zu sein. Entweder erfindet die Quality-TV Serie das Genre, in dem sie angesiedelt ist, völlig neu, wie es, so Thompson, die Serie „Hill Street Blues“ getan hat, oder die Serie bedient Themen, die bisher noch nie behandelt wurden und noch keinem Genre zugeordnet ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Serie „24“. Eine Serie, bestehend aus 24 Sendungen pro Staffel, die jeweils exakt eine Stunde lang sind und somit die Geschichte eines Tages in Echtzeit wiedergeben. Später, wenn dann die DVD der Serie auf dem Markt wäre, könnte man die Staffel der Serie in einer Marathon-Sitzung noch einmal schauen, um das Echtzeit-Erlebnis noch zu verstärken.3

2. Quality-TV Serien werden von Menschen gemacht, die sich beispielsweise schon in der Filmbranche bewährt haben. Thompson nennt diese Leute Künstler. Der bekannteste Macher von Quality-TV Serien, der sich vorher in der Filmbranche einen Namen gemacht hat, ist J.J. Abrams. Als Produzent von Filmen wie „Mission Impossible 3“ oder „Star Trek“, ist er in der Filmbranche bekannt und als Produzent von der Serie „Lost“ hatte er ebenfalls großen Erfolg. Bei Quality-TV Serien läuft es ähnlich wie bei Kinofilmen, denn ein bekannter Regisseur oder Produzent ruft in den Rezipienten eine bestimmte Vorstellung hervor, mit der man sich identifizieren kann und die einen dazu verleitet die Serie zu schauen- oder eben nicht. Bekannte Produzenten einer Serie ermöglichen es dem potentiellen Zuschauer abzuwägen, ob sich der Aufwand lohnt, die Serie zu schauen und schaffen eine Vorstellung davon ob einem die Serie zusagen könnte.

3. Zuschauer des Quality-TV sind gehobener als die anderer Serien. Der Zuschauer der Quality-TV Serien ist, im Grunde, genommen der Zuschauer, der sich auch die Serien der 50er und 60er Jahre angesehen hätte, eine Person gehobenen Standes und der sozialen Oberschicht. Musste man sich als junger, urbaner und gebildeter Mensch, bis zu den 80er verstecken, wenn man sich gerne die Episodenserien der damaligen Zeit angesehen hat, kann man bei Quality-TV Serien mit Stolz sagen, dass man sie regelmäßig verfolgt.4

4. Im Gegensatz zu ihrer hohen Qualität und ihrem guten Image kämpfen Quality-TV Serien gegen niedrige Einschaltquoten und das Massenpublikum. Wenn man neue, innovative Formate auf den Markt bringt stoßen solche Vorhaben bei der breiten Masse erstmal auf Abneigung. Der Zuschauer braucht Zeit, um sich an den neuen Aufbau der Serie zu gewöhnen und deswegen geben die Sender den Serien mehr Zeit, um ihr Publikum zu finden. Trotzdem werden viele Serien des Quality-TV nach kurzer Zeit abgesetzt. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Serien „Desperate Housewives“ und „Lost“ waren von Anfang an ein großer Erfolg, der sich über viele Staffeln hinweg zog.

5. Anders als bei gewöhnlichen Serien verfügen Quality-TV Serien meist über viele verschiedene Charaktere. Diese große Anzahl an Charaktere ermöglicht verschiedene Blickwinkel in Situationen und eine Vielzahl mehr an Handlungsmöglichkeiten. Jeder Charakter ist dabei bis ins Detail geplant und verfügt über eine enorme Tiefe, die man sonst nur bei Hauptcharakteren eines Films finden würde.5

6. Qualitätsserien haben, im Gegensatz zu den Episodenserien, ein Gedächtnis. Passend zu den vielen, tiefgründigen Charakteren bietet die Quality-TV Serie einen über mehrere Staffeln, manchmal sehr verworrenen, komplexen Handlungsstrang. Episoden können sich auf frühere Ereignisse beziehen, die Vergangenheit der Charaktere spielt eine Rolle und die Charaktere können sich weiterentwickeln.6

