Lade Inhalt...

Die Entwicklungsstufen und das politische Denken der 'Gruppe 47'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 19 Seiten

Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstitutionsperiode
2.1 Gründung der Gruppe 47 am Bannwaldsee
2.2 Literarische Werkstatt und kollegiale Arbeitskritik
2.3 Die Gruppe 47 und die Politik in der Anfangsphase

3. Aufstiegsperiode
3.1 Von „kollegialer Arbeitskritik“ zu „professioneller Literaturkritik
3.2 Preisverleihungen

4. Hochperiode
4.1 Merkmale der Hochperiode
4.2 Entwicklung zu einer literarisch- kulturellen Institution
4.3 Die Gruppe 47 und die Politik in der Spätphase

5. Spätperiode und Zerfall
5.1 Verfall der Gruppe 47
5.2 Gründe für den Verfall der Gruppe 47

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Gruppe 47 existierte von 1947 bis zum Herbst 1977, wo sie von Hans Werner Richter für aufgelöst erklärt wird.[1] Die Ursprünge der Gruppe gehen aber in das Jahr 1945 zurück, denn dort haben die späteren Gründer Hans Werner Richter und Alfred Andersch in einem Internierungslager in den USA an der Nachkriegszeitschrift „Der Ruf“, eine Zeitschrift für Kriegsgefangene, mitgearbeitet, die sie ab 1946 in München publizierten. Im Rahmen des „re-education-Programms“ der USA beschäftigten sich die Inhalte des „Rufs“ mit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation im Nachkriegsdeutschland. Ihre Intention war, die junge Generation über das diktatorische Hitler-Regime aufzuklären und ihnen demokratisches Gedankengut zu vermitteln. 1947 entzogen die amerikanischen Besatzungsbehörden dem „Ruf“ aufgrund von Nihilismus die Lizenz.[2] Richter hatte aber schon Pläne für eine ähnliche Zeitschrift und infolgedessen kam es zu einem Treffen ehemaliger „Ruf- Mitarbeiter“ im Hause der Schriftstellerin Ilse Schneider-Lengyl am Bannwaldsee im September 1947, welches auch offiziell als 1.Tagung der Gruppe 47 bezeichnet wird.

Ziel dieser Arbeit soll sein, die einzelnen Entwicklungsstufen der Gruppe 47, von der Gründung 1947 bis zum Zerfall 1967, aufzuzeigen und Kennzeichen der jeweiligen Perioden herauszustellen. Auch soll darauf eingegangen werden, wie sich das politische Denken der 47 er im Laufe der Zeit gewandelt hat.

2. Konstitutionsperiode (1947-1949)

Die Konstitutionsperiode umfasst den Zeitraum von der 1. Tagung am

10. September 1947 und der 6. Tagung im Oktober 1949 in Utting.[3]

2.1 Gründung der Gruppe 47 am Bannwaldsee

Die 1.Tagung fand am Bannwaldsee bei Füssen im Hause der Schriftstellerin Ilse Schneider- Lengyl statt, zu der sich Mitarbeiter der ehemaligen „Rufredaktion“ trafen. Anwesend waren unter anderem Wolfgang Bächler, Maria und Heinz Friedrich, Walter Maria Guggenheimer, Isolde und Walter Kolbenhoff, Nicolaus Sombart, Toni und Hans Werner Richter, Wolfdietrich Schnurre, Freia von Wühlisch, Walter Hilsbecher, Friedrich Minssen, Franz Wischnewsky und Heinz Ulrich.[4] Ihr gemeinsames Ziel war es, eine literarisch- satirische Zeitschrift zu kreieren, von der sich alle Mitglieder eine Auswirkung auf den gesell-schaftlichen und politischen Prozess im Nachkriegsdeutschland erhofften.[5]

Zusammen las man literarische Lektüre und kritisierte sie anschließend. Die Texte glichen sehr denen aus den Zeiten des „Rufs“. „… sie waren ehrlich, sie verabscheuten formalistische Spielereien und versuchten, dem Menschen inmitten einer Welt der zerbrochenen Werte und der verlorenen Illusionen einen neuen Standort zuzuweisen.“[6]

Hans Werner Richter, der auch die erste Sitzung leitete, gab der Zeitschrift den Namen „Skorpion“. Diese kam aber nicht zustande, da die amerika-nische Besatzungsmacht die Lizenz verweigerte.[7]

Allerdings entstand bei diesem ersten Treffen am Bannwaldsee der Modus für die Gruppe 47, der fortan für alle weiteren Treffen Bestand

hatte. Autoren lasen aus ihren unveröffentlichten Manuskripten vor und es folgte die sofortige mündliche Kritik der anderen Gruppenteilnehmer.[8]