7. Quality-TV Serien kreieren ein neues Genre. Wie schon in Punkt eins angesprochen sind die Quality-TV Serien innovativ und sind nicht immer einem Genre zuzuordnen. Das liegt daran, dass die Serie nicht bei einem Genre bleibt, sondern viele verschiedene mit einander mischt. In der Serie „Desperates Housewives“ zum Beispiel ist der Seifenoper-Charakter mit komödiantischen Elementen gut zu erkennen, jedoch gibt es einen Staffelübergreifenden Handlungsstrang, der sich auf ein Verbrechen bezieht, wie bei einem Krimi.

8. Der Schreibstil einer Quality-TV Serie ist sehr komplex. Dieser Punkt führt die vorrangegangenen Punkte zusammen, denn es ist nur logisch, dass eine Serie, die aus vielen, gut ausgearbeiteten Charakteren und komplexen Handlungssträngen besteht, vorab detaillierter und aufwendiger geschrieben sein muss, als andere Serien. Deshalb könnte man bei Quality-TV Serien sagen, dass die Schreibweise eher an einen Roman erinnert als an eine Serie. In der Serie selbst kann man diese Komplexität der Schreibeweise unter anderem an der Sprache der Charaktere festmachen, die auf die jeweilige Situation perfekt abgestimmt ist. Wenn die Serie, zum Beispiel, im England des 19. Jahrhunderts spielen würde, könnten die Charaktere keinen amerikanischen Akzent haben und wenn in einer bestimmten Region ein gewisser Dialekt gesprochen wird, dann wird auch dieser so in der Serie wiedergegeben.7

9. Quality-TV Serien sind Spiegel ihrer selbst. Gemeint sind damit gezielte Anspielungen, in der Serie, auf das Fernsehen und die im Moment herrschende Hoch- oder Populärkultur. Aber auch ganze Episoden, die in einem bestimmten Stil gemacht sind, sind damit angesprochen. Viele Serien drehen besondere Episoden als Komödie, Musical, Western oder Film Noir um eine außergewöhnliche Erzählform zu erzeugen oder adaptieren Methoden aus anderen Filmen, die bekannt sind.

10. Quality-TV Serien sind jedoch nicht nur Spiegel ihrer selbst sondern auch der Gesellschaft und schrecken nicht davor zurück kontroverse Themen zu behandeln. Viele Quality-TV Serien sind dafür bekannt mit Tabus zu brechen und, zum Beispiel, immer mehr Nackt- oder Sexszenen oder Drogenmissbrauch in ihre Episoden einzubauen. Auch politische Themen oder bestimmte ideologische Einstellungen werden oft in Quality-TV Serien behandelt.

11. Quality-TV Serien versuchen, nicht zuletzt wegen des vorher genannten Punktes, realistisch zu sein. Gemeint ist damit auch die möglichst nüchterne, naturgetreue Darstellung eines Lebensumstandes oder einer Gruppierung von Menschen.8

12. Erfüllt eine Serie mehrere oder alle der vorrangegangenen Punkte ist sie den Quality-TV Serien zuzuordnen und wird, laut Thompson, höchstwahrscheinlich bei den Kritikern gut ankommen und viele Preise gewinnen.

Seit Mitte der 90er hat sich das Drehen von Quality-TV Serien in ein eigenes Genre verwandelt und die Bezeichnung fungiert als Stempel für Qualität.

[...]


1 Thompson, Robert J. (1996) S. 13

2 Blanchet, Robert (2011) S. 39

3 Ebenda. S. 47

4 Ebenda. S. 49-52

5 Ebenda. S.52-55

6 Ebenda. S.56

7 Ebenda. S. 58 f.

8 Ebenda. S. 60-66

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656640318
ISBN (Buch)
9783656640301
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v272596
Institution / Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
Note
2,0
Schlagworte
dexter parasoziale interaktion Quality-TV fernsehserie serienmörder massenmörder serienkiller serien horton wohl

Autor

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    Marlene Mertsch (Autor)

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