Hans Georg Brenner, Publizist und Literaturkritiker, gab der Schrift-stellergruppe bei diesem Treffen den Namen „Gruppe 47“, nach dem spanischen Vorbild „Generación de 98“, da beide Gruppen die gleiche Absicht verfolgten. Die „Generación de 98“ hatte sich infolge des verlorenen Krieges Spanien gegen die USA 1898 konstituiert. Das Ziel der Gruppe war es, die spanische Literatur wieder weltfähig zu machen und eine neue politische und gesellschaftliche Ordnung in Spanien herbei-zuführen.[9]

Die 2. Tagung fand im November 1947 in Herrlingen statt. Zu diesem Treffen erschien neben Hans Werner Richter auch der zweite Mitbegründer der Gruppe 47 Alfred Andersch. Auch bei diesem Treffen stand wieder die Lesung aus noch nicht publizierten Manuskripten und die daran anschließenden Diskussionen auf dem Programm, sodass bereits eine eigenständige Institution zu erkennen war.

„ Auch bei dieser Zusammenkunft im November 47 wurde gelesen,

viel gelesen sogar: Kurzgeschichten, Lyrisches, Dramatik, Epik,

Essays. Die Sujets entstammten fast alle der Gegenwart. Sie

wurden mit einer eindringlichen, unverhüllten, fast verbissenen

Wahrheitsliebe angepackt. Experimentierend bemühte man sich,

die Grenzen des Sagbaren vorzuverlegen. Eine neue Sprache,

unserem bedrohten und illusionslosen Zeitalter angemessen,

wurde vernommen.“[10]

Hans Werner Richter schilderte einem Journalisten auf der 3.Tagung in

Jugenheim , dass die Gruppe 47 gar keine Gruppe sei und sie sich lediglich so nennen würde, weil sie 1947 gegründet worden ist. Weiter führte er aus, dass es sich bei den Mitgliedern um private Freunde und

literarische Bekannte handele und die Gruppe weder „Mitgliederlisten“ noch „Statuten“ besaß.[11]

2.2 Literarische Werkstatt und kollegiale Arbeitskritik

In der Gründungsphase hatten die Sitzungen der Gruppe 47 „Werkstattcharakter“. Die Mitglieder diskutierten darüber, „… wie man schreiben soll und was die Gesetze des Schreibens sind.“[12]

Wolfgang Weyrauch bezeichnete die Literatur der ersten Jahre als „Kahlschlagliteratur“, weil versucht wurde, „die Sprache von ihrem Gestrüpp kahl zu schlagen“.[13] Gemeint war damit, dass die Sprache, im Gegensatz zu der im Dritten Reich, klar, eindeutig und präzise aussehen sollte.

Die Intention der Autoren war es, eine junge deutsche Nachkriegsliteratur zu schaffen, die „auf ideologische und literar-theoretische Programmatik“[14] verzichtete und die gesamte Aufmerksamkeit auf die Sprache richtete.[15]

Richter beschreibt die Sprache der Nachkriegsliteratur als „realistisch“ und

„modern“.[16]

Neben dem Lesen aus Manuskripten stand die Kritik im Fokus der Zusammenkünfte. Die Regelung sah dabei folgendermaßen aus: Der Autor las aus seiner unveröffentlichten Arbeit vor und im Anschluss daran erfolgte die sofortige mündliche Kritik der Tagungsteilnehmer, zu der sich allerdings der Autor selbst nicht äußern durfte.

Bei der Kritik hielten sich die Gruppenteilnehmer strikt an den gelesenen Text und sparten theoretische Exkurse aus. Ihr Akzent lag dabei nicht auf der inhaltlichen Seite, sondern auf der sprachlichen. Kennzeichen ihrer Kritik waren „Spontaneität“ und „produktive ‚Rücksichtslosigkeit’“.[17]

Gunter Groll, Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung, beschreibt seine Impression über die Kritik 1948 folgendermaßen:

[...]


[1] vgl. Kröll 1979, S.1

[2] vgl. Kröll 1979, S.18

[3] vgl. Kröll 1979, S.26

[4] vgl. Arnold 1980, S.60

[5] vgl. Kröll 1979, S.22

[6] Arnold 1980, S.60

[7] vgl. Kröll 1979, S.22

[8] vgl. Kröll 1979, S. 22f

[9] vgl. Arnold 1980, S. 61

[10] Arnold 1980, S.61

[11] vgl. Lettau 1967, S. 31

[12] Arnold 1980, S. 63

[13] vgl. Neunzig 1979, S.84

[14] Kröll 1979, S. 28

[15] vgl. Arnold 1980, S.62

[16] vgl. Lettau 1967, S.25

[17] vgl. Kröll 1979, S.30

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638293532
ISBN (Buch)
9783638778329
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v27257
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
gut
Schlagworte
Entwicklungsstufen Denken Gruppe Literatur Jahrhunderts

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Entwicklungsstufen und das politische Denken der 'Gruppe 47'